Goodbye Santiago

von Franz Bujor
12.06.2014 00:36 Uhr

 

Die Nacht in unserem Hotelzimmer war kurz und unruhig. Der Tag war sehr ereignisreich gewesen und so gab es viel zu tun. Unsere Fenster waren dünn und zielten genau auf die Hauptverkehrsstraße ab, so dass wir die Autos hörten als fuhren sie über uns hinweg. In der Nacht träumte ich intensiv von den Erfahrungen in Santiago. Ich stand in einem Hotel und redete immer wieder auf den Rezeptionisten ein, ob er nicht doch einen Platz für uns hätte. Es war hoffnungslos aber ich wollte einfach nicht aufgeben und erzählte immer wieder eine andere Geschichte. Als ich aufwachte spürte ich einen Schmerz in den Kiefernmuskeln. So sehr hatte ich die Zähne aufeinander gebissen. Den Traum zu deuten war nicht schwer: Etwas weniger Verbissenheit könnte nicht schaden. Insgesamt fiel uns auf, dass wir Santiago vor allem als stressig empfunden hatten und das dieser Stress zu einem großen Teil von uns selber kam. Jetzt schnell einen Schlafplatz finden, bevor zu viel Zeit verrinnt! Schnell die Kathedrale ablichten, bevor es zu spät ist und wir zu nichts mehr kommen! Wirklich entspannt wurde es erst, als wir aufgaben und loslassen konnten. Erst als wir beschlossen hatten, Santiago hinter uns zu lassen, kehrte die Ruhe und Gelassenheit zurück und mit ihr auch die Möglichkeit, dass wir etwas Positives anziehen konnten. Von diesem Moment an war es leicht gewesen eine Unterkunft zu bekommen. Davor war es unmöglich.

Jetzt, da wir Santiago verließen änderte sich die Stimmung um 180 Grad. Plötzlich waren wir die einzigen Pilger und die Menschen waren wieder freundlich. Die Sonne schien und das Land wirkte, als sei es ein gänzlich anderes als das, das wir bislang durchquert hatten. Als wir das Ortsausgangsschild von Santiago passierten war es, als würde eine Last von unseren Schultern fallen. Plötzlich fühlten wir uns leicht und fröhlich. Wir waren nicht mehr teil einer überdimensionierten Lemminggruppe, die stur auf das gleiche Ziel hin lief. Von nun an wanderten wir gegen den Strom und allein dies veränderte schon einiges. Hier trafen wir nun auch wieder auf Pilger, doch auch diese hatten sich verändert. Sie kamen uns nun entgegen und grüßten freudig. Fast alle strahlten und einige klatschten uns sogar ab. Das wir nach Fatima und nicht nach Santiago wanderten freute jeden, vor allem aber eine Gruppe aus Puerto Rico. Zunächst trafen wir auf einen Mann und seine Familie. Er war den Portugiesischen Jakobsweg vor einigen Jahren gewandert und hatte ein Buch darüber geschrieben. Jetzt führte er eine Gruppe von 80 Puerto-Ricanern an, aufgrund seines Buches zu Pilgern geworden waren. Das Buch schien also durchaus erfolgreich gewesen zu sein. Auf die Gruppe stießen wir dann kurze Zeit später in einem Café. Eine Frau fragte uns nach unserer Geschichte und erzählte sie dann laut vor der ganzen Gruppe. Nachdem wir in Santiago vollkommen untergegangen waren, waren wir hier nun plötzlich Stars. Zumindest für drei Minuten. Doch die Stimmung hielt an. Es schien, als wäre der Pilgerwettkampf auf dieser Seite von Santiago vollkommen unbekannt. Es ging nicht mehr darum, der erste und schnellste zu sein. Stattdessen machten sich die Wanderer gegenseitig Mut, feuerten sich an und wünschten sich aus ganzem Herzen Glück.

Auf dem weiteren Weg ließen wir den gestrigen Tag noch einmal Revue passieren. Santiago hatte eher ein düsteres Bild in unseren Köpfen hinterlassen. Ich empfand es so, als wären die Stadt und der Pilgerweg zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Ein bisschen so, wie wenn man sagt, es gäbe Paris und Frankreich. Klar hängt beides zusammen aber eigentlich haben sie auch nichts miteinander gemeinsam. Heiko beschrieb es anders: „Berlin hat die Love-Parade, Santiago hat die Pilger. Der einzige Unterschied ist, dass das Technofestival nur einmal im Jahr ist und der Pilgerfasching 356 Tage andauert.

Santiago erschien uns als eine Stadt, die zu einer Art pilgerfressendem Monster verkommen war. Egal wohin man kam, es ging nur noch darum, an den Pilgern zu verdienen. Geben war nicht mehr angesagt. So gab es beispielsweise keinen Weg, der aus der Stadt heraus markiert war. Alle Wege führten nur hinein. Es gab hier keine kostenlosen Unterkünfte mehr, wie es sie in vielen anderen Städten gegeben hatte. Es gab auch keinen Pilgerempfang mit dem die Leistung der Wanderer irgendwie wertgeschätzt wurde. Früher hatte es auf dem Dach der Kathedrale einen Platz gegeben, an dem die Pilger ihre zerlumpten Kleider verbrannt hatten. Anschließend waren sie dann neu eingekleidet worden. Das Geld für die neue Kleidung hatte man dem Pilgerpfennig entnommen, einer Steuer, die alle Einheimischen für die Pilger zahlten. Dies war ihr Beitrag für das Wissen und für die spirituelle Energie, die die Pilger mitbrachten. Die Steuer gibt es noch heute, doch die Pilger bekommen davon nichts mehr zu sehen. Die alte Herberge, in der die Pilger früher kostenlos übernachten durften, ist heute das Parador von Santiago. Ein fünf Sterne Hotel, dass durch den Tourismus, den die Pilger in die Stadt bringen, Millionen erwirtschaftet. Die einzige Gegenleistung, die das Hotel dafür erbringen muss ist ein kostenloses Essen für die ersten zehn Pilger, die täglich zum Frühstück, Mittag- oder Abendessen vor der Tiefgarage des Hotels erscheinen. Das ist eine lobenswerte Geste und doch ist es sonderbar, dass fast niemals 10 Pilger zusammenkommen, weil noch immer kaum jemand von dieser Regelung weiß. Es ist ein gutgehütetes Geheimnis.

Das was uns am meisten kränkte war jedoch, dass in der Stadt nicht zwischen Touristen und Pilgern unterschieden wurde. Im Jahr machten sich vielleicht 50 oder 100 Menschen auf, die wirklich den ganzen Weg von ihrer Haustür bis ans Ziel liefen. Diese wenigen Menschen waren es, die den Weg zu einer spirituellen Energielinie machten, also zu einem Weg, von dem sich die Menschen Heilung und geistige Einkehr versprachen. Ohne diese Pilger würde auch kein Tourist die letzten 100km wandern oder sich mit einem Bus in die Stadt fahren lassen. Santiagos Innenstadt ist nicht hässlich aber sie ist bei weitem nicht so sehenswert, dass sie alleine Millionen von Besuchern anlocken würde. Es sind die Menschen, die die Strapazen eines langen und entbehrungsreichen Weges auf sich nehmen, die die Magie von Santiago erschaffen. Ihnen und natürlich Paulo Cuelo, Hape Kerkeling und einigen anderen Autoren verdankt die Stadt fast all ihren Reichtum. Und doch zeigt sie sich in keinster Weise dankbar dafür. Und wenn schon nicht die Stadt, dann doch vielleicht wenigstens die Kirche. Immerhin gibt es zwei Kloster und zwei Priesterseminare in der Stadt, von denen keines besonders hilfreich war. Nach 3000km bieten uns die Franziskaner, obwohl sie davon überzeugt sind, dass wir ebenfalls Mönche sind, nichts anderes an als eine Obdachlosenunterkunft? Und auf ein nochmaliges Nachfragen verwehren sie es uns sogar, unsere Ausrüstung irgendwo an einer sicheren Stelle in ihrem Kloster unterzubringen. Nur noch einmal fürs Verständnis: Die Franziskaner sind ein Bettelorden, der eigentlich ohne materiellen Reichtum leben sollte. Doch hier in Santiago haben sie einen großen Teil ihres Klostergebäudes an ein 4-Sterne Hotel vermietet, dass sich auch noch Monumento Franziskano nennt (oder so ähnlich) und das den Mönchen mehr Geld einbringt als sie je in ihrem Leben ausgeben könnten. Und dann reden sie nicht einmal mit einem Reisenden, der den weiten Weg zu ihnen aufgenommen hat, sondern lassen ihn am Telefon abfertigen? Wie wenig Wertschätzung kann man einander zollen?

Ebenso endtäuscht waren wir von der Credencial-Vergabe. Heiko hatte die Prozedur vor vier Jahren ja bereits einmal mitgemacht und wusste daher, wie es hier abläuft, doch ich hatte es mir schon deutlich anders vorgestellt. Die Prozedur war einfach: Man stellte sich 1,5 Stunden in eine Schlange, zeigte dann seinen Pilgerausweis, zahlte drei Euro und bekam ein Papier mit einer Urkunde darauf. Dann hatte man zu verschwinden und dem nächsten Platz zu machen. Wir verzichteten auf diese Fließbandehrung und wollten auch keinen „Beweis“ für unsere Reise haben. Doch die Pilger, die uns trafen konnten das nicht verstehen. Viele drängten uns darauf, dass wir uns eine holen sollten. Es sei ja schließlich wichtig. Doch allein die Art, wie es hier ablief widerte uns so an, dass wir die Urkunde nicht haben wollten.

Jetzt, da wir durch die hügelige Landschaft hinter der Pilgermetropole wanderten und immer wieder durch idyllische kleine Ortschaften mit schmalen Gässchen kamen, über denen der Wein rankte, fiel die Schwere der Stadt immer mehr von uns ab.

An einem Berghang trafen wir ein Pärchen aus Australien, die von Porto bis hier her gewandert waren. Die Frau erzählte uns, dass sie zuvor in der Pharmaindustrie gearbeitet hatte. Als sie jedoch herausfand, wie unverschämt bei den Nebenwirkungen der Medikamente gelogen wurde, die ihre Firma herstellte, hatte sie gekündigt. Es sei ungeheuerlich gewesen, was der Konzern alles verschwiegen hatte. Vor allem in Bereichen, wo es um bleibende oder gar tödliche Folgeschäden ging. „Es kann doch nicht sein, dass man ein Medikament gegen eine Krankheit bekommt, das gleichzeitig zwei weitere Krankheiten auslöst, gegen die man dann noch schlimmere Medikamente braucht!“ sagte sie. „Ich kann natürlich nur über das sprechen, was ich selbst gesehen habe, aber diese Medikamente trugen definitiv mehr zur Krankheit der Menschen bei, als zu ihrer Gesundheit.“

Kurze Zeit später trafen wir zwei deutsche Rentner, die ebenfalls von Porto aus losgewandert waren. Sie empfanden den Camino Frances als deutlich traditioneller und mochten den Portugiesischen weg daher nicht so sehr. Eine von beiden erzählte außerdem, dass seine Tochter Modejournalistin bei einer großen Modezeitschrift sei. Er hatte daher einiges mitbekommen, was in dieser Brange so gespielt wurde. Auf der einen Seite war er stolz darauf, wie erfolgreich seine Tochter war. Sie hatte ein Monatsgehalt im 5-stelligen Bereich und reiste um die ganze Welt um die neusten trends mitzubekommen. Gleichzeitig sah er der ganzen Geschichte aber auch sehr skeptisch gegenüber. „Bereits die Unis sind komplett in der Hand der Industrie. Alle Dozenten, die meine Tochter in ihrer Ausbildung hatte, waren gleichzeitig Angestellte von großen Modezeitschriften und/oder Modefirmen. Es war also unmöglich, etwas zu lernen, das nicht im Sinne der Industrie ist. Und das wird nicht einmal verheimlicht. Die Dozenten sind sogar stolz darauf, dass sie für die und die Zeitschrift arbeiten und sich damit ihr Hauptgehalt erwirtschaften. Und später geht es dann genauso weiter. Ich dachte früher immer, das neue Trends durch das entstehen, was die Menschen wollen. Aber das ist absolut naiv. Die Trends werden von den Modefirmen geplant und dann ganz gezielt so vermarktet, dass sie sich verbreiten. Die Stars werden gekauft, die Zeitschriften werden gekauft und die anderen Medien werden gekauft. So wird dann das Schönheitsidealbild erzeugt, dem alle nachstreben.“

Heiko fragte direkt wie immer: „Wie geht es dir dann damit, dass deine Tochter ihre Seele so verkauft?“

Der Mann antwortete jedoch nicht darauf.

In der Modebrange mag das erst einmal noch nicht so dramatisch klingen. Immerhin geht es dort nur um Kleidung und nicht um lebenswichtige Grundbedürfnisse. Doch erstens sieht es in diesen anderen Sparten kein bisschen besser aus und zweitens sind es zum großen Teil die von der Modeindustrie gepushten Schönheitsideale, die viele Frauen zur Magersucht und zur Bulimie veranlassen.

An einer schönen, sonnigen Wiese machten wir eine Pause und trockneten unser Zelt. Die Sonne stand fast im Zenit und es wurde langsam so heiß, dass man es fast nicht mehr aushalten konnte. Wir rollten unsere Isomatten unter ein paar Kiefern aus und machten es uns dort gemütlich.

Uns fiel auf, dass wir in der letzten Zeit immer wieder gefragt wurden, wie es denn möglich sein konnte, um die ganze Welt zu reisen. So etwas könne doch niemand finanzieren. Dabei war die Frage sowohl von eher armen als auch von sehr reichen Menschen gestellt worden. Das zeigte, dass sich eine mehrjährige, intensive Weltreise niemand vorstellen konnte, egal wie viel Geld er auch besaß. Eine solche Reise mit Geld zu machen war daher vielleicht wirklich absolut unmöglich. Dabei war es doch eigentlich so einfach. Es brauchte nichts weiter, als gegenseitige Hilfsbereitschaft, Offenheit und Gastfreundschaft. So wie es einst die Grundidee von Couchsurfing und Warmshower war. Jeder lädt jeden zu sich ein, es gibt einen Austausch, jeder Profitiert und für niemanden wäre Reisen mehr ein unerreichbarer Traum. Und noch etwas anderes würde dadurch entstehen. Wir wären plötzlich nicht mehr manipulierbar. Wenn jeder in seinem eigenen Haus sitzt, hat er keine andere Möglichkeit sich zu informieren als über bestechliche und manipulierbare Medien. Wenn aber jeder Gast und Gastgeber wäre, so dass er die Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen kennenlernen würde, könnte er eigenes Wissen ansammeln. Er würde ein Verständnis für Bereiche aufbauen, von denen er jetzt nicht einmal weiß, dass sie existieren. Informationen wären plötzlich überprüfbar und wir bräuchten der Angstkontrolle nicht länger folge zu leisten. Doch stattdessen lassen wir uns von unserem fehlenden Vertrauen in uns selbst und in andere einsperren. Wir glauben, dass wir nur dann etwas erreichen können, wenn wir hart arbeiten und gönnen daher auch niemandem etwas, der nicht das selbe tut. Das Prinzip von Geben ist Bekommen ist uns fast vollständig verloren gegangen. Dadurch schaffen wir uns unseren eigenen Käfig und dadurch machen wir uns selbst zu Marionetten anderer. Unser Glaube ist, dass wir nur dann etwas Wert sind, wenn wir Geld besitzen und verdienen. Geld ist damit der einzige Wert, der überhaupt noch etwas zählt. Zumindest offiziell. Dass es immer wieder Ausnahmen gibt und dass es auch anders geht, das haben wir in den letzten 160 Tagen ja oft genug erfahren dürfen.

Nach unserer Pause wanderten wir gemütlich in den Nachmittag hinein. Wir trafen noch viele weitere Pilger, mit denen wir uns kurz unterhielten. Längere Gespräche wurden etwas schwieriger, da ja jeder in die andere Richtung lief. Auch auf ein Wiedersehen konnte man daher nicht hoffen. Unter unseren kurzen Pilgerbegegnungen war auch eine junge Frau aus Nürnberg, mit der wir uns gerne länger unterhalten hätten. Heiko glaubte sogar, sie zu hause schon einmal gesehen zu haben, doch ehe wir das herausfinden konnten, war jeder wieder in seine Richtung weitergewandert.

Mit der Schlafplatzsuche lief es nach Santiago leider auch nicht besser als davor. Die Pilgerherbergen wollten uns noch immer nicht. Die Hotels waren auch hier ausgebucht und der Pfarrer war auch hier ein alter griesgrämiger, scheinheiliger Sack, der niemanden in seine großen Gemächer lassen wollte. Am Ende bauten wir unser gerade getrocknetes Zelt auf einer kleinen Wiese auf. Erst als es stand bemerkten wir, dass wir uns nicht nur zwischen einer Autobahn und der Schnellstraße sondern auch noch unterhalb einer Güterzugstrecke befanden. Die Nacht wird also wahrscheinlich nicht die ruhigste werden.

Spruch des Tages: Wenn alle nach Santiago wandern, dann geh einfach in die andere Richtung.

Höhenmeter: 250 m

Tagesetappe 19,5 km

Gesamtstrecke: 3204,47 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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