Tag 179: Man muss nur drohen...

von Franz Bujor
29.06.2014 21:33 Uhr

Heute morgen wurden wir bereits ab 6:00 Uhr in unserem Zelt geröstet. Es war ein bisschen so, als wollte man versuchen, in einem Hochofen zu schlafen. Doch weil wir insgesamt noch deutlich zu träge zum Aufstehen waren, öffneten wir alle Fenster und Türen und blieben so lange liegen, wie es möglich war. Als wir unsere Sinne einigermaßen beieinander hatten, rafften wir uns zu einer Krisensitzung auf.

So wie es die letzten Tage gelaufen war, konnte es nicht weitergehen. Heikos Ohren, die sich in Frankreich fast vollständig beruhigt hatten, dröhnten hier fast ohne unterlass. Er bekam kaum noch Ruhe in seinen Kopf und ständig war es, als steckte er mitten in einem überdimensionalen Raum, der nichts mit dieser Welt zu tun hatte. Wir waren auf unsere Reise aufgebrochen, um gesund und kraftvoll zu werden, nicht um uns krank zu machen. Doch von den ganzen positiven Routinen, die wir uns angewöhnt hatten, war nun fast nichts mehr übrig. Wir hatten keine entspannten Pausen mehr, kein entspanntes Frühstück, kein entspanntes Mittagessen, kein entspanntes Abendbrot und keine entspannten Schlafplätze. Die besten Möglichkeiten, die wir hier in den letzten Tagen gefunden hatten, waren immer nur Notlösungen gewesen, nichts, dass man wirklich hätte genießen können. Es gab keine schönen, ruhigen Orte, an denen man Heilungsmeditationen machen konnte. Die Suche nach Unterkünften kostete so viel Zeit, dass wir nicht mehr dazu kamen weiter am Buch zu schreiben, Kontaktjonglage zu üben, die Mails an unsere Freunde und Verwandten zu beantworten, mehr über Heilung zu lernen, und zu massieren oder einen Mittagsschlaf zu machen. Wir kamen nicht einmal mehr dazu, uns zu duschen, unsere Wagen in Stand zu bringen, uns zu rasieren, die Fingernägel zu schneiden oder unsere Kleidung zu waschen. Selbst das Zähneputzen vergaßen wir regelmäßig. Hinzu kam, dass es außer einem lustigen Film am Abend im Zelt keine Dinge mehr gab, die uns wirklich Spaß machten und die uns Energie gaben. Beim Wandern entlang der lauten Kopfsteinpflasterstraßen wünschten wir uns nur noch irgendwo anzukommen und sobald wir irgendwo ankamen freuten wir uns darauf, den Ort so bald wie möglich wieder hinter uns zu lassen. Wir befanden uns nicht mehr auf einer Reise, sondern auf einer Flucht. Ständig hofften wir, dass es nach der nächsten Wegbiegung besser wurde, aber das passierte nicht und es würde auch in naher Zukunft nicht passieren. Das Land war nun einmal wie es war. Und so wie es war, machte es uns gerade kaputt.

In Spanien war uns das immer gleiche und nie gesunde Essen bereits zu den Ohren herausgelaufen, doch hier sehnten wir uns nun bereits wirklich nach einem Bocadillo. Es war zumindest etwas, von dem man satt wurde und das man essen konnte, ohne seine Geschmacksnerven auszuschalten und es in sich hineinzuschlingen wie eine Schlange. Aber auch das war nicht im Ansatz das, was wir wollten. Wir wollten unsere Körper und unseren Geist durch Heilnahrung stärken, reinigen und regenerieren. Wir wollten Schadstoffe weglassen und wirklich gesunde und energiereiche Nahrung zu uns nehmen. Doch stattdessen ernährten wir uns nun bereits seit Wochen ausschließlich von nährstofffreien Weißmehlprodukten und unverträglichem Schweinefleisch. Wildkräuter mischen wir der Nahrung inzwischen überhaupt nicht mehr bei, aus dem einfachen Grund, dass es hier keine gesunden Wiesen oder Waldflächen gibt. Und einen Löwenzahn neben der Schnellstraße oder an einem Feld zu pflücken, wo er mit Schadstoffen und Pestiziden durchwachsen ist, ist in etwa so sinnvoll wie das Kühlwasser eines Kernreaktors zu trinken.

So wie es war, machte es einfach keinen Spaß mehr.

„Wenn das abendliche Filmschauen alles ist, das uns noch Freude bereitet, dann können wir auch nach hause gehen!“ sagte Heiko bitter, „dann haben wir hier den gleichen Alltagszyklus, den wir auch in der Arbeit hatten. Und da gibt es immerhin ein gutes Mittagessen!“

Wenn wir bislang auf unserer Reise eine Tiefphase hatten, dann war trotzdem immer das Gefühl da, dass die Schöpfung einen tieferen Sinn darin versteckt hatte. Irgendetwas sollten wir aus der Situation lernen, oder wir sollten an irgendeine Stelle gelangen um dort jemanden bestimmtes zu treffen, der unserer Hilfe brauchten. Oder wir seine. Oder was auch immer. Jetzt jedoch fiel es uns wirklich schwer, noch an einen solchen Sinn zu glauben. Entweder es kam etwas wirklich großes auf uns zu, oder es war einfach an der Zeit einen Strich zu ziehen und unsere Reise auf eine andere Art fortzusetzen.

Wir überlegten lange, was wir für Alternativen hatten. Unser Problem war, dass wir an der äußersten Spitze von Europa standen, wo jede Alternative gut 2000km von uns entfernt lag. Wir beschlossen daher, Portugal noch eine Gnadenfrist von drei Tagen zu geben. Wenn wir uns dann noch immer nicht wohl fühlen, dann haben wir zwei Alternativen. Entweder, wir wandern nach Osten, einmal quer durch Spanien zurück nach Frankreich, was jedoch bedeutet, dass wir uns noch sehr lange in Spanien aufhalten werden. Oder aber wir nehmen einen Zug bis an die Französische Grenze und wandern von dort aus weiter in Richtung Osten.

Fürs erste galt es jedoch Sao João da Madeira zu erreichen um dort unser Paket in Empfang zu nehmen. Auf dem Weg dorthin versuchten wir das Land mit seinen eigenen Waffen zu schlagen und machten einen Wettkampf daraus, die hässlichsten Flecken zu finden. Das war keine besonders große Herausforderung, aber es machte sogar ein bisschen Spaß. Mir zumindest. Heiko war glaube ich noch immer recht frustriert und wünschte sich wirklich, dass er auch einmal eine schöne Ecke fand.

Im abgeranztesten Getto der Stadt kamen wir an einem Museum für moderne Kunst vorbei. Wir waren etwas irritiert davon, so einen Ort an dieser Stelle zu finden. Genau in diesem Moment kam ein Jogger an uns vorbei und sprach uns auf Deutsch an. Er wohnte am anderen Ende der Stadt und war geschäftlich viel in Deutschland unterwegs. Nach einem kurzen Gespräch fragte er uns, ob wir das Museum nicht besichtigen wollten. Er kenne das Wachpersonal und könnte uns umsonst einschleusen. Da wir nichts anderes vor hatten, stimmten wir zu.

Es war ein Museum für moderne Kunst, hauptsächlich aus Portugal aber auch aus anderen Ländern Europas. Sao João da Madeira war eine alte Industriestadt und zählte zu den reichsten Städten in ganz Portugal. Ein Umstand den wir aufgrund der Ruinen durch die wir gerade gelaufen waren, kaum vorstellen konnte. Dies war aber der Grund dafür, dass es hier so eine umfangreiche Kunstsammlung gab. Ansonsten würde man solche Museen nur noch in Porto und Lissabon finden.

Die Kunst selbst sagte sehr viel darüber aus, wo wir uns als Menschen in Europa gerade hinbewegen. Es gab kein einziges Werk, das man als schön, ästhetisch oder harmonisch bezeichnen konnte. Einige Werke waren für einen Laien kaum als Kunst zu erkennen und hätten durchaus auch das Geschöpf eines gelangweilten Dreijährigen sein können. Andere waren sehr aufwendig und mit großem Geschick und viel Liebe zum Detail gemacht worden. Doch nichts war schön! Im Gegenteil, es war bewusst hässlich, bewusst verstörend bewusst unästhetisch. Wann immer möglich zeigten die Bilder und Skulpturen grässliche Fratzen, obszöne Stellungen, Gewalt, Leid, Hohn und Verachtung. Krieg, Tod, Gewalt, Krankheit, Gier, Habsucht und Perversion waren die Lieblingsthemen der Künstler. Warum musste alles so verstörend sein? Man hatte das Gefühl, dass man Alpträume bekommen würde, wenn man es sich zu lange anschaute. Und dies war das, was in unserer Gesellschaft als wertvollste Kunst galt. Was sagt das über eine Gesellschaft aus? Das Krasse war ja, dass die Künstler zum großen Teil Recht hatten. Wir verhielten uns so, wie sie es darstellten, Wir verursachten all das Leid das sie zeigten. Wir zerstörten unsere eigenen Körper und quollen zu fetten undefinierbaren Leibern an, währen andere zu Skeletten abmagerten. Man sagt, über Kunst lässt sich nicht streiten, aber einige Fragen stellen kann man sich dazu schon.

Vom Museum aus wanderten wir weiter in die Innenstadt. Dabei fragten wir uns, wieso wir unseren Kunstexperten gerade hier getroffen hatten. Er war wahrscheinlich einer der reichsten Männer dieser Stadt, besaß ein großes Haus mit Garten am Stadtrand, flog beruflich um die halbe Welt und besuchte das Kunstmuseum so oft, dass es nicht nur die Ausstellung sondern auch das gesamte Personal kannte. Und dann ging er an einem Ort joggen, an dem es außer dem Museum nichts als trostlose Ruinen, Müll und versiffte Baracken gab?

Die Stadt selbst wirkte ebenfalls mehr tot als lebendig. Das mochte zum Teil daran liegen, das heute Sonntag ist, lag aber wahrscheinlich zum Teil auch einfach in seiner Natur. Sogar die Cafés hatten zum Großteil geschlossen. In einem kleinen Hotel traf ich zwei Pilger, die gerade dabei waren einzuchecken. Einer von ihnen war Ire, der andere kam aus Costa Rica. Mich lehnte der Hotelier mit der Begründung ab, er sei nicht der Hotelier. Während ich mich auf die Suche nach einer Alternative machte, traf Heiko die beiden Pilger auf dem Stadtplatz wieder. Sie waren tierisch angenervt von ihrem Hotelzimmer und beschwerten sich darüber, was alles nicht funktionierte. So gesehen hatte uns der Hotelchef mit seiner Absage also einen Gefallen getan.

Auf uns wartete tatsächlich etwas deutlich besseres. Wir wurden vom World Rest Hotel Sao João da Madeira eingeladen, einem Vier-Sterne-Hotel in dem das Doppelzimmer am Wochenende normalerweise 112,50€ pro Nacht kostet. Es schien also ein bisschen so, als hätte das Universum unsere Drohung ernst genommen. Nachdem wir ihm das Ultimatum von drei Tagen gestellt hatten waren wir erst ins Museum und jetzt ins Hotel eingeladen worden. Manchmal muss man vielleicht nur ein bisschen Druck machen.

In unserem Hotelzimmer konnten wir dann einen Blick auf die Kommentare zu unserem Blog werfen. Dabei entdeckten wir eine sehr spannende Nachricht von einer Leserin aus Portugal, die unsere Wahrnehmung von diesem Land bestätigte: „im Inland ist es anders als in der Metropole, wobei ich euch Recht geben muss was die Gleichtaktung angeht in Portugal. Ein neues Produkt einzuführen in einem Laden ist fast unmöglich. Daher gibt es überall das Selbe in den Läden. Und die Portugiesen haben die meisten Apotheken und geben am meisten Geld für Medikamente aus. Und leider sind sie auch unwahrscheinlich träge ihr Verhalten zu ändern was die Umwelt angeht. Sie spritzen Gift, obwohl Nebendarsteller die Ratten bereits tot sind und in den Läden bekommt man Tüten ohne Ende. Kaum Umweltbewusstsein.“

Spruch des Tages: Wir brauchen keinen Dritten Weltkrieg. Wir haben Kapitalismus, Kommunismus und Tourismus. (Oliver Hassencamp)

Höhenmeter: 70 m

Tagesetappe 6 km

Gesamtstrecke: 3551,47 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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