Tag 205: Tobias´ erster Weltreisegeburtstag

von Franz Bujor
25.07.2014 17:48 Uhr

Heute ist es also soweit. Ich werde 29 Jahre alt. Es fühlt sich etwas komisch an, weil es eigentlich ein Tag wie jeder andere ist. Hier so mitten in der Steppe gibt es kaum etwas, dass wirkliche Geburtstagsstimmung aufkommen lässt. Und doch passierten viele kleine Überraschungen, die allesamt einzigartige Geburtstagsgeschenke waren.

Unser Hotelzimmer von gestern Abend hatte in etwa die Größe eines Kleiderschranks und die Temperatur eines Backofens. Als die Uhr auf 00:00 sprang schauten wir gerade eine Komödie auf dem Computer an und merkten es nicht einmal, dass mein Geburtstag angebrochen war. Es viel uns erst eine Viertelstunde Später auf. Heiko gratulierte mir und er hatte sogar ein kleines Geschenk für mich. Es war eine Bärenkralle, die er vor Jahren in der Wildnis gefunden und aus der er sich einen Anhänger gemacht hatte. Es war ein Symbol der Kraft, der Stärke, des Schutzes und der Männlichkeit.

Nachdem der Film vorüber war lagen wir noch eine weile wach auf unseren Betten und starrten an die Decke. Zum Schlafen war es zu warm und für mich kam hinzu, dass sich alles irgendwie unwirklich anfühlte. Nicht negativ, aber irgendwie komisch. Heiko dachte an seinen eigenen ersten Weltreisegeburtstag zurück. Damals hatten wir Agnes und ihre Mutter besucht. Auch für ihn war der Tag damals abstrakt gewesen. Es war genau jener Tag, an dem das erste Mal Päckchen für uns angekommen waren. Er hatte also sogar Geburtstagsgeschenke bekommen, doch hatte es sich dabei lediglich um neue Mäntel für seinen Wagen gehandelt. Die Schuhe mussten wir hingegen zurückschicken, da es die falschen waren.

Heute Morgen wurden wir vom Vater unseres Hotelbesitzers begrüßt. Er und seine Frau schenkten uns je eine Pfauenfeder, sowie ein paar Tomaten und einen neuen Strohhut. Den Strohhut gaben wir ihm jedoch wieder zurück, da er in einem schlechteren Zustand war, als unser eigener. Doch die Pfedern waren ein tolles Geschenk und sie machen sich gut an unserem Wagen.

In der Bar, in der wir den gestrigen Nachmittag verbracht haben, durften wir uns noch ein Frühstücksbocadillo und einen frisch gepressten Orangensaft auf Kosten der Caritas abholen. Vor allem der Saft war ein tolles Geschenk!

Der Rest des Tages war wenig geburtstaglich, jedenfalls bis gerade eben. Vor einer Minute wurden wir von lauter Menschen umringt, die uns alles mögliche schenkten. Einfach so, nur weil sie von uns gehört haben. Leider handelt es sich bei den meisten Sachen um Süßigkeiten aber die Geste allein ist der absolute Knaller!

Der Weg bis in die nächste Stadt war fast genau wie der, der uns hier hergeführt hatte. Eine gerade Straße durch die Steppe. Heute war lediglich etwas mehr Verkehr weil, wir uns langsam Cáceres annähern, der einzigen großen Stadt in der Region. Außerdem gab es heute zum ersten Mal Weizenfelder. Unvorstellbar große Weizenfelder! Dadurch wurde der Eindruck einer Wüste sogar noch mehr verstärkt.

Mitten in dieser Einöde hielt plötzlich ein Bully neben uns. Eine hübsche, junge und sehr freundliche Frau saß am Steuer und frage uns, ob sie uns mitnehmen sollte. Ich freute mich über ihr Angebot, vor allem, weil sie wirklich sympathisch war, doch leider war ich nicht spontan genug.

„Nein danke!“ antwortete ich, „wir wandern gerne!“ Ehe mir einfiel, sie zu Fragen, ob sie vielleicht in Malpartida de Cáceres, unserem Zielort wohnte, war sie bereits weitergefahren. Kurz zuvor hatte ich mir für heute noch etwas weibliche Gesellschaft für eine kleine Geburtstagsfeier gewünscht. Jetzt versuchte das Universum schon, mir diesen Wunsch zu erfüllen und ich verpatzte es einfach. Heiko ließ es sich natürlich nicht nehmen, ein wenig in die Wunde zu piksen und machte sich die nächsten Kilometer über meine unvergleichliche Wortgewandtheit und meine spontane Reaktion lustig.

Ich konnte jedoch irgendwie nicht darüber lachen und war plötzlich überhaupt nicht mehr gut gelaunt. Die Stimmung hielt an, bis wir in Malpartida de Cáceres waren. Dort ging mein Wunsch nach einer schnellen und unkomplizierten Übernachtungsmöglichkeit leider nicht in Erfüllung. Ich brauchte knapp eineinhalb Stunden bis es mir gelang, ein Zimmer in einer kleinen Pension aufzutreiben.

Heiko bewachte in der Zwischenzeit unsere Sachen an einem schattigen Platz neben einer Kirche. Da ich längere Zeit nicht zurückkam, legte er sich schließlich auf eine Bank um zu meditieren. Plötzlich wurde er unsanft aus seiner Konzentration gerissen. Um ihn herum standen einige Polizisten, zwei Rettungssanitäter, eine Ärztin und ein paar Schaulustige. Ein Polizist bat ihn auf Spanisch um seine Papiere, wodurch Heiko in die Bedrängnis geriet, dem Beamten mit seinen drei Worten klar zu machen, dass ich alles Ausweise bei mir hatte. Schließlich übernahm die Ärztin die Gesprächsführung und gestand, dass sie Englisch sprach. Zum ersten Mal, seit die Menschen vor Heiko aufgetaucht waren, kam etwas Licht ins Dunkel.

Die Polizisten hatten einen Anruf von einem Mann bekommen der Heikos Meditation mit etwa den folgenden Worten beschrieben hatte: „Da liegt ein Mann auf einer Bank und der ist wahrscheinlich tot!“

Jetzt verstand Heiko auch, warum er den Polizisten hatte erklären müssen, dass er noch lebte. Er erzählte der Ärztin, dass wir uns auf einer Weltreise zu Fuß und ohne Geld befanden und dass sein Gefährte gerade auf der Suche nach einem Schlafplatz war.

„Oh, dann gibt es also nichts, worüber wir uns sorgen machen müssten!“ sagte die Ärztin und leitete den Abmarsch der Kampanie ein.

„Am meisten hat mich die Reaktion der Polizisten beeindruckt, als ich gesagt habe, dass wir Mönche sind!“ sagte Heiko später, als er mir von der Geschichte erzählte. „Erst waren sie richtig herablassend, wo sie noch dachten, ich sei ein Landstreicher. Doch sobald sie das Wort ‚Mönch’ hörten, waren sie richtig freundlich und respektvoll. Ein bisschen so, als hätten sie Angst in die Hölle zu kommen, wenn sie nicht nett zu mir wären.“

Wir packten unsere Sachen zusammen und suchten uns ein Restaurant für ein Mittagessen. Dabei bekamen wir von zwei Damen vom Altenheim noch einen Saft und einen 5-Liter-Bottich mit Wasser geschenkt. Da wir unser Hotel erst um 19:00Uhr beziehen können, verbrachten wir den Nachmittag im Freibad, dem einzigen Ort, an dem es kostenloses Internet gibt. Hier kamen dann auch die Menschen mit den vielen Essensgeschenken auf uns zu. Ich bin gespannt, ob der Tag noch weitere Überraschungen bereit hält.

Spruch des Tages: Danke für die Geschenke vom Universum!

 

Höhenmeter: 40 m

Tagesetappe: 18 km

Gesamtstrecke: 4061,97 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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