Tag 212: Google-Street-View

von Franz Bujor
01.08.2014 20:21 Uhr

So schön die Innenstadt von Plasencia war, so komplex war der Weg aus der Stadt heraus. Es war wie so oft. Im Stadtzentrum konnte man sich einfach nicht vorstellen, dass es noch so viel außen herum gab. Und die äußeren Viertel waren dann leider überhaupt nicht mehr schön. Hier gab es ebenfalls Unmengen von leerstehenden Wohnblocks, die vor sich hinrotteten und die niemand mehr nutzte.

Hinzu kam, das Plasencia recht verschachtelt in die Berge gebaut wurde, was es für einen Ortsunkundigen recht schwierig macht, sich zu orientieren. So kam es, dass wir den halben Vormittag damit verbrachten, in den äußeren Bezirken der Stadt herumzuirren, bis wir es endlich schafften, die Nationalstraße zu finden, die uns nach Norden führte.

Heikos Stimmung war noch nicht auf dem Höhepunkt. Er hatte die Nacht nicht übermäßig gut geschlafen und heute in der Früh wurden wir von unseren Wagen als aller erstes wieder mit einem Platten begrüßt. Das Rumgeirre in der Stadt machte es nicht besser und die Wanderung an der Schnellstraße entlang, trug auch nicht unbedingt zur Lösung bei. Es dauerte eine Weile, bis sich die inneren Wolken wieder auflösten.

Dem Himmel ging es ähnlich. Er hing ebenfalls voller Wolken und machte uns das Wandern damit um einiges angenehmer. Zumindest am Anfang. Später wurde es so schwül, das wir sogar noch mehr schwitzten, als an den Sonnentagen.

Ich weiß nicht mehr genau warum, aber auf dem Weg kamen wir irgendwann auf das Thema Google-Street-View zu sprechen. Vor ein paar Tagen hatten wir gesehen, dass es selbst für die kleinsten Ortschaften hier eine Street-View-Ansicht gab. Zunächst fanden wir das nur ulkig, doch jetzt stellten wir uns dazu ein paar Fragen. Warum um alles in der Welt hatte Google ein Interesse daran, Orte mit nur 200 oder noch weniger Einwohnern abzulichten?

Das ganze Street-View-Projekt war ja nicht ohne. Die Kameratechnik war so ausgereift, dass die Autos in voller Fahrt bei miesesten Lichtverhältnissen verwertbare Bilder machen konnten. Das war besser als alles, was man sich mit handelsüblichen Kameras nur erträumen konnte. Dann mussten die Bilder zusammengefügt werden, wofür sie alle die gleichen Farbwerte brauchten.

Die Nummernschilder der Autos, die Gesichter der Menschen und alle Informationen, die nicht öffentlich gemacht werden sollten, mussten unkenntlich gemacht werden. Stellt euch einmal den immensen Aufwand vor! Pro Tag macht so ein Google-Fahrzeug locker über den Daumen gepeilt sicher eine halbe Million Aufnahmen.

Wenn die alle von Menschen bearbeitet werden würden, dann dürfte es eigentlich niemanden mehr geben, der nicht für Google arbeitet. Hinzu kommen die Verlinkungen, die Verknüpfungen mit GPS-Daten, das Einfügen der Straßennahmen und so weiter. Ohne eine Automatisierung wäre das absolut unmöglich. Und Programme, die das berechnen können gibt es eigentlich offiziell nicht.

Wenn man jetzt noch die Unmengen an Speicherplatz mit einrechnet, die das ganze System benötigt, dann müssen die Kosten für das Projekt in den mehrstelligen Milliardenbereich gehen.

Da stellt sich doch die Frage: „Warum das alles?“

Was hat Google davon? Ist es wirklich einfach ein Service für die User, die Lust darauf haben, sich ihre Stadt auf dem Computer anzuschauen? Was bringt es einem, die ganze Welt als virtuelles Bild abzulichten? Vor allem als statisches? Wenn es eine Live-Überwachung wäre, dann könnte man es ja verstehen. Aber eine Momentaufnahme? Angenommen ich habe jetzt Milliarden in das Projekt investiert und es hat mich rund zehn Jahre gekostet, die ganze Welt bis in den letzten Winkel der Zivilisation abzufotografieren, dann stehe ich doch vor dem Problem, dass sich die Welt ständig Verändert.

Alle paar Minuten kommt irgendwo auf der Welt so ein wahnsinniger Architekt auf die Idee, alte Häuser oder Straßen niederzureißen und etwas neues zu bauen, was ganz anders aussieht. Hinzu kommen Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Landflucht und weis der Geier nicht was. Eine kleine Sache reicht und die ganze Arbeit ist beim Teufel. Was also verspreche ich mir davon?

Die Frage lautet außerdem: Wer verspricht sich etwas davon? Und: Wer kann es sich überhaupt leisten, ein solches System aufzubauen oder in Auftrag zu geben. Google selbst ist kostenlos und bei aller Liebe, die soziale Ader der Firma wird kaum so groß sein, dass sie Milliarden zum Fenster hinauswerfen, nur damit sie den Leuten beim Weg zu ihrer Arbeit oder beider Urlaubsplanung helfen können. Uns sind als Institutionen bislang nur das Militär oder Werbegiganten eingefallen, die sowohl die Mittel als auch einen Nutzen hätten. Doch verstanden haben wir das System noch immer nicht. Vielleicht habt ihr ja eine Idee.

Der einzige Ort in greifbarer Nähe, hieß Oliva la Plasencia und beherbergte gerade einmal 250 Einwohner. Wenn wir dort nichts fanden, mussten wir heute eine 30 Kilometeretappe zurücklegen und das jetzt, wo die Gegend immer Bergiger wurden. Kurz vor dem Ort wurden wir jedoch auf ein Schild mit der Aufschrift „Casa Rural Villa-Cáparra“ aufmerksam. Auf Deutsch hieß das soviel wie ‚Landhaus’, stand aber für ländliche Unterkunft. Wir beschlossen dem Haus einen Besuch abzustatten und lernten dabei dessen Besitzer kennen. Er war ein freundlicher und aufgeweckter Mann, der uns gerne weiterhelfen wollte. Sein Landhaus war leider bereits von einer Familie gebucht worden, die für eine Woche hier bleiben wollte und heute anreiste. Verständlich war es, denn gerade für einen Familienurlaub war das kleine Ferienhaus ideal.

Es gab drei Schlafzimmer, ein großes Wohnzimmer eine Küche und einen schönen Garten mit Swimmingpool und Feigenbäumen. Plasencia war nicht weit entfernt, man hatte hier seine Ruhe, konnte grillen, baden und relaxen und wenn man Lust auf Abenteuer hatte, konnte man einen Abstecher in die nahegelegenen Nationalparks machen. Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir auch, dass wir uns neulich nicht geirrt hatten, als wir glaubten, einen Steinadler gesehen zu haben. Die Greifvögel waren hier wirklich heimisch. Auch Luchse gab es in dieser Region, wenngleich sie sehr selten geworden waren. Vor kurzem war es einer Aufzuchtstation im Nachbarort jedoch gelungen, ihre Luchspaare zur Geburt von 5 kleinen Kindern zu überreden.

Da wir im Gästehaus nicht bleiben konnten, suchte unser neuer Freund eine Alternative für uns. Er hatte außer dem Gästehaus noch ein Apartmenthaus mit dem Namen ‚Apartamento Turisticos El Salvador’, in dem er uns ebenfalls eine Übernachtung anbot, doch das Problem war, dass es sich in Plasencia befand. Damit war es für uns leider aus dem Rennen. Ein Kumpel von ihm hatte ein kleines Hotel mitten in der Ortschaft. Wenn dieser ein freies Zimmer hatte, würde er uns vielleicht ebenfalls aufnehmen.

Ein kurzes Gespräch später hatten wir die Zusage: Wir durften die Nacht im ‚Casa Rural Via Caparra’ im Zentrum von Oliva la Plasencia verbringen. Und damit hatten wir wieder einmal einen Jackpot gewonnen. Denn das Gästehaus war wunderschön und sehr geschmackvoll eingerichtet. Außerdem konnten wir unsere Kleider waschen lassen, den Kühlschrank benutzen und bekamen sogar ein Frühstück. Und als wäre das noch nicht genug, dürfen wir als Gäste des Hauses sogar kostenlos in das städtische Freibad!

Besser hätten wir es nicht erwischen können.

Spruch des Tages: Gedanken sind Handlungen (F.W. Nietzsche)

Höhenmeter: 170 m

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 4188,97 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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