Tag 213: Entscheidungen

von Franz Bujor
02.08.2014 19:58 Uhr

Nach dem Frühstück verabschiedeten wir uns von unserem Gastgeber und von dem wunderschönen Haus, das für diesen einen Tag unser zuhause war. Auch wenn der Ort selbst fast nicht existierte und dies kein Ort zum Leben für uns war, so war es doch seit langem mal wieder ein Zuhause in dem wir uns wirklich wohl gefühlt hatten. Nicht, das wir uns zuvor unwohl fühlten, aber hier gefiel es uns vom Stil, von der Einrichtung und vom ganzen Ambiente her so gut, das wir uns wirklich vorstellen konnten, in einem Ort wie diesem zu wohnen. Nicht für immer, aber vielleicht für ein paar Monate oder vielleicht auch, wenn wir uns als Rentner irgendwann zur Ruhe setzten.

Auf dem Weg kamen wir nach gut 6 Kilometern in eine römische Ausgrabungsstädte, die von unserem Wanderführer aus der Touristeninformation sogar als Tagesetappenziel genannt wurde. Viel gab es hier allerdings nicht zu sehen. Nur ein paar Mauern, die eher semiprofessionell mit einem Bauzaun umgeben waren und ein großer Torbogen. Letzterer war sogar wirklich beeindruckend, vor allem, wenn man sich vorstellte, dass er bereits seit rund 5 Tausend Jahren hier stand und noch immer so stabil war wie eh und je. Unsere heutigen Bauwerke, auf die wir durch unsere moderne Technik so stolz sind, halten oftmals nicht einmal 50 Jahre, bevor sie wieder in sich zusammenfallen.

Der weitere Weg war nicht besonders spektakulär, von den vielen Gedanken die noch in meinem Kopf herumschwirrten einmal abgesehen. Gestern hatte ich einen sehr intensiven e-Mail-Kontakt mit meinen Eltern oder genauer gesagt mit meiner Mutter, der mich sehr aufgebracht hat. Ich glaube, ich bin jetzt noch nicht bereit, mehr darüber zu schreiben, aber mir wurde klar, dass ich eine Entscheidung treffen muss. Wie will ich jemals vor irgendjemandem zu mir stehen, wenn ich es nicht einmal vor meinen Eltern kann. Bislang habe ich immer geglaubt, dass es nicht nötig ist, weil sie verstünden, worum es mir geht, doch jetzt wurde mir bewusst, dass wir auf zwei verschiedenen Planeten leben und dass es im Moment keine Basis der Verständigung gibt. Wenn ich wirklich ehrlich zu mir bin, dann wusste ich es schon länger, wollte es jedoch nicht wahr haben. Versteht mich nicht falsch, ich liebe meine Eltern und ich bin ihnen unendlich dankbar für das Leben das sie mir geschenkt haben. Und ich weiß auch, dass sie alles, was sie tun aus Liebe und aus Sorge machen, dass es nicht böse gemeint ist, sondern auf eigenen Ängsten und Lebensthemen basiert. Doch ich kann mich nicht länger einsperren lassen. Ich kann nicht zulassen, dass ich selbst krank werde, um es ihnen Recht zu machen. Ich kann und ich will mir das, was mir wichtig ist und für das ich stehe nicht kaputtmachen lassen. Ich kann es nicht hinnehmen, dass permanent ein Keil zwischen mich und Heiko, zwischen mich und meinen Träumen und zwischen mich und meiner Lebensaufgabe geschoben wird.

Ich habe lange überlegt, ob ich das Thema hier überhaupt anschneide. Aber dies ist die Geschichte von Heikos und meiner Reise und unserem Leben. Unsere Familiensysteme sind ein Teil von uns und damit untrennbar mit uns verbunden. Ich kann so etwas wichtiges nicht komplett außen vorlassen und heute einen fröhlichen Bericht schreiben, als wäre nichts gewesen. Gleichzeitig merke ich auch, dass ich jetzt noch nicht zu viel darüber schreiben will. Vielleicht aus Anstand, vielleicht aus Feigheit. Vielleicht beides. Ich weiß es nicht.

Bis nach Zarza de Granadilla waren es insgesamt 21. Kilometer und das meiste davon führte uns leicht bergauf. Immer tiefer wanderten wir dabei in einen Talkessel, der von Bergen vollkommen umgeben war. Morgen oder spätestens Übermorgen wird es dann wirklich anstrengend werden. Dann müssen wir die Berge wohl oder übel überqueren.

Zarza de Granadilla ist ein eigenartiger Ort, der uns sofort mit einer sonderbaren Stimmung empfing. Ich kann nicht genau sagen, woran es lag, aber Heiko sprach mich sofort darauf an, dass er ein eigenartiges Gefühl hier hatte. „Ich glaube nicht, dass es hier einfach wird“, sagte er.

Wie sich herausstellte, hatte er leider Recht. Die Gästehäuser und Pensionen behaupteten allesamt voll zu sein. Ob das stimmte oder nicht, kann ich nicht sagen. Die einzige Option blieb daher seit langem mal wieder der Pfarrer. Ich weiß im Nachhinein nicht mehr, was die größere Herausforderung war, ihn zu finden, oder ihn zu überreden, dass er uns hilft.

Um zu seinem Haus zu gelangen musste ich 9 verschiedene Leute fragen, die mich immer etwas weiter auf die richtige Fährte brachten. Anschließend hatte ich ein neues Problem: Er lebte in dem einzigen Haus, an dem es keine Klingel gab. Ein Pfarrer, bei dem man nicht klingeln kann, war schon einmal kein besonders gutes Zeichen. Nach wiederholtem Rufen und klopfen kam er schließlich zur Tür. Er war ein kleiner und überaus ängstlicher Mann, der sich zunächst einfach nicht durchringen konnte, uns zu helfen. Was, wenn wir in Wirklichkeit mit der Kirche gar nichts am Hut hatten? Was, wenn wir vielleicht sogar Kriminelle waren, die ihn ausrauben wollten? Erst als ich ihm vorschlug, unsere Personalausweise für den Notfall zu kopieren, damit er einen Beweis für die Polizei hatte, falls wir wirklich etwas anstellen sollten, taute er ein bisschen auf. Dann musste ich ihn nur noch davon überzeugen, dass es im Sinne des Christentums war, Hilfsbedürftige zu unterstützen, egal ob sie nun beweisen konnten, das sie von einem Kloster entsandt wurden, oder ob sie einfach wie Mönche lebten. Lustiger Weise wuselte während unseres ganzen Gesprächs eine Frau in seinem Haus herum, die von ihrem Verhalten her definitiv nicht nur seine Haushälterin war, sondern gerne auch noch mal etwas anderes für ihn hielt. Trotzdem war es schließlich die Aussage, dass wir katholisch waren und aus Bayern stammten (zumindest Teilweise), die ihn überzeugte. Vor allem, als ich ihm dann noch bestätigte, dass der letzte Papst aus der gleichen Region stammte. Stimmt das eigentlich? Ich bin mir da gar nicht sicher.

Der einzige Haken an unserer neuen Unterkunft war, dass wir keinen Schlüssel bekamen. So konnten nur entweder Heiko oder ich das Haus verlassen, wenn wir uns nicht vollständig aussperren wollten. Bei der Nahrungsbeschaffung waren die Menschen hier genauso ambivalent wie wir es uns vorgestellt hatten. Einige verfluchten uns, weil wir sie um eine Zwiebel baten, andere schenkten uns einen Kartoffelsalat inklusive Tupperdose. Mal ehrlich! Könnt ihr euch vorstellen, dass einem eine Zwiebel verweigert wird? In Deutschland würde so etwas nicht passieren, da bin ich mir sicher. Vollkommen egal, ob jemand arm oder reich ist. Selbst wenn es sich bei dem Bittsteller um einen Milliardär handelt, der nur zu schusselig war, beim Einkaufen an die Zwiebel zu denken, man würde ihm aushelfen. Und wenn es nur deswegen war, weil man ja wusste, dass einem selbst jederzeit das gleiche passieren konnte.

 

Spruch des Tages: Vertraue auf deine eigene Kraft

Höhenmeter: 110 m

Tagesetappe: 21 km

Gesamtstrecke: 4209,97 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

Schreibe einen Kommentar:

Speichere Namen, Email und Webseite im Browser fur zukunftige kommentare