Tag 214: Volljährigkeit

von Franz Bujor
03.08.2014 22:43 Uhr

Heute ist ein besonderer Tag auf eine sehr abstrakte Art und Weise. Ich fühle mich, als wäre ich heute, mit einer Verspätung von 11 Jahren und 9 Tagen Volljährig geworden.

Wie kann das kommen?

Jeder Mensch und damit auch ich muss sich irgendwann von seiner Kindheit lösen und seinen Weg in sein wahres Sein und seine wahre Männlichkeit gehen. Als Frau natürlich in seine wahre Weiblichkeit. Auf diesem Weg gibt es viele unterschiedliche Störfaktoren, die uns davon abhalten und uns in alten Mustern gefangen halten, so dass wir nicht wirklich ins Leben kommen. Es sind Fesseln und Ketten, die an uns zerren und die uns als indoktrinierte Verhaltensmuster und Glaubenssätze davon abhalten, wirklich wir selbst zu sein. Als Kinder und Jugendliche bekommen wir diese Fesseln vor allem von unseren Eltern. Nicht, weil sie es böse meinen, sondern weil sie selbst in ihren eigenen Ängsten und Sorgen so verstrickt sind, dass sie nicht anders können, als uns auch zu fesseln. In meinem Fall bestanden diese Fesseln aus lauter versteckten, fast unsichtbaren Fallstricken von meiner Mutter. Ihre größte Angst war es immer, irgendwo eine Disharmonie aufkommen zu lassen und so setzte sie alles daran, die Fäden so zu spinnen, dass immer zumindest ein oberflächlicher Frieden herrschte. Mein Vater hingegen hatte aufgrund seines eigenen Familiensystems seine Gefühle so weit eingesperrt, dass er sich in nahezu allen Bereichen meiner Mutter unterordnete und ihre Meinung übernahm. Wenn es also zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen mir und meiner Mutter kam, dann war es immer automatisch eine Meinungsverschiedenheit zwischen mir und meinen Eltern als geschlossenes Team. Das führte dazu, dass es keinen wirklichen Friedensstifter gab, der die Wogen hätte glätten können. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Meine Mutter hatte vor allem Angst dass ich als Junge nicht stark, schlau, mutig und selbstbewusst fürs Leben war. In Heikos Worten: Dass ich eine zu große Pussy bin, um alleine zurecht zu kommen. Mir sind all diese Mechanismen viele Jahre lang nicht bewusst gewesen und auch bis gestern hatte ich nur einen winzig kleinen Teil davon kapiert. Noch schlimmer, ich glaubte, ich hätte das System verstanden und könne damit umgehen, während ich in Wirklichkeit nur das Brett schön bemalt hatte, das ich vor meinem Kopf mit mir rumtrug. Und da wundere ich mich dann noch, dass ich so wenig wahrnehme.

Seit ich begonnen hatte, meinen Weg in Richtung Erdheiler zu gehen und meine Lebensaufgabe zu finden, habe ich immer wieder gespürt, dass ich das nur schaffen konnte, wenn ich aus den alten, indoktrinierten Verhaltensmustern und Familiensystematiken ausbrach. Doch waren diese so gut versteckt, dass ich sie einfach nicht sehen konnte. Je länger unsere Reise und damit auch mein Weg zum Heiler dauerte, desto mehr wurden die Fesseln um meinen Hals sichtbar. Ok, ich muss das vielleicht noch einmal etwas revidieren, denn trotz der langen Reise und der vielen Zeit die ich mit mir, meinen Gedanken und Gefühlen hatte, schaffte ich es dennoch, alles soweit zu verdrängen, dass ich noch immer nichts sehen würde, wenn Heiko mir nicht in regelmäßigen Abständen immer wieder aufs Maul gehauen hätte. Im übertragenen Sinne natürlich. Das Brett vor dem eigenen Kopf zu sehen ist leider noch immer eine der schwersten Übungen. Doch vor unserer Reise haben Heiko und ich eine Abmachung getroffen: Wenn wir zusammen um die Welt ziehen, dann werden wir jeder Zeit absolut ehrlich zueinander sein und den anderen auf jede Leiche im Keller hinweisen, egal wie schmerzhaft es auch sein mag!

Auch die Natur und die Schöpfung trugen ihren Teil dazu bei und schenkten mir unendlich viele Situationen, in denen ich gespiegelt wurde und die mich immer mehr auf meine blinden Flecken hinstießen. In der letzten Zeit wurden diese Situationen immer häufiger und intensiver und ein weiteres Hinauszögern war nicht mehr möglich.

Ich musste mich entscheiden: Will ich wirklich ein Heiler werden und zu mir uns meinem Sein stehen, will ich ein Leben in Wohlstand und Gesundheit leben? Dann muss ich die alten Ketten sprengen und meine Verhaltensmuster, meine Gedankenkonzepte und meine Glaubenssätze auflösen, egal um welchen Preis. Oder will ich weiterhin in der Gefangenschaft meiner Kindheitssystematiken leben und versuchen es meinen Eltern so gut wie möglich Recht zu machen, damit sie ihre eigenen Ängste weiter pflegen und hegen können? Dann muss ich akzeptieren, dass ich krank und unglücklich werde, meinen Weg niemals finde und irgendwann als unnütze Kreatur ohne jeden Sinn sterbe, während ich mich immer frage, was wohl aus meinem Leben hätte werden können.

Die letzten Berichte über meine Gefühle und auch einige Mails an meine Mutter haben einen regen e-Mail-Verkehr ausgelöst, der mir immer deutlicher zeigte, wie sehr ich noch immer die Marionette meiner Mutter und ihrer Ängste war. Jetzt aber waren die Seile deutlich zu erkennen und ich konnte sie direkt darauf ansprechen um zu sehen, wie sie darauf reagieren würde. Ich hatte gehofft, dass sie ihre eigenen Muster und die Auswirkungen, die ihre Fesseln auf mein Leben hatten ebenfalls sehen würde. Doch ihre eigenen Ängste und inneren Verletzungen waren noch so tief, dass sie nicht anders reagierte als sonst auch immer, wenn es zu einem Streit kam. Sie versuchte mich an den Fäden der Manipulation wieder zurück in das alte Bild und den alten Käfig zu ziehen. Es war für sie unmöglich, einen Blick auf sich selbst zu werfen und zu sehen, dass sie die dicken Seile, die sie von ihren Eltern um den Hals gelegt bekommen hatte, noch immer fest um meinen zerrte. Einen Weg in eine Entwicklung zu gehen, war damit unmöglich. Jede meiner Aktionen würde also auch weiterhin immer die gleichen Reizreaktionen auslösen. Wenn ich dies zuließ, dann würde ich niemals frei sein können.

Somit blieb mir nichts anderes übrig, als einen klaren und deutlichen Strich zu ziehen. Ich schrieb eine Mail und sagte darin deutlich, dass sie von nun an nicht mehr über diese Linie treten durfte. Es darf keine weiteren Fesseln, keine Manipulationen, keine Indoktrinationen, keine Ratschläge, die mich in eine krankmachende Richtung drängen sollen und keine Handlungen mehr geben, die mich von meinem Weg abbringen.

Meine Worte waren hart aber wichtig. Sie hatten nichts damit zu tun, dass ich meine Eltern nicht liebe, sondern damit mein eigenes Leben zu schützen. Niemand auf der Welt hat das Recht, mich von meinem Dharma, meinem Lebensweg und meiner Gesundheit abzuhalten. Auch und vor allem nicht meine eigenen Eltern. Ich werde mich nicht töten lassen! Jeder Mensch hat ein Recht darauf zu leben und auch ein Recht darauf zu sterben. Jeder Mensch hat ein Recht, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich habe meine getroffen.

Die Antwort meiner Eltern machte klar, dass sie meine Entscheidung akzeptierten. Mein Vater reagierte mit Wut, die er mir aber nicht mitteilte. Meine Mutter reagierte mit Schuldzuweisung und mit dem Entschluss, den Kontakt zu mir ab sofort zu beenden. Liebe konnten sie nicht ausdrücken. Dazu waren sie zu tief in ihren eigenen Gedanken- und Verhaltensmustern gefangen. Ich hatte das Bild, der perfekten Familie und der perfekten Eltern zerstört und als ein solcher Zerstörer war ich nicht länger willkommen. Das Bedürfnis nach Anerkennung und die Angst vor einem Blick auf die eigenen Fehler und Schattenseiten waren so groß, dass die Liebe dagegen keine Chance hatte. Wenn ich das Schauspielstück der Traumwelt nicht mitspielen wollte, dann musste ich eben gehen, um nicht die ganze Welt zu zerstören, sondern nur die Rolle, die ich hätte spielen sollen. Dafür aber bin ich jetzt frei und kann die ganze Welt sehen.

Doch den Krieg, der hier begonnen wurde, kann von meinen Eltern nicht gewonnen werden. Keine Mutter und kein Vater der Welt kann einen solchen Krieg gewinnen. Denn die Entscheidung, vor die sie mich stellten, war die zwischen meiner eigenen Gesundheit, meinem Wohlstand und meiner Lebensfreude auf der einen und die Gefangenschaft in einem goldenen Zivilisationskäfig mit schön gestrichenen Wänden und einer Jukka Palme aus Plastik auf der anderen Seite. Es war die Entscheidung zwischen meinem eigenen Lebensweg und dem angedachten Weg meiner Eltern. Die Entscheidung zwischen meinem besten Freund und Dharmapartner gegen die gespielte Harmonie in meiner Familie.

Viele Schlachten dieses Krieges hat es funktioniert, denn diese Familienstrukturen sind ja nicht neu. Sie ziehen sich durch mein ganzes Leben wie ein roter Faden und schon vor Jahren spürte ich, dass ich mein Bauchgefühl und meine Intuition unterdrücken musste, wenn ich meine Eltern nicht endtäuschen wollte. Ohne es zu merken ließ ich mich manipulieren und Stück für Stück von meinem Sein abbringen. Ich verlor meine Männlichkeit, mein Gefühl zu mir selbst, bekam Krampfadern in den Beinen, verleugnete meine eigene Sexualität und meine Stärke. Ich hatte so eine Angst, meine Mutter zu verlieren, dass ich fast ich fast vollständig A-sexuell wurde. Und glaubt mir, das hatte nichts damit zu tun, dass ich keinen Bock auf Sex gehabt hätte. Ich fraß die Wut, die sich über die Jahre in mir anstaute so tief in mich hinein, bis ich selbst nicht mehr merkte, dass sie da war. Nur meine Leber weiß es noch und ist dadurch angegriffen, so sehr, dass sie es in einer tiefen Falte auf meiner Stirn deutlich zeigt. Ich leugnete meine Gefühle, die mir sagten, dass ich rebellieren solle, so lange, bis ich glaubte, sie überhaupt nicht mehr zu besitzen.

Nur meine tiefsten Träume habe ich nicht aufgegeben und ich schaffte es sie auf eine ebenso subtile Art weiterzuverfolgen, wie mich meine Mutter davon abbringen wollte. Doch früher oder später, musste es zu einer Eskalation kommen. Man kann kein nomadischer Erdheiler und Abenteurer werden, ohne dass die Eltern etwas davon merken. Die Rebellion musste irgendwann kommen und ich könnte mir gerade selbst dafür in den Arsch beißen, dass ich so lange damit gewartet habe. Vor 11 Jahren und 9 Tagen wäre spätestens die richtige Zeit dafür gewesen. So habe ich mir selbst viel weggenommen, was ich vielleicht nie wieder nachholen kann.

Und wie geht es mir jetzt?

Ich bin noch immer vollkommen perplex, dass meine Eltern mir wirklich offen ins Gesicht sagen, dass wir ab sofort getrennte Wege gehen. Gleichzeitig spüre ich eine nie dagewesene Klarheit und eine große Erleichterung. Es ist, als wäre eine riesige Last von meinen Schultern und von meinem Herzen gefallen. Ich kann offener Atmen und ich fühle mich innerlich frei. Traurigkeit uns Wut spüre ich im Moment nicht. Es ist wie es ist.

Der Tag heute brachte interessanter Weise einige Durststrecken und einiges an hin und her mit sich. Als wir unseren Startort verließen wanderten wir nach Norden, wo wir von einer Radfahrerin aufgehalten wurden, die meinte, wir wären in einer Sackgasse. Wir waren noch keine 200m zurück gegangen, da kam sie uns auch schon wieder entgegen und revidierte ihre Meinung. „Sorry, ich habe mich vertan!“ rief sie. „Euer Weg ist doch der bessere!“ Also drehten wir erneut um und gingen wieder den Weg, den wir eh gehen wollten. Zwei Kilometer später passierte uns die gleiche Situation noch einmal. Nur war es diesmal ein Trecker Fahrer, der uns vom Weg abbringen wollte und diesmal fielen wir nicht mehr so schnell darauf herein. Anstatt den Weg dreimal zu wandern diskutierten wir eine Viertelstunde mit ihm um ihn davon zu überzeugen, dass wir nicht auf dem Holzweg waren. Am Ende malte er uns eine Skizze in den Sand, die wiederum genau den Weg zeigte, den wir uns am Abend selbst bei Google herausgesucht hatten.

Kurz darauf führte uns der Weg in ein Kuhgehege. Das Tor zum hereingehen war offen, das auf der anderen Seite hingegen leider nicht. Also mussten wir unsere Wagen über einen 1,5m hohen Zaun heben und anschließend über das Tor klettern. Die Kühe fanden unsere Aktion absolut faszinierend und kamen neugierig näher. Erst langsam, dann rannten sie plötzlich auf uns zu. Für Heiko war das ein lustiger Anblick, denn er stand zu diesem Zeitpunkt bereits außerhalb der Weide. Ich hingegen hatte für einen Moment lang die Hose gestrichen voll und sah bereits vor meinem geistigen Auge, wie ich in letzter Sekunde mit samt dem Wagen über den Zaun sprang. Mein Verstands-Ich fand dieses Kopfszenario unrealistisch und verwandelte es in eine Situation, in der ich mich gemeinsam mit dem Wagen auf die Schnauze packte und von den Kühen überrannt wurde. Besonders ermutigend war das nicht. Doch die Rinder hatten kein Interesse daran, mich auf die Hörner zu nehmen. Sie wollten lediglich möglichst nahe am Geschehen sein, um gut zusehen zu können. Als wir die Wagen über den Zaun gewuchtet hatten, stellten wir fest, dass Heikos Trinkbeutel nicht mehr da war. Irgendwo musste es vom Wagen gefallen sein. Also sprang ich wieder zurück über den Zaun, durchquerte das Rindergehege und joggte den Weg noch einmal zurück. Nach einem guten Kilometer fand ich den Beutel vor einem ausgetrockneten Flussbett, das wir zuvor durchquert hatten. Das Geholper musste ihn gelockert haben. Heiko hatte meine Abwesenheit genutzt, um unsere Wagen wieder herzurichten. Damit sie beim Überheben nicht zu schwer waren hatten wir unnötigen Ballast abgeworfen: Die riesige Wassermelone, die zusätzlichen Wasserflaschen und derlei mehr. Nun waren wir wieder bereit, weiterzuziehen.

Der erste Teil des Weges war wüstenähnlicher als alles, was wir zuvor durchquert hatten. Der zweite Teil hingegen führte uns in die Berge. Majestätisch und erhaben ragten sie vor uns in die Höhe. Zum Glück führte die Straße zwischen ihnen hindurch, aber trotzdem mussten wir für mehr als 10km stetig Bergauf laufen.

Fast wirkte es, als würde unsere Reise heute nie enden. Baños de Montemayor wollte und wollte nicht auftauchen. Als wir uns sicher waren, es müsste nun direkt hinter der Ecke liegen, zeigte ein Schild an, dass es noch 5 Kilometer waren.

Der Ort selbst war ein kleiner aber sehr touristischer Kurort mit einigen Bädern und vielen alten Menschen. Es dauerte eine Weile, sich in dem verwirrend aufgebauten Bergdorf zu orientieren und unter den vielen Hotels das ausfindig zu machen, das uns aufnehmen wollte, doch schließlich bekamen wir ein Zimmer mit Küche im Apartmenthaus la peña.

Am Abend aßen wir ein paar Tapas in einer Bar, während im Fernsehen ein Stierkampf übertragen wurde. Dagegen waren meine eigenen Stierkampferfahrungen von heute Mittag dann doch eher niedlich.

Spruch des Tages: Bedingungslose Liebe bedeutet, den Lernprozess des anderen auch dann zu unterstützen, wenn man weiß, dass man ihn dadurch verliert.

Höhenmeter: 230 m

Tagesetappe: 24 km

Gesamtstrecke: 4233,97 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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