Tag 216: Ein ganz normaler Tag auf Weltreise

von Franz Bujor
05.08.2014 20:03 Uhr

Bevor ich mich an den eigentlichen Tagesbericht mache möchte ich noch einen Text teilen, den ich gestern Abend von einer Freundin bekommen habe, nachdem sie meinen Bericht über meine Familiensituation gelesen hat. Er stammt von Khalil Gibran und hat mich beim Lesen sehr berührt:

„Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, Denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen, Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen. Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen. Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern. Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden. Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit, und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen. Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein; Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.“

Ich finde es steckt unglaublich viel Wahrheit darin und ich glaube, wenn wir nur dieses Prinzip als Menschheit verstehen und leben würden, dann könnten wir alles Leid der Erde um mindestens 90% verringern.

Noch etwas anderes haben wir an diesem Abend gelesen. Es hat mich auch auf eine Art berührt, hat aber mit dem ersten Thema nicht das Geringste zu tun. Es war nur eine Zahl, aber sie hat mich ziemlich überrascht. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Jugendlichen, die zwischen Schule und Ausbildung oder zwischen Ausbildung und Berufsanfang eine Reise als Rucksacktourist in ein fremdes Land machen um 78% gesunken. 78%! Das ist eine ordentliche Hausnummer! Als Grund wurde angegeben, dass der Rucksacktourismus früher ein Urlaub für Menschen mit kleiner Brieftasche war, heute hingegen ist es etwas für Menschen mit viel Geld. Denn die Lebenshaltungskosten sind auch auf Reisen deutlich teurer geworden und als Jugendlicher ohne Job kann man es sich kaum noch leisten. Die Folge ist, dass der Rucksacktourismus fast vollständig ausstirbt, denn es gibt nur noch entweder Menschen, die ausreichend Zeit aber kein Geld, oder ausreichend Geld aber nicht die Zeit haben.

Als wir im Hotel am Abend unser Essen zubereiteten (Es gab Tomatensalat mit Salami, da wir sonst nicht viel auftreiben konnten), stellten wir fest, machten wir eine erschreckende Entdeckung. Die Caritas hatte uns mit etwas Wurst und Schinken versorgt und zunächst hatten wir uns darüber gefreut, doch jetzt merkten wir, dass alle Geschenke, bis auf eine Salami, schlecht waren. Ein Schinken war bereits seit einem Jahr abgelaufen und das ohne eine kühle Lagerung. Er roch nach reiner Säure und das winzige Stückchen, das wir probierten wurde innerhalb von Sekunden wieder auf den Tisch gespuckt. Wieso verteilte die Caritas solche Spenden? Nichts zu geben war ja ok, aber vergammeltes Fleisch, dass dazu führt, dass die Menschen eine Lebensmittelvergiftung bekommen, wenn sie es wirklich essen?

In der letzten Zeit haben wir oft Fragen und Kommentare bekommen, die deutlich machten, dass sich eigentlich niemand so richtig vorstellen kann, wie unser Alltag als Nomaden eigentlich so aussieht. Daher habe ich beschlossen, den Bericht heute einmal etwas anders aufzubauen, damit ihr euch das besser vorstellen könnt.

8:30 Uhr: Der Wecker klingelt. Wir stellen ihn auf Snoozlen und drehen uns noch einmal um. Heiko nutzt die Zeit vor dem Aufstehen meistens zum Visualisieren von Zielen oder Träumen. Er stellt sich dann die Dinge vor, die er erreichen will, so als hätte er sie bereits erreicht. Auf diese Weise kann man den Magnetismus ausrichten und den Erfolg in sein Leben ziehen. Ich verbringe meine Zeit meist damit, mir vorzunehmen, irgendetwas zu visualisieren. Dann schweife ich in Gedanken ab oder schlafe wieder ein.

8:45 Uhr: Einer von uns (meistens Heiko) steht auf und geht aufs Klo. Anschließend rappelt sich auch der andere auf. Schlaf wird aus den Augen getrieben und die Knochen werden sortiert. Heute haben wir nach dem Wachwerden als erstes die Strecke bei Google-Maps rausgesucht, die wir heute laufen wollten. Normalerweise machen wir das Abends, aber da hatte unser Internet versagt. Ich packte die Computertasche und das Badezimmer ein, Heiko die Lebensmittel und die Küchenkiste. Anschließend schaut jeder noch einmal durch, ob wir nichts vergessen haben, dann verlassen wir das Zimmer.

9:15 Uhr: Wir verabschieden uns bei der Hotelrezeption und bedanken uns für die gute Nacht. Unsere Wagen befanden sich heute in einem Lastenaufzug, sonst stehen sie oft in leeren Sälen oder in der Parkgarage. Jeder packt seinen Wagen, die Wasserflaschen werden aufgefüllt und wir kontrollieren noch einmal, dass nichts liegen bleibt.

9:30 Uhr: Aufbruch! Manchmal gelingt es uns deutlich früher, manchmal wird es etwas später, aber im Schnitt liegen wir im Moment bei etwa 9:30 Uhr. Zum Frühstück gibt es im Moment einiges an Obst auf die Faust. Von jetzt an wird gewandert. Dabei reflektieren wir meist die Ereignisse des vergangenen Tages oder der letzten Zeit, erzählen uns gegenseitig von Nachrichten, die wir bekommen haben, sprechen über den Film, den wir uns am Abend anschauten oder besprechen unsere Forschungsergebnisse. Dies ist auch die Zeit, in der Themen angesprochen werden, die uns gerade beschäftigen und die manchmal auch recht hart ausgedrückt werden.

Wenn alles gut läuft wird es eine entspannte Wanderung durch eine schöne Landschaft, bei der wir regelmäßig Pausen machen können und die uns neue Impressionen von der Welt einbringt. Manchmal begegnen uns Tiere oder interessante Menschen, manchmal wundern wir uns über abstrakte Lebensverhältnisse, unbekannte Produktionsweisen von Lebensmitteln oder ähnlichem und stellen fest, wie krank oder gesund die Menschen in der Region aussehen. Die Wanderung ist aber auch die Zeit, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachgeht, in der wir einfach nur beobachten oder in der wir Geschichten aus alten Zeiten erzählen. Heute hatten wir etwas Pech, denn die Einheimischen, die wir nach dem Weg fragten, wiesen uns in eine Richtung, in der wir rund drei Kilometer durch ausgetrocknete Flussbetten einen Berg hinauf marschieren mussten. Mit Entspannung hatte das wenig zu tun. Später stellten wir fest, dass uns unsere Googlekarte streckentechnisch sowohl von der Länge als auch von den Höhenmetern her betrogen hatte. So wurde es heute die anstrengendste Etappe seit Reisebeginn, die einfach nicht enden wollte.

17:30 Uhr: Ankunft in Santibáñez de Bejar, unserem Zielort. Die Zeit ist nicht wirklich repräsentativ, denn heute dauerte die Wanderung extrem lange. Aber auch solche Tage kommen immer wieder vor. Aus dem Camino de Norte hatten wir sogar Tage, an denen wir unseren Zielort erst um 19:00 oder 20:00 Uhr erreichten. In der letzten Zeit kommen wir normalerweise jedoch zwischen 12:00 und 15:00 Uhr an. Dies liegt aber unter anderem auch daran, dass wir kaum mehr Pausen unterm Wandern machen, weil es einfach keine Schattenplätze gibt.

17:31 Uhr: Heiko hat einen Platten! Mal wieder! Wir suchen einen Platz im Schatten und während er seinen Reifen flickt, mache ich mich auf die Suche nach einem Schlafplatz. Zu dieser Aufteilung haben wir gestern die Frage bekommen, warum wir uns damit nicht abwechseln. Wäre es nicht gerechter, wenn mal der eine und mal der andere nach Essen und Unterkünften fragt? Es wäre gleicher, aber nicht unbedingt gerechter, denn jeder hat seine Aufgaben und jeder hat sie aus einem bestimmten Grund. Zunächst einmal spricht Heiko kein Spanisch, was es für ihn zumindest in dieser Region deutlich komplexer machen würde, nach etwas zu fragen. Zweitens kommt uns beim Fragen mein unbestechlicher Welpenbonus zu gute und drittens ist es jedes Mal aufs neue eine wichtige Trainingseinheit für mich. Heiko hat in seiner Zeit bei der Allianz viel über das Verkaufen gelernt und hat es nahezu perfektioniert. Für ihn bringt es also nichts neues. Dafür kann er mich bei meinen Gesprächen coachen und so konnte ich meine Strategien seit beginn der Reise deutlich verbessern. Es ist also nicht nur ein Job, sondern auch ein Lernprinzip. Zugegebenermaßen kommt es nicht selten vor, das ich die Aufgabe gerne an Heiko abtreten und mir einen Platz im Schatten suchen würde. Doch das liegt vor allem daran, dass Sommer ist. Im Winter ist die Aufgabe des Wagenwächters durchaus keine angenehme. Heiko verbringt die Zeit bis zu meiner Rückkehr meist mit Lesen, Beobachten oder Meditieren. Wenn er etwas spannendes herausgefunden hat, dann tauschen wir uns später darüber aus und dadurch profitiere auch ich wiederum.

18:25 Uhr: Ich komme mit einer Salami und einer Schlafplatzzusage zurück. Je nach Tagessituation schwankt die Zeit, die ich zum Auftreiben einer Unterkunft brauche zwischen drei Minuten und drei Stunden. Im Schnitt liegt sie denke ich so bei einer Stunde, weil meistens irgendetwas zeitraubendes passiert. Heute hat es vor allem deshalb so lange gedauert, weil der Bürgermeister, der uns den Schlüssel für einen Gemeindesaal überreichen wollte, zunächst einmal 20 Minuten mit telefonieren beschäftigt war. Er war gleichzeitig der Inhaber eine Bar und stand mit seinem Handy am Ohr hinter dem Tresen, während er alle anwesenden Gäste mit bewundernswertem Gleichmut ignorierte. Mich eingeschlossen. Nachdem ich ihm unser Anliegen hatte vorbringen können, wühlte er für weitere 15 Minuten in einer Schublade herum, um den Schlüssel zu suchen. Schließlich gab er es auf, schickte einen Boten zum Rathaus und bat mich Heiko zu holen und dann wieder zu kommen.

18:40 Uhr: Wir treffen wieder an der Bar ein und warten erneut auf den Bürgermeister, der sich diesmal in aller Seelenruhe mit einem gast unterhält, während er wieder alle anderen anwesenden ignoriert. Gut 10 Minuten später kommt der Bote mit dem Schlüssel zurück und führt uns zu unserem Schlafsaal. Er ist stockbesoffen und erzählt uns alles mindestens drei Mal. Vor allem wie man einen Lichtschalter bedient. Irgendwie kommen in uns Erinnerungen an den Pfarrer von Gijon auf. Der kleine Mann mit der feuerroten Schnapsnase stellt sich als äußerst anhänglich heraus und will einfach nicht wieder gehen.

19:00 Uhr: Wir haben es geschafft, den alten Mann loszuwerden und beginnen unseren Streifzug durch die Stadt. Wir sind ausgehungert und erschöpft, haben aber fast keine Nahrungsvorräte mehr. Heiko sucht nach einem w-LAN-Punkt zum Arbeiten und ich suche nach einem kleinen Laden und einigen Bars um Wasser und Essen aufzutreiben. Der kleine Laden ist äußerst spendabel und versorgt uns fast alleine für den ganzen Abend. Wasser ist dafür eher etwas knapp und die Privatleute stellen sich als eher unspendabel heraus. Heute brauchen wir für die Nahrungssuche rund 30 Minuten. Das ist eine gute Zeit für Spanien. Wir haben es auch schon in 5 Minuten geschafft und es hat auch Tage gegeben an denen hat es drei Stunden gedauert. Gestern zum Beispiel.

19:30 Uhr: Wir beginnen mit dem Arbeiten. Heiko lädt die Bilder von den Kameras herunter, bearbeitet sie im Photoshop, konvertiert sie in eine Internetgröße und gibt ihnen webrelevante Namen. Anschließend lädt er sie auf unseren Blog. Je nachdem wie viele Fotos er gemacht hat, dauert dies zwischen 20 Minuten und 2 Stunden. An extremen Tagen auch mal länger oder kürzer. Da ich meist länger brauche beginnt er dann mit weiteren Recherchen, verknüpft bereits herausgefundene Sachverhältnisse miteinander um ein verständliches Bild daraus zu erschaffen, bearbeitet e-Mails oder schlägt Fragen nach, die im Laufe des Tages aufgekommen sind. Ich schreibe derweil den Tagesbericht. Je nachdem, wie viel wir erlebt haben und wie gut ich in den Schreibfluss komme brauche ich dafür zwischen 1 und 3 Stunden. Heute wird es wohl in einer klappen!

20:30 Uhr: Ich werde mit dem Bericht fertig sein und stelle ihn ins Internet. Dies dauert noch einmal zwischen 15 und 20 Minuten, da die Bilder eingebettet werden müssen und ich die Texte mit Suchwörtern und Suchmaschinenoptimierung versehe. Anschließend wird alles bei Facebook geteilt und an Jürgen, unseren Programmierer geschickt, der den Bericht dann auf www.heiko-gaertner.de ebenfalls einstellt. Dann suche ich den Streckenverlauf für morgen heraus. Wenn mehr Zeit ist als heute und es nichts spanendes in der Umgebung unseres Aufenthaltsortes zu sehen gibt, nutzen wir den rest des Nachmittags zum beantworten von Mails, zum klären von Organisatorischem und für unsere Forschungen und Recherchen. Heiko sucht dabei die Sachverhältnisse heraus und strukturiert sie so, dass die Zusammenhänge klar ersichtlich sind. Er trenn Wissen von Bullshit, untersucht Darstellungen und Gegendarstellungen auf ihre Plausibilität, stellt Forschungsfragen sucht nach Statistiken und Studien, die er dann ebenfalls auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüft und behält bei all dem den Überblick über das große Ganze. Anschließend gehe ich sein vorverarbeitetes Material durch und formuliere einen Fließtext daraus, der dann in de Blogartikel mit einfließt. Alles, was wir auf diese Weise herausfinden und clustern, besprechen wir dann wiederum während der Wanderung und gleichen die Ergebnisse mit dem was wir unterwegs sehen und fühlen ab.

21:00 Uhr: Wir werden mit dem Kochen beginnen. Wie es aussieht gibt es heute Tomatengemüse mit Reis und Salami. Je nachdem was wir zu essen haben oder ob wir irgendwo eingeladen werden, schwankt die Dauer dafür sehr stark. Heute tippe ich mal auf eine gute Stunde plus Essenszeit.

22:00 Uhr: Wir bedanken uns für das Essen, das wir erhalten haben, segnen es mit positiven Gedanken und hauen anschließend ordentlich rein. Vielleicht schauen wir dabei eine Folge von How I met Your Mother oder 2 Broke Girsl.

22:30 Uhr: Da Heiko gekocht hat, werde ich dem Abwasch machen.

22:45 Uhr: Wir bauen unser Nachtlager auf und legen uns hin. Aufgrund der wenigen Zeit werden wir wahrscheinlich einfach einen Film schauen und dann schlafen. An Tagen mit mehr Zeit machen wir noch Heilungsübungen, Meditationen oder Massagen.

00:30 Uhr: Der Film ist vorbei. Wir löschen das Licht, schließen alle elektronischen Geräte an die Steckdose und stellen den Wecker. Vor dem Einschlafen macht jeder noch seine Ohrakupressur. In der Nacht wird Heiko mindestens 2 Mal aufs Klo gehen. Ich muss nachts normalerweise nie raus. Im Moment träumen wir beide recht viel, doch ich kann mich meist nicht daran erinnern. Dann beginnt der neue Tag und davon werde ich euch morgen berichten.

Spruch des Tages: Ein ganz normaler Tag auf Weltreise

Höhenmeter: 680 m

Tagesetappe: 32 km

Gesamtstrecke: 4280,97 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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