Tag 221: Wirtschaftskrise in Spanien

von Franz Bujor
12.08.2014 17:55 Uhr

 

Unsere Gastfamilie faszinierte uns total. Den ganzen Tag und die halbe Nacht waren 6 Kinder im Haus und trotzdem ging es fast immer ruhig und gesittet zu. Natürlich spielten die kleinen und wurden auch hin und wieder laut und wild, doch nie so, dass man dachte, es geriete außer Kontrolle. Sobald der Großvater etwas sagte, kehrte sofort wieder Ruhe ein und dabei wurde er selbst niemals laut. Oft reichte sogar ein Blick von ihm um die Kinder zu beruhigen. Auch am Essenstisch ging es friedlich und gesittet zu und am Abend gab es eine verhältnismäßig klare Struktur, wann welches Kind ins Bett gebracht wurde.

Nachdem die Kinder schlafen gegangen waren, saßen wir noch lange mit dem Großvater, seinem älteren Sohn, seiner Schwiegertochter und seiner älteren Tochter zusammen. Dass die Kinder so lange aufbleiben durften lag daran, dass die Monate Juli und August komplett für von den Sommerferien ausgefüllt waren. Daher traf sich die ganze Familie auch hier in der Sommerresidenz. Das einzige, woran wir uns wirklich erst gewöhnen mussten, waren die Essenszeiten. Um 21:30 Uhr wurde mit den Vorbereitungen begonnen und kurz nach zehn stand das Abendessen auf dem Tisch.

Die älteste Tochter des Hauses studierte gerade Kriminologie und der Vater kommentierte den Bericht mit einem Bitteren Witz über die Zukunftsaussichten: „Sie kann damit Polizistin oder Detektivin werden. Oder arbeitslos!“ Er lachte kurz, doch die ganz als Witz hatte er es nicht gemeint. Die Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen betrug nach offiziellen Statistiken mehr als 55%. Die Wirklichkeit war wahrscheinlich sogar noch deutlich schlimmer. „Für die Jugendlichen und auch für ihre Eltern ist das eine sehr üble Situation!“ fuhr er fort. „Denn jeder, der eine Ausbildung beginnt weiß, dass seine Chancen, in Spanien jemals einen Job zu finden, nicht einmal 50% betragen. Wie motiviert kann man seine Ausbildung damit absolvieren? Doch es geht sogar noch weiter in die Kindheit hinein. Selbst ein Grundschüler weiß, dass er wahrscheinlich in der Arbeitslosigkeit enden wird, wenn er erwachsen ist. Mit viel Glück bekommt er vielleicht einen Job in einer Bar oder an einer Tankstelle. Doch warum sollte man sich dafür anstrengen? Dass es hier zu Depressionen, Hoffnungslosigkeit und Resignation kommt, ist daher nicht verwunderlich.

Das akute Problem begann nach den Erzählungen des Großvaters vor 6 Jahren mit dem Beginn der Wirtschaftskriese. Auch davor gab es immer wieder Krisen und auch da ging es dem Land schon längst nicht mehr gut, doch bis 2007 konnte man die Situation durch Flickschusterei und Tricks mehr oder weniger kitten. Dann jedoch brach das Kartenhaus in sich zusammen. Kurz zuvor hatte es den großen Bauboom gegeben, der für einen kurzfristigen Schwung an Arbeitsplätzen und an wirtschaftlichem Aufschwung sorgte. Doch er hatte kein wirkliches Fundament und so kam es schließlich zur großen Krise. Das Problem ist jedoch, dass diese Krise nicht einfach nur eine Krise ist, sondern ein echter Systemzusammenbruch, von dem sich das Land kaum mehr erholen kann. Denn durch den Bauboom fanden viele junge Menschen einen Job, auch ohne dass sie eine Ausbildung hatten. Nun stehen sie auf der Straße und haben weder eine Arbeit noch irgendeine Ausbildung, mit der sie eine Chance hätten. Es ist eine verlorene Generation, für die es keine Zukunft gibt. Viele junge Menschen, die eine Ausbildung haben gehen daher nach Lateinamerika, vor allem Chile und Brasilien. Besonders Ärzte und Ingenieure haben dort bedeutend bessere Chancen, denn die Wirtschaft in diesen Ländern ist eher im Aufschwung als im Zusammenbruch. Vor einigen Jahren war Solarenergie ein großes Thema in Spanien. Viele Ingenieure haben sich darauf spezialisiert. Dann hat die Regierung von einem Tag auf den anderen alle Gelder dafür gestrichen. Die Projekte wurden nie fertiggestellt und die Ingenieure saßen auf der Straße. Für die meisten blieb nur noch ein Ortswechsel nach Chile, denn dort ist die Solarenergie groß angesehen.

Bei uns gab es einen Lauten Aufschrei, als es hieß, das Deutschland über den Europäischen Rettungsschirm die Südländer wie Spanien, Italien und Griechenland großzügig unterstützen solle. Doch aus Sicht der Bevölkerung in diesen Ländern ist es sogar noch schlimmer. Denn mit dem Geld wurde ja nicht das Volk unterstützt, sondern nur die Banken und die Regierung. Das Volk hier zahlt dafür ebenso wie die Menschen in Deutschland. Doch mit dem Geld kam auch eine absolute Abhängigkeit. Wir haben uns schon ein paar Mal darüber gewundert, dass die Menschen uns häufig mit wahren Hasstiraden auf Angela Merkel begegneten, sobald sie erfuhren, dass wir aus Deutschland stammten. Jetzt konnten wir es zum ersten Mal verstehen. Unsere liebe Frau Merkel ist hier dank ihres Engagements das Sinnbild für den Rettungsschirm und damit auch für die Abhängigkeit Spaniens. Wenn Merkel sagt, dass ab sofort keine Gelder mehr in die Schulen fließen dürfen, weil gespart werden muss, dann wird das hier gemacht. Zumindest kommt es hier so an. Denn dass es nicht wirklich Angela Merkel ist, die die Fäden in der Hand hält und die entscheidet, was mit Spaniens Zukunft passieren soll, ist kein großes Geheimnis. Dafür stehen zu viele andere Interessenten hinten dran. Doch für die Spanier spielt das kaum eine Rolle. Noch vor einigen Jahren war das Schulsystem so strukturiert, dass jede Klasse einen Lehrer und einen Betreuer für Problemfälle hatte. Dies war zu teuer und so wurde der Betreuer abgeschafft. Zeitgleich mit der großen Depression und der Hoffnungslosigkeit der Schüler durch die schlechte Jobsituation könnt ihr euch sicher vorstellen, wie gut man als Lehrer hier noch arbeiten kann.

Als es vor Jahren in Island zu einer Wirtschaftskrise kam, wurden die verantwortlichen Politiker und Bankiers zur Rechenschaft gezogen und eingesperrt. Hätte man das nicht getan, wären sie wahrscheinlich von der isländischen Bevölkerung gelyncht worden. Es kam zu einer kurzen Landflucht, doch die Menschen merkten, dass sie in den Städten nicht besser dran waren und zogen wieder zurück. Obwohl Island fast keine Landwirtschaft und außer dem letzten bisschen Fischfang nur noch die Aluminiumindustrie als Einnahmequelle hat, rückte alles innerhalb von kurzer Zeit wieder in seine gewohnten Bahnen zurück. Was unterscheidet die Kriese von Island also von der spanischen?

Der Großvater erklärte uns, das ein Politiker in Spanien absolute Immunität hat. Verzapft er irgendeinen Scheiß, muss er sich danach nicht einmal großartig rechtfertigen. Für seine Fehler kann er nicht belangt werden und so kann es hier auch nicht zu einer Gerechtigkeit in diesem Bereich kommen. „Unsere Regierung ist schlimmer als die Italienische Mafia!“ sagte er bitter, „sie handeln nicht mit Drogen und erschießen niemanden auf offener Straße, aber ihre Strukturen sind die gleichen. Ihr müsst euch das System einmal genau vorstellen! Spanien hat weniger Einwohner als Deutschland, aber drei Mal so viele Politiker. Es gibt die Staatsregierung, dann gibt es die Autonomen Staaten darunter, die wieder in kleinere Bereiche eingeteilt sind uns so weiter. Das alles kostet einen Haufen Geld und bringt dem Volk überhaupt nichts. Doch die oberen Politiker kungeln untereinander wie bei einer Vetternwirtschaft und schieben sich gegenseitig das Geld zu. Ihr habt euch bestimmt gefragt, warum so viel gebaut wird, obwohl die Straßen und Gebäude nicht gebraucht werden und obwohl doch angeblich kein Geld da ist. Überlegt euch das noch einmal: In Spanien gibt es deutlich mehr Flughäfen als in Deutschland. Sie sind größer und moderner, aber absolut unnütz. Sie gehen kaputt weil sie nicht gebraucht werden. Wir haben richtige Geisterflughäfen. Das gleiche gilt für Autobahnen, Schnellstraßen Bibliotheken, Einkaufszentren, Wohnhäuser, Sporthallen und sogar Formel-1-Rennstrecken. In Valencia wurde eine ganz neue gebaut und sie ist nie benutzt worden. Wollt ihr wissen, warum das alles passiert? Der beste Freund vom Minister für das Bauwesen ist der Chef eines großen Bauunternehmens.“

„Das gibt’s ja gar nicht!“ rief ich und nachdem ich es für Heiko übersetzt hatte, prustete auch er laut los.

„Doch,“ antwortete der Großvater, „es kommt sogar noch schlimmer: „Nehmen wir einmal an, ein Gebäude, das gebaut wird, kostet eine Million Euro. Dann werden sechs Millionen dafür veranschlagt und die Regierung stellt das Geld aus den Steuergeldern zur Verfügung. Die fünf Millionen, die über sind, fließen dann in die Taschen der Politiker und der anderen Beteiligten die geschmiert werden wollen. All das wird von den Steuerzahlern finanziert, von denen die meisten jedoch arbeitslos sind. Im Gegenzug verzichten wir inzwischen auf nahezu jede Unterstützung vom Staat. Wer Obdachlos wird hat Pech und muss sehen wie er durchkommt. Unterstützung bekommt er keine. Genauso ist es mit der Betreuung von chronisch Kranken und Behinderten. Meine Mutter hat Parkinson und da wir eine große Familie sind ist es für uns nicht weiter schlimm, sich um sie zu kümmern. Jeder kümmert sich ein bisschen und so fällt es keinem wirklich auf. Doch stellt euch einmal vor, ihr seit mit einem Alzheimerpatienten alleine. Was wollt ihr da machen. Auf der einen Seite müsst ihr sie 24 Stunden betreuen, auf der anderen Seite müsst ihr aber auch arbeiten um sie und euch zu ernähren. Eine Hilfskraft könnt ihr euch nicht leisten, denn dafür reicht das Geld nicht. Und eine Hilfskraft vom Staat gibt es nicht.“

„Wie ist es hier eigentlich mit den Renten?“ wollte Heiko wissen, „in Deutschland sind wir fast soweit, dass jeder Rentner nur noch von einem Arbeitenden finanziert wird. Natürlich dauert es noch ein paar Jahre, bis es soweit ist, aber die Tendenz geht deutlich in diese Richtung. Wie ist es hier?“

„Wir sind da schon einige Schritte weiter, würde ich sagen,“ antwortete der Mann, „im Moment ist das Verhältnis 1:1,5, also 3 Arbeiter kommen für die Rente von 2 Pensionierten auf. Das ist noch ein Zeichen, an dem man merkt, dass unser System eine Ruine ist. Wenn die Rente alles wäre, für das wir zahlen, dann würde es funktionieren, aber es kommen ja noch die Steuern und alles andere hinzu. Dadurch reicht das Geld am Ende dann weder für die arbeitende Bevölkerung noch für die Rentner. Ich sage ja, das Wirtschaftssystem in Spanien ist eine Ruine. Es ist längst zusammengebrochen und wird nur noch notdürftig mit einem morschen Balken über Wasser gehalten, aber funktionieren kann es schon lange nicht mehr. Wenn wir je wieder aus der Misere rauskommen wollen, dann muss sich im ganzen Sozialgefüge etwas drastisch verändern. Und genau darin liegt das Problem. Ich hasse es Dinge zu sagen wie ‚Die Spanier sind so und so’, denn jeder Mensch ist verschieden, aber es gibt doch einige Grundmentalitäten, die uns ausmachen. Und dazu gehört leider auch, dass es uns unglaublich schwer fällt, als Team zu arbeiten. Wir sind ein Haufen von Individualisten, die alle für sich alleine versuchen, ihre Probleme in den Griff zu bekommen. Es fällt uns schwer, uns zusammenzuschließen, es fällt uns schwer zuzuhören und es fällt uns schwer zu sagen, dass die Idee eines anderen besser ist als unsere eigene. Dadurch werden wir so leicht zu Spielbällen. Das Volk ist nicht dumm! Wir wissen, dass hier einiges schief läuft und wir wissen auch, dass es so nicht weitergehen kann. Aber wir sind wie Don Quichotte und versuchen alleine gegen den Rest der Welt zu kämpfen. Das kann nicht gutgehen. Ohne eine gemeinsame Front sind wir machtlos. Das merkt man im kleinen und auch im großen. Nehmt einmal die Landwirtschaft. Früher hatte hier jeder seine eigenen Felder, doch nach und nach haben die großen Betriebe alle anderen vertrieben. Das war leicht, weil keiner einen Rückhalt hatte. Wir lassen uns zu schnell übers Ohr hauen! Ein anderes Beispiel: In der Region von Cáceres wird eines der besten Olivenöle der Welt angebaut. Alles wird von einem großen Großunternehmer für einen Euro pro Liter aufgekauft und nach Italien verfrachtet. Dort wird es dann in schöne Flaschen abgefüllt und bekommt die winzige Aufschrift „Produziert in Spanien, verfüllt in Italien“. Ab diesem Moment kostet der Liter 12€ und das Öl geht in die ganze Welt. Versteht ihr, warum wir uns in dieser Lage befinden? Spanien ist am Ende und nicht nur Spanien, sondern auch Griechenland und Italien und Frankreich ist auf dem besten Weg dorthin.“

Als wir schließlich ins Bett gingen war es bereits nach 1:00 Uhr. Es war unser erstes wirklich langes Gespräch mit einer Familie in Spanien gewesen.

„Was mir gerade auffällt,“ sagte Heiko, als wir in unserem Zimmer waren, „ist, dass wir hier in einer Familie sind, die sich für Spanien ausgesprochen gesund ernährt und die darauf achtet, dass sie insgesamt sehr gesund lebt. Und es war gleichzeitig auch die erste Familie, die wir kennengelernt haben, die wirklich über das System reflektiert und die sich wirklich Gedanken macht. Meinst du das ist ein Zufall?“

Am nächsten Morgen frühstückten wir noch bei unserer Gastfamilie und brachen dann weiter in Richtung Avila auf. Der Weg wurde wieder bergiger, führte uns jedoch noch immer ausschließlich durch Weizenfelder. Nach rund 16km erreichten wir San Garcia de Ingelmos. Der Ort war noch etwas kleiner, als der von gestern und es gab nur eine einzige Bar. Dort trafen wir nach etwas Wartezeit auf den Bürgermeister, der uns einen Veranstaltungsraum im Rathaus zur Verfügung stellte. Zuvor durften wir in der Bar noch etwas zu Mittag essen. Beim Warten auf den Bürgermeister wurden wir von einem älteren Mann angesprochen, der nach einiger Zeit erzählte, dass er eine kranke Schwester hatte, die er daheim Pflegte. Sie litt an einem akuten Calciummangel, der dazu führte, dass sie Glasknochen bekam. Als wir ihm erzählten, dass man den Calciumhaushalt relativ simpel mit gemahlenen Eierschalen aufbessern konnte, war er zunächst begeistert. Dann sagte er jedoch: „Ich glaube, ich kann das nicht machen! Sie ist bei einem Arzt in Therapie und bekommt bereits Medikamente. Wenn ich ihr noch etwas anderes gebe, dann wird mich der Arzt dafür rügen. Wahrscheinlich würde es alles durcheinander bringen. Aber vielen Dank für die Idee.“

Als er ging, blickten wir ihm traurig hinterher. Welche Angst musste er vor der Allmacht des Arztes haben, dass er lieber zusah, wie seine Schwester starb, als sich der Auseinandersetzung mit dem Doktor zu stellen und es mit den Eierschalen wenigstens zu versuchen. Selbst wenn es nicht genug half um sie zu heilen, so konnte es ihre Leiden zumindest etwas lindern und es würde nichts verschlechtern.

Spruch des Tages: Wir sind das Afrika von Europa (Vater unserer Gastfamilie)

 

Höhenmeter: 140 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 4388,97 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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