Tag 222: Weg mit den alten Masken

von Franz Bujor
12.08.2014 18:17 Uhr

Seit wir vor einigen Wochen begonnen haben, uns intensiv mit gesunder und krankmachender Nahrung auseinanderzusetzen, haben wir unsere Ernährung schrittweise umgestellt. Zunächst verzichteten wir nur auf Zucker. Dann generell auf Weißmehlprodukte und seit kurzem außerdem noch auf Schweinefleisch und weitgehend auf Milchprodukte. Warum wir das machen werde ich in den nächsten Tagen Stück für Stück erklären. Spannend ist aber, was es für eine Wirkung auf uns hat.

So haben wir zum Beispiel gestern erst gelesen, dass der Entzug von Weizenprodukten unter anderem Depressionen, Konzentrationsstörungen und Stimmungsschwankungen auslösen kann. Ähnlich ist es mit Zucker. Dabei ist Entzug nicht als Metapher gemeint, sondern wirklich als Entzug, denn nach dem was wir herausfinden konnten, enthalten beide Nahrungsmittel sogenannte Opiate, die einen wirklich abhängig machen. Deshalb fällt es uns auch so schwer, darauf zu verzichten. Erst wo wir es lasen fiel uns auf, dass wir alle Symptome in den letzten Wochen voll ausgekostet hatten. Stimmungsschwankungen von absoluten Höhen bis hin zu Depressionen waren an der Tagesordnung. Gereiztheit und Konzentrationsstörungen ebenfalls. Ganz offensichtlich hatten die Untersuchungen also Recht.

Vor knapp zwei Jahren habe ich meinen ersten One-Moon geleitet. Es ist ein Extremseminar, bei dem wir für 28,5 Tage, also für genau eine Mondphase draußen in einem Wald in Franken lebten und uns ausschließlich von dem ernährten, was die Natur uns bot. In unserem Fall waren das neben Wildkräutern, ein paar Brombeeren, einigen Fischen und Mäusen und etwas Holunder vor allem Äpfel. Nach zwei Wochen waren wir durch diese Nahrungsreduzierung so erschöpft, dass wir kaum mehr aufrecht laufen konnten. Jeder Handschlag kostete Kraft. Der Weg zur Quelle, auch wenn sie nur gut 150m entfernt lag, wurde zum Kraftakt. Alles dauerte rund drei Mal länger als geplant und für jede neue Aktion mussten wir uns überwinden. Nach den ersten 14 Tagen beriefen wir einen Redekreis ein, in dem wir dann eine Entscheidung trafen. Wir beschlossen, ab sofort Kartoffeln und Möhren hinzuzukaufen und unsere Nahrung damit anzureichern, um nicht vollkommen lethargisch zu werden. Außerdem nahmen wir das Angebot eines Bauern an, der in der Nähe wohnte und der uns eines seiner Schlachtkaninchen überlassen wollte. Nach dem Highlightbraten, den wir über dem offenen Feuer zubereiteten und mit den Kartoffeln zum Abendessen ging es wieder etwas bergauf, doch noch immer waren wir deutlich geschwächt. Damals verstanden wir, dass das Überleben in der Wildnis nur dann möglich war, wenn man regelmäßige Jagderfolge verzeichnen konnte. Doch das war in Deutschland kaum möglich.

Als ich wieder nach hause kam und von meinen Erfahrungen berichtete, lachte Heiko nur und meinte, dass er bei seinem One-Moon exakt die gleichen Erfahrungen gemacht hatte. Für uns stand fest: Ohne regelmäßigen Fleischverzehr war das Leben von der Natur nicht möglich. Nicht, wenn man sich noch körperlich betätigen musste und wollte.

Durch die vielen Dinge, die in meinem Kopf herumgeisterten ist es mir in den letzten Wochen nicht aufgefallen, doch gerade sind wir dabei, diese selbst erstellte These zu widerlegen. Klar leben wir nun nicht komplett von Wildnahrung aber an vielen Tagen bestand unser Speiseplan ausschließlich aus Salat, Tomaten und Obst. Unser Kopf sagte uns, dass dies niemals ausreichen könne, um 20km am Tag mit 45kg Gepäck am Hintern durch die Berge zu wandern. Doch unsere Körper schafften es. Mehr noch, wir fingen an zu entgiften und fühlten uns oftmals sogar energiegeladener als zuvor. Gestern Abend haben wir mal wieder Zeit für eine Massage gehabt und festgestellt, dass Heikos Beinmuskeln und auch sein Rücken deutlich weniger verspannt waren. Bei mir haben sich die Verspannungen etwas verlagert. Dass sie besser geworden sind, kann ich noch nicht sagen aber auch ich spüre, dass sich etwas verändert. Doch die Tatsache, dass wir unser normales Tagespensum schaffen obwohl wir nur ein paar Bananen oder Pfirsiche im Bauch haben, zeigt, dass sich der Körper wirklich wieder umstellen kann. Auch dass wir tagelang durch die pralle Sonne laufen können, ohne dass es uns noch groß etwas ausmacht, fasziniert und immer wieder. Ok, Heiko hat sich heute einen mächtigen Sonnenbrand zugezogen, aber wir sind ja auch gerade bei der Umstellung auf das neue Sonnenöl. Heute haben wir herausgefunden, dass man sich noch einmal nachcremen muss, wenn man sich zu lange in der Sonne aufhält. Doch abgesehen davon sind wir von den Ölen begeistert. Es fühlt sich tausendmal besser auf der Haut an, als die Sonnencreme, es riecht gut und der Sonnenschutz funktioniert, solange man es nicht übertreibt.

Mit unseren neuen Paketen sind auch andere Reinigungsmittel für den Körperputz von innen angekommen. Wir nehmen nun täglich Chlorella- und Spirulina-Algen sowie Bärlauch Extrakt zum ausleiten von Schwermetallen und Aluminium. Außerdem Basika-Salz für den Ausgleich vom Säure-Basen-Haushalt und Brennesselsaft zum Entgiften im Allgemeinen. Dass die Sachen wirken, merken wir auf jeden Fall, wenngleich wir natürlich noch nicht sagen können, was es langfristig bringt. Aber der Darm rumort und arbeitet dass es kracht und die Blase fährt zu neuen Höchstleistungen auf. Gestern musste ich mindestens 6 Mal unter der Wanderung zum Pinkeln. Heute ist es schon wieder etwas weniger.

Der einzige Nachteil, den die Nahrungsumstellung mit sich bringt, ist das viele Gewicht. Heiko hat heute Nachmittag einmal die alten Bilder vom Beginn unserer Reise wieder durchgeschaut. Dabei ist uns aufgefallen, dass wir am Anfang kein bisschen Essen mit uns herumgetragen haben. Wenn wir etwas brauchten, dann haben wir danach gefragt. In Frankreich hatten wir dann eine Tüte dabei und dachten es sei viel. Heute ist Heikos Wagen teilweise mit mehr als 15kg Obst und Gemüse beladen.

Landschaftlich hat sich gegenüber gestern und den letzten Tagen noch immer nicht viel verändert. Das Weizenfeld durch das wir wandern ist nun bereits 40km lang und wurde nur deshalb beendet, weil ein Bergkamm kam. Die letzten 6 Kilometer sind wir dann in ein hügeliges Bergland gekommen, in dem große Felsbrocken verteilt liegen, wie auf einem Streuselkuchen.

Auf halber Strecke machten wir mitten in der Steppe eine Pause. Links von uns lagen zwei große Steine, die wir als perfekten Ort für das Ritual ausmachten, das wir heute abhalten wollten. Am Abend vor unserer Reise haben wir uns aus Ton jeweils eine kleine Maske geformt, in die wir unsere Wünsche und Aufgaben für die Reise gelegt haben. Wir haben die Hüter des Waldes, des Feuers, der Erde, des Wassers, der Winde und des Geistes gebeten, und auf unserer Reise zu begleiten und uns die Situationen und Aufgaben zu schenken, die wir benötigen um wachsen zu können. Im Laufe der Reise habe ich meinen Wunsch oft bereut, denn ich hatte darum gebeten, die Aufgaben zu bekommen, die mir halfen, in meine Männlichkeit zu kommen. Das führte natürlich dazu, dass ich oft in Situationen geriet, die große Chancen aber auch harte Prüfungen für mich darstellten. Heiko hatte um vollkommende Heilung gebeten und hatte seither immer deutlicher gespürt, was ihm im Leben Kraft gibt und was ihm welche raubt. Auch das war nicht immer einfach, denn so wurde er sensibel für alles störende, laute und schädigende.

Heute sind wir nun genau 222 Tage unterwegs und es ist Zeit in eine neue Phase einzutreten. Ich habe verstanden, dass ich mich von meiner Maske lösen muss, um mein wahres, inneres Selbst zu finden und für Heiko ist es an der Zeit, in den Schöpfungsprozess der Heilung zu vertrauen. Aus diesem Grund haben wir uns nun von den Masken verabschiedet und sie auf den Steinen in der Sonne zurückgelassen. Das alte wird Losgelassen und etwas neues darf kommen. Die alten Masken wurden abgelegt.

In Charmatin stellte sich die Situation wieder als etwas komplexer heraus, als an den letzten Tagen. Wir erfuhren hier, dass der Tante-Emma-Laden und das Landhotel, die uns versprochen wurden, bereits im Ort davor standen und dass dieser Ort ansonsten kaum etwas zu bieten hatte. Auf einem Platz traf ich auf Lydia und Alicia, zwei Mädels aus Madrid, die hier ihren Sommer verbrachten. Sie führten mich zunächst zum Bürgermeister, der jedoch nicht im Ort war. Seine Mutter behauptete, keine Nummer von ihm zu haben und wollte uns auch sonst nicht weiterhelfen. Der Pfarrer lebte nicht hier, doch dafür gab es ein Haus mit drei Nonnen. Diese wollten uns jedoch auch nichts anbieten, drückten uns aber ein Telefon mit dem Pfarrer am anderen Ende in die Hand. Der Pfarrer meinte er hätte keinen Platz und rief den Bürgermeister an. Der sagte das gleiche. So standen wir nach gut einer Stunde wieder am Anfang. Spannend war, dass uns die Nonnen vor allem deshalb ablehnten, weil sie nicht einsahen, warum sie jemandem helfen sollten, wo der Bürgermeister doch viel schönere Räume hatte. Doch die beiden Mädels gaben so schnell nicht auf. Sie überredeten ihre Eltern uns die Garage zur Verfügung zu stellen. Als Schlafplatz war sie nicht schlecht, wenn man davon absieht, dass es keinen Strom gab. Doch ehe wir uns einquartieren konnten lernten wir den Nachbarn kennen, der sich uns als Antonio vorstellte. Er lud uns in sein Haus ein und stellte uns seine Küche, sein Bad und sein Wohnzimmer zur Verfügung. Zum Schlafen werden wir dann aber doch in die Garage ziehen, denn das Haus ist so klein, dass wir uns sonst zu sehr auf die Pelle rücken würden. Antonio ist Künstler und stellt in einer kleinen Werkstatt selbst Schmuck her.

Für den Abend wurden wir von den beiden Mädels noch auf ein Wasser in die Bar eingeladen. So komplex es manchmal auch ist, das schöne an den kleinen Dörfern ist, dass man immer gleich irgendwie adoptiert wird.

Spruch des Tages: Die alten Masken werden abgelegt.

 

Höhenmeter: 190 m

Tagesetappe: 17 km

Gesamtstrecke: 4405,97 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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