Tag 226: Herdenzuwachs

von Heiko Gärtner
15.08.2014 21:03 Uhr

Schon oft wurden wir von der Landschaft, die sich vor uns auftat überrascht, aber heute war es noch einmal ein ganz besonderes Erlebnis. Wir wanderten mitten durch ein Bergpanorama, das wir an dieser Stelle so niemals erwartet hätten. Um es mit den Worten von Heikos altem Wanderführer zu sagen: „Für einen Mitteleuropäer durchaus beeindruckend!“

Außer uns wohnten noch ein Fuß- und ein Fahrradpilger aus Madrid in der Herberge. Wir sprachen nicht viel mit ihnen, doch uns fiel auf, das wir im Moment auf unglaublich viele Hauptstädter trafen, die der Millionenmetropole im Sommer entfliehen. Die Familie, die uns vor ein paar Tagen eingeladen hatte, Lidia und ihre Familie, die Pilger und viele der Menschen, die wir nach Essen und Schlafplätzen oder auch nur nach dem Weg gefragt hatten. Wenn wir fragten, warum sie ausgerechnet jetzt Urlaub machten und nicht im Frühjahr oder im Herbst, wo das Wetter angenehmer war, so dass man auch etwas erleben konnte, dann war die Antwort immer die selbe: In Madrid ist es zu heiß! Da hält es doch keiner im Sommer aus!

Am Anfang hielten wir das für eine Einzelmeinung doch langsam begannen wir uns zu fragen, wie schrecklich es im Sommer in der spanischen Hauptstadt sein musste, wenn jeder, der es sich leisten konnte aus ihr floh. Für die Familien bedeutete es schließlich einen wahnsinnigen Aufwand, trotz der Wirtschaftskrise neben ihrer Stadtwohnung noch ein Haus auf dem Land zu unterhalten. Und wir sprechen hier nicht von Landhäusern wie in Frankreich, in denen man sich einen Traumsommer vorstellt, so dass man nachvollziehen kann, wenn jemand große Unkosten dafür auf sich nimmt. Wir sprechen hier von Häusern in winzig kleinen Dörfern inmitten einer unwirtlichen Steppe in denen es so heiß ist, das man Tagsüber nicht aus dem Haus kann und in denen so wenig los ist, dass man sich abends vor der Haustür auf ein Bier zusammensetzt um die Zeit totzuschlagen.

Das kann hin uns wieder nett sein, aber als alljährliches Sommerritual kommt es doch nicht ganz so spannend rüber? Vor allem, wo das Haus dafür das ganze Jahr über in Schuss gehalten werden muss. Wenn es sich trotzdem für die Menschen lohnt, dann muss Madrid mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern und den dementsprechenden Abgasen, dem Smog und den Industriegebieten so unerträglich sein, dass man einfach die Flucht ergreifen muss. Wie ist es wohl für diejenigen, die sich eine Flucht im Sommer nicht leisten können? Was bedeutet es für ihre Gesundheit und ihre geistige Entwicklung? Die Menschen in den kleinen Ortschaften leiden schon an so vielen chronischen Krankheiten, dass man ganze Kuhhäute damit füllen könnte. Wie muss es dann erst in der Stadt sein? So spannend die Antwort auf diese Frage auch ist, selbst herausfinden werden wir sie nicht. Denn alles, was wir über die spanische Hauptstadt bislang gehört haben und alle unsere Erfahrungen, die wir bislang in anderen großen Städten gemacht haben reichen aus, um ganz sicher zu sein, dass wir Madrid niemals besuchen wollen.

Cebrero, die Kleinstadt in der wir heute ankommen wollten um dort auf Paulina zu treffen, reichte uns da schon wieder vollkommen aus. Sie hatte etwa 2500 Einwohner, feierte ein großes Wohltätigkeitsfest und lag direkt am Jakobsweg. Drei Eigenschaften, die dafür sorgten, dass sie uns Empfing wie ein Rudel Löwen ein hinkendes Zebra. Die Frau an der Touristeninformation war so ahnungslos wie eine Scheibe verbranntes Toastbrot, das sein Leben komplett in einem dunklen Wandschrank verbracht hatte. Sie wusste nicht einmal, wie viele Hotels es in der Stadt gab. In Madrid, hätte ich das verstanden, aber hier waren es insgesamt drei und eines davon war ihr unbekannt. Über den weiteren Verlauf des Jakobsweges konnte sie mir auch nichts verraten, denn die anderen Pilger wollten ja alle in die Gegenrichtung. Wo sie herkamen wusste sie nicht.

Die drei Hotels hatten eines gemeinsam: Sie alle wurden von schleimig-freundlichen Chefs geführt, die zu höflich waren um einem eine direkte Antwort zu geben und zu fein um einem weiterzuhelfen. Ein klares: „Nein, das machen wir nicht!“ wäre ja ok gewesen, aber einen eine halbe Stunde mit Worten wie: „Mal sehen, irgendwas wird vielleicht möglich sein...“ hinzuhalten um dann am Ende zu erklären, das wohl doch nichts „möglich sein wird..“ ist eine ziemliche Frechheit. Bei den ersten beiden Hotels störte es mich noch nicht.

Doch der Leiter des dritten war gleichzeitig auch der Verwalter der Herberge, die bis vor kurzem noch kostenlos gewesen war. Nun aber verlangte er zehn Euro pro Bett. Als ich ihm unser Projekt erklärt hatte, druckste er um den heißen Brei als hätte er Blähungen. Möglich sei es auf jeden Fall, dass wir in der Herberge übernachten könnten. Doch wir müssten eine Art von Gegenleistung bringen. Ich bot ihm Werbung für sein Hotel als Gegenleistung für ein verlaustes Bett in der Herberge an, aber das reichte ihm nicht aus. Er schlug vor, dass wir das Museum dokumentieren sollten und die Stadt ihm dafür das Geld für die Übernachtung zahlte.

Warum die Stadt das machen sollte, wusste er selbst nicht. Mit dem Bürgermeister oder dem Pfarrer zu sprechen war leider nicht möglich, da sich beide irgendwo auf der Party befanden. Nach einer guten halben Stunde rückte der Mann dann endlich damit heraus, dass er uns nur gegen Bezahlung in die Herberge lassen wollte. Hätte er das gleich am Anfang gesagt, der alte Schleimbolzen, dann hätte er sich und uns eine Menge Zeit und Ärger gespart. Als ich seinen Schuppen verließ war ich stocksauer. Es fühlte sich wieder genauso an wie auf dem Camino del Norte. Wie konnte es sein, dass man in jedem Dorf dieses Landes herzlich aufgenommen wurde, solange kein Jakobsweg hindurchführte? Der Weg hier war nahezu unbegangen und doch wurde man von jedem sofort wieder in die Schublade „Pilger zum Abzocken“ gesteckt. Wenn ich sonst irgendwo nach irgendetwas fragte, dann begegneten mir die Menschen mit einer gewissen Neugier, weil ihnen ein Leben wie unseres absolut unbekannt war.

Betrat ich hier eine Bar oder ein Hotel begegnete man mir als aller erstes mit der Frage: „Peregrino?“ – „Pilger?“ egal, was ich ab diesem Moment sagte, den Sprung aus der tiefen, eichenen Schublade des Touristenpilgers konnte ich nicht mehr schaffen. Mit viel Geschick war ich vielleicht ein ungewöhnlicher Pilger, der doch noch unterstützenswert war, mehr aber auch nicht. Ich möchte damit die Pilgerwege nicht schlecht machen. Sie haben uns am Anfang unglaublich viel geholfen und trotz aller Schwierigkeiten und Herausforderungen war der Camino del Norte einer der bislang schönsten Streckenabschnitte auf unserer Reise. Aber es ist einfach auffällig, dass man so viel leichter und angenehmer leben kann, wenn man die offiziellen Pilgerwege vermeidet. Auf der Via de la Plata war es ähnlich. Wir waren auf dem Weg, schon wurde es schwierig und anstrengend.

Wir verließen ihn und plötzlich wurden wir von der Kirche, der Caritas, dem Bürgermeister oder Privatleuten eingeladen und waren nach kurzer Zeit vom Dorf adoptiert. Auch heute reichten wieder 7km aus um uns das Leben zu erleichtern. In Cebrero gaben wir den Verzuch auf einen Schlafplatz schließlich auf und wanderten frustriert in das Nachbardorf El Tiemblo. Für die weiteren 7km wurden wir mit reifen Weintrauben belohnt, die uns von den Feldern neben der Straße fast in den Mund wuchsen. Das war eine wirklich angemessene Entschädigung und wir brauchten nicht einmal eine halbe Traube um die Erfahrungen in Cebrero wieder zu vergessen.

Der einzige Haken war nur, dass wir nicht wussten, ob El Tiemblo mit dem Bus genauso gut zu erreichen war wie Cebrero, denn irgendwie mussten wir es Paulina ja ermöglichen, zu uns zu stoßen. Doch die Sorge war umsonst. Die Nationalstraße auf der der Bus von Madrid nach Cebrero fuhr, führte direkt durch El Tiemblo. Als wir gerade vor dem Krankenhaus mit einem Polizisten über mögliche Schlafplätze diskutierten, hielt der Bus neben uns an und eine vollbepackte, erschöpfte aber glückliche Paulina sprang heraus. Keine Viertelstunde später bekamen wir vom Pfarrer einen Gemeindesaal für uns alleine, der deutlich angenehmer war, als es die Herberge vom Knauserkopf jemals hätte sein können.

Bei unserer Essensjagd durch die kleine Stadt besuchten Paulina und ich die Läden nun gemeinsam. Da sie kaum Spanisch spricht hat sie heute zunächst nur zugehört, aber ab morgen wird sie ebenfalls ihr Glück versuchen. Einen Versuch hat sie sogar heute schon unternommen. Er scheiterte daran, dass der Verkäufer nicht wusste was sie wollte, aber es war schon einmal ein Anfang. Im Feinkostladen La Pitanza de Arranz hatten wir mehr Glück. Der Verkäufer war sehr interessiert und freundlich und obwohl er hauptsächlich Spezialitäten aus Teig-, Milch- und Schweinefleisch verkaufte, fand er doch etwas, das er uns mitgeben konnte. Später ließen wir unseren ersten Abend zu dritt dann im Restaurant La Gabería bei gemischten Salaten ausklingen.

Spruch des Tages: Wunder geschehen immer dann, wenn wir uns gegen ein Leben in Furcht und für ein Leben in Liebe entscheiden (G. Bernstein)

Höhenmeter: 790 m

Tagesetappe: 27 km

Gesamtstrecke: 4490,97 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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