Tag 228: Outdoorküche

von Heiko Gärtner
17.08.2014 18:55 Uhr

Als wir am Abend durch die Stadt wanderten um nach einem gescheiten Abendessen zu suchen, zeigte sich deutlich, wie groß der Unterschied ist, ob eine Frau in der Herde dabei ist oder nicht. Paulina sprach zwar aufgrund ihrer geringen Spanischkenntnisse nicht wirklich mit den Leuten, doch ihre bloße Anwesenheit sorgte dafür, dass wir von allen Seiten mit Lebensmitteln überhäuft wurden. Wir wurden in nur einem einzigen kleinen Laden abgelehnt, alle anderen versorgten uns überwiegend mit genau den Dingen, die wir brauchten und uns wünschten. Gerade wollten wir zu einem Döner-Restaurant gehen, als ein Pärchen mit Hund auf uns zu kam und uns zu sich rief.

„Stopp! Wartet!“ rief die Frau, „Ihr seit doch die Weltumwanderer, die nach Essen suchen! Kommt mit, wir haben etwas für euch!“

Verdutzt und leicht überrumpelt folgten wir den beiden die Straße hinunter. Sie führten uns zu genau dem kleinen Laden, in dem wir zuvor mit einem Hinweis auf die Abwesenheit des Chefs leer aufgegangen waren. Nun hatten uns genau jene Ladenbesitzer aufgespürt und boten uns an, alles auszusuchen, was wir wollten. Der Laden führte vor allem Tiefkühlkost aber auch andere Lebensmittel, Gewürze und Öle, mit denen man ein Abendessen zaubern konnte.

Voll bepackt mit tollen Sachen marschierten wir anschließend zurück zu dem kleinen Park, in dem Heiko am Nachmittag das Basislager für die Hotelsuche eingerichtet hatte. Dort suchten wir uns ein schönes Plätzchen, um unseren Kocher aufzubauen. Zum Glück hatten wir unsere Flip-Flops an, die wir vom Vater der Großfamilie geschenkt bekommen hatten. Denn als wir die Bank unseres Vertrauens erreicht hatten, spürte ich deutlich, dass mich irgendetwas in den Fuß stach. Ich zog den Schuh aus und schaute ihn mir von unten an. Fast wäre ich vor Schreck von der Bank gefallen. Der ganze Schuh war von oben bis unten mit Dornen bespickt!

„Schaut euch das an!“ rief ich und zeigte meinen Schuh den anderen beiden. Sie zogen ihre eigenen aus und waren genauso überrascht auch ihre Schlappen waren voller Dornen. Es waren jedoch nicht einfach Dornen. Es waren kleine, fast kugelige Pflanzenteile, die wie ein Morgenstern Stacheln in jede Richtung hatten. Wenn sie auf dem Boden lagen, dann musste man einfach hineintreten. Und wenn man sie herauszog, dann stach man sich dabei fast automatisch in die Finger. Egal wie oft wir unsere Schlappen an diesem Abend von den Höllensdornen befreiten, es dauerte nie länger als zwei Schritte und sie waren wieder voll damit. So kam es, dass wir stets versuchten, alle unsere Handlungen möglichst ohne eine Bewegung vom Fleck auszuführen.

Abgesehen von den Attacken von unten war der Platz aber ein wirklicher Traum. Eine Laterne spendete sanftes Licht, hinter uns erhoben sich die Berge und über uns funkelte der Sternenhimmel. Es wurde ein lustiger Abend mit gutem Essen, der uns allen sehr gut tat. Nur vor dem Rückweg durch den Park bis auf die Straße hatten wir etwas Angst. Doch zunächst kümmerten wir uns um die Oliven, die Hähnchenschenkel, die Rinderfrikadellen, den Gemüsereis und den frischen Tunfisch.

Als wir wieder im Hotel waren erwartete uns eine gute und eine schlechte Nachricht per Mail. Zunächst einmal möchte ich mich ganz herzlich bei Teresa bedanken, dafür dass sie mich ebenfalls mit 7€ im Monat unterstützt und mich damit wieder ein Stück näher an die finanzielle Sorgenfreiheit heranbringt!

Die schlechte Nachricht kam von Canon und teilte uns mit, dass unsere Sponsor-Partnerschaft innerhalb der nächsten vier Wochen auslaufen würde. Das bedeutet, dass wir unsere Hauptkamera verlieren und damit auch die Möglichkeit, all die schönen Bilder für den Blog zu machen. Zumindest, wenn uns nicht irgendeine andere Lösung einfällt. Falls ihr jemanden kennt, der eine EOS 5D Mark III Kamera besitzt, die er nicht braucht und günstig abzugeben hätte, dann immer raus mit dem Hinweis. Vielleicht fallen euch ja auch noch andere Ideen ein. Wir sind für Vorschläge auf jeden Fall offen.

Für Paulina war es keine leichte Nacht. Durch die langen Gespräche wurde ihr immer mehr bewusst, was es bedeutet, ein Leben als Nomade zu führen, der seiner Lebensaufgabe folgt.

Als Heiko am Morgen aufstand um aufs Klo zu gehen, stellte er mit Erschrecken fest, dass es bereits 9:40 Uhr war. Wir hatten also über eine Stunde verschlafen. Auf das Klopfen an Paulinas Tür hin rührte sich nichts. War sie bereits ohne uns abgereist? Heiko uns sie hatten viel und sehr intensiv über Lebensthemen gesprochen und es waren einige Punkte darunter, die sehr hart für sie waren. Ich selbst kannte aus eigener Erfahrung nur zu gut, was das in einem Auslösen konnte. Hatte sie deshalb vielleicht beschlossen, alleine weiterzuziehen?

An der Rezeption lag ihr Zimmerschlüssel mit einem kleinen Zettel an den Hotelchef auf dem sie sich für das Zimmer bedankte. Für uns lag nirgendwo ein Brief. Wäre das nicht das mindeste gewesen, sich wenigstens zu verabschieden und zu sagen, warum sie sich von uns trennen wollte?

Doch als wir auf die Straße traten, stellten wir fest, dass alle Gedanken unbegründet waren. Stefi saß in der Bar vor dem Hotel und hatte nicht nur ein leeres Glas sondern auch eine volle Tüte mit Obst und Tomaten vor sich stehen. Sie war in der Früh aufgestanden und hatte versuchen wollen, ob sie selbst auch alleine ein Frühstück auftreiben konnte. Dabei hatte sie sich jedoch selbst aus dem Hotel ausgesperrt, denn ohne den Schlüssel konnte sie nicht mehr zurück. Der Schnorring-Erfolg war jedoch wieder über alle Maßen. Ein Mann kam vorbei und nachdem er mitbekommen hatte, dass sie kein Geld besaß, brachte er ihr eine übervolle Tüte mit Obst und Gemüse aus seinem Garten. Und das während die junge Dame in einem Café saß und Frühstückte.

Auf der einen Seite war es wahnsinnig faszinierend zu sehen, wie leicht man es als Frau hatte, ohne Geld durchzukommen. Auf der anderen Seite war es aber auch etwas erschreckend. Denn mit der so hoch gepriesenen Gleichberechtigung, die wir uns als Errungenschaft des Jahrhunderts so gerne auf die Fahne schreiben, hat das nichts zu tun. Es gibt noch immer einen so großen Unterschied in den Köpfen der Menschen, zwischen Männern und Frauen in Bezug auf die Wahrnehmung, was ihre Selbstständigkeit und ihre gesellschaftliche Rolle anbelangt, dass es kaum vorstellbar ist. Natürlich freuten wir uns über die Nahrung, doch so ein leichtes Gefühl von Ungerechtigkeit tauchte trotzdem auf und ließ sich nicht leugnen.

Da es schon sehr spät war und ich dann auch noch mein Halstuch nicht finden konnte, was uns weitere Zeit kostete, wanderten wir heute nur ein kurzes Stück. In Cencientos trafen wir eine freundliche Dame, die ein Landgasthaus namens Los Piños leitet, in das sie uns sofort und ohne große Umschweife einlud. Hier haben wir nun wieder ein wunderschönes Apartment mit zwei Schlafzimmern, einem Wohnzimmer und einer Küche, in der wir die vielen Lebensmittel von gestern zubereiten können.

Spruch des Tages: Über Probleme mache ich mir keine Gedanken! Es bringt nichts, denn es gibt nur zwei Arten von Problemen: Die einen haben eine Lösung. Über diese muss ich mir keine Sorgen machen, da ich sie ja lösen kann. Die anderen haben keine Lösung. Darüber muss ich mir erst recht keine Sorgen machen, denn dann sind die Dinge ja einfach wie sie sind. (Leiterin unserer heutigen Unterkunft)

 

Höhenmeter: 190 m

Tagesetappe: 8 km

Gesamtstrecke: 4515,97 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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