Tag 25: Von echten Nonnen und falschen Klöstern

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Tag 25: Von echten Nonnen und falschen Klöstern

Tag 25: Von echten Nonnen und falschen Klöstern

Gestern Abend haben wir das erste Mal eine richtige Nonne kennengelernt. Schwester Maria holte uns im Pfarrhaus in Eppenbrunn ab, um uns mit nach Vinningen zu nehmen, wo wir bei ihr im Gemeindehaus übernachten durften. Schwester Maria war eine kleine, grauhaarige, lebhafte Frau, die man von der ersten Sekunde an gernhaben musste. Als wir unsere Schlafsachen bei ihr im Auto verstaut hatten, fragte sie uns, ob wir noch Hunger hätten. Wir bejahten und so hielten wir kurze Zeit später an einer kleinen Pizzabude an. Maria begrüßte die Inhaber der Pizzeria auf Spanisch. Ich dachte schon das wir nach dem türkischen Pizzabäcker in Heilsbronn und dem indischen in Bad Rappenau nun den dritten nicht italienischen Besitzer eines italienischen Restaurants kennenlernten. Doch dem war nicht so. Maria sprach hauptsächlich deswegen Spanisch mit ihnen, um ein wenig südländisches Ambiente einzubringen. Die junge Verkäuferin gestand uns insgeheim, dass sie nichts davon verstand, sondern immer nur freundlich lächelte und nickte. Lustiger Weise bekamen wir als Pilger auf heiligen Pfaden von einer Nonne eine Pizza spendiert, die Inferno hieß.

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Im Pfarrhaus setzten wir uns dann in der Küche zusammen und unterhielten uns bis spät in die Nacht. Schwester Maria verstand es, einem sofort das Gefühl zu vermitteln, zu hause zu sein. Sie war bereits als junges Mädchen ins Kloster gegangen und dann von Madrid nach Deutschland gereist. Seitdem kümmerte sie sich hier um die Menschen. Ein Satz, den sie sagte, beeindruckte mich besonders: „Niemand macht wissentlich etwas böses. Auch wenn jemand einen Mord begeht oder einen Terroranschlag verübt, so glaubt er in diesem Moment selbst, damit etwas Gutes zu tun. Sonst würde er es nicht machen.“

Zum Frühstück bekamen wir sogar frischgebratene Rühreier. Anschließend brachte uns Schwester Maria wieder zurück zu unseren Wägen. Es war das erste Mal auf unserer Reise, dass uns ein Abschied wirklich schwer gefallen ist.

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Unsere heutige Tagesetappe hatte es wieder einmal in sich. Dass die Region nur schwach besiedelt war wussten wir ja bereits und auch heute änderte sich daran nichts. Die wenigen Dörfer die es gab, waren kaum noch bewohnt. Der Pfarrer hatte uns am gestrigen Abend erzählt, dass hier in der Gegend etwa jedes dritte Haus entweder leer stand oder von einer einzelnen Dame zwischen 80 und 100 Jahren bewohnt wurde. Hier war die ständig steigende Überbevölkerung also kein Problem. Im Gegenteil! Irgendwie war es ein komisches Gefühl, zu wissen, wieviel ungenutzten Wohnraum es hier gab und wie schwer es zum Teil trotzdem war einen Platz für eine Nacht aufzutreiben. Der nächste Ort, an dem unsere Chancen auf einen Schlafplatz gut standen war Hornbach. Hornbach ist nicht etwa der Gründungsort einer Bekannten Baumarktkette (oder wenn er es ist, haben wir noch nichts darüber erfahren) sondern ein alter Klosterort. Wie bereits in Schöntal ist das Kloster allerdings längst kein Kloster mehr sondern die Kulisse für ein Luxushotel. Der Haken an diesem Ort war nur, dass er wieder einmal rund 30km von uns entfernt lag. Und in einem anderen Tal. Wir hatten also noch einiges vor.

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Der einfachste Weg führte uns entlang der Grenze auf der französischen Seite. Wir durften also wieder einmal einen kleinen Abstecher in unser Nachbarland machen. Doch bevor wir die Grenze erreichten, verfluchten wir unseren Weg bereits das erste Mal. Von Eppenbrunn ging es einen schönen Pfad entlang und dann über einen steilen Berghang hinauf und hinab nach Trulben. In Trulben fragten wir einen Mann nach dem Weg, der uns riet, die Straße nach links zu laufen und 500m hinter dem Ortsausgang rechts abzubiegen. Dieser Weg führte uns auf ebener Strecke geradewegs in Richtung Eppenbrunn. Wir hätten uns also nicht nur rund 1,5km sondern auch einen kräftezehrenden Aufstieg sparen können.

Aber es ist wie es eben ist und so pilgerten wir frohen Mutes nach Frankreich weiter.

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Die Landschaft war auch heute wieder schön und ursprünglich. Immer wieder kamen wir an roten Sandsteinfelsen vorbei und auch schöne Tierbegegnungen ließen nicht lange auf sich warten. An einem kleinen See begegneten wir einigen Grau- und Silberreihern. Wenig später trafen wir auf eine kauzige Herde, die aus einem Esel einem Maultier und einem Schafsbock bestand. Die drei waren bester Laune und neckten sich wie sie nur konnten. Dabei achteten sie aber stets darauf, dass niemand ausgeschlossen wurde. Es war deutlich zu sehen, dass sie Spaß miteinander hatten und dass ihr freundschaftlicher Zusammenhalt weit über das hinausging, was wir Tieren in der Regel mit der Beschreibung von Instinkten und Trieben zugestehen.

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Heiko hätte den Esel am liebsten gleich adoptiert. Er war schließlich schon einmal mit einem Großesel auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen. Dieser hatte Alfredo geheißen und leider nach einigen Tagen eine Kolik  bekommen. Danach musste er auf seine heimische Weide zurück und Heiko musste ohne vierbeinigen Freund weiterziehen. Jetzt, da wir selbst unsere eigenen Esel waren, die wir vor unsere Karren gespannt hatten, wären diese beiden Vierbeiner eine große Hilfe geworden. Und einen Schafsbock hätten wir schon auch noch aufnehmen können. Aber der Bauer wäre sicher traurig gewesen und so mussten wir uns doch wieder von unseren Artgenossen trennen.

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Die Grenzregion beeindruckte uns vor allem wegen ihrer starken Kontraste. Vielen Häusern sah man die Armut ihrer Bewohner deutlich an. Die Fassaden bröckelten, die Fenster waren zum Teil mit Styroporplatten verkleidet um die Kälte abzuhalten und vieles wirkte eher heruntergekommen. Zwei Häuser weiter hingegen stand dann eine Villa, mit elektrischem Zauntor, Swimmingpool und perfekt gestyltem Garten. Ich sage hier bewusst gestylt, denn gepflegt würde es nicht richtig beschreiben. Es waren eher Kunstwerke als Gärten und die Wildkräuter trauten sich wahrscheinlich aus Respekt nicht einmal in die Nähe dieser Anlagen. Wie musste es wohl für die Menschen hier sein, so eng mit beiden Extremen aneinander zu leben?

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Deutlich sichtbar war auch, dass die Grenze in den letzten Jahrhunderten immer wieder hin und her verlegt worden war. Ortsnamen wie Walschbronn oder Jesuskreuze mit Inschriften wie „Gestiftet von Hemut und Marianne Müller“ wollten in unseren Ohren einfach nicht traditionell französisch klingen. Doch die Freundlichkeit der Menschen faszinierte uns zu tiefst. Sogar die Autofahrer winkten wenn sie an uns vorbeifuhren. Einige hupten sogar! Nein, nicht auf die Art wie man hupt, wenn einem jemand mit seiner Schleicherei auf den Keks geht, sondern die Art mit der man einen alten Bekannten auf sich aufmerksam Macht, den man am Straßenrand gesehen hat.

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In Hornbach selbst war die Freundlichkeit dann wieder etwas geringer. Wobei man fairerweise sagen muss, dass sich diese Aussage nur auf die Begegnung mit einem einzigen Menschen stützt. Als wir völlig erschöpft oben auf dem Klosterberg ankamen, beschlossen wir, dass es besser war nach dem Weg zu fragen, anstatt einfach eine Richtung ins Blaue hinein auszuprobieren. Ich sah gerade noch ein älteres Pärchen hinter einer Hausecke verschwinden und nahm die Verfolgung auf. „Hallo!“ rief ich, wurde aber ignoriert. „Entschuldigung, können Sie mir vielleicht helfen?“

Daraufhin drehte sich die Frau zu mir um uns setzte gerade zu einer Antwort an. Ihr Mann jedoch zog sie in den Hauseingang und schnauzte sie an: „Lass das und komm lieber schnell rein, die wollen nur Geld!“

„Ich will kein Geld, sondern nur nach dem Weg fragen!“ rief ich leicht ärgerlich, woraufhin der Mann zurück kam und mir tatsächlich den Weg erklärte. Ohne dabei seine abwertende Haltung aufzugeben. Als er sich verabschieden wollte sagte ich: „Oh, nur noch eine Frage: Hätten Sie vielleicht ein bisschen Geld für mich?“ Nach einer kurzen Pause fügte ich hinzu: „War nur’n Witz! Ich wünsche ihnen einen schönen Nachmittag!“ Für seinen entgeisterten Gesichtsausdruck hat es sich auf jeden Fall gelohnt.

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Schwester Maria hatte uns am Morgen die Telefonnummern der Pfarrer in Hornbach gegeben um uns eine Umherlauferei wie in Eppenbrunn zu ersparen. Diesmal hatten wir auch tatsächlich jemanden erreicht, der sich mit uns am evangelischen Jugendheim verabredet hatte. Jetzt da wir den Weg kannten, machten wir uns auch gleich dorthin auf. Für unser Abendessen sorgten wir dann diesmal selbst: Chili con Carne mit Baguette und zum Nachtisch Pfannkuchen aus dem Mehl, das uns der Pfarrer geschenkt hat.

Spruch des Tages: Hornbach: Jippi ja ja jippi jippi yeah

Tagesetappe: 33 km

Gesamtstrecke: 551,27 km

Bewertungen:

 
2014-01-27T19:46:19+00:00 Deutschland, Tagesberichte|

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One Comment

  1. Regine 27. Januar 2014 at 16:15 - Reply

    Hallo Ihr Beiden,
    wir verfolgen mit sehr viel Interesse Eure Reiserute, die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Personen und ihren Lebensanschauungen. Wir wünschen Euch natürlich viele Menschen, die Euch vorbehaltlos bei sich aufnehmen. Durch Eure Berichte ist mir aber auch deutlich geworden, wie viel Skepsis in mir selbst völlig Fremden gegenüber vorhanden ist. In einer Zeit, in der man ständig von Einbrüchen, Diebstahl und Betrügereien hört, gehört schon sehr viel Urvertrauen dazu, zwei fremde, stoppelbärtige und verschwitzte junge Männer bei sich aufzunehmen.
    Viel Erfolg bei Eurer Weiterreise.
    Regine

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