Tag 254: Der Stalker

von Heiko Gärtner
12.09.2014 19:10 Uhr

Wer hätte gedacht, dass wir einmal unseren eigenen Stalker haben, der uns einen ganzen Nachmittag belagert und nicht von unserer Türe weicht? Es ist ein etwas komisches Gefühl, hier in unserem kleinen Herbergenverließ zu sitzen und die ganze Zeit einen Gaffer im Rücken zu haben, der sich so sehr langweilt, dass er uns heute zu seiner Hauptbeschäftigung gemacht hat.

Das Schlimme daran ist, dass der Kerl, nennen wir ihn einfach mal Kevin, es überhaupt nicht böse meint. Im Gegenteil ich glaube sogar, dass er uns wirklich helfen will, doch er hat einfach eine Art, die ihn von der ersten Sekunde an unsympathisch macht. Kennt ihr dieses Gefühl, dass ihr jemanden irgendwo seht und noch ehe er auch nur ein einziges Wort gesagt oder eine einzige Sache gemacht hat, merkt ihr sofort, dass ihr ihn mögt und dass ihr Lust habt, Zeit mit ihm zu verbringen? Genau dieses Gefühl vermittelte dieser Mann hier nicht.

Heiko hatte ihn bereits vor mir kennengelernt, als ich mich mit den Polizeibeamten unterhielt. Heiko hatte solange vor der Dienststelle auf unsere Sachen aufgepasst und wurde plötzlich von dem jungen Mann angesprochen. Er war um die dreißig, wirkte heruntergekommen und so als hätte er zwar keine Probleme mit Alkohol, aber durchaus ein heftiges ohne. Er war der Typ Mensch, den man in Filmen über amerikanische Großstadtcops immer als Statisten in den Prollvierteln sieht, kurz bevor sie nach zwanzig Sekunden von irgendwem erschossen werden, dem sie auf die Nerven gegangen sind. Heiko hatte keine Knarre und die Polizisten waren gerade mit mir beschäftigt, sonst wäre unserem Kevin vielleicht das gleiche passiert. So aber holte er sich von Heiko nur eine Rüge ab, die ihn aber nicht sonderlich beeindruckte. Er stand weiter direkt vor Heikos Gesicht und lallte ihn mit irgendetwas zu, das weder Heiko noch er selbst verstand. Als ich einige Zeit später zurückkam, war der Mann verschwunden.

Doch nicht für lange! Wie sich herausstellte befand sich unsere Herberge am Fuß des Berges, genau an der Stelle, an der wir zuvor überlegt hatten, ob wir die Polizei nicht von hier aus suchen sollten. Dann kam uns das ganze aber noch ein bisschen weit vor und wir entschieden uns doch die Basis im Stadtzentrum aufzubauen. Ein kleines Schild mit der Aufschrift „Pilgerherberge“ oder wenigstens eine Jakobsmuschel an der Tür, hätte uns diese zusätzliche und unnötige Anstrengung erspart, denn das Stadtzentrum lag direkt oben auf dem höchsten Punkt des Berges. Warum man die Herberge bei allen Möglichkeiten die der kleine Ort geboten hat, genau hierher gebaut hatte, blieb uns ein Rätsel. Es war der einzige große Verkehrsknotenpunkt in der Stadt und damit der lauteste Ort im Ort. Noch rätselhafter war jedoch, warum man für die Herberge extra ein neues Haus gebaut hatte, wo etwa zwei drittel der vorhandenen Häuser leer standen. Aber man muss vielleicht auch nicht alles verstehen...

Als wir zur Herberge zurückkamen wartete Kevin bereits auf uns. Er hatte sein Fahrrad vor einen Baum gestellt und lehnte lässig an der Herbergswand. Als wir die Tür aufschlossen, war er schneller im inneren, als wir schauen konnten.

„Da: Essn!“ lallte er in kaum verständlichen Spanisch und zeigte auf den Tisch. Danke für den Hinweis, aber dass man an einem Tisch essen kann, darauf wären wir fast auch alleine gekommen. Dann erklärte er uns noch in gleicher Manier, dass die Schlafräume zum Schlafen und das Klo zum Pissen und Scheißen gedacht sind. Du lieber Scholli! Was hätten wir nur ohne diesen Mann gemacht? In unserer Unwissenheit hätten wir uns in der Nacht wahrscheinlich in die Dusche gelegt und wären dann zum Pinkeln aufs Hochbett geklettert.

Zu Kevins Verteidigung muss man jedoch sagen, dass die Schlafräume wirklich etwas uneindeutig aussahen. Die Hochbetten bestanden aus Betonkammern, die in die Zimmerwände eingelassen waren. Es wirkte ein bisschen wie die Grotten in alten Kirchen und Katakomben, in denen die Särge untergebracht wurden. Statt Särgen standen hier jedoch nur zwei Mattratzen herum.

Wir verstauten unsere Wagen, schlossen alles gut ab und verabschiedeten uns von Kevin auf ein gehofftes Nimmerwiedersehen um in der Stadt zu Mittag zu essen. Als wir wieder kamen war er verschwunden, doch es dauerte nicht lange, da war er wieder da. Wir hatten die Tür vorsichtshalber von innen versperrt, doch das Fenster mussten wir öffnen, um den Gestank meiner Schuhe wieder zu vertreiben.

„Licht an! Licht an!“ rief es plötzlich von draußen und eine Faust bollerte gegen die Tür. „Ihr müsst das Licht anmachen!“ Kevin gab keine Ruhe, bis Heiko nicht auf den Lichtschalter gedrückt hatte.

„So ist es gut!“ sagte er dann und setzte sich draußen vor das Fenster. Zum ersten Mal verstanden wir, warum die Menschen hier alle Gitter vor den Fenstern hatten und zum ersten mal waren auch wir froh darüber.

Das Kevin nicht der hellste war, stand außer Frage und für die offensichtliche Unnötigkeit seiner Aussagen konnte er wahrscheinlich nichts. Er wollte eben einfach nett sein und wusste nicht wie. Das, was ihn wirklich zu einem absolut unerträglichen Zeitgenossen machte, was seine Penetranz. Seit über einer Stunde sitzt er nun vor unserem Fenster und starrt hinein, ohne ein einziges Mal zu lächeln und ohne den leisesten Ausdruck von Freude oder Freundlichkeit. Es ist unmöglich, ihn gern zu haben oder ihn nicht als anwidernd zu empfinden. Und glaubt mir, wir haben es wirklich versucht.

Während Heiko und Kevin ihren Erstkontakt hatten, verbrachte ich meine Zeit auf der Polizeistation, um nach der Herberge und einem Mittagessen zu fragen. Dummerweise war ich der einzige auf der ganzen Station. Und damit meine ich wirklich der einzige. Die Tür war offen, die Computer liefen, die Polizeiakten lagen offen in den Regalen und auf den Tischen, doch keine Menschenseele war zu sehen. Erst als ich durch das Präsidium hindurchgewandert war, entdeckte ich in einem Hinterzimmer eine Frau, die hoch konzentriert damit beschäftigt war, ein intensives Privatgespräch mit ihrer Mutter zu führen. Dagegen kam ich als Kunde natürlich nicht an, denn schließlich befand sie sich auf der Arbeit und da gingen familiäre Gespräche nun mal vor. Als sie schließlich fertig war, zeigte sie auf eine weitere Tür, durch die man ins Rathaus gelangte. Dort bekam ich am Empfang ein Formular und mit diesem bekam ich später den Schlüssel. Für ein Mittagessen musste man hingegen doch wieder mit der Polizei sprechen. Also wartete ich, bis ein Polizist auftauchte, uns grüßte und dann durch die Tür verschwand. Schade, dachte ich mir, das war wohl nichts!

Beim zweiten Versuch schaffte der Polizist es dann aber doch zu dem Tresen, an dem ich mit den Rathausbeamtinnen wartete. Ein Essen sei schon möglich, doch ob es auch eines ohne Brot und Schweinefleisch gab, da müsse er sich erst erkundigen. Es folgte ein längeres Gespräch mit wenig Inhalt und vielen Füllworten, bei dem es etwa 7 Sekunden lang um unser Essen ging und schließlich hatten wir seinen Segen. Doch man musste natürlich erst noch ein Formular ausfüllen. Also ab ins Hinterzimmer und durch den Geheimgang zurück aufs Polizeipräsidium.

10605,10604

„Sind sie beide Brüder?“ fragte er mich, als er unsere Reisepässe abtippte.

„Nein!“ antwortete ich, „Warum?“

„Weil sie den gleichen Nachnamen haben!“ gab der Polizist zurück.

„Wenn ich mich recht erinnere,“ wandte ich ein, „dann haben wir eigentlich zwei verschiedene Nachnamen!“

Er zeigte mir die Ausweise und las es mir vor: „Tobias Deutsch und Heiko Deutsch!“

Ich musste lachen. „Das ist das Feld für die Staatsangehörigkeit!“

Etwas peinlich berührt nahm der Mann einen Tipex-Roller und verbesserte seinen Fehler.

Inzwischen ist der Stalker übrigens verschwunden. Zwei Typen, die nicht mit ihm reden und die nur am Computer sitzen und irgendetwas auf einer fremden Sprache tippen, waren für ihn wahrscheinlich genauso langweilig wie alles andere auch. Wahrscheinlich hat er deshalb beschlossen, wieder den Autos beim vorbeifahren zuzusehen. Die waren wenigstens schneller und bunter als wir.

Dafür haben wir aber neuen Besuch bekommen. Zwei Stadtmitarbeiter stürmten unsere Herberge ohne anzuklopfen und ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob wir vielleicht gerade nackt waren.

„Hallo! Wir brauchen nur etwas Strom! Alles klar?“

„Alles klar!“ erwiderten wir verdutzt.

Dann verschwanden sie, kamen mit einem Verlängerungskabel zurück und verschwanden erneut. Was sie genau machen wissen wir nicht, aber es hat irgendetwas mit einer Bohrmaschine zu tun, die langsam aber lautstark in der Wand neben uns versenkt wird.

Spruch des Tages: Es sind nicht die Talente, die einen Menschen ausmachen, sondern seine Entscheidungen. (Albus Dumbledore in Harry Potter und die Kammer des Schreckens)

Höhenmeter: 80 m

Tagesetappe: 26 km

Gesamtstrecke: 5046,97 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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