Tag 271: Hafenslums

von Heiko Gärtner
30.09.2014 20:10 Uhr

 Ausgeschlafen und erholt verließen wir am Morgen unser Hotel Beatriz in Borriana. Der Hotelbesitzer hatte uns nicht nur freundlich aufgenommen, sondern auch von seinen eigenen Reisen erzählt. Seine Leidenschaft waren Motorradtouren. Letztes Jahr hatte er die Alpen durchquert und war mit seinem Motorrad einmal um das Hochgebirge herum durch Deutschland, Österreich, die Schweiz und Italien gefahren. Seine längste Tour war die von seiner Haustür bis nach Istanbul gewesen. Etwas mehr als 9.000km in nur 23 Tagen. 9.000km von hier bis nach Istanbul, ohne den Schlenker über Italien! Wie sehr hatten wir uns da bei unseren Längenangaben verschätzt? Wir hatten damit gerechnet, dass wir bis nach Israel insgesamt nur 10.000km zurücklegen würden, und jetzt gingen wir auf unsere 6.000 zu, ohne Spanien verlassen zu haben. Die Welt ist doch größer als man denkt!

Auf der anderen Seite ist sie jedoch auch wieder kleiner als man denkt. So kam uns auf etwa halber Strecke ein Radfahrer entgegen, der uns bereits von weitem grüßte. Es hatte lange, rote Haare, die er teilweise zu Dreadlocks verbunden hatte, einen ebenso roten Ziegenbart und trug ein lockeres Hemd und eine kurze dunkle Hose. Rein optisch erinnerte er mich dadurch an einen meiner besten Freunde aus der Schulzeit, mit dem gemeinsam ich überhaupt erst begonnen hatte, Abenteuertouren zu machen.

Der junge Radler stellte sich uns als Vince vor und erzählte uns, dass er bereits wusste, wer wir waren. „Ich habe gestern eine Radfahrerfamilie getroffen, die mir von euch erzählt haben. Sie meinten, ich müsse euch unbedingt kennenlernen und waren sich sicher, dass wir uns irgendwo auf dem Weg begegnen würde.“

Wir beschlossen eine gemeinsame Mittagspause einzulegen und suchten uns den schönsten Platz, den wir hier an der Schnellstraße finden konnten. Vinces Fahrrad hatte einen ureigenen Stil. Er besaß drei unterschiedliche Klingeln und eine Hupe, um damit für jede Situation das passende Geräusch zu machen. Das Rad selbst hatte bereits eine Kanadareise hinter sich, bevor Vince es kaufte. „Ich dachte mir mit einer solchen Geschichte, würde es auch mir gute Dienste leisten. Und bislang hat es das auch sehr gut getan.“

Vor etwas mehr als zwei Monaten hatte Vince sein Kunststudium in Holland mit einem großartigen Kunst-Happening abgeschlossen. Jeder Student sollte ein eigenes Werk zu einem selbstgewählten Thema machen. Vince hatte sich dabei mit der Frage beschäftigt, wie man Menschen aus alten Fahrwassern herausbringen konnte um ihnen neue Blickwinkel zu eröffnen. „Wie oft haben wir den Impuls etwas zu tun und wissen genau, dass es gut, richtig oder zumindest lustig wäre, gehen diesem Impuls jedoch nicht nach, weil wir dafür unsere Komfortzone verlassen müssten? Unser Herz will, aber unser Kopf hält uns einfach fest.“

Für die Ausstellung hat er sich dabei etwas ebenso einfaches wie geniales überlegt. Sein Kunstwerk bestand aus nichts weiter als zwei Trittstufen und einer dahinterliegenden Majonäsenflasche. Es lag einfach so, unkommentiert im Raum. Wohlgemerkt in einem edlen, kunstvollen Raum, in dem man sich anständig benimmt. Dennoch forderte es jeden Anwesenden ganz klar auf, auf die Stufen zu steigen und auf die Flasche zu springen, so dass die Majonäse herausschoss.

Zur Eröffnung der Ausstellung gab es eine Führung, die von einem Mitstudenten von Vince geleitet wurde und zufällig begann diese Führung genau beim Majonäsen-Kunstwerk.

„Darf ich es einmal ausprobieren?“ fragte der Kunstführer an Vince gerichtet.

„Du kannst tun, was immer du möchtest!“ antwortete Vince, „Ich habe es aufgebaut und damit freigegeben, was von nun an damit passiert ist nicht mehr meine Sache!“

„Mit einem Strahlen im Gesicht erklomm der Student die Stufen und sprang mit einem festen Satz auf die Majonäsentube.

Flutschhhhhhh!!!!!

Die Flasch platzte auf und die Majonäse schoss durch den Raum. Anders als erwartet öffnete sich jedoch nicht der Verschluss. Es war die Rückseite, die zerplatzte und die Majonäse spritzte genau in die Richtung, in der niemand damit gerechnet hatte. Hier standen die beiden wichtigsten Professoren für Vince Abschluss. Eine von ihnen war nicht so begeistert von der fettigen Masse, die überall auf ihren Kleidern klebte. Der andere war jedoch völlig aus dem Häuschen! Besser hätte man das Thema kaum umsetzen können!

„Für mich war klar, dass das Herausschießen der Majonäse in diesem Moment meinen Universitätsabschluss bedeutete!“ sagte er schmunzelnd und er sollte damit Recht behalten.

Doch wie fast alle Studenten mit einem Universitätsabschluss im künstlerisch-kulturellen Bereich stand auch Vince nun völlig planlos da. Er konnte alles machen und gleichzeitig auch überhaupt nichts. Es ging ihm wie mir damals. Also hatte er beschlossen, sich eine siebenmonatige Auszeit zu nehmen und die Welt mit dem Rad zu erkunden. Nach sieben Monaten hatte dann auch seine Freundin ihren Abschluss und dann konnten beide gemeinsam überlegen, wie ihre Zukunft aussehen sollte.

Uns von einander zu verabschieden, viel uns allen dreien nicht leicht. Er reiste komplett alleine und freute sich, wieder einmal Gesellschaft zu haben und wir waren froh, wieder einmal ein echtes, tiefes Gespräch mit einem Menschen führen zu können.

Bei unserer weiteren Wanderung mussten wir dann auch noch einmal an die holländische Familie mit ihren Fahrrädern denken. Seit 6 Jahren reisten sie nun schon umher und waren fast überall in der Welt gewesen. Wie großartig musste es für die Jungs sein, so aufzuwachsen? Wie musste es sein, auf diese Art Sprachen zu lernen? Wie gut musste man für sich selbst entscheiden können, welche Schulfächer, die man im Heimunterricht lernt, für das Leben wirklich wichtig sind und welche nicht? Wie viel lernte man bereits als Kind ganz nebenbei, das wir uns nun hart antrainieren müssen? Und wie viel Scheiße lernte man nicht, die wir nun noch härter wieder abtrainieren?

Auch über die Aussage des Vaters über Spanien mussten wir noch viel nachdenken. In den 6 Jahren waren sie nie in ein unfreundlicheres und verschlosseneres Land als Spanien gekommen. Nirgendwo hatten es ihnen die Menschen schwerer gemacht, nirgendwo war man ihnen skeptischer und abweisender begegnet. Heute fiel es uns daher umso mehr auf, dass es fast unmöglich war, in einen kurzen freundlichen Kontakt mit den Menschen zu kommen. Niemand grüßte, nicht einmal dann wenn man ihnen das fröhlichste „Hola!“ entgegenwarf, das man zustande brachte. Nicht einmal, wenn man dazu noch winkte. Es war uns nur nicht mehr so aufgefallen, weil wir uns bereits daran gewöhnt hatten. Wie oft hatten wir geglaubt, verbissen oder verrückt zu sein, dass wir die Menschen hier so wahrnahmen. Doch wenn die Erfahrungen dieser lebensfrohen Familie eins zu eins mit unserer übereinstimmte, dann musste etwas dran sein.

Dabei wollen wir uns nicht beschweren, denn wir sind ja trotz allem immerhin schon seit Ostern in diesem Land und wir sind mit wenigen Ausnahmen immer durchgekommen wie die Katzenbären. Aber die Grundstimmung zieht schon ordentlich an unserem Gemüt und gleichzeitig ist es traurig zu sehen, wie schwer sich die Menschen damit ihr eigenes Leben machten. Spanien könnte so schön sein, wenn es nicht so griesgrämig, so frustriert, so verbaut, so vermüllt und so voller toter Städte und Industrieanlagen wäre. Einst war dieses Land ein echtes Paradies. Wo ist es hin?

Doch nicht nur die Spanier zerren gerade an unserem Gemüt. Irgendetwas scheint wieder einen heftigen Prozess ausgelöst zu haben, der hoffentlich ein weiterer Heilungsschritt ist. Seit zwei Tagen läuft sowohl Heiko als auch mir ununterbrochen die Nase und wir schniefen was das Zeug hält. Wahrscheinlich sorgt die Meerluft dafür, dass unsere Lungen wieder einmal ordentlich entgiften. Oder haben wir von irgendwas tüchtig die Nase voll?

Gleichzeitig laufen auch unsere Nieren und Blasen auf Hochtouren. Heute musste ich alle 10 Minuten pinkeln und das obwohl ich nicht einmal besonders viel getrunken hatte. Heiko hatte zunächst einen Rhythmus von 20 Minuten, holte jetzt gerade aber stark auf und ist schon kurz davor, seinen Laptop mit aufs Klo zu nehmen um es einfach laufen lassen zu können. Vielleicht entgiften also nun unsere Nieren, wo das Wetter nicht mehr so heiß ist, und wir deutlich weniger schwitzen. Vielleicht hat es aber auch wieder mit inneren Themen zu tun. Gestern hatte ich zum ersten Mal seit langem wieder einen kurzen Mailkontakt zu meiner Familie. Besonders positiv schien er noch nicht gewesen zu sein, denn in der Nacht habe ich so sehr auf meine Zähne gebissen, dass ich noch immer Zahnschmerzen habe. Mein ganzer Kiefer ist verspannt und auch meine rechte Schulter. Der stete Wind vom Meer machte das nicht unbedingt besser und vielleicht ist auch ein leichter Ohrenschmerz hinzugekommen. Sicher ist jedoch, dass alles irgendwie zusammenhängt. Beiße ich mich zu sehr fest? Sehe ich das alles zu verbissen? Oder habe ich gerade einfach die Schnauze voll? Nierenprobleme stehen immer in einem Zusammenhang mit Beziehungsthemen. Man sagt, dass bei einer Blasen- oder Nierenentzündung der Körper innerlich weint, weil es die Augen nicht können. Es ist zwar keine Blasenentzündung aber der ständige, explosionsartige Harndrang wird nicht ohne Grund da sein. Ist vielleicht also doch noch irgendwo eine alte, tiefe Trauer da, die ich immer verdrängt habe und die jetzt irgendwie nach außen will?

Verdammt! Ich muss pinkeln! Wartet kurz, ich bin gleich zurück!

...

Wo war ich? Ach ja, innere Trauer! Noch habe ich keine Ahnung, was da los ist, aber vielleicht kommt das ja in den kommenden Tagen noch. Bei Heiko dreht sich ebenfalls viel im Kopf und im Bauch herum und auch sein Schlaf ist nicht gerade der ruhigste, den er je hatte. Es sind andere Beziehungsebenen aber die Themen scheinen auf ihre Art wieder sehr ähnlich zu sein. Investieren wir vielleicht gerade wieder zu viel Energie in Beziehungen, in denen wir nicht weiterkommen und die uns nur Kraft kosten?

Noch eine andere mögliche Ursache für die Pinkelattacken und die allgemeinen Entgiftungsprozesse ist uns inzwischen eingefallen. Seit nun genau elf Tagen benutzen wir kein Klopapier mehr, sondern nur noch unseren Waschlappen. Auch in den Erfahrungsberichten der anderen haben wir gelesen, dass es durchaus zu heftigen Reaktionen kommen konnte und dass einem vor allem geraten wird, viel Wasser zu trinken. Vielleicht machte das Giftpapier also doch deutlich mehr aus, als wir zunächst angenommen hatten.

Die zweite Hälfte der Reise stellte die letzten Tage in Sachen Hässlichkeit noch einmal ordentlich in den Schatten. Wir mussten durch ein Industriegebiet, das mindestens so übel war, wie das von Gijón und Avilés. Wir waren wieder am Meer und mit dem Meer kam offensichtlich auch die Schwerindustrie. In diesem Fall wanderten wir an einer riesigen Ölraffinerie vorbei, die übelriechende Dämpfe in die Umgebung sprühte. An ihrem Eingang stand ein großes Schild, auf dem untereinander verschiedene, große Ölkonzerne aufgeführt waren. „BP, Repsol, Shell, ...“ In uns kam dabei schon einmal die Frage auf, wie es sein kann, dass diese Firmen, die ja angeblich unabhängig voneinander sind und sogar miteinander konkurrieren, ihr Öl alle von der gleichen Raffinerie beziehen.

Ein gutes Stück hinterhalb der Raffinerie stießen wir auf das Hostal Martí, dessen Besitzerin uns zum Übernachten einlud. Wir bekamen diesmal sogar Einzelzimmer und haben damit wieder einmal ein bisschen Privatsphäre für uns.

Um Essen aufzutreiben wanderten wir dann noch das letzte Stück bis zum Hafen. Dabei kamen wir in eine Gegend, die alles in den Schatten stellte, was wir auf unserer Reise bisher gesehen hatten. Stellt euch Großstadtslums in Afrika, Indien oder Argentinien vor und kombiniert diese Vorstellung mit einer Müllhalde aus Haushalts-, Industrie- und Fischabfällen. Dann habt ihr ein ungefähres Bild dieses Viertels. Es war so ekelhaft, dass wir allein beim Durchgehen faulige Zehennägel und Herpes bekamen. Und wir sind wirklich nicht zimperlich! Das krasseste war jedoch, das hier tatsächlich Menschen lebten. Wir konnten es einfach nicht glauben. Halb Spanien stand leer und verfiel zu Staub und die Menschen lebten am dreckigsten, verpektesten und versifftesten Ort den man sich vorstellen konnte. Kloschüsseln lagen in den Gärten, ganze Hauswände waren halb eingerissen, der Müll lag überall, die Mülltonnen waren angekokelt und stanken nach verbranntem Kunststoff, die Haushaltseinrichtungen lagen auf den Straßen verteilt und die Straßen selbst waren nicht mehr als löchrige Schlammpisten in deren Pfützen das Öl schwamm. Mittendrin stand ein Pferd an eine Leine gebunden auf einer vermüllten Wiese und sah uns mitleidig an. Ein dicker Mann stand mit nichts als einer Unterhose bekleidet auf der Straße und kratze hochkonzentriert an einem Pickel unter seiner Achsel herum, in die er fast seine Nase steckte, um besser sehen zu können. Dabei hing sein beachtlicher Bierbauch soweit über die Unterhose, dass diese fast nicht mehr zu sehen war. Aus einer anderen Straße kam uns ein Junges Pärchen mit ihrer Tochter entgegen, die kaum jünger zu sein schien, als ihre Mutter. Der Vater schaute uns mit einem Auge misstrauisch an. Das andere war aufgrund einer Entzündung so zugeschwollen, dass er damit fast nichts mehr sehen konnte. Gleichzeitig standen jedoch zum Teil zwei oder sogar drei Autos in den Hofeinfahrten. So arm konnten die Menschen dann also doch wieder nicht sein. Doch wie konnte man hier leben, wenn man auch nur einen einzigen Cent besaß? Überall auf der Welt war es schöner. Was also hielt die Menschen hier? Der Job vielleicht? Aber wenn ihr Lohn nur reichte um ihnen diese Hölle zu ermöglichen, dann waren sie andernorts ohne Geld dennoch bedeutend besser dran. Und noch eine Frage drängte sich auf. Wir hatten viele Orte gesehen, in denen Menschen wirklich in Armut lebten. Doch das bedeutete nicht, dass sie deshalb auch so versiffen mussten. Selbst wenn man kein Geld besaß, konnte man seinen Vorgarten ordentlich halten und seinen Müll entsorgen. Sogar die Obdachlosen, die in Nürnberg unter der Brücke am Kino lebten hatten einmal die Woche einen Putztag und sorgten dafür, dass ihre Outdoor-WG stets ordentlich und aufgeräumt war. Warum hatten sich die Menschen hier also für ein Leben in einer Müllhalde entschieden? Konnte man sich hier wirklich wohl fühlen? Oder hatten sie so sehr resigniert, dass ihnen bereits alles egal war? Die Blicke, denen wir begegneten, sprachen für das letztere. Glanz oder Freude war nirgends mehr zu sehen. Selbst die Kinder schauten apathisch vor sich hin und schienen bereits nichts mehr wahrzunehmen. Die Trostlosigkeit war in Worten kaum mehr zu beschreiben.

Einige Hundert Meter weiter endete das Viertel an einer Hauptstraße und der Innenstadtbereich mit den Hafenanlagen begann. Plötzlich sah alles wieder normal aus. Nicht schön, aber so hässlich wie alle Städte in der Umgebung. Von dieser Seite ließ sich nicht vermuten oder erahnen, was sich am Ende der Straße befand.

Spruch des Tages: Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt. (Albert Einstein )

 

Höhenmeter: 3 m

Tagesetappe: 14 km

Gesamtstrecke: 5299,87 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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