Tag 278: Song of Mosquito

von Heiko Gärtner
08.10.2014 17:28 Uhr

Von allen Prüfungen die einem die Natur stellen kann sind Mücken definitiv die härteste. Hunger, Kälte, Trockenheit, Einsamkeit, Nässe, Hunger und Durst, all dies sind Schwellen, die einem vom Leben in der freien Natur abhalten können. Sie sind hart und nicht zu unterschätzen, doch sie sind bei weitem nicht so schlimm wie die Mücken. Nie hätten wir geglaubt, dass wir in diesem Jahr noch ein Mückenproblem bekommen. Im Sommer hatten wir damit gerechnet, doch jetzt, Anfang Oktober? Wenn man dem Mann glaubt, der gerade den Löwenanteil zu unserem Abendessen gespendet hat, dann ist das Mückenproblem in dieser Region noch eine verhältnismäßig junge Sache. Auch früher gab es hier Mücken, doch bei weitem nicht so viele und vor allem nicht so aggressive. Vor etwa sechs Jahren wurde dann eine neue Sorte von Mosquitos aus Asien eingeführt. Sie gelangte über ein Fährschiff nach Barcelona. Nicht viele, nur ein paar Exemplare. Innerhalb der letzten 6 Jahre breiteten sie sich dann jedoch über die komplette Region aus und wurden zur regelrechten Plage. Und was für eine Plage! Ihr könnt euch dass nicht vorstellen! Durch eine Verkettung von einigen mehr oder weniger erfreulichen Ereignissen haben wir heute unsere dritte Zeltnacht in Folge und mussten uns diesmal einen Platz in einem kleinen Strandvorort für Reiche suchen. Der einzige Platz der einigermaßen geeignet erschien war ein Grünstreifen zwischen zwei Häuserreihen. Bereits als wir ankamen, merkten wir, dass es ein wahres Mückenparadies war doch unsere schlimmsten Befürchtungen wurden sogar noch übertroffen. Noch ehe wir auch nur die Plane ausgebreitet hatten, hatte jeder von uns bereits gut 20 Stiche an Armen und Beinen. Heiko hatte sich außerdem noch eine ordentliche Portion Mückengift am Hintern abgeholt, weil er einen Busch in der Nähe als Notfalltoilette nutzen musste.

„Ich dreh gleich komplett durch!“ sagte er mit leidverzehrtem Gesicht während er dem unendlichen Drang widerstand, sich die Beine blutig zu kratzen. Es war schier unmöglich mit diesem Jucken am ganzen Körper ruhig und konzentriert zu bleiben, vor allem wo sich der Boden als nahezu undurchdringliche Geröllschicht entpuppte, in die man fast keinen Hering hineinbringen konnte. Je länger der Zeltaufbau dauerte, desto nervöser und unruhiger wurden wir und desto schwieriger wurde es, überhaupt noch etwas aufzubauen. Bereits nach wenigen Minuten hatten wir uns je eine Lange Hose und einen Pullover übergezogen, um so viele Körperteile wie möglich zu schützen. Bei der schwülen Hitze hatte dies natürlich zur Folge, dass wir schwitzten wie die Bären. Der Schweiß lockte die Mücken dann noch stärker an. Abgesehen davon trug der zusätzliche Schweiß auch nicht unbedingt zu unserem Gesamtwohlbefinden bei, denn nach drei Nächten im Zelt ohne Dusche in denen wir mehrmals schweißgebadet erwachten und nach drei Tagen Wanderung durch feuchte Hitze stanken wir eh schon zum Himmel. In einem Comic hätte man einen gelblich grünen Schleier um uns herumgemalt und zwischenzeitlich waren wir uns nicht ganz sicher, ob nicht auch wirklich ein solcher Schleier zu sehen war. Zu riechen war er auf jeden Fall drei Meilen gegen den Wind und am Nachmittag wurden wir sogar von einem Mann in einer Bar darauf angesprochen, der uns auf einen Salat einlud. Auch in dieser Bar wurden wir bereits von Mücken attackiert und die ersten Stiche des Tages hatten wir schon in der Früh beim Zeltabbau bekommen. Nicht, das unsere Nacht mückenfrei gewesen wäre. Und so wie unsere Mückenplage von gestern setzte sich auch der Wurm fort, der irgendwie in allem steckte, was wir im Moment anfassten. In fast allem, denn es gab auch heute wieder wirklich coole Momente, die den Tag deutlich aufwerteten. Es waren eigentlich mehr Kleinigkeiten, die sich aneinanderreihten und die einem den Tag und die Laune zu vermiesen versuchten. Das Essen, das trotz des kaputten Kochers noch recht lecker geworden war und von dem wir uns die Hälfte als Frühstück aufgehoben hatte, war in der Nach sauer geworden. Nach dem ersten steilen Anstieg des Tages suchten wir uns einen schönen schattigen Platz, packten den Topf aus und freuten uns auf die geballte Energie und den leckeren Geschmack. Und dann das! Eine Gaben und zwei angewidert verzerrte Gesichter genügten, um klarzustellen, dass man den Topfinhalt nur noch als Blumendünger in die Büsche kippen konnte. Wie schade war das denn!

Zum Glück blieb uns noch etwas Obst, dass uns die Kraft für den folgenden, anstrengenden Bergweg gab. Wir fühlten uns wieder an den Camino de Norte zurückversetzt, nur dass wir diesmal bedeutend mehr Gepäck hatten. Gerade Strecken gab es nicht mehr. Entweder es ging steil bergauf oder steil bergab. Dafür führte uns der Weg durch eine wunderschöne Landschaft und mitten durch ein traumhaftes Bergpanorama. Dabei waren wir soweit von der Autobahn entfernt, dass wir sie nicht mehr hören konnten. Sie kam erst zurück, als sich der Weg wieder der Küste annäherte. Hier war er dann wieder flacher und leichter zu laufen, dafür aber eben auch wieder laut und ungemütlich.

Im ersten kleinen Ort, den wir durchquerten trafen wir auf ein Pärchen, das sich ebenfalls die Zeit damit vertrieb, um die Welt zu reisen. Ihr Reisestil unterschied sich jedoch grundlegend von unserem eigenen. Er stammte ursprünglich aus Stuttgart und hatte wie Heiko bei einer großen Versicherung gearbeitet. Dabei hatte er so viel Geld wie nur irgend möglich beiseite geschafft und als er genug hatte, hatte er das Arbeiten aufgegeben. Zuvor schon war er immer wieder aus dem Arbeitsleben ausgebrochen um kleinere und größere Reisen zu unternehmen. Im letzten Jahr war er dann nicht mehr als 6 Wochen in Deutschland gewesen. Sein Plan war es, von den Zinsen seines Kapitals zu leben, was einige Jahre lang auch gut funktionierte. Doch mit der zunehmend schlechter werdenden Finanzlage und den damit einhergehenden, fallenden Zinssätzen, wurde es schließlich unmöglich. Seither muss er auf das gesparte Geld selbst zurückgreifen, was ihm verständlicher Weise kein allzu gutes Gefühl gibt. Denn seit er das machen muss, schwindet sein Geldpuffer permanent und dadurch wird sein Lebensstil irgendwann endlich. „Alt werden darf ich also nicht!“ meinte er scherzhaft, doch man spürte, dass er es nicht ganz so locker sah, wie er gerne wollte.

Sein Reisekonzept war es, möglichst sparsam unterwegs zu sein und die Angebote abzugreifen, die aus den unterschiedlichsten Gründen gerade besonders günstig waren. So müssen beispielsweise die großen Karibikkreuzfahrtschiffe, die nach Ende der Saison in Europa überwintern, im Herbst wieder in die Karibik zurückgebracht werden. Diese Fahrten finden ohnehin statt und sind eigentlich reine Transfährtouren, doch da ein Schiff nicht wesentlich mehr verbraucht, wenn ein paar Menschen an Bord sind, werden die Plätze günstig vermietet. So kann man dann eine 14tägige Kreuzfahrttour in die Karibik bereits für ca. 500$ bekommen. Und wenn man dann in der Karibik ist, kann man dort ebenfalls wieder schauen, wie man günstig an Wohnungen und Essen für einen gewissen Zeitraum kommt. Vergleichbare Angebote gibt es auch für Asien, Afrika und alle möglichen anderen Regionen der Welt. In Thailand hat er dann vor einigen Jahren eine junge Russin kennengelernt, die seither mit ihm gemeinsam reist. Sie selbst hat zwar nahezu kein eigenes Reisebudget, aber er meint, dass er dennoch kaum mehr Geld ausgibt, als in den Zeiten, in denen er alleine war. Eine Pension oder ein Apartment kostet nicht mehr, wenn man zu zweit darin wohnt und auch vom Essen her ist es nicht viel Unterschied. Lediglich die Reisekosten mit den Fliegern oder Kreuzfahrtschiffen verdoppeln sich natürlich. Dafür hat er nun die Gelegenheit, Russland zu bereisen, da ihre Eltern ihm ein Einladungsvisum ermöglichen können. So kam es, dass die beiden bereits fast die ganze Welt gesehen haben. Wandern ist jedoch weniger ihr Ding. Lieber reisen sie mit dem Auto oder mit anderen Verkehrsmitteln. Im Monat verbrauchen sie so rund 1000€ was noch gut im Budgetrahmen zu liegen scheint.

Die Wohnung hier in Spanien hat der Weltreisende schon seit einigen Jahren und er kommt immer wieder hier her, um von hier aus mit einem Kreuzfahrtschiff zu starte. Dieses Mal legt ihr Schiff in die Karibik Mitte des Monats ab. Er erzählte uns, dass dieses Dorf aufgrund seiner Abgeschiedenheit zu den unfreundlichsten in ganz Spanien zählt, was sogar von Spaniern selbst immer wieder bestätigt wird. Warum er sich daher genau diesen Ort ausgesucht hatte, verstanden wir nicht. Doch dass er nicht übertrieben hatte, merkten wir selbst auch.

Nachdem wir uns von den beiden verabschiedet hatten, fragten wir im einzigen offenen Hotel des Ortes nach einem Schlafplatz. Das Hotel hieß passend zu seiner Lage Hotel de Puerto, also Hafenhotel und machte auf den ersten Blick einen recht positiven Eindruck. An der Rezeption stand ein Schild, auf dem stand, dass man sich an das Restaurant nebenan wenden solle. Dort traf ich einen jungen Mann, der mich zurück in die Hotellobby führte, wo er sich meine Geschichte anhörte.

„Einen Moment, da muss ich die Chefin fragen!“ sagte er, verschwand und kam kurz darauf mit einem Schreibbrett und einem Lächeln zurück.

„Kein Problem!“ sagte er dann, „Ihr bekommt ein Doppelzimmer!“

Wir waren begeistert. Endlich mal wieder ein schöner, ruhiger Schlafplatz, ein Nachmittag für uns und wirklich entspannte und unkomplizierte Gastgeber. Dachten wir.

Denn als wir gerade dabei waren, unsere Wagen in den kleinen Raum zu fahren, den uns der Rezeptionist vorgeschlagen hatte, stürmte plötzlich eine aufgebrachte, zeternde Frau herein, die uns völlig verärgert anschnauzte und uns einen langen, unverständlichen Vortrag hielt. Es wäre eine Unverschämtheit, uns einfach so, ohne irgendwelche Details in ihr Hotel einzuschleichen, diese Wagen mitzubringen und nicht zahlen zu wollen! Sie wisse ja nicht einmal wer wir überhaupt seien und was wir wollen und wahrscheinlich wären wir Betrüger und Diebe und würden am Ende ihr ganze Hotel zerstören. So ging es noch eine ganze Weile weiter. Erklärungen oder Antworten auf ihre Fragen wollte sie nicht. „Das interessiert mich einen Scheißdreck, was ihr macht und wer ihr seit! Verschwindet einfach aus meinem Hotel!“ zeterte sie und war dabei so aufgebracht, dass man wirklich nicht mit ihr sprechen konnte. Langsam wurde auch ich etwas sauer. Es war ja vollkommen in Ordnung, wenn sie uns ablehnte, doch uns einzuladen und uns dann für ihre eigene Entscheidung zu beschimpfen und wütend aus dem Hotel zu werfen, das war wirklich das letzte! Wie kam sie auf diese Idee?

Mehrmals hielt sie uns einen Personalausweis von einer Holländerin hin, die anscheinend vor einigen Tagen hier war und ohne Bezahlung abgereist war. Nun glaubte sie offenbar, dass wir das gleiche machen wollten. Mit viel Mühe und Not gelang es uns schließlich, sie etwas zu beruhigen. Heiko coachte mich dabei immer wieder und warf Wörter auf Deutsch ein, die ich übersetzte um das Explosionspotential zu senken. Doch auch wenn sie sich am Ende entschuldigte, blieb sie bei ihrer Meinung. Sie nahm uns den Schlüssel wieder weg und setzte uns vor die Tür. Da standen wir nun und blickten in die Röhre. Das Rathaus hatte nun geschlossen, da ihr Wutausbruch zu lange gedauert hatte und der Pfarrer war natürlich wieder unerreichbar. So verließen wir den Ort und kamen durch mehrere ausgestorbene Neubau- und Villensiedlungen. In einem Restaurant wurden wir von einem freundlichen Ehepaar auf einen Salat und einen Saft eingeladen. Wir unterhielten uns eine Weile und als das Thema auf Naturmedizin kam, baten sie uns, aus ihren Händen zu lesen. Heiko konnte also seit langem mal wieder als Profiler tätig werden und sein Wissen über Antlitz-Diagnose nutzen. Es war erstaunlich, wie sehr es auf die Lebenssituation der beiden zutraf und sie waren sichtlich begeistert. Auch wir hatten unseren Spaß daran. Schließlich schenkte uns der Mann je 50€ als Dank und als Spende für die Reisekasse. Es war fast nicht zu glauben, wie die Dinge wieder auf uns zu kamen, an stellen, wo wir es nie erwartet hätten, währen an anderen Stellen, alles schief zu laufen schien.

Einige Kilometer weiter suchten wir uns dann unseren Zeltplatz und begannen mit unserem Kampf gegen die Mücken. Hier etwas zu essen aufzutreiben, war eine wahre Herausforderung, denn die meisten Villen waren leer oder wurden von Menschen bewohnt, die entweder nichts im Haus hatten oder nichts abgeben wollten. Ein Mann bedauerte, uns nichts geben zu können, weil seine Tochter nicht da war und diese die Küchenvorräte verwalte. Die Spendabelste war hingegen eine alte, zahnlose Dame, die in einer Sozialwohnung in der Mitte des Villenviertels lebte. Sie hatte nur Lebensmittel, die sie von der Caritas bekommen hatte, doch von denen hätte sie uns gegeben, was wir wollten. Das jedoch lehnten wir ab, denn sie hatte weniger als wir selbst und es war einfach nicht einzusehen, dass wir von ihr etwas nehmen sollten, wo es lauter Poolbesitzer im Umkreis gab.

Spruch des Tages: Nur wer wirklich im inneren Frieden ist, kann auch im Frieden mit den Mücken sein.

 

Höhenmeter: 90 m

Tagesetappe: 20,5 km

Gesamtstrecke: 5422,87 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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