Tag 279: Atomkraftwerk mit Meerblick

von Heiko Gärtner
08.10.2014 17:45 Uhr

Völlig zerstochen und eher einem Beutel Juckpulver ähnelnd, als einem Menschen, standen wir nach dem Zeltabbau am Morgen wieder auf der Straße. Von hier aus konnten wir ein Stück am Strand entlang wandern, bis in die nächste Ortschaft. Diese bestand natürlich, wie alle anderen, auch nur aus größtenteils unbewohnten Bungalows und Apartmentblocks. Doch etwas war besonders!

Direkt am Strand und direkt neben den sich badenden und sonnenden Urlaubsgästen stand ein fettes Atomkraftwerk. Einige Bojen trennten die Linie ab, über die man nicht schwimmen durfte, um außerhalb des Atommeilergeländes zu bleiben und ein Boot mit einem Wachmann an Bord passte auf, dass sich die Kinder auch daran hielten. Eine Familie hatte ihr Sonnenlager extra so weit wie möglich am Atomkraftwerk aufgebaut und es machte fast den Anschein, als wollten sie hineinkriechen. Ob das Wasser dort wohl wärmer war? Wie kam es, dass ausgerechnet dieser Strand so belebt war, nachdem alle vorherigen wie ausgestorben waren? Und was veranlasste einen Atomkraftwerkbetreiber dazu, sein Kraftwerk direkt ans Meer zu bauen? Also förmlich ins Meer! Klar, es war ausreichend Wasser vorhanden um die Brennstäbe zu kühlen, aber es gab damit natürlich auch jede Menge Gefahrenpotential durch die raue See. Wieso stehen eigentlich so erstaunlich viele Atomkraftwerke direkt am Meer? Hier, in Florida, in Japan... Dass das nicht unbedingt eine gute Idee ist, hat Fukushima ja recht anschaulich gezeigt. Und wenn es kein Meer ist, dann ist es dennoch erstaunlich, warum so viele Kraftwerke auf geoaktivem Terrain stehen. Ein bisschen wirkt es ja fast so, als wollten wir bewusst russisch Roulette mit den Dingern spielen. Wie lange halten sie stand, obwohl wir den unsichersten Standpunkt heraussuchen? Die Kraftwerkerbauer werden aber ja nicht so dumm sein, dass sie vergessen auf solche Dinge zu achten, also stellt sich doch die Frage, welcher wirkliche Grund dahinter steht.

Der Weltreisende von gestern Nachmittag hatte uns bereits erzählt, dass es hier ein solches Kraftwerk geben würde und er hatte erklärt, dass es den selben technischen Standard verwendet, wie Tschernobyl. Dementsprechend beruhigt waren wir, als uns unser Weg mit einem Abstand von nur 50m an dem Werk vorbei führte. Die Straße endete mit dem Strand und wir mussten über einen Feldweg um das Werk herumwandern. Auf halber Höhe galt es dann die Schienen zu überqueren und auf kleinen Feldwegen zwischen den Kraftwerksgebäuden durchzuschleichen. Fast waren wir überrascht, dass wir auf diesem Weg von keine Wache oder keinem Pförtner aufgehalten wurden. Niemand interessierte sich für uns. Wären wir hier mit einer terroristischen Absicht hergekommen und nicht deshalb, weil wir uns verlaufen haben, dann hätten wir ohne Probleme eine Bombe mit der Hand in das Gelände werfen können. War es nicht seltsam, dass diese Kraftwerke so wenig geschützt wurden? Wenn sie angeblich doch so empfindlich waren, dann war das der pure Leichtsinn. Waren sie also vielleicht gar nicht so gefährlich? Oder wusste man einfach sicher, dass es keine Übergriffe geben würde? Wenn ja, woher wusste man das? Wie konnte man sich sicher sein, wenn der Terrorismus unberechenbar war? Oder war er das gar nicht?

Später erfuhren wir, dass das Kraftwerk offiziell stillgelegt worden war. Doch dass hier noch Strom produziert wurde konnte man unverkennbar an dem Spannungssurren der Überlandleitungen erkennen. Wir mussten an Bad Karlshafen zurückdenken, einen Kurort in der Nähe von Kassel, den wir einige Male besucht hatten. Rund 10km von dem Ort entfernt gab es ebenfalls ein Atomkraftwerk, das angeblich Stillgelegt wurde. Dennoch fließen dort noch immer geschätzte 800.000Mega-Watt im Jahr durch die Starkstromleitungen. Es ist sogar so viel Strom, dass man Kopfschmerzen bekommt, wenn man unter den Leitungen hindurchgeht. Wie ist das zu erklären?

Auf dem weiteren Weg dachten wir noch einmal über das Gespräch mit unserem Weltreisepärchen von gestern nach. Die beiden waren wieder einmal ein klarer Spiegel gewesen und wirkten etwas wie eine Parallelidentität von Heiko. Vor etwa zehn Jahren hatte er sich dafür entschieden, sein Leben bei der Versicherung aufzugeben und einen anderen Weg einzuschlagen. Damals hätte es also auch die Option gegeben, weiterzuarbeiten, so viel Geld wie möglich zu scheffeln und schließlich als reicher Mann um die Welt zu ziehen. Doch sein Körper hatte ihm deutlich gezeigt, dass dies keine Lösung war. Jetzt noch einmal zu sehen wie es hätte werden können, löste viele Gedanken und Gefühle aus. Doch es war eindeutig, dass uns dieser Weg bei weitem besser gefiel.

In L´Hospitalet de l´Infant machten wir nahezu die gleichen Erfahrungen wie am Vortag. Nur ohne Hoteleinladung und anschließender Abfuhr, denn die Hotels hatten bereits alle geschlossen. Es war uns einfach nicht vergönnt, irgendwo entspannt anzukommen. Warum auch immer. Der nächste Ort hieß Miami Playa, wenngleich er nicht ganz so legendär wirkte, wie man sich über das Original in den Staaten erzählt. Hier wurden wir auf einen Salat in ein Restaurant eingeladen und lernten dort zwei deutsche Pärchen kennen. Ihre Eltern besaßen ein Apartment in der Nähe und die vier machten dort gerade Urlaub. Nach einem kurzen Gespräch luden sie uns auf eine Dusche und einen Sofaschlafplatz ein. Es kam uns wie eine Rettung vor, die wir Dankbar annahmen.

Spruch des Tages: Was könnte einen im Badeurlaub mehr zum Strahlen bringen, als ein Atomkraftwerk direkt am Strand?

 

Höhenmeter: 99 m

Tagesetappe: 15 km

Gesamtstrecke: 5437,87 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

Schreibe einen Kommentar:

Speichere Namen, Email und Webseite im Browser fur zukunftige kommentare