Tag 319: Sexsucht

von Heiko Gärtner
17.11.2014 23:16 Uhr

Eigentlich wollten wir diesen Artikel bereits gestern schreiben, doch wie es immer so kommt, kommt immer alles ganz anders. Wir erreichten am Nachmittag ein kleines Dorf namens Portiragnes und lernten dort über Umwege Ramon kennen. Er ist der Dorfschlachter und bekannt als ein Mensch, der zu jedem einen guten Draht hat. „Wenn euch jemand weiterhelfen kann,“ hörten wir von allen Seiten, „dann er!“

Ramon traf um 15:30 Uhr an der kleinen Dorfkneipe ein, um noch einen Kaffee zu trinken, bevor er zur Arbeit ging. Hier fingen wir ihn ab.

„Ich denke schon, dass wir einen Platz für euch haben,“ sagte er, aber ich muss das erst mit meiner Freundin besprechen!“

Seine Freundin hieß Martina und war vor einigen Wochen aus Deutschland hier her gezogen. Die beiden hatten sich vor zwei Jahren kennengelernt, als Martina im Ferienhaus ihrer Freundin Urlaub machte. Anschließend hatten sie sich mehrmals besucht und nun war sie endgültig hier her gezogen. Ein großer Schritt, wenn man bedenkt, dass sie in Deutschland fünf erwachsene Kinder und ihre gesamte Existenz zurückgelassen hatte, um hier neue anzufangen. Spannend war, dass sie kaum Französisch sprach und Ramon weder Englisch noch Deutsch konnte. Die beiden verständigten sich also weitgehend ohne Sprache. War es eine Form der Telepartie?

Martina wusste es nicht, doch sie wusste, das die beiden etwas verband, das sie sich nicht erklären konnte.

In Deutschland hatte sie viel mit Energieheilung gearbeitet doch hier hatte sie diese Leidenschaft zunächst an den Nagel gehängt. Die Menschen schienen ihr dafür nicht besonders offen zu sein.

Moment! Haben wir das nicht gerade schon einmal gehört? Wir erinnerten uns an die Heilerin, die sich vor ein paar Tagen so liebevoll um Heikos Bein gekümmert hatte. Vielleicht war es also wieder kein Zufall, dass wir ausgerechnet hier hineingeschneit waren. Möglicherweise konnten sich die beiden Frauen gegenseitig unterstützen oder auch zusammenarbeiten. Und noch etwas fiel uns ein. Vor gut einer Woche hatten wir die Österreichische Burgherrin kennen gelernt, die sich gerade zur Masseurin ausbilden ließ. Außerdem hatte sie als Leiterin einer Pension automatisch potentielle Kundschaft. War es da nicht naheliegend auch mit ihr einmal Kontakt aufzunehmen und sich auszutauschen?

„Setzt Akupunkturpunkte der Heilung auf der Erde!“ hatte Darrel einmal bei einem Treffen der Medizinleute gesagt. „So können sie sich immer weiter ausbreiten und die Menschheit transformieren.“ Wäre es nicht ein schöner Gedanke, dass diese drei Frauen ihr Talent in die Hand nehmen und zu drei von solchen Akupunkturpunkten hier in der Region werden?

Der Nachmittag mit Martina war geprägt von interessanten und intensiven Gesprächen, die bis in die Nacht hinein dauerten. Dementsprechend wurde es dann nichts mehr mit dem schreiben eines ausführlichen Artikels.

Jetzt jedoch sitzen wir alleine in einem Ferienhaus am Strand, haben gerade ein dickes Abendessen mit hausgemachter Linsensuppe und Entenfleisch hinter uns und schafften es sogar, den Raum ein bisschen aufzuwärmen. Genau der richtige Zeitpunkt also um loszulegen.

Doch zunächst einmal musste ich die Gedanken, Fragen und Überlegungen, die wir gestern und heute in unser Diktiergerät gesprochen hatten abhören und auf Papier bringen. Es waren haufenweise Gedanken und Erkenntnisse und ich hoffe sehr, dass es mir nun gelingt, ihnen eine sinnvolle Struktur zu geben, so dass man sie auch nachvollziehen kann.

Alles begann mit unserer Wanderung am Kanal entlang. Von Beziers aus gab es einen ausgebauten Fahrradweg bis runter zum Meer, der auch eine beliebte Joggingstrecke war. Als erstes wurden wir von einem gut durchtrainierten Afrofranzosen überholt, dessen Laufstil uns tiefbeeindruckte. Das gehört eigentlich noch nicht zum Thema, oder zumindest nicht ganz, aber ich möchte es trotzdem erzählen, weil es wichtig ist. Alle anderen Jogger, die wir an diesem Tag sahen, kämpften gegen sich selbst. Sie liefen um Gewicht loszuwerden, um sich Fit zu machen oder weil sie glaubten, dass man das machen müsse, weil es ja so gesund sei. Die wenigsten von ihnen machten es mit Freude und keiner machte es mit Leichtigkeit. Anders dieser Mann. Er lief ohne jede Anstrengung. Er hatte den gleichen Laufstil wie Pferde, die den Schwung eines jeden Schrittes gleich für den nächsten nutzten, so dass sie kaum Energie aufwenden mussten, um zu laufen. Er schien, als hätte er die Technik jener Indianer erlernt, die mehr als hundert Kilometer an einem Tag laufen können ohne zu ermüden, weil sie mit jedem Schritt die Kraft von Mutter Erde in sich hineinfließen lassen. Sie bauen dabei eine Art von Energiekordeln auf, die sie nach vorne ziehen und die sie bei jedem Schritt auftanken. Auf diese Weise gelingt es ihnen, dass sie nach dem Joggen sogar energiegeladener sind als zuvor.

Kurz nachdem der Mann verschwunden war, kam uns eine junge Frau entgegen. Sie war recht hübsch und wirkte sehr sympathisch. Sie war nicht übermäßig attraktiv, nicht so, dass man sofort zu sabbern anfängt und ihr Bild nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Sie war eher ein Mensch, bei dem man sich vorstellen konnte, dass es Spaß machte, sie kennenzulernen. Und trotzdem kamen sofort sexuelle Gedanken auf. Es reichte eine Millisekunde und schon hatten sowohl Heiko als auch ich abgecheckt, ob die Frau potentiell als Sexpartnerin in Frage kam.

Warum machen wir das? Warum beziehen wir alles auf Sexualität? Warum kann man nicht einfach einen Menschen des anderen Geschlechts sehen und die Frage nach körperlicher Nähe komplett außen vorlassen?

Sollte es nicht viel eher natürlich sein, dass wir bei einer Begegnung mit einem anderen Menschen zunächst einmal daran denken, Kontakt mit ihm aufzunehmen? Ihn kennenzulernen, in einen Austausch zu gehen und herauszufinden, ob man sich wirklich sympathisch ist? Sollte eine sexuelle Anziehung dann nicht durch diesen Kontakt auf natürliche Weise entstehen, so dass sie einfach da ist, als Produkt der gegenseitigen Zuneigung und einer tieferen Verbindung?

Auf dem ganzen Weg am Kanal entlang haben wir dann einmal darauf geachtet. Es gibt entweder sofort ein Ja oder sofort ein Nein. Ein „Oh dieser Mensch sieht interessant aus, da habe ich gar nicht daran gedacht, ob es als Sexualpartner Potentiell in frage kommt oder nicht“ gibt es nicht. Wir haben auch die anderen Männer beobachtet und festgestellt, dass es ihnen genauso ging. Umgekehrt wurden wir auch von den Frauen sofort auf unsere potentielle ‚Bumsbarkeit’ hin geprüft.

Warum ist dieses Sexualitätsdenken so sehr in uns verankert, dass wir nichts dagegen tun können, selbst wenn wir uns gerade mit diesem Thema auseinandersetzen? Ist es ein Urinstinkt der Menschen und damit etwas natürliches, oder ist es eher eine antrainierte Sucht?

Als wir uns vor gut einem Jahr mit verschiedenen Ebenen von Manipulationsmöglichkeiten beschäftigt haben, sind wir dabei auch auf eine kuriose Sache im Zusammenhang mit Zeichentrickfiguren gestoßen. Nahezu alle Disneyfiguren und auch viele andere Comic-Wesen haben Sexsymbole als Urkörperbau. Bei Disney ist die Grundschablone nach der die Figuren gezeichnet werden, fast immer ein Penis. Bei Youtube gibt es einige Videos zu diesem Thema, bei dem man sich die Zeichnungen anschauen kann:

https://www.youtube.com/watch?v=e5gOukE_j28E

Die Frage, die wir uns damals stellten lautete: Warum um alles in der Welt wollen wir unsere Kinder auf einer unbewussten Ebene so sehr an Sexsymbole gewöhnen? Zunächst hatten wir keine Erklärung dafür, doch gerade vielen uns diese Fragen wieder ein. Doch selbst, wenn man die Disney-Penisse einmal außen vor lässt, dann sind unsere Medien dennoch voll von Sexualität, auf die wir ununterbrochen gepolt werden.

Kann es sein, dass wir durch diese sexuellen Einflüsse bewusst bereits als Kinder sexsüchtig gemacht werden sollen?

Was hätte das für einen Sinn?

Sex sells! Sexualität in der Form, wie wir sie leben, hat immer auch eine direkte Verbindung mit unserem Ego. Wenn wir eine Sucht haben, dann setzen wir alles daran, um sie zu befriedigen und passenderweise liefert uns die Werbung die Anleitung zur Suchtbefriedigung gleich mit.

Wenn du AXE-Deo benutzt, wirst du zum absoluten Frauenschwarm, dem keine widerstehen kann. Mit dieser geilen Uhr bist du der größte Stecher der Geschichte. Dieses Auto macht dich zum Helden, nach dem sich jede Frau verzehrt.

Umgekehrt ist es für Frauen das gleiche. Dieses Shampoo ist so geil, da bekommst du einen Orgasmus, wenn du dir nur die Haare damit wäschst. Dieses Waschmittel macht deine Wäsche so verführerisch, das dein Mann nie mehr wiederstehen kann. Mit dieser Hautcreme bleibst du ewig Jung und knackig.

Auf diese weise wird unser Ego so programmiert, dass all unsere Handlungen egobasiert sind. Jeder von uns weiß, dass er all die tollen Dinge, die uns überall zum Kauf angeboten werden nicht braucht. Jeder weiß, dass ihn ein noch größeres Auto, ein noch teurerer Anzug oder ein noch edleres Parfüm nicht glücklicher macht. Doch unser Ego will es trotzdem. Es bringt uns dazu, dass wir uns immer tiefer in die Konsumspirale hineinziehen lassen. Wir sind nie zufrieden, wir wollen immer mehr. Natürlich ist es nicht, dass man sich kaputt macht, für lauter Dinge, die man gar nicht braucht. Man muss lernen, sich in diese Mühle hineinzubegeben. Am besten schon von Kindesbeinen an. Wir gehen diesem Konsumzwang nur aufgrund unseres Egos nach. Nur aus einer einzigen Hoffnung heraus, aus der Hoffnung dass wir durch diesen neuen Besitz endlich ficken dürfen und daher Glückseligkeit erlangen.

Wer süchtig ist, ist leicht zu kontrollieren, denn er wird viele Warnsignale seiner Intuition überhören, die ihm sagen, dass er gerade über eine Grenze geht und sich krank macht. Doch die Suchtbefriedigung ist wichtiger als die Gesundheit. Somit könnte eine kollektive Sexsucht ein wichtiges Mittel zur Kontrolle einer ganzen Gesellschaft sein. Sie hält unsere Wirtschaft am Laufen und verschafft vielen Menschen Macht und dicke Geldbeutel. Dinge, mit denen diese dann ihrer eigenen Sexsucht nachgehen können.

Doch was für Folgen hat dies auf unsere Beziehungen?

Eine Begegnung zwischen Mann und Frau wird dadurch fast immer zum Kampf. Der Mann kämpft darum, Sexualität von der Frau zu bekommen und die Frau kämpft darum, die Männer, die sie im Bett haben wollen abzuwehren. Alles wird zu einer Art Verkaufsgespräch. Man geht nicht mehr absichtsfrei aufeinander zu und lässt die Dinge so fließen, wie sie fließen wollen. Man ist nicht mehr locker, nicht mehr offen, nicht mehr ehrlich. Es geht darum, sich selbst zu verkaufen und den anderen mit Egogehabe zu beeindrucken.

„Schau mal, wie toll ich bin! Ich wäre doch genau der Richtige, um dir als Jäger und Sammler das überleben zu sichern! Sie nur meinen Fetten BMW, mit dem kann man mal ordentlich auf die Jagd gehen! Da musst du mich doch einfach lieben und mir sofort die Kleider vom Leib reißen!“

Ich schreibe das hier plakativ, damit deutlich wird, worauf ich hinaus will, aber in der Regel finden diese Abläufe heute auf einer sehr unterschwelligen Ebene statt. Sie sind so abstrakt geworden, dass sie kaum mehr nachvollziehbar sind. Doch das Resultat ist das gleiche: Es herrscht ein kalter Krieg zwischen den Geschlechtern?

Warum ist die Beziehung zwischen Mann und Frau zu einem Krieg geworden?

Die Liebe selbst löst kein Leid und keinen Krieg aus. Und doch führen die Beziehungen, die auf Liebe basieren meist genau zu diesem Leid. Was ist also die wahre Ursache davon?

Zunächst einmal müssen wir uns fragen, wo wir überhaupt zu Lieben lernen. Wir lernen es von unseren Eltern, die es wiederum von ihren Eltern gelernt haben. Doch lehren sie uns wirklich die Kunst der bedingungslosen Liebe? Oder bekommen wir eine Mischung aus Ängsten, Blockaden, Sorgen, Glaubenssätzen, Selbstzweifeln und Gedankenkonzepten vorgesetzt, die missverständlicher Weise ‚Liebe’ genannt wird?

Wie abstrakt so ein Verständnis von Liebe sein kann, dass wir von unseren Eltern lernen, haben wir bei einer Therapiegruppe mit Kindern erlebt, die wir vor ein paar Jahren geleitet haben. Es war eine Gruppe von fünf, sagen wir einmal ‚schwierigen’ Kindern, die von zwei Pädagogen und einem Psychologen betreut wurde. Die beiden Pädagogen waren Heiko und ich. Einer der Jungs, nennen wir ihn einmal Klaus, hatte die verstörende Angewohnheit, die anderen Kinder zu erwürgen, sobald niemand hinsah. Wir waren also ständig damit beschäftigt, ihn entweder im Auge zu behalten oder seine Hände mit aller Kraft von den Hälsen der anderen Kinder zu lösen. Lange Zeit hatten wir keinen blassen Schimmer, warum der Junge das tat, denn er war ansonsten nicht besonders aggressiv und er hatte auch keinen Streit mit den anderen Kindern. Zu der Therapie gehörte es jedoch auch, dass die Eltern einmal in der Woche auf ein Elterngespräch in die Praxis kamen. Dabei fanden wir dann schließlich den Schlüssel. Es gehörte zu einem festen Liebesritual der beiden, dass der Vater die Mutter beim Sex würgte, weil der Sauerstoffmangel ihr ein höheres Lustempfinden und damit intensivere Orgasmen bereitete. Klaus hatte diese Praxis bei seinen Eltern einige Male mitbekommen und als er fragte, was sie um Himmelswillen denn dort anstellten, lautete die Antwort: „Wir haben uns lieb!“

Doch auch wenn es im Normalfall nicht ganz so abstrakt ist, gibt es doch kaum jemanden, der von seinen Eltern wirklich lernen konnte, was bedingungslose Liebe bedeutet.

Wer von euch hatte Eltern, die selbst vollkommen in ihrer Kraft standen und die sich und andere bedingungslos lieben konnten? Wessen Mutter hat vor dem Spiegel gestanden, sich angeschaut und gesagt: „Waoh! Bin ich aber sexy! Ich fühle mich so wohl in meinem Körper, da würde ich mich am liebsten selbst vernaschen?“ Und wenn sie es gesagt hat, hat sie es dann gesagt, weil es stimmte, oder weil sie sich selbst Mut zureden wollte? Welche Eltern haben vorgelebt, wie man eine Darma-Beziehung lebt, bei der man den anderen nicht für das eigene Glück verantwortlich macht und bei der man sich gegenseitig im Wachstum unterstützt, ohne sich einzuschränken oder sich gegenseitig Energie zu rauben?

Wie also wollen wir als Kind lernen, uns selbst und andere Menschen zu lieben, wenn es niemanden gab, der uns das beibringen konnte? Bei einer Studie zu diesem Thema wurden 2000 Menschen befragt, ob ihre Eltern ihre Männlichkeit bzw. Weiblichkeit in einem positiven, kraftvollen Rahmen ausgelebt haben. Gerade einmal drei Prozent beantworteten diese Frage mit ja. Wir können wir unsere Männlichkeit und Weiblichkeit entwickeln, wenn wir dafür keine Vorbilder hatten? Wie können wir unser Darma und unsere Lebensvision annehmen, wenn unsere Eltern nicht einmal eine Idee davon hatten, dass es so etwas in uns geben könnte? Wie wollen wir lernen im Urvertrauen zu leben, wenn unsere Eltern bereits Angst vor einem Schnupfen haben? Wie wollen wir spüren, dass uns das ganze Universum liebt und dass die bedingungslose Liebe der Schöpfung allgegenwärtig ist, wenn en niemanden gibt, der uns die Verbindung zu ihr zeigen kann?

Es ist unmöglich!

Liebe ist in unserer Gesellschaft zudem immer an Bedingungen geknüpft. Wir sind nie gut so wie wir sind. Wir werden geliebt, wenn wir brav sind, wenn wir tun, was man von uns verlangt, wenn wir anders sind, als wir es gerade in diesem Moment sind. Wir sind nie gut genug, sondern müssen immer zu etwas besserem werden. Auf diese weise entsteht ein ständiges Mangelgefühl. Wir hungern nach der Liebe, die wir uns selbst nicht geben können. Wir leben in einem permanenten Verhungerungskonflikt. Wenn man bedenkt, dass unsere Großeltern in einer Zeit des Krieges aufgewachsen sind und diesen Mangel an allem täglich spürten, dann ist das auch kein Wunder. Sie haben erfahren, dass das Leben ein Kampf ist. Wie hätten sie etwas anderes an die nächste Generation weitergeben wollen? So wurden auch unsere Eltern mit einem Mangelbewusstsein erzogen und sie geben es wiederum an uns weiter, so wie wir an unsere Kinder.

Doch was passiert nun, wenn zwei hungernde Wesen aufeinandertreffen und versuchen eine Beziehung einzugehen? Beide hungern nach Liebe und beide haben erfahren, dass sie diese Liebe unter bestimmten Bedingungen von jemand anderem bekommen können. Nun erwarten sie von dem jeweils anderen, dass er sie mit Liebe füttert. Doch wie will ich jemand anderem Liebe schenken, wenn ich mich selbst nicht liebe? Und wie will es ein anderer schaffen mich zu lieben, wenn ich es nicht einmal selber kann?

Es kann nicht funktionieren und es führt zwangsläufig zu einer Frustration. Man kann sich irgendwie arrangieren und man kann eine Zweckgemeinschaft bilden, doch es findet keine wirkliche Befriedigung statt. Kein Zu-Frieden-Sein-Mit. Kein Zustand des inneren Friedens.

Die Folgen dieses Beziehungskrieges reichen jedoch weit über die eigentlichen Beziehungen hinaus. Sie bestimmen unser ganzes gesellschaftliches Leben. Denn wenn es keine Balance in den Beziehungen mehr gibt, wird es zu unserem Hauptziel im Leben, diese Balance irgendwie wieder herzustellen. Plötzlich dreht sich das Leben zu 90% nur noch um die Beziehungsthemen und alles andere rückt in den Hintergrund. Keiner schaut mehr darauf, was in der Welt sonst noch vor sich geht. Keiner versucht mehr, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und zu hinterfragen, den die andauernden kleinen Probleme im engsten Umkreis lenken von den großen Problemen ab. Der Hauptfokus lautet nun nicht mehr, wie können wir als Menschheit zufrieden und im Einklang mit uns und mit der Natur auf diesem Planeten leben? Er lautet: Wo zur Hölle bekomme ich einen Partner her? Und wie?

Und wenn ich ihn dann habe, wie schaffe ich es, dass er dann auch bleibt? Dass ich ihn halten kann, obwohl ich ja weiß, dass ich eigentlich nicht gut genug bin? Oder die Gegenfrage: Wie modelliere ich mir meinen Partner so um, dass er mir wirklich gefällt und dass ich ihn überhaupt behalten will. Denn bislang hat er noch einige Macken, die mir gar nicht gefallen und die sollte ich schon noch ausmerzen! Und wenn er dann schließlich langweilig geworden ist, kommt die Frage auf, wie ich ihn wieder loswerde und woher ich einen neuen bekomme.

Plötzlich fiel mir ein Beispiel aus meinem eigenen Leben ein. Mir war es ja genauso gegangen, dass ich irgendwann begonnen hatte, alle zentralen Fragen in meinem Leben, hinter die Frage der Partnerinnensuche zu stellen.

In der Schule war ich mir vollkommen im Klaren darüber, dass ich eine Lebensmission habe. Ich wusste immer, dass ich nicht auf der Welt war um Autotüren zu lackieren oder um jemandem die Haare zu schneiden. Ich war ein Forscher und ein Entdecker und irgendwo wartete eine große Aufgabe auf mich. Dessen war ich mir sicher. Damals ging ich davon aus, dass ich es irgendwie schaffen musste, die Welt vor der Zerstörung durch die Menschen zu retten. Das ging sogar soweit, dass ich überzeugt war, dass sie sicher untergehen würde, wenn ich ihre Rettung nicht persönlich in die Hand nahm. Heute weiß ich, dass das ziemlich vermessen war, zum einen weil ich damals glaubte, das ich der einzige Mensch auf der Welt war, der sich Gedanken machte und zum anderen, weil ich davon ausging, die Menschen wären so mächtig, dass sie der Erde wirklich etwas anhaben könnten. Beides ist natürlich albern, aber darum geht es hier ja nicht.

Worauf ich eigentlich hinaus will ist, dass ich mir klar darüber war, dass es für mich eine Lebensaufgabe gab, die nur ich erfüllen konnte und ich war hoch motiviert, sie in Angriff zu nehmen. Dann jedoch kamen plötzlich andere Gedanken hinzu. „Bevor du die Welt rettest, brauchst du erst einmal eine Frau!“ Warum ich das dachte weiß ich nicht mehr, aber der Gedanke brannte sich tief in mein Bewusstsein ein und von nun an, musste die Rettung der Welt erst einmal hinten anstehen.

Das Problem an meiner Lage bestand darin, dass ich zu dieser Zeit der absolute Außenseiter auf meiner Schule war. Ich hatte keinerlei Stil, war tollpatschig und naiv, hatte weniger Selbstbewusstsein als ein Käsebrötchen und schrie jedes Mal lauthals „Hier!“ wenn irgendwo ein Opfer für Mobbingattacken oder schlechte Streiche gesucht wurde. Die Mädels auf meinem Jahrgang sahen mich nicht einmal mit dem Arsch an und wenn dann nur mit einem Ausdruck der Abscheu und des Ekels. Wenn ich Glück hatte, dann hin und wieder vielleicht sogar mit einer Art Mitleid, aber das war’s dann auch. Für die meisten war ich hingegen absolut unsichtbar.

Bis zu diesem Zeitpunkt war mir das relativ gleichgültig. Ich hatte für mich akzeptiert, dass die Schule ein Spießrutenlauf war, den ich einfach durchstehen musste. Da ich gute Noten schrieb, gab es auch keinen Grund für meine Eltern oder für die Lehrer, sich irgendwelche Gedanken zu machen. Doch jetzt wurde es plötzlich anders. Wenn ich es schaffen wollte, hier in der Schule eine Frau zu finden, dann musste ich irgendwie meine Außenseiterposition loswerden. Damals wählte ich eine Strategie, die mir zu diesem Zeitpunkt wirklich genial vorkam, die mir aber bis heute noch nachhängt und die mir das Leben oft schwer macht. Ich begann zu erspüren, was die Menschen von mir erwarteten und versuchte mich genau so zu verhalten. Ich wollte beliebt werden und musste dafür Wege finden, wie ich vom Außenseiterradar verschwand. Am besten gelang dies durch Anpassung. Ich weiß noch, dass ich mir damals sogar eine Liste in meinem Kopf machte, auf der ich mir selbst aus Sicht der anderen Sympathiepunkte gab. Wenn ich beispielsweise ein Gespräch mit jemandem führte, bei dem ich selbst den Eindruck hatte, dass ich nicht vollkommen freakig rüberkam, dann habe ich mir dafür Punkte gegeben und hatte beim nächsten Mal das Gefühl, dass mich dieser Mensch etwas mehr mochte. Auf diese Weise schaffte ich es tatsächlich, mich vom Außenseiter zu einem unauffälligen Schüler zu entwickeln, der zumindest von fast allen akzeptiert und geduldet wurde. Das einzige Problem war nur, dass ich mich von den Schülern fernhalten musste, die mich zuvor gemoppt hatten, um nicht wieder in ein altes Muster zu rutschen. Doch die ganze Geschichte hatte einen hohen Preis: Ich hatte ständig Angst, irgendeinen Fehler zu machen, der Zeigte, dass ich doch ein Freak war und der meine Beliebtheit sofort zerstört hätte. Ich musste also lernen, mit einer Maske zu leben und alles zu verbergen, was ich war. Ich durfte keine Schwäche mehr zeigen und mir keine Fehler erlauben. Ich musste also viele Dinge aufgeben, die mir wichtig waren.

Bei Heiko war es anders herum. Auf dem Gymnasium war er ebenfalls ein absoluter Außenseiter gewesen. Er war ein sonderlicher Freak, den niemand wirklich mochte, weil er so anders war. Schließlich hatte er es nicht mehr ausgehalten und war vom Gymnasium auf die Realschule übergegangen. Hier war er nun auf einer reinen Jungenschule und zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass es nun wirklich egal war, wie er auf andere wirkte. Zuvor hatte es ihn immer fertig gemacht, der Außenseiter zu sein. Jetzt war es ihm egal und er konnte einfach so sein, wie er eben war. Ab diesem Moment konnten auch die anderen Schüler ihn annehmen und es entstanden echte Freundschaften. Es dauerte nicht lange und er war als Sonderling so sehr in die Gruppe integriert, dass sie ihn sogar gegen jeden verteidigten, der ihn irgendwie ankreiden wollte. Hatte beispielsweise jemand ein Problem damit, dass Heiko keinen Alkohol trank, dann hatte er ein Problem mit der ganzen Gruppe. „Er ist wie er ist und das ist auch gut so! Er will etwas bewirken!“

Auf diese Weise konnte Heiko durch das Fehlen der Beziehungsfrage innerhalb der Schule wieder ein Stück von seinem wahren Sein annehmen und ausleben.

Als wir darüber sprachen wurde mir noch ein weiterer Umstand aus meinem Leben bewusst, der mich sehr betroffen machte. Denn auch ich war schon immer davon überzeugt gewesen, dass Alkohol in meinem Leben keine Rolle spielen durfte. Es war mir wichtig, bewusst zu leben und meine Sinne nicht mit irgendeiner Droge zu vernebeln. Von Alkohol würde ich die Finger lassen! Das stand fest.

In der Schule hatte ich durch meine Außenseiterrolle auch kein Problem damit. Unbeliebt war ich eh schon, was hätte also passieren sollen? Hier gab es lange Zeit keine reale Chance zu irgendeiner Gruppe dazuzugehören und somit gab es auch keinen wirklichen Gruppenzwang.

Anders war es jedoch im Tischtennis-Verein. Hier hatte ich erst ganz neu angefangen und niemand kannte mich. Außerdem war ich hier gemeinsam mit einem alten Sandkastenfreund, der tendenziell zu den cooleren Jungs gehörte und somit standen die Chancen recht gut, in der Gruppe akzeptiert zu werden. Das Beste wahr jedoch, dass es hier auch zwei Mädels gab, die nicht nur mit mir sprachen, sondern auch noch wirklich gut aussahen. Hinzu kam, dass die Rolle des Außenseiters bereits zweifach vergeben war, einmal mit einem trotteligen Jungen und einmal mit einem dicken, griesgrämigen Mädchen. Als wir dann auf eine Tischtennisfreizeit nach Tschechien fuhren, kam zum ersten mal ein Gruppengefühl auf, bei dem ich dazu gehören konnte. Und zum ersten Mal stellte sich die Frage, ob ich zu mir stehen wollte oder ob ich meine eigene Seelenstimme mit Füßen treten und mich der Gruppe anpassen würde, um bei den Damen Eindruck zu schinden. Ich entschied mich für letzteres und trank hier meine erste Dose Bier. Zunächst tat ich nur so als würde ich sie trinken und kippte sie dann heimlich weg. Doch bei der Zweiten ließ sich diese Taktik nicht mehr umsetzen. Sobald das Eis einmal gebrochen war, leistete meine Bewusstseins-Stimme keinen Widerstand mehr. Ich hatte mich dem Suchtstoff hingegeben. Dazu muss ich vielleicht noch erwähnen, dass es mir natürlich nichts gebracht hat. Keine der zwei Mädchen hatte auch nur das geringste sexuelle Interesse an mir und es war ihnen vollkommen egal, ob ich Bier trank oder nicht. Aber ist es nicht krass, wie weit man sich selbst verleugnet, nur um einer solchen Hoffnung nachzugehen?

Wie oft passiert es wohl, dass Menschen riesige Pläne haben, die sie dann jedoch aufgrund einer Frau oder eines Mannes die sie begehren wieder vergessen? Wie sehr verleugnen wir uns selbst in der Hoffnung, dadurch jemandem zu gefallen? War am Zölibat der Mönche und Nonnen letztlich vielleicht doch mehr Weisheit dran, als wir zunächst geglaubt hatten?

Wie oft hatten wir uns selbst verbogen, weil wir glaubten, dadurch die Chance auf Sex u erhöhen? Wie viele Dinge in unserem Leben haben wir nur oder vorrangig aus dieser Motivation heraus getan? Angefangen bei der Kleidung, die man wählte, nicht weil sie einem selbst gefiel, sondern weil man glaubte, dass sie gut ankam, bis hin zu Urlaubsorten, die man nie sehen wollte, die man jedoch besucht, weil man glaubt, dass sie dem Partner gefallen.

Wie viel Zeit verbringen wir mit diesem Spiel zwischen Mann und Frau, die wir auf andere Art viel produktiver nutzen könnten? Oftmals nimmt es mehr als die Hälfte des Tages ein. Wie oft machen wir uns dadurch bewusst unglücklich? Lenkt es uns nicht komplett von allem ab, was wir eigentlich wollen? Als Forscher und Entdecker kann man sich das kaum leisten. Ist dies vielleicht der Grund, warum so viele große Forsche Single geblieben sind? Einstein zum Beispiel. Oder Sokrates.

Doch ist das wirklich der Weisheit letzter Schluss? Sollten wir wirklich sagen: „Na dann lassen wir es halt, wenn es nicht funktioniert?“ Heißt es, dass jede Beziehung immer Kraftraubend ist und dass man sie vermeiden sollte, wenn man etwas erreichen will? Oder gehen wir die Sache vielleicht einfach nur falsch an? Sollte eine Beziehung nicht eigentlich eine Synergie ergeben? Ein Zustand, bei dem man sich gegenseitig Kraft gibt und inspiriert, so dass man seine Lebensaufgaben gemeinsam mit noch mehr Leichtigkeit und Freude vollführen kann?

Ich habe nun noch etwa 14 DIN-A-4 Seiten mit Notizen und Stichwörtern und langsam wird es wieder spät. Die weiteren Gedanken werde ich dann also auf morgen vertagen.

Spruch des Tages: Wir leben um lieben zu lernen und wir lieben um leben zu lernen.

 

Höhenmeter: 10 m

Tagesetappe: 15 km

Gesamtstrecke: 6091,37 km

 

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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