Tag 320: Kampf der Geschlechter

von Heiko Gärtner
17.11.2014 23:31 Uhr

Und dann standen wir plötzlich am Meer. Wer hätte das gedacht? Lustig war, wie sehr sich unsere Einstellung und unsere Wahrnehmung dazu im Vergleich zum ersten Mal verändert hatten. Als wir in Bayonne die Atlantikküste erreicht hatten, jubelten wir vor Freude, sprangen herum und konnten es kaum fassen. Dann wurde das Meer für knapp 1000km unser Begleiter, bevor wir uns erneut von ihm trennten. In Portugal waren wir dann nicht mehr ganz so begeistert, vor allem aber deshalb, weil der Strand einfach potthässlich war. Bei Valencia trafen wir dann das Dritte mal auf das Meer, diesmal das Mittelmeer. Hier war es auch nicht besonders schön, doch wir spürten die Begeisterung darüber, dass wir nun wirklich einmal von Küste zu Küste gewandert waren. Als wir gestern das Meer erreichten, waren wir seinen Anblick offenbar schon recht gewohnt. Mehr al. ein laues "Oh, guck mal, da ist das Meer!" Konnten wir uns nicht abgewinnen. Dabei war es ein recht schöner Strand, an dem es Meer Muscheln gab, als man sich vorstellen konnte. Und wirklich schöne Muscheln. Absehen davon erinnerte uns der Küstenabschnitt jedoch wieder so sehr an Valencia, dass wir uns unsicher waren, ob wir uns nicht noch immer in Spanien befanden. Alles war wieder absolut tot. Diesmal zwar nicht aufgrund einer Krise, sondern einfach weil es Winter war, aber das änderte nicht viel an der Stimmung. Ebenso auffällig war, dass wieder die schönsten Ecken mit grässlichen Gebäuden zugebaut waren. Die Suche nach einem Mittagessen war hier genauso aussichtslos wie die nach einem Schlafplatz, denn es war alles absolut leer und tot. Nur ein junger Radfahrer, der am Strand eine Rast machte sprach uns an und fragte uns sogar, ob wir bei ihm übernachten wollten. Leider wohnte er in Beziers und somit absolut in der falschen Richtung. Da er uns so nicht helfen konnte, bot er uns als Ausgleich etwas Gras an. Auch das lehnten wir ab, doch es war schön zu sehen, dass auch die Jungen offenbar wieder helfen wollten.

Wir kehrten dem Meer den Rücken zu und versuchten unser Glück im Landesinneren. Dort trafen wir dann auf eine liebe, alte Dame, die uns ihr Ferienhaus überließ. Wir verstauten die Wagen in ihrer Garage und wurden mit dem Auto direkt zu unserem Häuschen gefahren.

In der Früh holte sie uns dann wieder ab. Auf der Fahrt erzählte sie uns, dass sie in der Nacht oft an uns gedacht hatte und dass sie besorgt war, ob wir es auch schön warm hatten. So unterschiedlich waren die Menschen. Die einen Gaben einem einen leeren Raum, der normalerweise zum Veranstalten von Partys genutzt wurde und machten sich sorgen darüber, dass man auch ja nichts beschädigen würde. Und die anderen überließen einem ihr gesamtes Ferienhaus und sorgten sich, dass man es auch schön warm hatte.

"Hast du vielleicht eine Sicherheitsnadel?" Fragte ich sie mit Hilfe des Übersetzers. Mein Rucksack gab langsam den Geist auf und der Hüftgurt löste sich bereits.

"Ich habe schon eine," antwortete sie" aber damit wird das nichts, das muss genäht werden!" Sie schnappte mir den Rucksack aus der Hand und verschwand damit im Wohnzimmer. Keine 10 Minuten später war er repariert.

Auf dem Weg nach Agde war uns noch immer leicht duselig. Das Abendessen gestern war sehr lecker gewesen, doch der Entenvraten aus der Dose, den die Frau uns mitgegeben hatte, war offensichtlich mit reichlich Glutamat verfeinert worden. Ich spürte es bereits kurz nach dem Essen an einem Druck im Bauch, der sich anfühlte als wolle mein Darm platzen und Heiko bekam heftige Kopfschmerzen. Beide waren wir wie benebelt und fühlten ein deutliches Schwindelgefühl. Wir konnten kaum glauben, wie heftig diese Wirkung bereits nach einer einzigen Portion war, wenn man das Zeug nicht mehr gewöhnt ist. Was für Auswirkungen musste es dann auf den Körper Haben, wenn man sich fast ausschließlich von Fertignahrung ernährte?

Noch immer spüre ich ein leichtes Unwohlsein, doch langsam lässt es wieder nach. Als wir Agde erreichten kamen wir als erstes an einem kleinen Hotel vorbei, das sich direkt am Fluss befand. Es hieß Hotel La Galiote und wurde von einem italienischen Pärchen geführt, das uns gleich adoptierte.

Wieder hatten wir also einen ruhigen, schönen Platz, an dem man sich gut dem Thema Beziehungen widmen konnte.

Ab wann war eine Beziehung kraftvoll, energetisierend und erfüllend? Ab wann war sie zehrend und kraftraubend, so dass sie einen Krank machte?

Wieder führte uns diese Frage auf die Sexualität zurück? Wie lebe ich sie aus? Wie lebe ich Partnerschaft und Beziehung im Allgemeinen?

Findet sie in einer friedlichen Grundharmonie statt, oder ist sie ein Kampf? Ein Kräftemessen eine Frage des Siegen- und des Haben-Wollens?

Ich will dir einen Orgasmus besorgen, damit du glücklich bist und ich dich besitzen kann. Ich will dein Glücksbringer sein, denn dadurch erschaffe ich eine Abhängigkeit und kann dich festhalten. Gleichzeitig fordere ich aber auch mein Glück ein, denn ich will aus der Beziehung ja auch meine Vorteile gewinnen. Wenn wir Sex haben, dann will ich dabei auch einen Orgasmus ernten. Es ist eigentlich egal, wie du dich dabei fühlst, was du dabei denkst und ob eine wirkliche Verbindung entsteht. Es geht nicht um das Miteinander, sondern um die Selbstbefriedigung mit Hilfe eines anderen Menschen. Es geht nicht um den Sex an sich, um das spüren und erleben der innigen Verbindung, sondern darum, einen Moment der Glückseligkeit zu erhalten. Ich will Be-Friedigt werden. Ich will einen Moment des inneren Friedens spüren, der mir sonst verschlossen bleibt. Für einen Moment will ich vergessen, wie unzufrieden ich im Inneren eigentlich bin. Es ist wie bei einer Sucht. Ich fülle die Leere in meinem inneren, die ich nicht spüren will mit einem kurzen Moment der Glückseligkeit.

Dabei verhalten wir uns genau wie Händler an der Börse oder wie Buchhalter in einem Einzelhandelsunternehmen. Wenn du mir einen Orgasmus bescherst, dann muss ich dir auch einen bescheren. Bekomme ich ein Geschenk von dir, dann muss ich dir etwas schenken, das in etwa dem gleichen Wert entspricht. Wenn du mich liebst dann kann ich dich in etwa genauso sehr lieben. Alles ist eine permanente Kosten-Leistungs-Rechnung, die immer aufgehen muss. Zwangsläufig kommt es so zu dem Drang immer mehr haben zu wollen. Denn je mehr wir besitzen, desto besser können wir einen Menschen an uns binden. Ich habe dir ein tolles Haus gekauft, also kannst du mich nun nicht mehr verlassen. Ich bin dein Versorger, der dir das Überleben sichert und damit stehst du in meiner Schuld. Auf der sexuellen Ebene ist es nicht anders. Als Frau habe ich mir nun vielleicht attraktive Reizwäsche, einen Mieder, heiße Latexkleider oder einen Minirock angezogen, um meinem Partner zu gefallen. Gleichzeitig baue ich damit jedoch die Verpflichtung auf, dass er nun keine andere Frau mehr attraktiv finden darf. Er darf nun nur noch sie begehren, da sonst ihr Ego verletzt wäre.

Auf diese weise bauen wir ständig soziale Verpflichtungen auf, durch die wir uns als Partner aneinander binden, weil wir nicht darauf vertrauen können, dass wir auch ohne diese Schuldscheine geliebt werden. Die Unfähigkeit, uns selbst zu lieben führt zwangsläufig dazu, dass wir uns auch nicht vorstellen können, dass es jemand anderes tut. Wir wünschen es uns und wir hoffen es, doch wirklich sicher sind wir uns nie. Daher brauchen wir immer eine Art Garantieschein, einen Trumpf im Ärmel, der uns die Sicherheit gibt, dass wir nicht verlassen werden.

Auf diese Weise entsteht ein paradoxes Spiel zwischen Mann und Frau, das auf beiden Seiten zu tiefen Verletzungen führt.

Hinzu kommt, dass Männer und Frauen von ihren Grundausrichtungen her zwar die gleichen Bedürfnisse, aber komplett unterschiedliche Wege der Bedürfniserfüllung in sich tragen, die kaum miteinander zu vereinbaren sind.

So will eine Frau von der Seele her meist vollkommen mit einem Mann zusammenleben, mit dem sie ihren Lebensweg teilt. Sie wünscht sich einen Traumprinzen, der all ihre Wünsche erfüllen kann. Der Mann hingegen ist ein Jäger, der zwar ebenfalls nach einer Dharmapartnerin sucht, aber auch einen Jagderfolg haben will. Irgendwie steckt der Wunsch in ihm, eine Sexualpartnerin zu erbeuten. Doch dieser Instinkt wird ihm in unserer Gesellschaft moralisch verboten. Darin besteht ein zentraler Knackpunkt.

Die Frage ist jedoch, warum wir diesen Jagderfolg brauchen? Warum strebt ein Mann danach, so viele Frauen wie möglich zu haben? Warum benötigt er diese Abwechslung?

Zunächst stellt sich die Frage, ob dieses Verlangen natürlich oder antrainiert ist. Liegt es in unserer Natur oder lässt es sich auf die künstlich erzeugte Sexsucht zurückführen, die durch den medialen Einfluss erzeugt wird? Oder ist es ein bisschen von beidem?

Nehmen wir einmal an, es wäre unsere Natur. Dann würde das Verlangen im Zusammenhang mit unserem ursprünglichen, natürlichen Leben stehen, von dem wir uns entfremdet haben.

In den meisten Naturvölkern ist es so, dass die Frauen für die Grundversorgung und die Männer für den Luxus zuständig sind. Die Frauen sammeln Kräuter und Früchte, jagen Kleintiere und kümmern sich um das Leben im Clan. Die Männer gehen auf die Jagd nach größeren Tieren und sorgen so für Fleisch, Fälle, Knochen und andere Materialien mit denen man es sich gemütlich machen kann. Diese Art der Rollenverteilung haben wir zwar im Ansatz noch immer, jedoch sehr stark abstrahiert, so dass sie nicht mehr richtig wahrnehmbar ist. Doch die Grundbedürfnisse sind geblieben. Beide wollen satt werden. Der Jäger sucht nach einer Beute, die er erlegen kann und die Frau sucht nach einem Jäger, der sie versorgt. Natürlich will auch der Mann eine Dharmapartnerin, mit der er eine tiefe Verbindung eingehen kann, aber er will auch das Erfolgsgefühl der Jagd nicht verlieren.

Ist die Versuchung, andere Frauen zu erjagen also vielleicht deshalb so groß, weil wir nicht mehr real auf die Jagd gehen? Weil wir als Büromenschen auf indirekte Art eingesperrt und kastriert wurden? Wollen wir uns daher vielleicht selbst beweisen, dass wir es noch immer drauf haben, dass wir unsere männliche Kraft nicht verloren haben, nur weil sie nicht mehr gebraucht wird? Ist es also eine Art Ersatzbefriedigung für die Folgen unserer entfremdeten Lebensweise?

Dies würde auch die unterschiedliche Herangehensweise von Männern und Frauen erklären. Auf der Jagd muss man blitzschnell auf jeden optischen Reiz reagieren und ihn auf seine Tauglichkeit als Beute hin bewerten. Wer zu lange zögert, dem rennt sein Schnitzel davon. Ist dies nicht genau das Verhalten, das uns an uns selbst am Kanal aufgefallen ist? Man muss nicht einmal direkt hinschauen. Es reicht eine Wahrnehmung aus dem Augenwinkel und innerhalb eines Sekundenbruchteils ist die Bewertung erfolgt. Um seinem Volk und sich selbst die bestmögliche Energie zu liefern, wird natürlich auch das beste Jagdopfer gewählt. Eines das kraftvoll und gesund ist, denn man will sich selbst ja nicht krank machen. Gleichzeitig aber auch eines, das leicht zu erjagen ist, denn wenn man mehr Energie aufbringen muss um es zu erbeuten, als der Fang am Ende einbringt, dann war die ganze Sache umsonst.

Frauen haben als Existenzsicherer jedoch einen anderen Blick. Sie durchsuchen ihre Umgebung nach Dingen, die jetzt im Moment am besten zu ihrer Situation passen. Welche Pflanzen brauche ich, um die Versorgung mit allen wichtigen Nährstoffen zu garantieren? Welcher Hunger herrscht gerade im Volk oder in mir und was brauche ich, um ihn zu stillen. Dementsprechend versucht die Frau auch einen Jäger zu finden, der am besten zu ihrem eigenen Lebensweg passt.

Doch was ist, wenn weder der Mann noch die Frau ein geeignetes Gegenstück finden kann?

So wie wir in der Jagd nach der perfekten Beute Ausschau halten, suchen wir auf der Beziehungsebene nach einem gesunden und energievollen Partner, der voll in seiner Kraft steht. Denn wenn wir uns rein biologisch betrachten, dann ist es unsere Aufgabe, die Spezies Mensch mit den bestmöglichen Genen am Leben zu erhalten. Dementsprechend suchen wir auch immer einen Partner, der dazu in der Lage ist. Jetzt stehen wir natürlich vor dem Problem, dass es auf der Welt zurzeit nahezu keinen wirklich gesunden Menschen mehr gibt. Unsere Muskeln sind durch unseren Bewegungsmangel so verkümmert, dass kaum noch jemand richtig springen, rennen, laufen und klettern kann, ohne sofort außer Atem zu sein. Unsere Haare fangen bereits mit dreißig an dünn zu werden. Die Frauen bekommen Zellulite, Falten und Hängebrüste und die Männer schieben dicke Bierbäuche vor sich her. Unsere Augen funktionieren nicht mehr richtig, unsere Ohren gehen kaputt, unsere Haut ist voller Furunkel, Pickel, Mitesser und Ausschläge, wir haben ständig Schnupfen und Muskelschmerzen und unsere Rücken sind fast immer verspannt. Kurz, wir leben einfach nicht mehr Artgerecht und sehen daher auch aus wie Hühner in einer Legebatterie. Das Problem dabei ist nur, dass wir uns bereits so daran gewöhnt haben, dass wir all diese Phänomene nicht einmal mehr als Krankheiten und Schwächen wahrnehmen. Wir nennen sie „natürliche Alterungserscheinungen“ oder schieben sie auf den simplen Umstand, das „einfach jeder Mensch unterschiedlich ist.“ Niemand ist perfekt, jeder hat halt so seine Macken. Doch ist das wirklich natürlich? Was wäre, wenn wir so wie wir heute sind, plötzlich wieder in einem natürlichen Umfeld mit Fressfeinden leben würden? Die Schwachen werden gefressen und in unserem Fall bliebe dabei niemand mehr übrig.

Schaut man sich Elche in Kanada an, so haben sie alle im gleichen Alter auch etwa die gleiche Statur. Es gibt keinen Elch mit Adipositas und keinen mit Haarausfall oder Zellulite. Auch bekommen sie keine Falten oder Altersgebrechen. Das ist nicht nur bei Elchen sondern auch bei allen anderen Tieren der Fall, die noch das Glück haben, in einer unberührten Natur zu leben, die nicht lediglich ein Vorgarten der Zivilisation ist.

In Afrika haben Forscher einmal eine interessante Entdeckung gemacht. Am Rande eines großen Urwaldgebietes hat ein neues Hotel eröffnet und weil es einfach war, wurden die Essensabfälle vom Restaurant einfach hinter das Haus gekippt. Es dauerte nicht lange und die ersten Affen wurden auf diesen Supermarkt vor ihrer Tür aufmerksam. Zunächst kamen sie nur vereinzelt, doch irgendwann siedelten sie sich komplett auf dem Müllplatz an. Es war einfach so schön bequem. Jetzt jedoch beginnt der interessante Teil. Innerhalb von wenigen Monaten bekamen die bis dahin vollkommen gesunden Affen die gleichen Zivilisationskrankheiten, die auch wir Menschen ununterbrochen spüren. Sie wurden träge, fettleibig, bekamen Allergien, Herzprobleme, Leberschäden, Diabetes, Arterienverkalkung und Krebs. Ihre Stimmung wurde schlechter, sie konnten nicht mehr so gut von Baum zu Baum schwingen und ihr Aggressionspotential nahm zu.

Dieser Affenclan zeigte deutlich, dass es nicht natürlich ist, dass unser Körper mit zunehmendem Alter immer mehr den Geist aufgibt. Es ist normal geworden, aber es ist nicht natürlich. Dennoch glauben wir, dass wir Menschen einfach damit zurecht kommen müssten, dass unser Körper immer schwächer wird. Wir altern eben und mit zunehmendem Alter verlieren wir auch an Attraktivität.

Vor zwei Jahren hatten wir jedoch ein Erlebnis der dritten Art, dass diese These als absoluten Blödsinn entlarvte. Wir saßen in der Nürnberger Therme in der Banja-Sauna, einer russischen Sauna mit einer Temperatur von 100°C. Am Ende des Aufgusses konnte man sich noch mit Birkenzweigen auspeitschen lassen um das Immunsystem in der Haut zu kräftigen.

Gegenüber von uns saß ein Pärchen, das die ganze Zeit über unverschämt gut gelaunt war. Ihn hätten wir auf etwa 60 geschätzt, sie auf rund 40. Beide waren jedoch ausgesprochen attraktiv und wirkten gesunder und kraftvoller als alle Menschen, die wir je zuvor in dieser Sauna gesehen hatten. Der Mann hatte lange, weiße Haare, war gut gebräunt und durchtrainiert und hatte eine ruhige aber bewusste Ausstrahlung. Die Frau trug ihre blonden, teilweise zu Rasta-Zöpfen verflochtenen Haare bis über die Hüfte. Die hatte eine unglaublich reine Haut, feste Brüste und eine Figur, mit der keine der Zwanzigjährigen mithalten konnte. Als nun der Teil des Auspeitschens kam, legte sich der Mann auf die untere Bank und die Frau begann freudig die Birkenzweige zu schwingen. Natürlich nicht ohne eine Reihe schelmischer Kommentare, mit der sie die ganze Sauna zum lachen brachte. Dann jedoch kam ein junger Mann in die Sauna zurück, der zuvor auf der Bank gesessen hatte, die jetzt dem Mann als Folterpritsche diente. Als er die beiden sah, begann er sofort lauthals zu zetern und zu schimpfen: „Was soll den der Scheiß! Du wusstest doch ganz genau, dass ich da gesessen habe! Willst du mich verarschen! Steh sofort auf und lass mich auf meinen Platz zurück!“

Die anderen Saunagäste wurden nun ebenfalls ärgerlich und wiesen den jungen Störenfried in seine Schranken. Es gäbe schließlich genug freie Plätze und damit keinen Grund, hier so einen Aufstand zu machen. Wütend verließ der Junge die Sauna und stapfte davon. „Wie kann man nur so unentspannt sein, wenn man in einer 100°C-Sauna sitzt“ pikierte sich ein Mann aus der oberen Reihe.

„Lass ihn nur!“ sagte der Weißhaarige gelassen von seiner Pritsche aus, „wahrscheinlich ist er einfach frustriert, weil ich mit meinen 86 Jahren noch mehr Sex habe, als er mit seinen 30!“

Um ein Haar hätte es von der Bank gebretzelt. 86 Jahre? Das konnte er doch nicht ernst meinen! Ungläubig fragten wir noch einmal nach und er nickte nur mit einem Lächeln.

„Hab mich ganz gut gehalten, oder?“ Er zwinkerte uns zu und verlies die Sauna. Wir haben uns nicht mehr getraut zu fragen, wie alt seine Frau war, doch sie war sicher nicht viel jünger gewesen als er.

Die beiden waren das erste Beispiel für das Fehlen von körperlicher Alterung, das ich selbst miterlebt hatte. Bislang hatte ich nur davon gelesen. So hieß es, das Stalking Wolf, der Apachen-Scout, der die Lehren der Naturvölker Amerikas zusammengetragen hatte, mit über achtzig Jahren noch sportliche Wettkämpfe gegen die Jugendlichen seines Clans gewann. Darunter gab es so bescheidene Disziplinen, wie das Hinaufklettern auf einen Baum ohne Äste, wobei man sich am höchsten Punkt umdrehte und kopfüber wieder hinabkletterte.

Doch was bedeutet das nun für unsere Beziehungen?

Wir stehen nun vor dem Problem, dass wir keinen einzigen gesunden Menschen mehr kennen und dass wir von unserem Verstand aus längst akzeptiert haben, dass es solch einen Menschen auch gar nicht gibt. Doch in unserem Herzen wissen wir noch immer, dass das nicht stimmt. Wir sagen Geschmäcker seien verschieden und in einem gewissen Maß stimmt das auch. Doch wenn man uns vor die Wahl stellt, zwischen verschiedenen Menschen zu unterscheiden, wen wir am attraktivsten finden, dann werden wir dabei mit großer Sicherheit jemanden wählen, der rundum gesund und kraftvoll aussieht. Eine schlaffe Haut, hängende Brüste und übermäßig viel Fett am Körper wird von keinem Mann als schön empfunden. Es mag vielleicht Fetische geben, bei denen man darauf steht, aber auch dann hat es nichts mit einem ästhetischem Empfinden zutun. Ebenso wenig wird eine Frau einen Buckligen, dickbäuchigen Mann mit Halbglatze, Bierbrüsten und Pickeln im Gesicht als Traummann nennen, wenn sie danach gefragt wird. Wir streben nach Gesundheit und wollen die auch bei unserem Partner, ob wir uns das nun eingestehen oder nicht.

Doch was machen wir, wenn wir nur kleine verkackte Schlümpfe als Partner zur Auswahl haben? Wir können damit nicht zufrieden sein. Als Mann ist es unsere Aufgabe, den Genpool zu erweitern. Wenn ich jedoch nur mangelhafte Gegenstücke habe, dann fühlt sich diese Aufgabe nicht als erfolgreich erledigt an. Ich opfere meinen Samen und sterbe dabei einen kleinen Tod und weiß, dass ich doch nichts anderes als einen Schlumpf zeugen kann, denn mehr gibt der Genpool nun mal nicht her. Eine weile kann ich das vielleicht machen, doch dann kommt das Gefühl auf, dass dies noch nicht alles gewesen sein kann. Wir suchen also weiter, in der Hoffnung einen besseren Partner zu finden.

Dabei tauchen jetzt natürlich verschiedene Finten auf. Denn auf der Straße schauen wir zunächst nur oberflächlich und lassen uns täuschen. Wir nehmen uns in der Regel nur einen Sekundenbruchteil Zeit und schon glauben wir, dass wir eine potentielle Partnerin ausgemacht haben, die unsere aktuelle bei weitem in den Schatten stellt. Doch was passiert wirklich. Die Dame unserer Begierde trägt wahrscheinlich einen Push-Up-BH, der zusätzlich mit Watte ausgestopft wurde, ihre Hautenge Hose kaschiert den übergroßen Hintern und versteckt die Zellulite und der aufgeblähte Senk-Kot-Bauch der durch die schlechte Ernährung und das mangelhafte Verdauen von Gefühlen entstanden ist, wird eingezogen. Auf diese Weise werden alle Mangel versteckt und wir fallen auf diese Maske herein. Dir glauben, dass wir nun eine bessere Partnerin gefunden haben und auch wenn wir die alte wirklich mögen, lohnt es sich vielleicht zumindest ein bisschen Samen auch in diese Richtung zu verteilen. Doch schon bald merken wir, dass unter der Fassade das gleiche kaputte Wesen steckt, dass wir auch zuvor schon viele Male getroffen haben.

Frauen geht es dabei nicht anders. Auch sie wollen für ihre Nachkommen das beste Erbmaterial, das sie kriegen können und suchen daher stets nach einem noch besseren Traumprinzen auf seinem weißen Ross. Doch auch sie machen die gleiche deprimierende Erfahrung, denn unter der glänzend polierten Ritterrüstung verbirgt sich auch wieder nur ein alter Klepper mit Bierbauch und Haarausfall. Daher hat es in den letzten Jahren angefangen, dass sich auch die Männer so stark pimpen und ihre eigene Unattraktivität unter Steroiden-Muskeln, guter Kleidung, kiloweise Haargel und anderen Tricks verbergen.

Für diese These spricht eine Studie des Spiegels, nach der 95% aller Männer ihre Frauen innerhalb von 5 Jahren mindestens einmal betrügen. Wenn man jetzt besonders bösartig ist, könnte man vermuten, dass die restlichen 5% aller Wahrscheinlichkeit nach so grauslich sind, dass sie gar nicht Fremdgehen können, auch wenn sie es vielleicht wollen. Die gleiche Studie besagte, dass 78% aller Frauen, die sich in Beziehungen von mehr als 4 Jahren befinden, planen, ihren Partner zu betrügen. Und in diesem kleinen Detail steckt ebenfalls ein Kernschlüssel für die Unterschiedlichkeit von Männern und Frauen auf diesem Gebiet.

Da es die perfekte Traumfrau nicht gibt, versuchen die Männer ihre Bedürfnisse zu erfüllen, indem sie sich ein Mosaik aus vielen Frauen basteln. Eine passt ihnen auf der geistigen Ebene vielleicht besonders gut und sie ist die ideale Partnerin, mit der man gerne Zeit verbringen möchte. Man kann mit ihr lachen, Spaß haben und tiefsinnig werden. Dafür fehlt uns die Attraktivität im körperlichen Bereich und dieses holen wir uns mit einer anderen Frau hinzu, mit der wir eine Affäre beginnen. Doch auch sie bietet nicht alles, weil man bestimmte Fetische mit ihr nicht ausleben kann, oder weil sie zwar einen schönen Hintern aber keine erotische Brust hat. Also schaut man sich nach einer weiteren Partnerin um uns vervollständigt so sein Puzzle bis die Kombination endlich die gewünschte Erfüllung bietet. Zumindest in der Theorie, denn in der Praxis wird diese Erfüllung eigentlich nie erreicht. Aus diesem Versuch, sich eine Art schizophrene Idealpartnerin zu basteln, entsteht das Fremdgehen im Affekt, denn den es geht ja in erster Linie darum, die unbefriedigten Wünsche erfüllt zu bekommen und wenn sich dafür eine Chance bietet, dann wird sie genutzt.

Frauen haben sich hingegen eine andere Strategie zurecht gelegt. Sie wollen einen einzigen perfekten Mann, ohne ihn sich aus mehreren zusammenpuzzeln zu müssen. Da sie jedoch keinen Idealpartner finden können, nehmen sie zunächst den bestmöglichen und halten dabei nach einem noch besseren Ausschau. Wenn sie einen gefunden haben, dann muss natürlich zunächst getestet werden, ob er auch wirklich besser ist. Schließlich kündigt man auch keinen Job, wenn man noch keine Zusage bei einem besseren hat. Der Betrug ist hierbei also eigentlich nur die Probephase des neuen Kandidaten. Erweist er sich als geeignet, verlässt man den alten und freut sich über den neuen. War er ein Reinfall, so hat man nichts verloren und kann bei seinem aktuellen Partner bleiben, bis ein neuer Kandidat auftaucht.

So wollen beide im Endeffekt genau das gleiche, doch die Strategien unterscheiden sich zutiefst.

Daher rührt dann auch wieder der permanente Kriegszustand zwischen den Geschlechtern, da jeder Spürt, dass der andere nicht wirklich zufrieden ist. Das Problem besteht jedoch in erster Linie darin, dass wir unsere innere Natur nicht akzeptieren können. Wir können die Natur der Frau nicht annehmen, einen wirklich starken und gesunden Partner haben zu wollen. Ebenso wenig können wir die Natur des Mannes annehmen, der sich zwar eine Dharmapartnerin wünscht, der gleichzeitig aber auch sein Leben als Jäger nicht aufgeben will.

Daraus wiederum resultieren unglaublich viele Alltagsprobleme, die sich durch unser ganzes Leben ziehen. Und dies waren jetzt nur zwei Aspekte von vielen. Denn unser Problem besteht ja nicht nur daraus, dass wir keinen wirklich gesunden und damit idealen Partner finden können. Es besteht auch darin, dass wir wissen, dass wir selbst genauso kaputt sind, wie wir es bei den anderen erkennen. Wir wissen ja selbst, dass wir uns auch nicht auswählen würden, wenn wir als Partner in frage kämen und daraus wiederum resultieren jede Menge Ängste.

Unsere Stichwortsammlung ist noch immer unendlich lang und scheint auch nicht wirklich kürzer zu werden, so dass sich noch viel Stoff zum schreiben bietet. Und selbst dann haben wir vielleicht gerade einmal einen Bruchteil von dem verstanden, was es zu verstehen gibt. Ich hoffe, ich kann morgen noch etwas mehr Licht ins Dunkle bringen.

Spruch des Tages: Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.
(Albert Einstein)

 

Höhenmeter: 7 m

Tagesetappe: 7 km

Gesamtstrecke: 6098,37 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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