Tag 33: Schlamm, Schlamm und nochmals Schlamm

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Tag 33: Schlamm, Schlamm und nochmals Schlamm

Tag 33: Schlamm, Schlamm und nochmals Schlamm

Heute war einfach nicht mein Tag! Egal für welche Art zu leben man sich entscheidet, es gibt immer mal bessere und mal schlechtere Tage. Ganz offensichtlich gilt das auch für Pilger.

Die Nacht in Metz war verhältnismäßig kurz. Unsere nächtliche Stadtbesichtigung und das anschließende Schreiben des Tagesberichtes brauchten ihre Zeit und so kam es, dass ich erst nach 2:00 den Computer zur Seite legte um zu schlafen. Heiko schnarchte bereits gemütlich vor sich hin, was nicht unbedingt dazu beitrug, dass ich besser einschlafen konnte. Zu hause war ich auch immer eine Nachteule gewesen und 2:00 Nachts war keine ungewohnte Arbeitszeit. Doch da hatte ich dann meist ausschlafen können um wieder genügend Energie für den Tag zu sammeln. Adrien musste jedoch am Morgen früh zur Arbeit und als seine Gäste mussten wir natürlich zur selben Zeit aufstehen. Das gefiel weder Adrien noch uns, aber es war nun einmal wie es war. Als der Wecker um 7:20 klingelte um uns aus dem Bett zu werfen, hätte ich ihn am liebsten erschlagen. Mein Schädel brummte, meine Glieder schmerzten und mein Rücken war so steif wie ein gefrorenes Brett. Als ich meine Füße auf den Boden setzte, merkte ich bereits, dass der 36km Marsch vom Vortag meiner gereizten Sehne nicht gut getan hatte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hinkte ich in Richtung Badezimmer und überlegte ob ich danach nicht einfach doch wieder ins Bett kriechen sollte. Konnten wir Adrien nicht einfach bitten, noch einen Tag bleiben zu dürfen um uns auszukurieren und um die Stadt noch ein wenig genauer kennenzulernen? Die Idee war nicht schlecht und wahrscheinlich hätte er sogar ja gesagt, aber die Umstände waren mehr als ungünstig. Ein Freund von Adrien, der im nahegelegenen Krankenhaus arbeitete übernachtete ebenfalls hier und würde auch den Rest der Woche bleiben. Noch zwei Gäste mehr in der kleinen Wohnung konnten wir ihm unmöglich zumuten. Also taten wir das, was wir jeden Tag machten und kehrten unserem aktuellen Aufenthaltsort den Rücken zu.

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Das war im Falle von Metz jedoch nicht ganz so einfach, denn die Stadt ist nicht eben klein. So marschierten wir bereits einige Kilometer bis wir nur an die Grenze der Pilgermetropole kamen. Kurz nach unserer Verabschiedung von Adrien, begann ich mit meiner Glückssträhne. Beim Versuch ein Taschentuch aus meiner Hosentasche zu ziehen, fiel das kleine Fläschchen mit Arnika-Globoli heraus, dass mit Hansi in Nürnberg geschenkt hatte. Hunderte von kleinen weißen Kügelchen verteilten sich über den Gehsteig und vermischten sich mit den Glassplittern der Ampulle. Das Missgeschick war nicht tragisch, lastete aber wie ein dunkles Ohmen über diesem Tag, denn ausgerechnet heute begann mein linker Fuß wieder aus voller Kraft zu schmerzen. Jetzt wären die Globoli also besonders hilfreich gewesen. Mehr hinkend als wandernd bewegte ich mich durch die Stadt in Richtung Mosel. Von dort aus ging es sehr lange geradeaus am Wasser entlang. Bis hier hin war der Weg noch in Ordnung, wenn man mal von den absolut sinnlosen Eisenblockaden absieht, die jemand in regelmäßigen Abständen in den Weg gebaut hatte. Sie sollten Autos daran hindern den Weg zu benutzen und zwangen sowohl Fahrradfahrer als auch Menschen mit Pilgerwagen dazu, sich umständlich zwischen den Stahlkonstruktionen hindurch zu fädeln. Unser Reiseführer beschrieb diesen Streckenabschnitt als Wanderweg durch eine idyllische Parklandschaft. Das war nicht gelogen, denn schön war es hier wirklich. Informationen über die Autobahn, die in knapp 100m Entfernung parallel zu diesem idyllischen Wanderweg führte, ließ es jedoch vorsichtshalber beiseite.

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In der Nacht hatte es ordentlich angezogen und die Welt lag noch immer gefroren vor uns. Die Straßen waren zum Teil so stark vereist, dass man kaum auf ihnen laufen konnte. Es war die reinste Rutschpartie, ein Zustand, dem wir heute noch öfter begegnen würden.

Die letzten Tage hatte mein Fuß zu beginn der Tagesetappe auch immer recht stark weh getan, war dann aber nach einer kurzen Einlaufphase deutlich besser geworden. Heute nicht! Heute tat er einfach weh und verleidete mir jegliche Lust am Wandern. Gerne hätte ich das schöne Landschaftsbild und die winterliche Stimmung genossen, aber es wollte mir einfach nicht richtig gelingen. Ich war schlecht drauf und daran war gerade nichts zu rütteln. Heiko versuchte mich dadurch aufzumuntern, dass er sich permanent über meinen leidvollen Blick und mein langsames Vorrankommen lustig machte. Eine eher zweifelhafte Methode, die aber zumindest seine eigene Stimmung auf Hochtouren hielt.

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Kurz nach der Stadtgrenze von Metz führte der Weg über eine Brücke und schlängelte sich dann durch einen kleinen Vorort. Nach einer Biegung standen wir plötzlich vor einem steil ansteigenden Trampelpfad. Es war kein Witz, die Wegweiser zeigten wirklich diesen Möchtegernweg hinauf. Selbst im Sommer muss er recht anspruchsvoll für Wanderer sein. Jetzt im Winter nach wochenlangem Regen, war die Bezeichnung „Weg“ hingegen deutlich übertrieben. Als wir die Anhöhe erreichten wurde er sogar noch schmaler und war zum Teil so tief ausgetreten, dass unsere Wagen permanent zu kentern drohten. Damit im Falle eines solchen Falles nichts kaputt geht, schnallten wir sie ab und zogen sie mit den Händen. Das war auch gut so, denn zweimal konnte ich ein kippen nicht verhindern. Wie so oft bei derartigen Actionteilen des Jakobsweges konnte man übrigens die ganze Zeit über unterhalb des Abhanges die Straße sehen, die parallel zu unserem Trampelpfad verlief. Ohne Gepäck, mit gesunden Füßen und in trockenem Zustand, hätte das Wandern auf diesem Pfad sicher Spaß gemacht. So war es eher eine Quälerei.

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Als wir es schon nicht mehr zu Hoffen wagten, entdeckten wir das Ende, des Pfades. Von hier an war er asphaltiert und damit leicht begehbar. Erschöpft aber glücklich genossen wir einen Augenblick des Triumpfs. Dann stellten wir fest, dass die ausgebaute Passage gerade einmal hundert Meter lang war und dann wieder erbarmungslos in eine Schlammpisste überging. Interessanterweise nahmen meine Fußschmerzen mit dem Schwierigkeitsgrad der Strecke ab. Je unwegsamer das Gelände wurde, desto besser konnte ich laufen. Ein faszinierender Mechanismus des menschlichen Körpers. Leider wurde der Schmerz danach dann umso stärker, was jetzt nicht unbedingt nötig gewesen wäre.

Nach erreichen der nächsten Ortschaft beschlossen wir den Schlenker auf die neue Schlammpiste, die uns der Jakobsweg vorschlug, nicht mehr mitzumachen. Stattdessen hielten wir uns an den Fahrradweg, der laut Wegweiser eh in die gleiche Richtung führte. Der Erfolg war grandios, aber nur von kurzer Dauer. Nach wenigen hundert Metern, liefen der Rad- und der Jakobsweg wieder zusammen und  führten auf eine Wiese auf der nicht einmal der Ansatz eines Weges erkennbar war. Auch hier war der Boden schlammig und aufgeweicht, so dass er sogar noch glatter war, als die vereiste Straße am Vormittag. Für Fahrradfahrer war dieser Weg unpassierbar.

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Wir machten das Spiel noch einmal für einige Kilometer mit, bis wir in den nächsten Ort kamen. Dann reichte es uns endgültig. Wir hatten eh nicht vorgehabt viel zu laufen und beschlossen daher uns einen Schlafplatz zu suchen. Leider blieb diese Suche ohne jeden Erfolg und so machten wir uns zu einer weiteren Etappe ins nächste Dorf auf. Diesmal waren wir jedoch schlauer! Von einer Brücke aus erspähten wir einen Fahrradweg, der direkt an der Mosel entlang führte und perfekt ausgebaut war. Erschöpft aber guter Dinge folgten wir dem neuentdeckten Weg. Für eine Strecke von 1,5km ging das gut. Dann aber kam eine Überraschung, die fast ein wenig vorhersehbar war. Der Asphalt endete und der Weg bestand von nun an aus – na, habt ihr es erraten? Genau, aus Schlamm! Der Fahrradweg war früher einmal ein Bahndamm gewesen. Nun hatte man die Lücken zwischen den Holzplanken einfach mit Erde aufgefüllt und voila, fertig ist der Radweg. Dass dies nicht nur eine sehr matschige sondern auch eine sehr holprige Angelegenheit war, brauche ich wohl keinem zu erklären. Das Besondere an diesem Weg war jedoch, dass er über große Strecken hinweg zu beiden Seiten steil abfiel. Hätten unsere Wagen an einer solchen Stelle das Gleichgewicht verloren, wären sie nicht nur gekippt, sondern rund zwei Meter tiefer im Wasser gelandet. Mit uns dran natürlich. Damit haben wir dann unsere Tagesdosis an Adrenalin auch abbekommen. Die beiden Fahrradfahrer, die uns begegneten um uns mitzuteilen, dass der nächste Ort noch mindestens 10 Kilometer entfernt sei, konnten uns nur wenig aufmuntern. Auch die Tatsache, dass wir sie noch gut 10 Minuten nach ihrer Weiterfahrt sehen konnten, weil der Weg einfach unendlich lang geradeaus führte, machte es nicht besser.

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Dann aber wendete sich das Blatt. Wir kamen an einen Bahnhof und wo ein Bahnhof ist, das wohnen auch Menschen. Wir verließen unsere Schlammpiste, überquerten die Gleise und folgten der Straße in Richtung Zentrum. Kurz darauf trafen wir einen alten Mann, der fröhlich jeden Menschen in der Umgebung grüßte und kurz mit ihm plauderte. Zunächst verstand er unser Französisch nicht und so gingen wir weiter, bis wir kurz darauf ein zweites Mal auf ihn trafen. Wir fragten ihn, ob er uns etwas über einen Pfarrer oder ein Gemeindehaus sagen könne. Kurzerhand nahm er uns unter seine Fittiche und führte uns durch die Stadt. Er war Italiener, lebte aber bereits seit 40 Jahren hier und kannte jeden Bewohner des Ortes persönlich. Nach einigen Minuten erreichten wir das Rathaus, wo er mich zu einer Informationsdame führte, der er unsere Geschichte und unser Anliegen erklärte. Ich weiß nicht, ob es an der Frau selbst lag, oder daran, dass es der Italiener war, der sie fragte. Auf jeden Fall reagierte sie deutlich freundlicher und hilfsbereiter als die letzten Rathausmitarbeiter, mit denen ich selbst gesprochen hatte. Nach einigen kurzen Telefonaten erklärte sie mir, dass ein Monsieur Hubert kommen würde, der uns abholt und ein Zimmer für uns hatte.

Freudig verließ ich das Rathaus und hatte alle Strapazen des Tages bereits wieder vergessen. Wir nutzten die Wartezeit um unsere Wagen und unsere Schuhe ein wenig vom Schlamm zu befreien. Ein hoffnungsloses Unterfangen, das die Straße zwar dreckig, unsere Wagen aber nicht sauber machte. Monsieur Huber, der uns bei unseren Putzversuchen antraf, bot uns kurze Zeit später eine effektivere Lösung an. Mit einem Gartenschlauch spritzten wir die Wägen und unsere Schuhe so lange ab, bis sie wieder sichtbar wurden. Dann waren wir an der Reihe. Die dreckigen Klamotten blieben gleich unten im Waschkeller und nach einer heißen Schokolade und einem Kuchen ging es für uns weiter unter die Dusche. Später wurden wir noch zu einem Abendessen mit butterweichem Rindfleisch, eine Kressesuppe und verschiedenen, französischen Käsespezialitäten eingeladen.

Nach dem anstrengenden und harten Tag, hatten wir also wieder einmal eine saftige Belohnung bekommen.

Spruch des Tages: Es ist der Gesundheit förderlich. Deswegen habe ich beschlossen glücklich zu sein. (Voltaire)

Tagesetappe: 26 km

Gesamtstrecke: 730,77 km

Bewertungen:

 
2014-02-04T00:03:19+00:00 Frankreich, Tagesberichte|

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