Tag 330: Sturzbäche

von Heiko Gärtner
28.11.2014 22:32 Uhr

Das schöne am Leben ist, dass es so schön unvorhersehbar ist. Immer wenn man einen Plan hat, kommt alles ganz anders. So auch gestern Abend. Nie hätte ich gedacht, dass ich nach dem regendurchweichten Tag, meine Nacht damit verbringen würde, erst bis um zwei mit Paulina zu telefonieren und dann bis um 07:30 Uhr meinen letzten Bericht noch einmal zu überarbeiten und zu ergänzen. Dummerweise führte das dazu, dass ich meinen Konsequenzenteil erst morgens um kurz vor sieben begann und das wiederum hatte zur Folge, dass ich einen wichtigen Teil vergas. Die Hauptkonsequenz, die eintrifft, wenn ich wirklich mit der Trichterbrust-OP scheitern sollte, ist die, dass ich in diesem Fall anerkenne, dass ich ein Leben als Eremit im Zölibat Leben werde. Denn dies ist das, was mir mein Körper in diesem Zustand auferlegt. Nach allen Tests, die ich in meinem jetzigen Zustand mit meinen Muskeln zum Thema, Partnerschaft und Sexualität durchführte, kam heraus, dass es so für mich nicht an der Reihe ist. Wenn ich meinen Medizinkörper habe und ganz in meinem Sein stehe, dann wird das wahrscheinlich etwas anderes sein. Schaffe ich es jedoch nicht, diesen Körper so heilen, dass er die Kraft der Liebe nach außen strahlt, dann werde ich einen anderen Weg gehen, zu dem auch die Enthaltsamkeit gehört.

Bei dem Skype-Gespräch mit Paulina, die sich an einem ähnlichen Punkt befindet, kam auch noch ein weiterer ans Licht, der bislang noch gar nicht so präsent war. Was ist, wenn wir es wirklich alle drei schaffen, im nächsten Jahr in unsere Kraft zu kommen und als gesunde, kraftvolle und energiereiche Heilerherde um die Welt zu ziehen? Was für eine Kraft entwickelt sich daraus? Wie viele Menschen werden wir begeistern inspirieren und aufmuntern? Wie unglaublich toll ist es, wenn wir eine leuchtende Spur an Menschenseelen um die Welt ziehen, in denen wir den Funken der bedingungslosen Liebe wieder entfacht haben. Wie auch immer unsere Art des Lebens und unsere Art des Heilens aussehen mag, sie hinterlässt eine Reihe von Akupunkturpunkten auf der Welt, die sich wieder weiter ausbreiten und so zur Heilung des Planeten beitragen. Und gleichzeitig haben wir einen fetzen Spaß dabei, lernen neue, außergewöhnliche Sachen, leben in innerer Harmonie und spüren eine tiefe Verbindung zur Schöpfung. Vielleicht können wir dann sogar Telepathie und Schweben lernen.Wenn das keine kraftvolle Vision ist, für die sich eine Wandlung zum wahren Sein lohnt, dann weiß ich auch nicht.

Als ich mit meinem Bericht fertig war, war er so lang, dass ich ihn lieber auf zwei Tage aufteilte. Der nun folgende Bericht ist also eigentlich der von gestern:

Seit zwei Wochen hatte der Wetterbericht nun bereits eine Mittlere Sintflut in der Region um Montpellier angekündigt. Heute war es dann soweit. Gestern und vorgestern haben wir bereits die ersten Vorboten abbekommen, doch diese waren nicht mehr als ein leichter Herbstregen. In Norddeutschland würde man einen Regen diesen Niveaus zu dieser Jahreszeit als Trockenphase zwischen zwei echten Schauern bezeichnen.

Heute jedoch regnete es bereits beim aufstehen und mit einer kurzen Zwischenpause von rund 10 Minuten hörte es auch nicht mehr auf. Jetzt in dieser Sekunde prasselt der Regen so sehr auf das Vordach neben unserem kleinen Hotelzimmer, dass wir deswegen sogar lauter sprechen müssen, um uns überhaupt noch zu verstehen. Der kleine vietnamesische Pfarrer, bei dem wir vor zwei Tagen übernachten durften, hatte uns erzählt, dass es in den letzten Jahren nicht mehr als 72mm pro Jahr geregnet hatte. Jetzt prasselten rund 40mm an nur einem Tag hernieder. Auch das ist im internationalen Vergleich noch nichts Weltbewegendes, doch hier gibt es eine Besonderheit, die das Unwetter dann doch spektakulär macht. Das ganze Land besteht aus Lehmböden, die zum größten Teil durch die schweren, landwirtschaftlichen Fahrzeuge auch noch zusätzlich verdichtet wurden. Nach einem knappen Jahr absoluter Trockenheit kann dieser Boden nicht einen einzigen Tropfen Wasser aufnehmen und so fließt alles in Sturzbächen die Straßen und Feldwege entlang. Als wir unsere Pilgerherberge am Morgen verließen, ging es noch einigermaßen. Dann zog ein Gewittersturm herauf und rings um uns herum schlugen die Blitze ein. Es dauerte nicht lange und unsere Regenkleidung ließ die ersten Tropfen durch. Der Feldweg, auf dem wir liefen wurde zur reinsten Schlammpiste auf der das Wasser zum Teil so hoch stand, dass es oben in unsere Schuhe lief.

Durch eine Reihe von Unüberlegtheiten und Dummheiten meinerseits waren wir jedoch in der ungünstigen Situation, dass wir heute mindestens 15km wandern mussten. Komme was da wolle. Die Sache war die. Mein Computer, der nun wieder repariert ist, wurde gemeinsam mit einer Reihe anderer nützlicher Dinge von Heikos Eltern nach Frankreich geschickt. Und wie jedes Mal, wenn wir ein Paket bekommen, schaffe ich es, mich dabei so zu verkalkulieren, dass es immer auf die eine oder andere Art Stress gibt. Einmal berechnete ich die Strecke zu kurz, so dass wir in einem Gebiet, in dem es kaum Schlafmöglichkeiten gab, jede Möglichkeit bekommen mussten, um nicht am Paket vorbeizulaufen. Diesmal war das Gegenteil der Fall. Wegen Heikos Beinschmerzrn hatten wir beschlossen, mit einem Tageskilometesatz von 10km zu rechnen. Ich hatte jedoch geglaubt, dass das Paket viel länger unterwegs sein würde und so kam es, dass wir nun ordentlich vorankommen müssen, um rechtzeitig an der Post zu sein. Schaffen wir es nicht bis zum 5.12.2014 wird es nach Deutschland zurückgeschickt. Mich selbst stresste diese Situation so sehr, dass ich in der Früh unbedingt noch einmal auf dem Postamt anrufen wollte, um zu fragen, ob es wirklich bereits da ist und ob man es nicht noch länger dort liegen lassen könnte. Da die Postbeamten keine Fremdsprachen konnten und sich weigerten mein hochwertiges Französisch zu verstehen, konnte ich selbst jedoch nichts abklären. Da kam die Frau ganz recht, die ihr Auto so eng vor der Pilgerherbergstür geparkt hatte, dass wir mit unseren Wagen nicht durch kamen. Als wir sie endlich ausfindig gemacht hatten, war ihr die Situation so unangenehm, dass sie sich ohne zu zögern bereit erklärte, den Antruf für uns zu übernehmen. Heiko wartete im Regen bei unseren Wagen und ich verschwand mit der Frau im Haus. Doch mit einem einfachen Antruf war es nicht getan. Man brauchte die richtige Nummer, denn die bei Google stimmte nicht im geringsten, man brauchte die Paketverfolgungsnummer, die Postleitzahl des Absendeortes und musste dann noch Stunden in der Warteschlange verbringen. Zwei mal hatte ich den Impuls, Heiko bescheid zu geben, doch aus irgendeinem Grund tat ich es nicht. Nach einer Dreiviertelstunde kam er von selbst. Er war nass, kalt und genervt. Wieso passierte es mir nur immer wieder, dass ich den wichtigen Impulsen nicht nachgehe und dadurch anderen und auch mir selbst ständig schade?

Nach 45 Minuten hatte die Frau genau das in Erfahrung gebracht, was wir eigentlich schon wussten. Das Paket war seit dem 22.11.2014 auf dem Postamt und seit dem lief unser Countdown von 14 Tagen. Bis zum Ziel waren es auf direktem Weg noch etwa 110km auf dem Jakobsweg dementsprechend länger. Schnell suchte ich eine neue Route raus, mit einem neuen Ziel um Strecke einzusparen.

Mit einer ausgedruckten Wegbeschreibung und einer dazu passenden Google-Karte  bewaffnet machten wir uns wieder auf den Weg. Durch meine Unachtsamkeit und durch die fehlende Rücksicht hatte ich dafür gesorgt, dass die Stimmung genauso geladen war, wie der wolkenverhangene Himmel, über den die Blitze zuckten. Und so kam es, wie es kommen musste. Im Versuch, den kürzesten Weg zu nehmen, ignorierte ich wieder einmal meine Intuition und führte uns damit in ein Gefängnis aus Kanälen. Links von uns hatte sich die Brücke über den Kanal befunden, über die man die Hauptstraße erreicht hätte. Auf dieser hätten wir dann noch ein gutes Stück weiterlaufen müssen, um dann schließlich wieder auf die Nebenstraßen nach Generac zu kommen. Obwohl eine Stimme in mir sagte, dass wir über die Brücke gehen sollten, bildete ich mir ein, es besser zu wissen und ging geradeaus weiter. Es wird schon noch eine Brücke kommen!

Doch es kam keine Brücke. Es kamen nur riesige Pfützen und ein weiterer Kanal, der uns immer weiter von unserem eigentlichen Ziel wegbrachte. Schließlich standen wir vor der Frage, ob wir zurückkehren oder weiter nach einem Ausweg suchen sollten. Heiko war frustriert. Sein Bein schmerzte und wir waren beide bereits nass bis auf die Haut. Die Karte war nun schon so durchweicht, dass man fast nichts mehr darauf erkennen konnte. Auch dies wieder hauptsächlich aufgrund meiner Unachtsamkeit. Warum musste ich uns immer wieder in Situationen bringen, in denen unsere Reise zum Kampf wurde? Warum konnte ich nicht einfach auf meine Intuition hören und so im Fluss und in Leichtigkeit leben?

An einer Haustür fragten wir nach dem Weg. "Einfach links und dann gerade weiter, bis die Brücke kommt", lautete die Antwort aus der Gegensprechanlage. Die Frage lautete jetzt nur: Links mit Blick zur Tür oder links wenn man den Hof verließ. Es war für mich unmöglich, diese Information aus der Dame herauszubringen und so blieb uns nichts als raten. Wir entschieden uns für die falsche Richtung und entfernten uns damit noch weiter von unserem Ziel. Der Umweg betrug nun bereits locker 4km. Am nächsten Haus klingelte ich noch einmal.

"Ihr habt vier Möglichkeiten," antwortete der Mann, "entweder ihr geht den ganzen Weg wieder zurück bis zur Brücke, ihr geht weiter geradeaus und nehmt einen Umweg von weiteren 10km in Kauf oder ihr geht über den kleinen schlammigen Feldweg. Doch das dürfte bei dem Wetter fast unmöglich sein. Die vierte Möglichkeit ist, ich fahre euch mit meinem Bully bis nach Generac und ihr schaut von dort weiter."

Ehe wir uns entscheiden konnten, traf er die Entscheidung selbst und holte die Autoschlüssel. Wie sich herausstellte, war dies unsere Rettung.

In diesem Moment hatte ich noch nicht den Hauch einer Idee, was hier eigentlich gerade passierte. Ich kauerte mich nur im Wagen zusammen und ärgerte mich über die vielen Patzer, die ich mir heute wieder geleistet hatte. Mein Selbstmitleid war in diesem Moment so stark, dass ich mich selbst richtig anekelte. Erst am Abend wurde mir bewusst, was ich bereits wieder für Geschenke erhalten habe. Da habe ich es tatsächlich Geschäft, den ganzen Tag lang von morgens bis abends jede Intuition zu überhören, die ich bekam und doch schenkte mir die Schöpfung einen Mann, der uns den Weg abnahm und der uns auch gleich noch ermöglichte, dass wir unser Paket entspannter erreichen konnten. Es war nicht nur so, dass ich von ihr wieder einmal aus der Patsche gezogen wurde, ich wurde sogar fast dafür belohnt, dass ich so ein Stümper war. Doch statt vor Freude zu jubeln, machte ich mich lieber selbst runter und nahm die Geschenke nicht einmal wahr. Offensichtlich hatte mich die Schöpfung doch noch nicht ganz aufgegeben. Sie war auf meiner Seite und sie half mir mit allen Mitteln, dass ich ihr vertrauen konnte. Es war also wirklich an der Zeit, dieses Vertrauen anzunehmen und ihr zu zeigen, dass sie sich auf mich ebenso verlassen konnte.

Über die Fahrt selbst kann ich nicht viel sagen, denn ich saß hinten im Laderaum und hielt die Wagen fest, damit sie nicht verrutschen und kaputt gehen konnten. Für Heiko und unseren Fahrer jedoch bot sich ein abenteuerliches Schauspiel. Die Wassermassen schossen nun aus allen kleinen Sträßchen und Kanälen und waren zum Teil über einen Meter hoch. Es war als hätte man alle Schleusen geöffnet um Frankreich im Meer zu versenken. Aus einem Gullydeckel schoss eine meterhohe Fontaine in den Himmel. Das Wasser auf der Straße spritzte zu allen Seiten davon und unser Fahrer hatte Angst, dass er nicht mehr zurückkommen würde, wenn er sich nicht beeilte. Als wir in Generac wieder auf der Straße standen froren wir wie zwei Schlosshunde. Erst nach der kurzen Zeit im Warmen spürten wir, dass wir komplett nass waren. Das Rathaus machte erst um vier wieder auf und so lange konnten wir unmöglich hier in der Kälte warten. Ein kleines Restaurant lud uns auf ein Mittagessen ein und so konnten wir zumindest für eine Weile ins Halbwarme um neue Pläne zu schmieden. Der Ort Saint Gilles lag 10km entfernt und hatte angeblich eine Pilgerherberge. Das war machbar und würde uns auf dem Weg zu unserem Päckchen ein gutes Stück nach vorne bringen. Also zogen wir die nassen T-Shirts aus, tauschten sie gegen trockene Pullis ein und machten uns wieder auf den Weg.

In Saint Gilles erfuhren wir von dem Mann in der Touristeninformation, dass der kleine Ort nach Santiago, Rom und Israel der viertwichtigste Pilgerort der Welt sei. Komisch, war das bei Fátima, Lourdes, Vézeley und Santo Toribio nicht auch der Fall gewesen? Für einen so berühmten Pilgerort gab es hier jedenfalls erstaunlich wenig zu sehen. Es gab eine große Kirche, ein unbelebtes Kloster und das wars. Für die Pilger selbst gab es zwei kleine Herbergen, die jedoch beide den Winter über geschlossen hatten. Eine von ihnen gehörte der Stadt und die war nicht bereit, sie für uns zu öffnen, schon gar nicht kostenlos. Soviel also zum Thema pilgern.

Wesentlich mehr Barmherzigkeit als von den rosenkranzbetenden Gemeindevorständen bekamen wir von dem Besitzer des Hotels Le Cours. Er stellte uns eines seiner Gästezimmer zur Verfügung und gab uns damit die Möglichkeit, zumindest einen Teil der Sachen wieder zu trocknen.

Die ganze Nacht durch hingen unsere Klamotten an allen auch nur halbwegs geeigneten Gegenständen um zu trocknen, angefangen bei der Gardinenstange, über Stühle und Bilderrahmen bis zum Nachttisch.dennoch war am morgen noch fast alles klamm.

Das Wetter heute hatte sich jedoch aufgeklart und zwischen den dicken, düsteren Haufenwolken schaute immer wieder die Sonne durch. Trotz des Schlafmangels war ich heute deutlich besser drauf als an den vergangen Tagen. Auch die Natur wirkte intensiver und klarer als zuvor. Heiko ging es ebenso, wenngleich sein Bein heute wieder besonders stark schmerzte.

Als wir Arles erreichten, gerieten wir mitten in eine Bauerndemonstration. Die Bauern und Jäger der Region hatten mit ihren Fahrzeugen ganze Straßen der Stadt abgesperrt und überall standen Polizisten mit Schlagstöcken, Gaspistolen, Schilden und Protektionsanzügen herum. Worum es jedoch genau ging, konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen.

An der Touristeninformation gab es eine Liste mit Jakobspilgerfreunden, die Jakobspilger aufnahmen. Außer einem Mann aus England, der aber leider bereits ausgebucht war, wollte keiner einen mittellosen Pilger aufnehme. Eine von ihnen fuhr uns zu einem acht Kilometer entfernten Kloster, in dem wir die Nacht verbringen und mal wieder ordentlich ausschlafen können. Die Wagen konnten wir bei der Frau unterstellen und morgen werden wir von einem Mönch wieder zu ihr gebracht.

Spruch des Tages: Da wird jede Straße zum rauschenden Bach.

Höhenmeter: 13 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 6227,37 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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