Tag 349: Abschied von Rudi

von Heiko Gärtner
17.12.2014 18:49 Uhr

Rudi ist weg!

Er ist einfach verschwunden. Gestern war er noch da und heute morgen konnten wir ihn nicht mehr finden. War er irgendwann unterwegs von meinem Wagen gesprungen und hatte sich auf seine eigene Reise begeben? Oder war er vielleicht bei dem afrikanischen Pfarrer zurückgeblieben, der uns die letzte Nacht so freundlich aufgenommen hat? Hatte ihn gar jemand von meinem Wagen entführt, als dieser in Saint Raphaël vor der Kirche gestanden hatte?

Ich weiß es nicht und wahrscheinlich werden wir diesen Kriminalfall auch niemals aufklären. Was ich jedoch weiß ist, dass mich sein verschwinden sehr traurig machte. Wirklich traurig. Eigentlich ein gutes Stück trauriger, als man es bei einem verschwundenen Gummi-Quietsche-Tierchen hätte meinen sollen. Doch Rudi war nun schon so lange unser Begleiter, dass er mir richtig ans Herz gewachsen ist. Doch war das alles?

Ich glaube, dass Rudi durch sein verschwinden auch Stellvertreter für die großen Loslassensprozesse wurde, die zurzeit in mir wüten. Es war sicher kein Zufall, dass er genau jetzt von uns gegangen ist, wo ich mich auch von meiner Familie und meinem alten Leben verabschiede. Bis zu Rudis unerwartetem Verschwinden war mir die Trauer darüber nicht bewusst gewesen, doch jetzt kam sie deutlich spürbar in mir auf. Die Reise war eine Reise zu etwas neuen und sie brachte uns stetig weiter. Aber auch die Trauer um das Alte musste ihren Platz haben.

Vielleicht war es ebenfalls kein Zufall, das ausgerechnet jetzt das Thema Atmen aufkommt. Noch einmal stärker wurde mir bewusst, wie eng das Atmen mit dem Lebensfluss verbunden ist.

„Wusstest du,“ begann Heiko seine Erzählung während des Wanderns, „dass wir über das normale Atmen, so wie wir es in unserer Gesellschaft lernen, gerade einmal 30% des Sauerstoffs in unseren Körper bekommen, den wir normalerweise bräuchten?“

Ich war zutiefst überrascht. Dass es wenig war, hatte ich bereits vermutet, aber so wenig.

„Da ist es doch kein Wunder, wenn wir ständig das Gefühl haben, dass es uns an Kraft und Energie fehlt“, fügte er hinzu.

Weil wir uns nicht wirklich öffnen können, blockieren unsere Muskeln und wir verwehren uns die volle Einatemenergie. Und weil wir nicht richtig Vertrauen können, wollen wir nicht alle Luft ausatmen, so dass immer ein Rest in unserer Lunge bleibt, der keine Verwendung findet.

Geben ist bekommen.

Das gilt auch hier wieder. Wer alles gibt, kann auch im vollständigen Wohlstand leben, weil er weiß, dass er alles bekommen wird, das er benötigt.

„Ist dir eigentlich aufgefallen, wie direkt wir wieder mit Beispielen dafür versorgt wurden?“ fragte Heiko nach einer Weile.

Ich schaute ihn fragend an.

„Gestern zum Beispiel haben wir dem Obdachlosen am Strand unsere letzte Banane geschenkt. Und keine 10 Minuten später bekommen wir von dem vietnamesischen Restaurantbesitzer 100€ dafür. Das ist doch Wahnsinn! Und dann am Abend haben wir dem russischen Obdachlosen vor der Touristeninformation eine Orange geschenkt.“

„Stimmt!“ fiel ich ihm ins Wort, „und am gleichen Abend bekommen wir die Mail, dass uns dein alter Kumpel Andreas Schneidemesser 150€ gespendet hat!“

„Genau!“ stimmte Heiko zu.

„Schade, dass die Frau in dem kleinen Hotel, dieses Prinzip nicht auch verstanden hat“, überlegte ich daraufhin. Ich hatte zuerst ihre Freundin getroffen, die absolut begeistert von unserer Reise war und die mich direkt in das Hotel begleitete. Doch die Hotelbesitzerin ließ sich von der Begeisterung nicht anstecken und hörte den Erzählungen ihrer Freundin nur unbeeindruckt zu um dann nach dem Budget zu fragen, dass wir zur Verfügung hatten. Ich versuchte zwar anschließend sie zu überzeugen, dass es neben Geld auch noch andere Dinge gab, durch die sie von uns profitieren konnte, doch der Vorhang war gefallen. „Cash, sonst nichts!“ hieß ihre Devise. So blieb sie schließlich alleine in ihrem leeren Hotel zurück, ohne einen einzigen Gast und verbrachte ihre Zeit damit, sich über die schlechte Wirtschaftslage zu ärgern.

„Genau!“ meinte Heiko, „selbst, wenn wir mit unserer Werbung keinen einzigen Gast angelockt hätten, so hätte doch allein ihre Grundhaltung zu ihrem Erfolg beigetragen. Wenn ich Gäste empfangen will, dann muss ich auch Gastfreundschaft verschenken. Denn nicht nur wir, sondern auch ihre zahlenden Gäste spüren ja, dass sie nur aufs Geld fixiert ist und das kann niemanden hier herführen.

Auf dem weiteren Weg spürte ich dann mein eigenes Thema mit dem Loslassen wieder umso stärker. Die Begegnung mit der Hotelbesitzerin ging mir nicht aus dem Kopf. Hätte ich sie vielleicht doch überzeugen können, wenn ich es geschickter angegangen wäre? Habe ich wieder zu schnell aufgegeben und mich kleinkriegen lassen? Hatte ich damit vielleicht unsere einzige Chance auf einen Schlafplatz verschenkt?

Ich spürte deutlich, dass mich diese Fragen nicht weiter brachten. Die Situation war gelaufen und es war wie es war. Nun galt es sich auf das Jetzt zu konzentrieren, die wunderschöne, schroffe Küste wahrzunehmen und zu genießen und offen für neue Angebote zu sein. Wie wollte eine andere Lösung auf mich zukommen, wenn ich immer noch der alten hinterhertrauerte und wenn ich in Gedanken noch bei ihr war? Damit war ich nicht im geringsten Offen, also konnte es auch nicht klappen. Und das in einer Gegend, in der es ohnehin schon schwer war.

Wie zum Zeichen, dass jeder Verlust wirklich Platz für etwas neues schafft, tauchte am Wegesrand auf einer Mauer ein kleines rosa Plüschtierchen auf, das ebenso riesige Augen hatte wie Rudi.

„Schau mal!“ meinte Heiko, „hier ist ein neuer Rudi!“

„Rudine!“ rief ich begeistert und freute mich über das kleine Tierchen sogar noch mehr als über die Hundert Euro vom Vortag.

Plötzlich war ich wieder in besserer Stimmung. Noch immer befanden wir uns in der misslichen Lage, dass es hier am Meer, genau wie damals bei Valencia, fast nur unbewohnte Residenzen gab, die uns nicht weiter halfen. Doch die Gelassenheit kehrte in uns zurück und das Vertrauen stieg, dass die Schöpfung für uns sorgen würde. Anders ging es auch nicht, denn ohne die Hilfe einer höheren Macht waren wir hier komplett aufgeschmissen. Es gab keine Rathäuser, bei denen man fragen konnte, keine Altenheime und keine Pfarrer. Auch Privatpersonen, die wir um ein Gästezimmer oder eine Garage bitten konnten, ließen sich nicht blicken und von den Häusern um uns herum waren fast alle komplett verrammelt und verriegelt. Hinter uns türmten sich bereits wieder die Regenwolken auf und alle halbe Stunde suchte uns ein kurzer Schauer heim, der uns einmal gründlich durchnässte. Langsam aber sicher bewegte sich die Sonne auf den Horizont zu und die Zeit, in der wir noch agieren konnten wurde immer knapper. Doch wir hatten nicht einmal eine Notlösung, denn es gab eine auch nur halbwegs ebene Fläche, auf der man ein Zelt hätte aufstellen können. Nur steile hänge und schroffe Felsen. Schöne Felsen, ohne jede Frage, aber keine auf denen man schlafen konnte. Jedenfalls nicht, wenn man nicht zuvor ein Haus darauf gebaut und den Felsen so verschandelt hatte, wie es hier leider viel zu häufig geschehen war. Wir hätten nicht gedacht, dass man ein Meer so einzäunen und einbetonieren konnte, wie es hier gemacht wurde. Wie konnte man sich eine so teure Villa direkt auf der Steilküste kaufen und seinen Garten dann zum Meer hin mit einer hässlichen Betonmauer begrenzen? Niemand konnte von unten über die Felsen in den Garten gelangen. Und selbst wenn er es konnte, dann hielt ihn die Mauer anschließend auch nicht mehr auf. Doch für dieses Gefühl der Sicherheit vor einer vollkommen unwahrscheinlichen Bedrohung sperrte man sich selbst in seinem eigenen Garten ein. Ohne die Mauer konnte man sich auf seiner Terrasse vollkommen frei und reich fühlen, so als gehörte einem das gesamte Mittelmeer. Doch durch die Mauer konnte man es nun nicht einmal mehr sehen. Warum kaufte man sich ein Haus mit Meerblick, wenn man sich den Blick dann selbst wieder verbaute? Wenn das einer der vielen Grundstücksbesitzer gemacht hätte, dann hätte man ja nichts gesagt, doch die Taktik wurde von nahezu allen angewendet. Da schufteten wir Menschen unser Leben lang, um uns mit dem verdienten Geld Luxus und Freiheit zu kaufen und bauten uns dann doch nur wieder einen neuen goldenen Käfig, der fast wie ein Symbol für unsere Gefangenheit direkt am Rande des Abgrundes steht. Denn dass das Meer mit der Verschandelung der Felsen nicht einverstanden ist, dass wird ebenfalls überdeutlich. Alles ist renovierungsbedürftig, da sich die Natur ihre Plätze wieder zurück holt. War es also wirklich der Traum vom großen Glück, sich eine Villa am Strand zu kaufen, die man nur wenige Wochen im Jahr nutzte, die man dann auch noch ständig Reparieren musste und um die man so viel Angst hatte, dass man sie in Mauern sperrte, auf die ein Hochsicherheitsgefängnis stolz gewesen wäre?

Für uns schien es in diesen Häusern jedenfalls keinen Platz zu geben und das obwohl rund 90% davon leer stand.

Doch unser Vertrauen in die Schöpfung wurde nicht endtäuscht. Heiko suchte gerade nach einem geeigneten Zeltplatz und ich kam von der erfolglosen Suche nach einem offenen Hotel zurück, als ein Auto neben mir anhielt. Die Scheibe wurde heruntergekurbelt und eine Frau schaute heraus. „Ihr seht aus als wärt ihr Reisende, die einen Schlafplatz brauchen!“ sagte sie und ich bestätigte ihre Vermutung.

„Wenn ihr nichts dagegen habt, dann würden wir euch gerne zu uns nach Hause einladen!“ fuhr sie fort.

Vor Begeisterung wäre ich fast in die Höhe gesprungen. Ich lief die Straße hinauf um Heiko zu suchen und kurz darauf folgten wir dem Auto bis fast auf den Gipfel des Berges, zum Haus des Ehepaares.

Wie sich herausstellte waren die beiden in ihrem Leben ebenfalls sehr viel gereist und hatten einen Großteil ihres Lebens in Lateinamerika verbracht. Mit Erstaunen stellten wir fest, dass beide deutlich älter waren als sie auf uns gewirkt hatten. Er wurde im Januar bereits 87 Jahre alt, sie war 64. Die beiden waren das erste Paar seit einer geraumen Zeit, zwischen denen wirklich eine tiefe Liebe, ein großer Respekt und auch eine sexuelle Spannung spürbar war.

Als er uns durch das Haus führte, um uns das Bad und die atemberaubende Aussicht über das Meer zu zeigen, rauchte er genüsslich an einem Zigarillo. Auch die Begegnung mit diesem Mann war sicher kein Zufall gewesen. Er zeigte uns, dass es möglich war, auch im hohen Alter noch fit und gesund zu sein, selbst wenn man einige Laster hatte, die dem Körper nicht unbedingt zuträglich waren. Doch dafür war er in anderen Lebensbereichen einfach so unschlagbar gut, dass er sich seine Gesundheit dadurch locker erhalten konnte. Er war entspannt, fröhlich und sah die Dinge mit einem gesunden abstand und einer guten Portion Ironie.

Mit seiner Frau unterhielten wir uns intensiv über unsere Recherchen, was vor allem deshalb spannend war, weil sie sich mit den gleichen Themen befasste.

Ich habe vor kurzem einige spannende Fakten über die Entstehung der industriellen Landwirtschaft herausgefunden“, meinte sie und begann zu erzählen: „Sie entstand nach dem zweiten Weltkrieg und die Konzerne, die die ersten Pestizide und Düngemittel herstellten waren die selben, die zuvor auch die Gifte für die chemische Kriegsführung und für die Ermordungen in den KZs produziert hatten. Jetzt kommt aber das wirklich fatale an der Geschichte. Die Pestizide, die an die Landwirte verkauft wurden, waren eben jene Substanzen, die man durch den Krieg noch übrig hatte und nun nicht mehr brauchte. Auf der einen Seite wäre es teuer gewesen, sie zu vernichten und auf der anderen Seite war es den Chemiekonzernen eh ein Dorn im Auge, dass sie die Landbevölkerung mit ihren Produkten nicht erreichen konnte. Die Städter waren bereits recht überzeugt von den chemischen Errungenschaften, doch die Menschen auf dem Land vertrauten noch immer nichts, was sie nicht selbst angebaut oder erzeugt hatten. Dies galt es zu ändern und so wurden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Man wurde seinen Giftmüll los, den man gewinnbringend Verkaufen konnte und gleichzeitig gewann man eine neue Zielgruppe die sich bis heute zur vielleicht größten Zielgruppe überhaupt entwickelt hat.“

Nach einiger Zeit meinte ihr Mann, der bislang zu diesem Thema weitgehend geschwiegen hatte: „Das ist ein spannendes Thema! Aber ich finde es ein bisschen Deprimierend. Es ist ein Thema für junge Leute. In meinem Alter ist es nicht mehr klug sich damit zu beschäftigen. Das ist nicht gesund für mein Nervensystem und ich brauche das noch eine Weile.“

Damit hatte er Recht und wir wechselten das Thema zu etwas fröhlicherem. Später kam er jedoch selbst noch einmal auf die Systematiken in unserer Gesellschaft zurück: „Die Menschheit steht gerade an einem entscheidenden Punkt in ihrer Geschichte. Manchmal finde ich es ein bisschen Schade, dass ich bereits 86 bin und nicht mehr mitbekommen werde, wie die Entwicklung weiter geht, aber ich bin sicher, dass die nächsten Jahre sehr spannend werden.“

Spruch des Tages: Die Menschliche Psyche ist wie eine eigene Galaxis für sich. Wir verstehen vom Menschsein nicht mehr, als wir vom Wesen des Universums verstanden haben. (Unser Gastgeber)

Höhenmeter: 560 m

Tagesetappe: 28 km

Gesamtstrecke: 6489,37 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

Schreibe einen Kommentar:

Speichere Namen, Email und Webseite im Browser fur zukunftige kommentare