Tag 411: Camino della Luce

von Heiko Gärtner
17.02.2015 21:40 Uhr

Seit wir Rom verlassen haben folgen wir immer mehr oder weniger dem Camino della Luce, einem alten Pilgerweg, der die italienische Hauptstadt mit Assisi verbindet. Leider ist er so gut wie überhaupt nicht markiert und er legt nicht besonders viel Wert darauf, Wege zu wählen, die auch passierbar sind. Ironischer Weise sind auf den wenigen Wegweisern die es gibt immer ein Wanderer, ein Reiter und ein Fahrradfahrer abgebildet, was jedoch nicht bedeutet, dass man mit einem Pferd oder einem Rad weiterkommt. So führte uns der Weg gestern mitten in eine steile Felsenschlucht hinein, aus der wir nicht mehr herauskamen. Der Weg wurde irgendwann so schmal, dass man nicht einmal beide Füße nebeneinander stellen konnte. Mit einem Wagen brauchte man hier erst gar nicht ankommen. Wir drehten also um und suchten uns einen anderen Weg, was schließlich dazu führte, dass wir quer über eine Wiese mit meterhohen Gräsern wanderten, bis wir wieder auf eine Straße stießen. Dieser folgten wir steil den Berg hinauf und standen plötzlich vor einem riesigen Stahltor. Ein durchkommen war unmöglich, doch umkehren konnten wir auch nicht. Jetzt war guter Rat teuer. Wir ließen die Wagen stehen und schwärmten aus. Heiko fand ein Loch im Zaun, das zu einer weiteren Wiese führte. Ich traf einen Anwohner etwas weiter unten am Berg, der uns erlaubte, über sein Grundstück bis zur Straße vor seiner Einfahrt zu wandern. Weil es einfacher war entschieden wir uns für das Grundstück.

Heute führte uns der Camino zunächst über Nebenstraßen an der Autobahn entlang und sollte dann rechts über einen Feldweg bis auf eine Hauptstraße abbiegen. Doch der Feldweg, den wir wählten endete auf halber Strecke an einem Berghang. Es blieb also nur die Möglichkeit entweder umzukehren oder den steilen Berg über die Wiese zu erklimmen. Hatten wir das nicht schon mal? Oben standen wir dann wieder vor dem gleichen Problem wie gestern. Das Tor war zwar nicht ganz so massiv, aber es war genauso undurchdringlich. Diesmal gab es jedoch weder ein Loch im Zaun noch einen netten Anwohner. Es gab nur das Tor, undurchdringliches Gestrüpp und den Zaun selbst. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als die Wagen über den Zaun zu heben. Heiko kletterte über das Tor und ich nahm seinen Wagen und fuhr damit zu einer Stelle, an dem der Zaun am niedrigsten war. Beim ersten Mal ging alles gut. Doch dann kam mein eigener Wagen an die Reihe. Als ich ihn am Hang entlang zum Übergabeort fuhr, verlor er plötzlich das Gleichgewicht und kippte zur Seite. Ich versuchte ihn noch zu halten, doch waren meine Arme durch den Aufstieg bereits so erschöpft, dass ich einfach keine Kraft mehr hatte. Der Wagen stürzte um und riss mich gleich mit. Zum Glück blieb er einfach auf der Seite liegen, denn mich kullerte es noch ein paar Meter den Hang hinab und ein Wettrollen wäre hier sicher nicht gut ausgegangen.

„Beeil dich, Tobi!“ rief Heiko, der meinen Sturz durch die Büsche nicht hatte sehen können, „die Leute schauen schon und wir sollten verschwinden, bevor sich einer Fragen stellt. Immerhin brechen wir gerade aus einem Privatgrundstück aus!“ Als ich ihm zurief, was passiert war erschien sein Kopf hinter dem Zaun. Ich rappelte mich auf und versuchte auch meinen Wagen wieder in die Position zu bringen, für die er eigentlich gebaut war. Dabei hatte ich jedoch nicht bedacht, dass er an der Unterseite Räder hat und das diese Räder ins Rollen kommen würden, sobald sie wieder Bodenkontakt hatten. Wieder war es der Wagen, der das Kräfteduell gewann. Er rutschte mir aus der Hand und stürzte erneut. Diesmal landete er zwar wie eine Katze auf den Beinen, doch die mit einer Wucht, die bereits beim Zuschauen wehtat. Ich kann nur von Glück sagen, dass nichts passiert ist, denn noch eine gebrochene Deichsel wäre nun das letzte gewesen, was ich nun brauchen konnte. Mit zitternden Händen und voller Angst die Kontrolle über den Wagen ein drittes Mal zu verlieren, fuhr ich ihn vorsichtig zum Zaun. Hilfreich war die Angst dabei natürlich nicht, aber diesmal ging glücklicherweise alles gut. Fürs erste waren wir wieder auf festem Boden unterwegs.

Doch das blieb nicht lange so. Die Straße wurde zum Schottersträßchen, dann zum Feldweg und schließlich zum Pfad. Dieser endete dann auf einem Schlamm- und Geröllfeld, auf dem es irgendwie seltsam roch. Hier stand ein einsamer Wegweiser, der in die Richtung zeigte, aus der wir kamen. Wohin also sollten wir nur wandern? Und woher kannten wir diesen Geruch? Als weiter in die Mitte des Feldes kamen, wurde der Geruch stärker und nun gab es keinen Zweifel mehr. Es roch nach verfaulten Eiern. Schwefel! Zwischen dem Schlamm und den Steinen flossen mehrere kleine Bächlein hindurch und aus ihnen kam der Geruch. Irgendetwas war hier ungewöhnlich und wir konnten nicht einfach daran vorbeigehen, ohne uns die Sache genauer anzuschauen. Wir stellten die Wagen also ab und folgten den Bächen zurück zu ihrem Ursprung. Weit mussten wir nicht gehen, nur etwa 50 Meter. Dann tauchten vor uns kleine, runde Becken auf, die ein Bisschen wie natürliche Whirlpools aussahen. Hier quoll das Wasser aus dem Boden hervor und gleichzeitig blubberten überall kleine Gasbläschen hervor, die den Schwefelgeruch verbreiteten. Nicht nur im Wasser waren die Schwefelquellen, sondern auch um die Wasserstellen herum. An einigen Stellen ploppte immer wieder der Lehm auf und gab den Weg für die Schwefelgase frei. Es war ein einmaliges Naturschauspiel, das wir so noch nie gesehen hatten. Vor allem weil es hier so vollkommen unberührt und unverhofft mitten in diesem Tal lag, ohne dass man eine Touristenattraktion daraus gemacht hatte. Nur der Müll, der uns in Italien fast überall begleitete, fehlte auch hier nicht. Nachdem wir alles genau untersucht hatten, machten wir uns wieder auf die Suche nach dem weiteren Weg. Von dem Feld führten drei Pfade weg, von denen zwei in unsere Richtung verliefen und sich später sogar wieder kreuzten.

Wir entschieden uns dafür, dem Fluss zu folgen und schon bald wurde der Weg wieder breiter, so dass alles den Anschein machte, dass wir uns richtig entschieden hatten. Etwa einen Kilometer später kam dann sogar wieder ein Wegweiser für den Camino della Luce. Die Freude hielt jedoch nicht lange an. Sie reichte genau soweit, bis wir erkannten, wohin uns der Pfeil verwies. Er zeigte mitten in den Fluss. Es war kein Witz. Wir sollten wirklich einmal quer durch den Fluss waten. Das war zwar schon einige Male vorgekommen, doch bislang waren es immer nur kleine Rinnsale gewesen oder es hatte wenigstens so etwas wie Trittsteine gegeben. Hier jedoch war das Wasser gute 40 bis 60 Zentimeter tief und es gab nicht einmal den Ansatz eines Überganges. Das bedeutet nur eines: Schuhe aus, Socken aus, Hose hochkrempeln und durch. Immerhin war es Heilwasser aus den Schwefelquellen, das unseren verspannten Fußmuskeln bestimmt nicht schlecht. Nachdem sie die Füße einmal an das kalte Wasser gewöhnt hatten, machte es sogar richtig Spaß durch das Wasser zu planschen. Ab einer bestimmten Tiefe begannen die Wagen sogar leicht zu schwimmen, so dass man sie viel leichter über die Steine hinwegziehen konnte, als an Land. Glücklich und mit feuerroten Füßen setzten wir unsere Reise fort. Zumindest ein paar Meter, denn dann kamen wir wieder an einen Zaun. Diesmal konnte man ihn jedoch einfach öffnen. Bis wir wieder auf eine Teerstraße kamen, mussten wir noch ein weiteres Gatter und eine Schafsherde passieren, die gemütlich auf dem Weg herumstand und uns neugierig beäugte. Laut Wanderkarte sollte die Strecke heute lediglich 11,5 Kilometer betragen, doch nun hatten wir gerade einmal die Hälfte hinter uns gebracht und es war bereits 14:00 Uhr. Entweder wir waren wirklich extrem langsam mit all den Herausforderungen gewesen, oder aber die Kilometeranzeige log. Wir tippten auf letzteres.

In Amelia sollte es laut den Notizen, die uns der Herbergsvater in Rom gegeben hatte eine kostenlose Herberge geben, die von einem Giancarlo Guerriani geführt wurde. Leider war die Telefonnummer auf seiner Liste vollkommen unleserlich und da niemand im Ort etwas von der besagten Herberge wusste, half sie uns nicht weiter. Eine junge Frau hatte eine Idee und schickte mich einmal durch den ganzen Ort bis zum Krankenhaus. Dabei muss man wissen, dass Amelia oben auf einem Berggipfel gebaut wurde und dass es hier keine einzige ebene Straße gibt. Als ich das Krankenhaus endlich erreichte gab es hier leider weder eine Pilgerherberge noch einen Giancarlo Guerriani. Ich kehrte also zu unserem Ausgangsort zurück, wo Heiko neben den Pforten einer Kirche saß und darauf wartete, dass innen der Trauergottesdienst einer Beerdigung zu Ende ging. Wenigstens den Pfarrer mussten wir ja erwischen können, wenn er gerade auf dem Altar stand. Doch es war wie verhext. Nachdem die Trauergemeinde die Kirche verlassen hatte, konnte man zwar bis zur Sakristei durchgehen, doch ein Pfarrer war nirgends zu finden. Wie konnte das sein? Es gab nur einen Ausgang, doch durch den war er nicht verschwunden. Oder hatten wir ihn etwa übersehen.

Eine treue Kirchgängerin zeigte mir sein Privathaus, doch als er auch dort nicht anzutreffen war vermutete sie, dass er wahrscheinlich mit zum Friedhof gefahren sei und spätestens in zwei Stunden zurückkehren müsste. Damit war nun auch die letzte unserer Optionen davongeschwommen. In einem letzten zweifelhaften Hoffnungsschimmer fragte ich die Dame nach Giancarlo.

„Der wohnt gleich dort vorne!“ antwortete sie und deutete auf ein Haus gegenüber. Ich ging hin, klingelte und wir wurden sofort eingeladen. Als ich zurückkehrte um Heiko bescheid zu geben, kam gerade der Pfarrer aus der Kirche und schritt mit gezielten Schritten auf sein Haus zu. Jetzt brauchten wir ihn nicht mehr.

Die Pilgerherberge befand sich gerade etwas in Renovierung, war aber abgesehen von der üblichen Kälte ein Platz zum wohlfühlen. Giancarlo hatte bereits von uns gehört und schon auf unser Kommen gewartet. Er empfing uns gleich mit einem riesigen Topf heißer Suppe und einer guten Portion Hühnchenschnitzel mit Weißkraut. Dabei erzählte er uns, dass er derjenige war, der den Camino della Luce ins Leben gerufen hatte. Früher war er den Weg zwischen Rom und Assisi bis zu fünf Mal im Jahr in beide Richtungen gegangen und hatte alles für die Pilger organisiert. Daher kannte er auch jeden Herbergsvater und jeden Pfarrer, der sich um Pilger an diesem Weg kümmerte. Don Remo, der Pfarrer bei dem wir vor zwei Tagen übernachtet haben und der uns dieses großartige Rindersteak mit Backofenkartoffeln und Knoblauch aufs Zimmer brachte, hatte ihm bei ihrem letzten Telefonat von uns erzählt. (Ich weiß, es ist vielleicht etwas komisch, dass wir jeden Menschen, dem wir begegnen hauptsächlich mit dem Essen assoziieren, dass er uns geschenkt hat, aber zurzeit ist es schwierig an wirklich Nahrungshighlights zu kommen und da fallen solche Leckereien besonders ins Gewicht.)

Giancarlo erzählte uns auch, dass im letzten Jahr eine Pilgergruppe mit 500 Leuten hier vorbei nach Rom gewandert ist. 50 Pfarrer haben die Schüler betreut, die gemeinsam gepilgert sind. Die Gruppe hat natürlich nicht hier in der Herberge übernachtet, sondern wurde auf die Turnhalle und die Pfarrhäuser aufgeteilt, doch es war auch für den Herbergsleiter ein riesiges Spektakel.

Beim Auspacken unserer Sachen musste ich dann feststellen, dass unsere Flussüberquerung nicht ganz ohne Folgen geblieben war. Offensichtlich hatte ich den Reißverschluss meines Wagens in der Früh nicht ganz bis zum Ende geschlossen. Nicht soweit jedenfalls, dass er wirklich eingerastet ist. Der Wagen war in der Mitte des Flusses so tief gewesen, dass das Wasser hineingelaufen ist. Zum Glück war alles noch einmal extra in wasserfeste Säcke verpackt, sonst hätten wir nun ein riesiges Problem gehabt. Lediglich die Töpfe und die Kocher waren nass geworden und die Isomatten hatten etwas Feuchtigkeit abbekommen.

Dennoch traf mich dieser Fehler tief. In letzter Zeit häuften sich die Dinge, die mir schiefgingen und ich verstehe einfach nicht warum. Ich bemühe mich ständig, meine Aufmerksamkeit zu trainieren, wachsamer zu sein, überlegter zu handeln und mich bei dem was ich mache wirklich zu konzentrieren. Doch es gelingt mir einfach nicht. Es wird sogar eher immer schlimmer. Ich verstehe nur gerade nicht warum.

Spruch des Tages: Dieser Weg wird kein leichter sein! Dafür ist er aber interessant.

 

Höhenmeter: 310 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 7577,27 km

Wetter: durchgängig geschlossene Wolkendecke mit Nieselregen, aber warm genug, um im T-Shirt zu wandern

Etappenziel: Pilgerherberge von Giancarlo Guerriani, 05022 Amelia, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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