Tag 412: Sonnenschein auf dem Bauch

von Heiko Gärtner
17.02.2015 23:40 Uhr

Nach dem dicken Wolken der letzten Tage war heute wieder ein richtig schöner Frühlingstag. Von unserer Pilgerherberge aus wanderten wir zunächst noch etwas aufwärts in die Stadt. Von hier aus hatte man einen unvergesslichen Blick über die Berge, die weit hinten noch immer mit Schnee bedeckt waren, wenngleich auch nicht mehr ganz so stark wie noch vor ein paar Tagen. Von hier aus führte uns der Weg hinunter in ein Tal, durch das sie ruhig und gemütlich ein breiter Fluss schlängelte. Es war das erste Mal seit Wochen, dass wir hier Menschen sahen, die spazieren gingen. Fast schon hatten wir geglaubt, dass es die in Italien gar nicht mehr gibt.

An einem kleinen Biergarten machten wir ein Picknick und wanderten dann weiter, zunächst am Fluss entlang und dann über gute Feldwege den Berg hinauf, bis zu einem alten Capucinerkloster. Hier legten wir ein weiteres Mal eine Pause ein, genossen die Aussicht und ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen.

In der letzten Zeit sind innerlich wieder unheimlich viele Prozesse am Laufen. Irgendetwas ist gerade wieder im Wandel und noch verstehe ich nicht was es ist. Ich merke nur, dass mein Körper auf unterschiedliche Weise darauf reagiert. Vor rund 10 Tagen spürte ich das erste Mal einen Schmerz in meinem linken Mittelfingergelenk. In den folgenden Tagen schwollen meine Finger stark an, bildeten Blasen und füllten sich mit irgendeiner sonderbaren Flüssigkeit. Noch immer weiß ich nicht, was das für ein Prozess ist, nur dass es eine Form der Entgiftung ist und dass es mit meinem Seelenleben zusammenhängt. Zum extremsten Zeitpunkt sahen meine Hände aus wie die eines neugeborenen Babys. Ich konnte kaum mehr damit greifen und war dadurch ebenso hilflos wie ein Baby. Gleichzeitig machte ich in meinem Alltag ununterbrochen kleine und große Fehler, lauter Dinge, die eigentlich nicht passieren dürften. Ich begann alles fallen zu lassen, überall gegenzustoßen, ausversehen Lärm zu verursachen, wenn ich eigentlich leise sein wollte und verpatzte eine Sache nach der nächsten. Angefangen bei der Organisation des Postpaketes über liegengelassene Dinge und falsch herausgesuchte Wege bis hin zum Offenlassen meines Packsackes, während ich einen Fluss durchquerte. Durch diese Tollpatschigkeit und Trotteligkeit, durch das unüberlegte Handeln, die Unaufmerksamkeit und Unkonzentriertheit sowie durch die Unfähigkeit mich auf meine Intuition zu verlassen, brachte ich mich, Heiko und unsere Reise immer wieder in Gefahr. Das nervte Heiko und das nervte vor allem auch mich selbst. Vor allem, weil ich es nicht nachvollziehen konnte. Je mehr ich versuchte, mich zu konzentrieren und auf alles zu achten, desto schlimmer wurde es. Und damit begannen natürlich auch die Gedankenstimmen in meinem Kopf. Jedes Mal, wenn ich etwas verpatzte, dann machte ich mich dafür selber fertig und das führte zwangsläufig dazu, dass ich noch unkonzentrierter wurde und noch mehr Fehler machte. Warum passiert das alles gerade? Und wie kann ich aus dieser Spirale herauskommen?

„Liebe dich dafür, dass du dich gerade nicht lieben kannst!“ meinte Heiko ernst. „Es hilft dir nicht, dich runter zumachen, aber es wird dir gerade auch nicht gelingen, dir einzureden, dass du mit dir zufrieden bist. Du glaubst es dir selbst nicht und darum wäre es nicht authentisch. Was du aber tun kannst ist den Tobias zu lieben, und wertzuschätzen, der mit sich selbst gerade unzufrieden ist. Denn der hat erkannt, dass ein Thema in dir akut ist, dass einer Lösung bedarf und das ist ein wichtiger Schritt. Sage dir also selbst: „Auch wenn ich mich gerade nicht lieben kann, liebe und akzeptiere ich mich mit dieser Nichtliebe so wie ich bin!“

Ich versuchte es, doch es war einfach ein Satz für mich, ohne dass ein Gefühl dabei war.

„Sagen und denken kann ich es, aber fühlen kann ich es noch nicht!“ sagte ich.

„Nur Geduld!“ sagte er, „das kommt schon. Am Anfang sind es nur Worte, dann werden es Gedanken, dann Glaubensmuster, dann Gefühle, dann Fantasien und schließlich Wirklichkeit.“

Doch gleichzeitig ist es natürlich auch wichtig, die Ursache herauszufinden, warum ich mich gerade dazu entscheide, ein Trottel zu sein. Was sagt mein Körper dazu?

Oft spüre ich in der letzten Zeit meine Trichterbrust, die mir das Atmen erschwert. Es ist wie ein Druck, der auf meiner Lunge lastet. Gleichzeitig entstand nun dieser immense Druck in meinen Händen, der nach außen dringen will und der mir Zeigt, dass es irgendwo eine Verbindung mit Handeln und Be-Greifen gibt. Es ist als würde der Druck in mir, einen neuen Schritt zu tun immer größer und je mehr ich mich ihm verweigere, desto mehr reagiert mein Körper darauf und desto größer werden meine Aufmerksamkeitsschwierigkeiten. Doch um welchen Schritt geht es dabei?

Um die Gefühle vielleicht? Noch immer fällt es mir schwer, meine Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Das Glaubensmuster, dass ich kein Recht darauf habe, Gefühle zu haben, steckt noch immer so fest, dass ich nicht weiß, wie ich es auflösen soll. Noch immer habe ich mir selbst keine einzige Trauersekunde dafür eingestanden, dass ich keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern habe. Warum fällt mir das so schwer?

„Nimm die Frage einmal ernst!“ meinte Heiko, „warum hast du dir abgewöhnt Gefühle zu haben?“

Ich überlegte, kam aber auf keinen grünen Zweig. „Keine Ahnung!“ sagte ich.

„Komm schon, du stehst einfach wieder vollkommen auf dem Schlauch. Die Antwort ist doch ganz einfach. Denk doch noch einmal an deine Familiensituation zurück. Was war da das präsenteste?“

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: „Klar!“ rief ich, „wir haben in unserer Familie immer Masken der Harmoniesucht getragen. Es war das wichtigste, dass wir immer einer Meinung sind und dass ein offensichtlicher Frieden herrscht. Hätte ich auf meine Gefühle gehört und hätte wahrgenommen, was dahinter steht, dann hätte ich nicht mehr so weiterleben können. Ich hätte gehen oder zumindest rebellieren müssen, doch das konnte ich nicht. Oder wollte es nicht. Also musste ich meine eigenen Gefühle abstellen, damit ich das Spiel mitspielen konnte. Genauso wie meine Eltern auch ihre Gefühle ausblenden mussten.“

„Genau!“ sagte Heiko, „dein Problem ist nicht, dass du Gefühlskalt bist, sondern dass du eigentlich ein hochsensibler Mensch bist, der besonders intensiv fühlt. Doch weil du damit nicht umgehen konntest, hast du diese Gabe vergraben und jetzt findest du sie nicht mehr wieder.“

„Das stimmt,“ sagte ich, „Ich weiß, dass ich in der Schule oft sehr nah am Wasser gebaut war und deshalb oft ausgelacht wurde. Damals habe ich beschlossen, nie wieder Gefühle haben zu wollen, um nicht mehr verletzt zu werden. Zu diesem Zeitpunkt kam mir das wirklich schlau vor. Jetzt kommt es mich nicht mehr so vor!“

Heiko lachte und meinte: „Nein, das ist wirklich nicht besonders sinnvoll!“

All diese Themen und Gedanken schwirren nun schon seit Tagen in meinem Kopf herum. Ich schlafe unruhig und wechsele ständig zwischen Gefühlskälte und Gefühlschaos hin und her. Mal habe ich das Gefühl, es geschafft zu haben und nun auf dem richtigen Weg bin und dann kann ich wieder nicht glauben, dass ich jemals auch nur einen einzigen Schritt weiterkomme.

Doch jetzt wo wir hier auf der Bank in der Sonne saßen herrschte plötzlich Stille in meinem Kopf. Jetzt war es ruhig und ich konnte den Moment einfach wieder genießen. Es gab kein Problem und nichts zu lösen. Es gab nur mich, Heiko neben mir, die Sonne in meinem Gesicht und den saftigen Apfel in den ich tief hineinbiss und den ich wirklich genießen konnte.

Eine halbe Stunde später gingen wir weiter bis in den nächsten Ort. Diesmal schaffte ich es auf dem Weg zur Kirche meine positive Stimmung beizubehalten. Zumindest für diesen Moment konnte ich spüren, dass ich die Sonne, die Landschaft, die Welt um mich herum, das kleine Bergdörfchen und auch mich selbst liebte. Und zum ersten Mal seit Tagen trafen wir sofort nette Menschen, die uns im Pfarrhaus ein Zimmer zur Verfügung stellten und die uns sogar noch etwas zum Essen vorbeibrachten.

Spruch des Tages: Aus Worten werden Gedanken, aus Gedanken werden Glaubenssätze, aus Glaubenssätzen Gefühle, aus Gefühlen Fantasien und aus Fantasien wird die Wirklichkeit.

 

Höhenmeter: 240 m

Tagesetappe: 9 km

Gesamtstrecke: 7586,27 km

Wetter: sonnig und frühlingshaft

Etappenziel: Pfarrhaus, 05022 Sambucetole, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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