Tag 413: Der Orden der heiligen Clarissa

von Heiko Gärtner
24.02.2015 18:13 Uhr

Die Internetsituation in Italien ist definitiv abstrakt. Schon in Frankreich und auch in Spanien war es vorgekommen, dass wir ab und an mal für ein oder zwei Tage keinen Zugang zum Netz hatten und dann mehrere Berichte gleichzeitig einstellen mussten. Hier jedoch sind die Möglichkeiten irgendwo ein funktionierendes w-LAN zu ergattern so rar, dass sich jedes Mal ein riesiger Berg anstaut. Wenn wir dann einmal eine Verbindung bekommen, mutieren diese Tage dann zu reinen Internettagen in denen nun alles nachgeholt werden muss, was wir zuvor nicht erledigen konnten. Berichte einstellen, Wegstrecken raussuchen, Mails beantworten, recherchieren, nach neuen Materialien für die Deichseln suchen und so weiter. Sorry, dass es dadurch auch für euch als Leser im Moment etwas inkonstant ist und ihr erst für viele Tage gar nichts mehr von uns hört, bevor wir euch dann gleich mit neun Berichten gleichzeitig bombardieren. Aber so ist das Leben. Es ist ein bisschen wie bei uns mit dem Essen. An einigen Tagen ist es extrem mau und am nächsten bekommt man mehr als man essen und tragen kann.

Gestern war so also wieder in zweierlei Hinsicht ein Tag der Fülle. Das Wetter war großartig, wir fanden schnell und einfach einen tollen Schlafplatz mit Internet und wurden dabei auch noch mit reichlich Essen versorgt. Angelo, der Sohn des Mesners, der uns unseren Schlafplatz im Pfarrhaus ermöglichte, war ein herzensguter junger Mann, der sich gemeinsam mit seinem Vater um uns kümmerte. Nach zwei Monaten im Land ohne nennenswerten Kontakt zu den Einheimischen hatten wir schon nicht mehr daran geglaubt, dass wir überhaupt noch Menschen treffen würden, mit denen wir uns wirklich unterhalten konnten. Doch man soll niemals nie sagen! Angelo und seine Eltern nahmen uns auf, wie wir es sonst nur aus Deutschland und Frankreich gewohnt waren. Sie freuten sich von ganzem Herzen dass wir da waren, ließen uns aber auch unsere Zeit zum Arbeiten, so dass wir für uns sein konnten und kamen dann immer mal wieder mit frischer Verpflegung vorbei. So schön einfach und unkompliziert konnte das Leben sein und gleichzeitig so herzlich und freundschaftlich. Es hatte also vielleicht doch eine Wirkung auf die Menschen, wenn sie an traumhaft schönen Plätzen lebten. Denn Sambucetole war definitiv ein Ort zum Wohlfühlen.

In der Früh wurden wir dann noch auf ein Rührei und eine Schale Obst zum Frühstück eingeladen und bekamen sogar noch einiges an Proviant und zwei Fruchtsäfte mit auf den Weg. Birne und Pfirsich, was konnte man sich schöneres für ein Picknick vorstellen?

Von den Bergen her wehte ein eisiger Wind, aber ansonsten war es ein wundervoll sonniger Tag an dem man gerne wanderte. An einem kleinen Fischteich machten wir eine Pause und ließen uns die Lunchpakete von Angelos Eltern schmecken. Wir waren mitten in der Pampa und hatten damit gerechnet hier wirklich absolut ungestört zu sein, doch keine zwei Minuten nachdem wir uns hingesetzt hatten, kam ein Auto auf uns zu. Es war ein Fiat Punto mit Allradantrieb, was auf seine Art sowohl beeindruckend als auch lächerlich wirkte. Doch er kam problemlos die Schlammigen Feldwege hinauf. Direkt vor uns blieb der wagen stehen. Zwei Männer saßen darin, kurbelten die Scheibe hinunter und wollten wissen, wo wir herkamen und wo wir hinwollten. Die Antworten „Deutschland“ und „Assisi“ waren ausreichend und das Gespräch war für die beiden damit wieder beendet. Sie fuhren noch ein Stück weiter, drehten dann um und verschwanden in genau die Richtung aus der sie gekommen waren.

„Ich fasse es nicht!“ meinte ich, „Sie sind wirklich nur hierher gefahren um zu sehen was wir hier machen. Sonst nichts.“

„Ich sags ja!“ gab Heiko zurück, „Big Brother is watching you! Man kann hier nirgendwo hingehen, ohne von jemandem beobachtet zu werden. Wenn man einen Hang zur Paranoia hat, dann sollte man diese Region definitiv meiden. Wie viele alte Leute mich schon verfolgt und beobachtet haben, wenn ich auf dich wartete und mir irgendwo einen Pausenplatz gesucht habe.“

Den Rest der Pause blieb es jedoch ruhig. Wir genossen die Sonne und befassten uns dann noch ein bisschen mit den Themen die uns gerade beschäftigten. Dabei fand ich heraus, dass es sich bei mir im Moment nur noch um eine zentrale Sache dreht. Die Wut und die Enttäuschung meiner Familie gegenüber habe ich relativ gut verdaut. Irgendwie habe ich meinen Frieden damit geschlossen. Doch noch immer steckt eine tiefe Urangst in mir, die ich seit meiner Kindheit aufgebaut habe und nie auflösen konnte. Die Angst davor, verlassen zu werden, wenn ich meine Gefühle zum Ausdruck bringe. Es ist die Angst, die ich von meinen Eltern übernommen habe und von deren Berechtigung ich mich in meinem eigenen Leben immer wieder selbst überzeugt habe. Jedes Mal wenn ich versuchte offen und ehrlich meine Gefühle einer Frau gegenüber zu äußern endete dies in einem Desaster. Das musste es auch, denn dadurch dass ich von vorn herein davon überzeugt war, dass sie mich ablehnen würde, sprach ich meine Zuneigung mit solch einer Unsicherheit aus, dass meine Prophezeiung in Erfüllung gehen musste. Und jetzt, wo ich meiner Familie gegenüber offen meine Gefühle geäußert habe, ist auch hier der Kontakt abgebrochen. Die Angst ist also eine selbsterfüllende Prophezeiung, die wie ein Damoklesschwert über mir hängt. Sie führt dazu, dass ich alles in mich hineinfresse, dass ich mir selbst einen innerlichen Druck aufbaue, an dem ich fast zerplatze und dass ich mich so sehr im Kreis drehe, dass ich all diese Flüchtigkeitsfehler mache. Unterbewusst scheint das Programm in mir zu laufen, das sagt, wenn ich durch meine Handlungen bereits jeden aus meinem Leben vertrieben habe, dann brauche ich keine Angst mehr davor haben, wenn ich aufgrund meiner Gefühle verlassen werde. Auf eine Art fühlt es sich sehr erleichternd an, dass ich das herausgefunden habe, auch wenn ich noch nicht weiß, wie ich die Angst auflösen soll. Aber der Umstand, dass es eigentlich nur ein zentraler Punkt ist, um den es geht, der beruhigt mich gerade ungemein.

Von unserer Pausenstelle ging es weiter in Richtung Montecastrilli. Auch dies war ein kleines Bergdorf, dass inmitten der flachen Hügellandschaft auf dem einzigen hohen Berg in Reichweite gebaut worden war. Auf dem Weg dorthin kamen wir wieder einmal an einem Haus vorbei, in dessen Garten der Besitzer gerade dabei war, Äste und zweige zu verbrennen. So sehr wir uns auch bemühten, wir konnten nicht verstehen, warum das hier so ein Volkssport war. In den Häusern war es schweinekalt, die Heizkosten waren so hoch, dass sie sich fast niemand mehr leisten konnte und jeder hatte in seinem Garten oder auf den Haselplantagen so viel Brennholz, dass er damit locker über den Winter kommen konnte. Doch anstatt es sich damit im Wohnzimmer gemütlich zu machen wurde es als Abfall einfach im Garten verheizt. Wieso machte man so etwas?

In Montecastrilli gab es ein Kloster der Schwestern der Heiligen Clarissa. Irgendwann müssen wir noch einmal mehr über sie und über ihr Verhältnis zu San Franziskus herausfinden, denn langsam wird diese Geschichte echt interessant. Wo der Orden in Spanien ein Garant dafür war, dass man eiskalt abserviert wurde, ist er hier ein fast 100% sicherer Schlafplatz. Die Nonnen empfingen uns wieder sehr herzlich und gaben uns ein Apartment für die Nacht. Und das obwohl das Kloster eigentlich eine Klausur war, also ein Kloster, das mit der Außenwelt normalerweise wenig zu tun hatte und keine Gäste aufnahm.

Obwohl heute die Fastenzeit eingeläutet wurde bekamen wir ein reiches Mittagessen mit Reis, Tomatensauce, Tunfisch, Salat, grüner Paprika und frischem Obst. Dabei erzählte uns Schwester Maria wie sie ihren Weg in den Orden gefunden hatte.

Sie war nun 64 Jahre alt und lebte fast 50 Jahre davon als Nonne. Mit 15 hatten ihre Eltern sie in ein Kloster gegeben, weil sie selbst zu Arm waren, um sich um sie kümmern zu können. Schon damals hatte sie in eine Klausur gewollt, doch ihre Mutter Oberin hatte andere Pläne für sie. Sie kam in ein Kloster, zu dem sowohl eine Schule als auch ein Kindergarten und ein Altenheim gehörten. Schwester Maria kümmerte sich mit Herzblut um alle die hier lebten, doch sie selbst spürte dass sie dabei kaputt ging. Es gelang ihr nicht, sich abzugrenzen und sie nahm jedes Leid der anderen als ihr eigenes in sich auf. Schließlich bat sie die Mutter Oberin erneut, sie in eine Klausur zu versetzen, wo sie mit den anderen Schwestern alleine war und sich ganz dem Gebet und der Meditation hingeben konnte. Doch stattdessen bekam sie den Auftrag nach Columbien zu gehen und sich dort um die Armen zu kümmern. Hier lernte sie dann auch Spanisch, war dazu führte, dass sie uns all dies überhaupt erzählen konnte. Auch hier setzte sie sich so gut wie möglich für jeden ein, der Hilfe brauchte. Und auch hier ging sie kaputt dabei. Zu viel Leid war um sie herum, von dem sie sich nicht distanzieren konnte. Auch sie war zu feinfühlig um mit ihren Gefühlen zurechtzukommen. Doch anstatt die Gefühle in sich selbst zu vergraben, wollte sie sich lieber mit ihren Gefühlen hinter die sicheren Mauern eines Klosters zurückziehen. Auch eine interessante Variante und wahrscheinlich taucht auch sie nicht ganz zufällig gerade jetzt in meinem Leben auf. Als sie ihre Mutter Oberin nun ein drittes Mal bat, in die Klausur versetzt zu werden, wurde ihr Wunsch schließlich erhört. Seither lebt sie hier in diesem Kloster.

Als wir uns noch eine Weile über die Umstände in Lateinamerika unterhielten, sagte sie einen Satz, der mich sehr bewegt hat: „Ich hatte nie Angst mit den Menschen zu sprechen. Wenn ich sie etwas fragen wollte, dann habe ich sie gefragt. Wenn es etwas zu sagen gab, dann habe ich es gesagt. Ich weiß, dass ich von Gott immer beschützt werde. Es fühlt sich für mich an, als würde er mich in seinen Händen halten. Als kleines Mädchen habe ich das einmal zu ihm gesagt: ‚Gott,’ habe ich gesagt, ‚ich bin ein kleines zerbrechliches Mädchen. Wenn du willst, dass ich in der Welt etwas verändere, dann musst du mich in deinen Händen halten und immer gut beschützen. Sonst kann ich überhaupt nichts machen und das ist auch für dich nicht hilfreich.’ Seither hat er seine schützenden Hände immer um mich gelegt.“

Und es stimmte. Auch wenn sie ein Problem damit hatte, das Leid der anderen bei ihnen zu lassen, so strahlte sie doch eine unglaubliche Verbindung zu Gott oder zum Universum aus. Der Schutz war bei ihr nicht nur eine Phrase, er war echt.

Kurz darauf lernten wir dann auch noch die Mutter Obere und eine junge Novizin namens Anastasia kennen. Letztere war die erste Novizin die wir überhaupt getroffen haben. Bei all den Klöstern, die wir nun besichtigen durften, war dies das erste, in dem es noch Nachwuchs gab.

 

Spruch des Tages: Gott, wenn du willst das ich in dieser Welt etwas verändere, dann musst du schon deine schützenden Hände um mich halten und mich beschützen. Sonst kann ich nichts bewegen und das ist auch für dich nicht hilfreich. (Schwester Maria)

 

Höhenmeter: 240 m

Tagesetappe: 9,5 km

Gesamtstrecke: 7595,77 km

Wetter: sonnig und frühlingshaft, dazu aber ein eisiger Nordwind

Etappenziel: Pfarrhaus, 05026 Montecastrilli, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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