Tag 415: Erdbeben

von Heiko Gärtner
24.02.2015 19:06 Uhr

Es war wie ein Überfall. Plötzlich hielt ein Auto neben uns, aus dessen Beifahrerfenster ein kleiner Junge herausragte, uns zuwinkte und lauthals „Bongiorno!“ schrie. Wir hielten an und drehten uns zu ihm um. Schon war der kleine aus dem Auto gesprungen und kam auf uns zugelaufen. Etwas weniger enthusiastisch und deutlich langsamer stieg seine Mutter auf der Fahrerseite aus und kam ebenfalls auf uns zu. Erst jetzt, wo sie uns erreicht hatten, fiel uns auf, dass der kleine Junge in Wirklichkeit gar nicht so klein und vor allem auch überhaupt kein Junge war. Es war ein Mädchen, dass sich jedoch aufgrund der Familiensystematik ganz offensichtlich dafür entschieden hatte, eine Jungenrolle zu übernehmen. Sie hatte eine sportliche Kurzhaarfrisur, nahezu keine Brüste und war von ihrer ganzen Ausstrahlung so jungenhaft, dass wir uns selbst dann noch unsicher waren, als sie sich bereits als Julia vorgestellt hatte.

Gestern Abend, als wir zum Abendessen noch einmal zu der Grafikerin und ihren Eltern eingeladen wurden, hatten sie uns gefragt, ob wir nicht doch lieber bei einer befreundeten Familie als ganz alleine in dem verlassenen Gemeindehaus schlafen wollten. Der Pfarrer mache sich Sorgen, dass wir uns vielleicht fürchten könnten, wenn außer uns niemand in dem Haus war. Mit einem Schmunzeln hatten wir abgelehnt. Zum einen war es zu diesem Zeitpunkt bereits neun Uhr und wir hatten bereits unser Nachtlager aufgebaut. Jetzt noch einmal umzuziehen hätte einen riesigen, logistischen Aufwand bedeutet, der sich einfach nicht gelohnt hätte. Zum anderen versicherten wir unseren Gastgebern, dass wir bereits viele Nächte in noch einsameren Gebieten verbracht hatten, ohne uns zu fürchten. Wir waren für 1000km durch die Spanische Zentralwüste gewandert, haben Monate in der Wildnis, auf Island, in Kanada, in Guatemala und sonst wo auf der Welt verbracht. Wir haben sogar schon in einer Kapelle mitten auf einem Friedhof übernachtet. Da wird uns ein Gemeindehaus mitten in einer Kleinstadt, das 100m vom Pfarrer und 100m von der Familie entfernt ist, die uns zum Essen eingeladen hat, nicht in den Wahnsinn treiben. Wenn wirklich etwas passieren sollte, dann wussten wir ja, an wen wir uns wenden konnten.

Dennoch war der Pfarrer nach der Absage recht traurig gewesen, denn er hätte uns diesen anderen Schlafplatz sehr gerne vermittelt.

Jetzt, etwa 9 Kilometer hinter der Stadt, nach einer schönen Wanderung durch die frühlingshafte Hügellandschaft, trafen wir hier auf genau jene Familie, die uns am Vortag hätte aufnehmen wollen. Julia hüpfte um uns herum wie ein kleiner Flummi und war aufgeregt wie ein Teenager kurz vor der Führerscheinprüfung. Sie wollte noch immer dass wir sie besuchen und schwärmte uns von ihrem kleinen Hof mit Eseln und Pferden und allerleih anderem Getier vor. Doch so verlockend das Angebot auch sein mochte, der Hof lag einfach genau dort, wo wir heute Morgen gestartet waren und das war ganz und gar nicht der Ort an den wir nun wandern wollten. Als sie meine Finger sah, wollte sie mich um jeden Preis mit etwas anderem unterstützen. Handschuhe vielleicht oder eine Salbe. Doch zu ihrem großen Bedauern waren wir gut versorgt. Schließlich gab sie uns ihre Handynummer, falls wir sie doch noch besuchen wollten und dann verschwanden sie gemeinsam genauso schnell, wie sie aufgetaucht waren.

„Was war denn das gerade?“ fragte Heiko, der sich genauso überrumpelt fühlte wie ich.

„Keine Ahnung!“ meinte ich, „Ich glaube sie wollten uns helfen, wussten aber nicht wie.“

Es kam uns ein bisschen so vor, als wollten sich die beiden Familien mit ihrer Hilfsbereitschaft battlen. Wobei es nicht wirklich um uns ging, sondern vielmehr darum zu zeigen, dass man selbst der frommere und gottesfürchtigere Mensch war. Denn es wirkte weniger so, als käme die Hilfe aus einem Herzenswunsch heraus, sondern viel mehr aus einer Art innerem Verpflichtungsgefühl. Nicht das wir nicht trotzdem dankbar waren, für das, was unsere Gastgeber für uns getan hatten. Doch man spürte trotzdem einen Unterschied, ob jemand nett zu einem ist, weil es ihm wirklich Spaß macht oder weil er damit eine innere Schuld ausgleichen und sich selbst vor Gott oder vor dem Dorfpfarrer reinwaschen will.

Kurze Zeit später erreichten wir Massa Martana. Hier trafen wir den Pfarrer sofort an und unterhielten uns eine Weile mit ihm, bevor er uns dann den Weg zu einem Franziskanerkloster zeigte. Dabei erfuhren wir, dass die ganze historisch wirkende Kleinstadt vor 10 Jahren komplett zerstört und anschließend wieder aufgebaut wurde. Damals hatte es ein Erdbeben gegeben, dass die ganze Region erschüttert hatte. In den umliegenden Dörfern war jedoch fast nichts passiert, weil der Untergrund dort erdig oder sandig war und die Vibrationen dadurch gut aufnehmen konnte. Massa Martana hingegen wurde komplett auf Fels gebaut und dieser gab die Erschütterung ungebremst an die Häuser weiter. Innerhalb von wenigen Minuten stürzte die ganze Stadt in sich zusammen. Wie durch ein Wunder wurde dabei jedoch niemand tödlich verletzt.

Wir trauten fast unseren Ohren nicht. Niemals hätten wir damit gerechnet, dass es hier so starke Erdbeben geben konnte. In Guatemala hatte ich ja damit gerechnet, aber hier?

Die Franziskaner waren ein junges Kloster mit 4 Mönchen, die allesamt recht fröhliche, lockere Typen waren. Sie luden uns sofort ein und gaben uns ein Zimmer, das leider nicht so gut beheizt war, wie das bei den Nonnen. Das lag vielleicht daran, dass sie unter ihren Roben noch einmal ganz normale Kleidung trugen. Damit war es ihnen wahrscheinlich warm genug.

Spruch des Tages: Ü-Eier sind in den USA aus Sicherheitsgründen verboten. Automatische Maschinengewehre nicht.

 

Höhenmeter: 190 m

Tagesetappe: 14 km

Gesamtstrecke: 7619,77 km

Wetter: sonnig und frühlingshaft

Etappenziel: Pfarrhaus, 06056 Massa Martana, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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