Tag 416: Junge Brüder

von Heiko Gärtner
24.02.2015 19:17 Uhr

Unsere Brüder vom Orden des heiligen Franziskus waren anders als die meisten anderen Mönche, die wir bislang kennengelernt hatten ein wirklich lustiger und entspannter Trupp. So wirklich ernst nahm die Frömmigkeit hier niemand. Als erster Freitag in der Fastenzeit hätten sie eigentlich auf ihr Abendessen verzichten müssen. Dafür lieferten sie sich am Mittag eine ordentliche Pizza-Party. Nach der Abendmesse bereiteten sie für uns ein großartiges Omelette zu und nutzten diese Gelegenheit, sich einer nach dem anderen Heimlich die Reste der Pizza einzuverleiben.

Dass in den Klöstern die Sache mit dem Zölibat nicht so ernst genommen wird, haben wir ja schon das eine oder andere Mal vermutet. Doch so offensichtlich wie heute war es bislang nicht gewesen. Als wir vor der Messe durch den Klosterhof gingen saß eine junge, blonde Frau auf der Mauer, die sich für irgendetwas besonders fein herausgeputzt hatte. Sie grüßte uns fröhlich und folgte uns dann in die kleine Kapelle. Außer uns und ihr war noch eine weitere Frau anwesend, sowie zwei der vier Mönche. Der dritte kam drei Minuten zu spät, der vierte kam überhaupt nicht. So ernst wurde der Gottesdienst also genommen.

Nach der Messe trat die junge Frau auf Giorgio, den jungen Mönch mit dem langen Rauschebart zu und sah ihn liebevoll an. Ihre Hände berührten sich für einen Moment, dann küsste sie ihn zum Abschied auf die Wange. Es war theoretisch nichts weiter als eine ganz normale Verabschiedung, doch es knisterte dabei so sehr zwischen den beiden, als hätten sie wild zu knutschen begonnen. Als wir dann in der Küche auf unser Omelette warteten, tauchte auch die junge Frau noch einmal auf. Diesmal küsste sie den Mönch sogar auf den Hals. Dann verabschiedete sie sich von uns und verschwand. Kurze Zeit später war auch der Mönch verschwunden und tauchte für den Rest des Abends nicht mehr auf.

Heute führte uns unser Weg zunächst in einen Ort namens Bastardo. Es ist kein Witz, er heißt wirklich so. Und leider erwies sich der Name auch als äußerst treffend, denn der Ort hatte nichts als Ablehnung für uns übrig. So mussten wir noch einmal 18km weiter bis in den nächsten Ort wandern. Landschaftlich war es wunderschön, aber kräftemäßig brachte es uns ans Limit. Vollkommen erschöpft fielen wir auf die Plastikstühle in unserem Gemeinderaum und streckten die Füße von uns. Jetzt wollten wir nur noch etwas zu essen und uns dann in die Schlafsäcke legen.

Als wir am nächsten Tag durch Assisi spazierten fiel uns etwas auf, das uns noch einmal ins Grübeln brachte. Die Straßen hier waren voll von jungen Mönchen. Das letzte Mal, das wir vor dem Orden in Massa Martana junge Mönche gesehen haben war in Fátima gewesen und davor nur in Vézeley. Junge Mönche und Nonnen gab es also immer nur an den touristischen Hauptorten, den Punkten also, an denen sich die Kirche im besten Licht zeigen musste. Es war als hätte hier jeder Orden den es in Europa gibt all seinen Nachwuchs nach Assisi und in die anderen Pilgerziele geordert. Hier in Massa Martana waren dann plötzlich vierzig Kilometer von Assisi entfernt vier junge Mönche, die das Mönchsleben noch mehr auf die leichte Schulter nahmen als alle anderen und von denen mindestens einer eine Liebesaffäre hatte. Ob wohl die Mönche, die in Assisi beim Sex erwischt wurden hier nach Massa Martana verband wurden? Einer der Mönche, die uns in Assisi beherbergen, äußerte jedenfalls so eine kurze Randbemerkung über den Orden in Massa, die die Vermutung nahe legte. Nichts konkretes, aber der Gedanke kam auf.

Spruch des Tages: Gott ist die Freude. Deshalb hat er die Sonne vor sein Haus gestellt. (Franz von Assisi)

Höhenmeter: 260 m

Tagesetappe: 30 km

Gesamtstrecke: 7649,77 km

Wetter: leicht bewölkt

Etappenziel: Pfarrhaus, 06033 Cannara, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

Schreibe einen Kommentar:

Speichere Namen, Email und Webseite im Browser fur zukunftige kommentare