Tag 417: Assisi

von Heiko Gärtner
24.02.2015 19:22 Uhr

Kurz hinter Cannara stießen wir auf einen Fahrradweg, der laut Ausschreibung direkt bis nach Assisi führte. Ihm folgend schlängelten wir uns zwischen den Feldern hindurch bis zu einer Autobahn. Das Wetter war grau, wolkig und nebelig mit leichtem Nieselregen. So wanderten wir durch eine dichte Suppe und merkten nicht, dass die Berge bereits dicht vor uns lagen. Wäre die Sicht besser gewesen, hätten wir Assisi wahrscheinlich schon gleich am Morgen sehen können. Hinter der Autobahn kamen wir an einem Franziskanerinnen Kloster vorbei. Bis Assisi waren es von hier aus nur noch gute 5km. Nach Santa Maria degli Angeli, dem Sterbeort des heiligen Franziskus war es ein Kilometer. Sollten wir also hier schon halten und uns erst die Stadt mit der Basilika anschauen, um dann morgen weiter nach Assisi zu gehen? Oder sollten wir weiter wandern und den Nachmittag für die Stadtbesichtigung nutzen? Beides hatte seine Vor und Nachteile und so beschlossen wir, die göttliche Fügung entscheiden zu lassen. Immerhin waren wir ja auch an einem heiligen Ort. Wenn uns die Nonnen aufnahmen, dann war dies ein Zeichen dafür, dass wir hier bleiben sollten. Wenn nicht, dann war es das Beste, heute nach Assisi zu wandern.

Die Nonnen waren zwar sehr nett, verwiesen uns aber an ein Kloster direkt vor den Toren Assisis. Also war die Entscheidung gefallen.

Kurz bevor wir Assisi erreichten kamen wir an die Pforten des Klosters San Bose. Es sah noch sehr jung und neu aus und wirkte wie ein Seminarzentrum. Vor der Tür des Haupthauses stand eine Menschentraube, die wir zu diesem Zeitpunkt für Seminargäste hielten. Später stellte sich heraus, dass es alles Menschen aus der Gegend waren, die nur am Sonntag zur Messe und zum Mittagessen im Kloster vorbeischauten. Wir wurden jedoch sehr herzlich aufgenommen und bekamen ein Zimmer in einem Nebengebäude, von dem aus wir einen traumhaften Blick über das ganze Tal haben.

Das Mittagessen mutierte fast zu einer Art Vortragsrunde, die von Heiko als Haupt- und mir als Nebenredner abgehalten wurde. Susen, eine Irin, die seit zehn Jahren hier lebte, weil sie einen Italiener geheiratet hatte, wollte alles über unsere Reise und über unsere Medizinstudien wissen. Auch die anderen waren neugierig, wenngleich fast alle Fragen von Susen kamen. Anschließend übersetzte sie das, was wir ihr erklärten auf Italienisch.

Als Heiko von unseren Erfahrungen bei Darrel und den Medizinleuten erzählte, wurde es den Mönchen etwas unheimlich. Klar war Spiritualität ihr Thema, aber Rituale, bei denen die Natur mit einstieg und auf den Heiler reagierte, das für ihre Ohren doch ein bisschen zu viel. Beten und Gottesdienste abzuhalten um so das Gefühl zu bekommen, einen guten Draht zu Gott zu haben war eine Sache. Zu hören oder gar zu erleben, dass man mit dem Göttlichen eine wirkliche Beziehung eingehen konnte, die augenblicklich auf einen reagierte, das war etwas vollkommen anderes. Und wie schon oft in der Tradition der Kirche war es leichter, diese Verbindung in das Reich des Heidentums und der Ketzerei zu stecken, denn es als Gottesverbindung anzuerkennen. Auch wenn das hier nur in Form einer lustigen Bemerkung geschah.

Nach dem Essen sprach Heiko Susens Mann Ron an und fragte ihn nach seiner Diabetes. Er erzählte uns, dass er nicht nur Zuckerkrank war, sondern außerdem ein Nierenversagen hatte und daher mehrmals in der Woche zur Dialyse musste. Wir nahmen uns etwas Zeit in einem kleinen Nebenraum der Kapelle und Heiko führte ein Anamnese und Therapiegespräch mit dem Mann. Seine Frau verarztete in der Zeit zunächst meine Hände und dann meine gereizte Fußsehne.

Wie sich herausstellte waren Rons Nieren komplett in Ordnung. Die Ärzte hatten nicht die geringste Ahnung, warum sie sein Blut nicht mehr filterten, denn es fehlte ihnen an nichts. Als Heiko etwas tiefergehend Fragte, kam heraus, dass die Ursache für seine gesundheitlichen Probleme tief im Familiensystem begraben lag. Er war ein ungewolltes Kind und seine Mutter hatte ihn eigentlich abtreiben wollen. Lediglich weil seine Großmutter sich für ihn eingesetzt hat, wurde er überhaupt geboren. Diese liebte ihn auch als kleinen Jungen über alles, während seine Mutter keinen Hehl daraus machte, dass sie ihn nie hatte haben wollen. So hatte er bereits als Kind die Erfahrung gemacht, dass es auf dieser Welt keine Liebe für ihn gab. Zumindest nicht von seiner Mutter. Gleichzeitig liebte ihn seine Mutter jedoch als Objekt, das gute Dienste im Haushalt verrichten konnte. Als Susen ihn kennenlernte, musste sie ihn förmlich von zu hause entführen. Doch selbst nach dem Auszug blieb die Verbindung zu seiner Mutter noch immer bestehen. Er war wie ein kleines Kind, dass es nicht geschafft hatte, sich von seinen Eltern zu lösen. Susen hingegen liebte es andere zu bemuttern, was ich ja auch zeitgleich am eigenen Leib erfahren durfte. So übernahm sie auch für ihren Mann die Mutterrolle und versuchte ihn stets vor allem Unheil zu beschützen. Seiner leiblichen Mutter eingeschlossen.

Jeder Mensch, dem wir begegnen ist ein Spiegel für unsere eigene Seele. Dieser Satz zeigte auch in dieser Situation wieder deutlich seine Wahrheit. Denn auch wenn meine Familiensituation nahezu das Gegenteil von Rons war, so hatte es doch in uns beiden zu den gleichen Themen geführt und ich erkannte mich in seinen Verhaltensmustern an vielen Stellen wieder. Auch dass sich Susen, nun da Ron von Heiko versorgt wurde, direkt um mich kümmerte zeigte, dass auch ich mit dem Thema Erwachsen-Werden noch lange nicht durch war. Darin lag auch das Hauptproblem von Ron: Er musste sich von seiner Rolle als Opfer seiner Mutter lösen und zu seiner eigenen Männlichkeit finden. Doch es würde kein leichter Weg werden und sein Körper setzte ihn mit dem Nierenversagen, der Diabetes und einem Herzanfall bereits stark unter Druck. Spannend war jedoch, dass sich gleich zu Beginn der Heilungssession die Lösung offenbarte. Ein anderer Klostergast, der unsere Unterhaltung am Rande mitbekommen hatte, wollte sich aus reiner Neugier mit zu uns in den Raum setzen. Für Ron war es so schon nicht leicht, sich zu öffnen und die Anwesenheit des Mannes störte und verunsicherte ihn zutiefst. Der andere war über eine Grenze gegangen und es wäre seine Aufgabe gewesen, diese Grenze zu setzen und klarzumachen. Doch er selbst konnte es nicht. Dafür übernahm Susen die Rolle des Wachmannes und vertrieb den unliebsamen Gast mit harten und klaren Worten. Ron hatte die Verantwortung für sich selbst also wieder an eine Mutterfigur abgegeben. Diese kurze Situation war der Spiegel für das Lebensthema. Hierin steckte bereits alles. Und gleichzeitig wurde mir klar, dass auch ich immer wieder in genau der gleichen Schleife feststeckte.

Dass wir ausgerechnet hier in Assisi auf Menschen trafen, die eine Heilung auf geistiger Ebene brauchten und denen wir weiterhelfen konnten, war sicher auch kein Zufall. Denn unter dem ganzen Touristentrubel und all dem Bimbamborium, das um Assisi heute gemacht wird, steckt nichts anderes als ein einfacher Wandersmann, der sich vor fast 1000 Jahren auf eine ähnliche Reise gemacht hat wie wir und der sich damals die gleichen Fragen stellte. Auch er war ein Geistheiler, der ohne Geld durchs Land zog und den Menschen auf seine Art half. Dass ausgerechnet in der Geburtsstadt eines Mannes, der sich von irdischen Gütern lossagte, heute fast alles kommerzialisiert ist, ist wieder einmal die Ironie unserer Gesellschaft. So kann man in Assisi nicht einmal einen Stadtplan bekommen, ohne dafür 2€ in einen Automaten werfen zu müssen.

Nach der Sitzung mit Ron und Susen machten wir uns auf den Weg in die Stadt. Assisi liegt direkt am Berghang und besteht im Prinzip hauptsächlich aus einer Aneinanderreihung verschiedenster Kloster und Kirchen. Dazwischen befindet sich ein kleines Dorf, das heute zum Großteil aus Souvenirlädchen und Restaurants besteht. Als wir die Stadt erreichten waren wir zunächst etwas endtäuscht. Irgendwie hatten wir hier einen besonderen Spirit erwartet, irgendeine Art von Kraft, die uns vollkommen aus den Socken haut oder zumindest eine besondere Friedlichkeit oder irgendetwas Magisches. Doch es war nur eine ganz normale kleine, mittelalterliche Altstadt. Erst als wir uns damit abgefunden hatten, dass es eine Stadt wie jede andere ist, waren wir wieder offen für ihre Schönheit. Die Lage war einfach unglaublich. Von den Hängen aus konnte man weit über das ganze Tal blicken. Unten schlängelte sich der Fluss entlang, in Santa Maria degli Angeli ragte die Basilika empor und im Hintergrund erhoben sich die Berge in den wolkenverhangenen Himmel. Auch die Stadt selbst war auf ihre Art eine besondere Schönheit. Die kleinen Natursteinhäuschen schmiegten sich in den Berghang und wurden überall von den Kirchen und Kathedralen überragt. Hoch über allem trotzte eine mittelalterliche Festung. Bei unserem Rundgang kamen wir auch an einem unterirdischen Großparkplatz vorbei. Hier hatte man den ganzen Berg ausgehöhlt um auf mehreren Etagen Unmengen an Autos und Bussen unterzubringen. Im Sommer musste es hier furchtbar sein, wenn all diese Fahrzeuge ihre Insassen über die Straßen ergossen, doch jetzt war es ruhig und fast einsam. Natürlich waren deutlich mehr Menschen in den Straßen als in allen anderen Orten, durch die wir in der letzten Zeit gekommen sind, doch von einem echten Touristenrummel war es noch immer weit entfernt.

Von innen boten die Kirchen leider nicht so viel, wie wir es uns vorgestellt hatten. Vielleicht sind wir durch Rom auch einfach etwas verwöhnt gewesen. Alles war eher schlicht und unspektakulär gehalten. Nicht hässlich, aber eben auch nichts besonderes. Lediglich eine Kirche unterschied sich deutlich von den anderen. Hier hatte ein Künstler eine Dauerausstellung installiert, die aus lauter kleinen abstrakten Holzfiguren bestand, die die Mutter Maria darstellten. Es war immer die exakt gleiche Form, die bewusst so gewählt war, dass sie aus jeder Perspektive die Maria in einer anderen Situation darstellte. Gleichzeitig war die Figur auch ein Handschmeichler, den man für ein Gebet oder eine Stille-Meditation umfassen sollte.

Am abstraktesten waren jedoch die beiden Kirchen mit den Gräbern von San Francesko und Santa Clara. Susen hatte uns am Mittag bereits ein bisschen was über ihre Geschichte erzählt. Wie wir schon vermutet haben, waren die beiden Klosterbegründer wirklich ein Liebespaar mit einer heißen, romantischen Beziehung gewesen. Mehr zu ihrer Geschichte erzählen wir euch aber morgen.

In der Kirche der Heiligen Clara kann man über eine Treppe zur Krypta hinunter gehen, in der sich ihr Grab befindet. Der Treppenbereich ist extrem weit ausgebaut, so dass man hier ohne Probleme riesige Menschenmassen hindurchschleusen kann. Dadurch wirkt er jedoch eher wie der Abgang in eine U-Bahnstation oder in ein Schwimmbad als der Weg in eine Krypta. Am Ende eines Ganges sieht man dann durch das Gitter hindurch einen steinernen Sarg, auf dem noch einmal ein gläserner steht. In diesem liegt eine Schaufensterpuppe mit einem Schaufenstergewand. Als wir die Plastikdame erblickten waren wir verwirrt. Das war alles? In Santiago und Vézeley hatte es immerhin ein paar staubige Knochen gegeben, die man betrachten konnte. Das musste ja nicht einmal sein. Wenn Clara ihre Ruhe im Sarg fand, ohne dass sie täglich von tausenden Touristen angestarrt wurde, dann war nichts dagegen einzuwenden. Aber musste es wirklich eine Plastikpuppe sein? Hätte man nicht wenigstens eine schöne Steinstatue bauen können, die sie repräsentiert?

Als wir die Kirche des heiligen Franziskus betraten war hier gerade Messe. Überall standen Schilder mit der Aufschrift: „Silencio!“ – „Stille!“ Ironischer Weise drang uns jedoch bereits von außen eine ohrenbetäubend laute Orgelmusik entgegen. Die Stimme des Pfarrers wurde über ein Mikrofon so laut übertragen, dass jeder normalhörende anschließend taub war und jeder taube ihn hören konnte. Rechts neben der Andachtsgemeinde befand sich die Treppe hinunter in die Krypta. Auch im Untergeschoss bekam man noch alles mit, was oben gesagt oder gespielt wurde. Hier befand sich nun ein zweiter kleinerer Kirchenraum, in dem ebenfalls einige andächtig blickende Menschen mit gesenkten Häuptern saßen. Am anderen Ende befand sich ein kleiner Altar und dahinter eine Steinsäule mit einem kleinen Sichtfenster, das den Blick auf einen einfachen, schmucklosen Steinsarg freigab. Hier also ruhte der heilige Franziskus. Einen Moment lang zögerten wir. Konnten wir wirklich einfach so an all diesen betenden Menschen vorbeigehen um uns den Sarg aus der Nähe anzuschauen. Andere Besucher hatten da offensichtlich weniger bedenken und so gaben auch wir unsere auf und folgten ihnen. Erst als wir direkt an ihnen vorbeikamen wurde deutlich, was hier wirklich geschah. Niemand saß hier zum Beten. Die geneigte Kopfhaltung hatte bei jedem einzelnen eine andere Ursache. Einer spielte in seinem Handy, eine Frau hatte einen e-Book-Reader auf dem Schoß, ein älterer Herr las ein Buch, ein junges Pärchen schaute in eine Touristenkarte und eine Frau las ihren Wanderführer. Mit Gläubigkeit oder Frömmigkeit hatte das nichts zu tun. Eher mit platten Füßen.

Mit der Kirche von San Franzisco waren wir am Ende unserer Stadtrunde angelangt. Nun machten wir uns langsam wieder auf den Heimweg, um rechtzeitig zum Abendessen im Kloster zu sein. Zuvor wagten wir jedoch noch einmal einen Blick von oben über die Stadt und das Tal. Inzwischen war es Dunkel geworden und damit hatte sich die Stimmung radikal verändert. Der Himmel war violett und hinten hinter den Bergen ging die Sonne in einem letzten tiefen Orange unter. Plötzlich war sie da, die Magie, die wir uns gewünscht hatten. Als wir dann von einem Barbesitzer auch noch eine große Packung Chips für den Abend geschenkt bekamen, waren wir mit unserer Stadtbesichtigung vollends zufrieden. Jetzt mussten wir nur noch den Weg zurück zum Kloster finden, was sich deutlich schwieriger gestaltete, als zunächst angenommen. Nachts sah einfach alles anders aus und durch die Steilen Berghänge wechselten die Straßen ihre Richtung öfter als ein Filmstar seine Beziehungspartnerin. Irgendwann standen wir mitten im Dunkeln irgendwo an einem Hang im Wald und wussten nicht mehr wo wir waren. Doch mit Hilfe der Intuition und etwas Orientierungssinn schafften wir es auf den Glockenschlag genau im Punkt 19:00 Uhr zum Eingangstor des Klosters.

Nach dem Essen gab es noch eine kurze Messe, bei der die Mönche alle gemeinsam in der kleinen Klosterkirche sangen. Es war ein schöner Gesang und die Stimmung in der Kirche gefiel uns ebenfalls. Als Abschluss für den Tag war es also eine wirklich runde Sache. Nun ist es an der Zeit, sich über unsere heiligen Chips herzumachen.

Spruch des Tages: Man muß ein Narr werden um Christus zu finden. (Franz von Assisi)

 

Höhenmeter: 190 m

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 7661,77 km

Wetter: bewölkt und nebelig Etappenziel: Kloster San Bose, 06081 Assisi, Italien  
Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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