Tag 423: Die Beziehung zwischen San Franziskus und Santa Klara

von Heiko Gärtner
02.03.2015 15:32 Uhr

Fortsetzung von Tag 422:

Doch was war nun mit der Beziehung zwischen Franz und Klara?

Die beiden waren definitiv auf vielen Ebenen eng miteinander verbunden. Eine wirkliche Beziehung in Form einer Partnerschaft hatten sie jedoch nie. Jedenfalls lassen sich dafür keine Spuren in den Aufzeichnungen und Überlieferungen finden. Viele Quellen beschreiben ihr Verhältnis eher als das zwischen guten Freunden oder zwischen zwei Geschwistern, doch auch das trifft es sicher nicht ganz. Am ehesten lassen sie sich vielleicht als Darma-Partner beschreiben. Sie waren zwei Gefährten, die in die gleiche Richtung schauten und auf das gleiche Ziel zugingen. Sie teilten ihren Lebensweg und gingen so weite Strecken gemeinsam, wobei sie sich gegenseitig ergänzten und unterstützten. Einmal wurden die beiden mit zwei Augen verglichen, die als Paar gemeinsam in die gleiche Richtung schauten. Beide sehen das gleiche, doch nur gemeinsam können sie das Bild plastisch darstellen, da jeder einen etwas anderen Blickwinkel hat. Gemeinsam konnten sie sich immer wieder zurück auf den Boden holen, wenn sie zu sehr in eine Richtung abzudriften drohten. Klara neigte dazu, sich durch ihre Askese und übertriebenes Fasten selbst zu schädigen und Krank zu machen. Lange Zeit verzichtete sie fast vollständig auf Schlaf oder Nahrung und wenn sie doch einmal schlief, dann legte sie sich auf ein Bett aus Reisig mit einem Flussstein als Kopfkissen. Mehrere Male hätte sie sich mit dieser Askese fast umgebracht, doch Franz gelang es immer wieder, sie zur Besinnung zu bringen. Auf der anderen Seite war sie für Franz der sichere Hafen. Sie ist der Mensch, mit dem er seine Sorgen, Ideen, Probleme und alles andere bespricht, das ihm wichtig ist. Immer wenn sich Franz auf seinen langen Wegen durch Europa verlor, dann war sie es, zu der er zurückkehrte und bei der er Stille und Erholung fand. So wurden die Ausgewogenheit zwischen Reisen und Einkehr zu einem festen Bestandteil des frühen Franziskaner. Auch bei der Überarbeitung der Ordensregeln für die Franziskaner brachte Klara eine weibliche Note mit ein und ermahnte die Brüder dazu, sich umeinander zu kümmern, wie Mütter es bei ihren Söhnen tun. Lange Zeit wurde Klara oft nur als eine Art weiblicher Abklatsch von Franz angesehen, als eine seiner Anhängerinnen, die ihm auf seinem Weg folgte. Doch heute ist man sich sicher, dass sie für ihn und auch für die geschichtliche Entwicklung genauso wichtig war wie andersherum.

Auf jeden Fall aber waren sie sich selbst mit ihren Gefühlen auch nicht immer einig. Irgendwo fühlten beide, dass ihre tiefste Verbindung zu Gott führte und dass sie aus diesem Grund zu ihrem selbst auferlegten Zölibat stehen sollten. Doch das heißt nicht, dass es keine starken Spannungen zwischen ihnen gab. Der Legende nach soll sich Franz einmal sogar im Winter nackt im Schnee gewälzt haben um seine Begierde auf Klara wieder abzukühlen und den Drang zu stillen, einfach über sie herzufallen. Ihr ging es dabei oft ähnlich und sie hätte gegen einen solchen lustvollen Ausbruch wahrscheinlich nicht allzu viel einzuwenden gehabt. Auch bei ihren Mitmenschen kam ihre Beziehung nicht besonders deutlich an und gab Anlass zu vielen Spekulationen. Als die beiden einmal im Winter gemeinsam durch die Straßen zogen um an den Häusern um Nahrung zu betteln, müssen sie sich immer wieder zweideutige und zum Teil bösartige Anspielungen auf ihre Freundschaft anhören. Franz ist deshalb besorgt und schließlich schlägt er vor, dass sich die beiden vielleicht erst einmal für längere Zeit nicht sehen sollten. Als Klara das hört wird sie traurig und fragt, wann sie sich denn dann wiedersehen könnten. Franz überlegt eine Weile und da sie gerade durch den Schnee stapfen sagt er das längste, was ihm gerade einfällt: „Wir werden uns wiedersehen, wenn die Rosen von neuem zu blühen beginnen!“

Plötzlich fangen die schneebedeckten Sträucher um sie herum an, sich zu bewegen und überall sprießen junge Knospen aus den Rosenbüschen hervor, die wenige Minuten später zu blühen beginnen. Als sich die beiden von ihrem Staunen erholt haben, pflückt Klara für Franz einen kleinen Blütenstrauß und legt ihn ihm in die Hände. Die Legende endet mit den Worten: „Von diesem Tag an waren Franz und Klara nie mehr getrennt.“

Ganz so romantisch ging es aber wohl nicht immer zu. Wenige Monate nachdem Klara aus ihrem Elternhaus geflohen war, brach Franz zu einem Kreuzzug nach Israel auf, ein Zeitpunkt, der wahrscheinlich nicht zufällig gewählt war. Auf dem Weg ins heilige Land erleidet er jedoch Schiffsbruch und muss unverrichteter Dinge zurückkehren. In den folgenden Jahren wechseln er und Klara nur wenige Worte. Vielleicht gab es ja doch eine kurze romantische Liaison zwischen den beiden, nachdem Franz erst einmal Abstand brauchte, um mit seinen Gefühlen wieder zurecht zu kommen. Lange Zeit herrschte eine ungeheure Reserviertheit zwischen ihm und Klara, die größtenteils von ihm ausging. Nicht selten kam es vor, dass seine Brüder ihn sogar dafür tadelten, dass er so streng und schroff zu seiner Gefährtin war.

In den folgenden Jahren reist Franz als barfüßiger Wanderpilger in weiten Teilen Europas umher. Er wandert nach Santiago de Compostela und an viele andere Orte in Spanien und Frankreich. Dabei gewinnt er immer mehr Anhänger und beeindruckt die Menschen mit seiner Überzeugung und seinen leidenschaftlichen Reden. Das alte Ritterbewusstsein steckt noch immer in ihm und schon bald ist er als Troubadour Gottes bekannt. Die Gemeinschaft heißt inzwischen „Gemeinschaft der minderen Brüder“ und es entstehen stetig neue Klöster überall in Europa, die zusehends auch immer mehr soziale Aufgaben übernehmen. Franziskus sieht in jedem Geschöpf einen Bruder oder eine Schwester, selbst im Tod und er heißt jeden willkommen. Diese Botschaft kommt auch bei den Menschen gut an, vor allem weil sich die Gesellschaft in einem so großen Umbruch befand in dem Werte wie Nächstenliebe und Vertrauen Mangelware waren. Mit dem zunehmenden Wachstum der Städte gewann auch die Geldwirtschaft immer mehr an Bedeutung und mit ihr wuchs die Schere zwischen Arm und Reich. Je mehr Leid dadurch entstand, desto mehr sehnten sich die Menschen nach einer Alternative und Franz konnte sie ihnen bieten.

1219 reiste Franz dann in einem zweiten Versuch nach Israel und Palästina, um sich dort den Kreuzfahrern als Missionar anzuschließen. Er wollte jedoch niemanden erobern sondern hoffte auf diese weise zum Frieden beitragen zu können. Die Kreuzfahrer reisten über Ägypten und als sie sich in der Nähe der Nilmündung befanden, verließ Franz seine Gefolgschaft um alleine und unbewaffnet zum Sultan aufzubrechen. Wenn er es schaffte, den Sultan zum Christentum zu bekehren, dann gab es keinen Grund mehr, das endlose Blutvergießen fortzusetzen und für diese Mission war er sogar bereit, als Märtyrer zu sterben, wenn sein Plan scheitern sollte. Der Sultan empfing ihn und hörte ihn in Ruhe an. Er war ziemlich beeindruckt vom Mut und von der Überzeugung des lumpenbekleideten Mannes. Die beiden führten ein langes und intensives Gespräch auf Augenhöhe und am Ende ließ der Sultan ihn in Frieden und mit einem Gastgeschenk gehen. Das war mehr, als Franziskus erwartet hatte, denn er hatte sich bei der Aktion selbst eigentlich schon als toter Mann gefühlt, doch für einen Verzicht auf die bevorstehende Schlacht reichte es leider nicht. Das Blutvergießen und die Kreuzzüge wurden fortgesetzt und Franz kehrte wieder nach hause zurück. Doch das beenden des Krieges war nicht seine einzige Motivation gewesen. Es war auch der Islam an sich gewesen der ihn interessierte und so war das Gespräch mit dem Sultan zumindest auf der persönlichen Ebene ein Erfolg gewesen.

Als er jedoch in seine Heimat zurückkehrte, hatten sich die Dinge hier stark verändert. Seine Ordensbrüder hatten sich in seiner Abwesenheit verstritten und der Papst hatte ganze Arbeit geleistet, der Gemeinschaft seinen eigenen Willen überzustülpen. Franz hatte nie vorgehabt, ein wirkliches Regelwerk für seine Brüder zu schreiben. Ihm reichte es aus, dass sie Jesus auf seinem Weg folgen wollten. Doch jetzt musste er feststellen, dass nicht alle Anhänger so überzeugt davon waren wie er. Ohne eine offizielle Ordnung gab es einfach zu viele Punkte, über die man sich streiten konnte, vor allem, wo gerade so viel Beeinflussung von außen kam. Diese Streitigkeiten kamen für den Papst wie gerufen und nun konnte er die Minderen Brüder endlich zu dem Mönchsorden machen, den er für die Festigung seiner Macht brauchte. Franz war sich zwar der Gefahr bewusst, dass man seine Gemeinschaft dadurch zu einem reinen Machtinstrument machen konnte, doch er saß in dem Dilemma, dass er sich nur zwischen dieser Gefahr und der Gefahr der Verfolgung als Ketzer entscheiden konnte. Dennoch war er mit der Entwicklung alles andere als zufrieden und so trat er schließlich von seinem Amt als Vorsitzender, der Gemeinschaft zurück. Die Gründung war nun gerade einmal 12 Jahre her und schon hatte sich der Orden soweit von seinem Ursprung entfernt, dass es Franz vor sich selbst nicht mehr verantworten konnte, ihm noch als Oberhaupt vorzustehen. Er gab dieses Amt an Petrus Catani ab, der jedoch nicht mehr besonders viel zu sagen hatte. Denn der neue Papst Honorius III diktierte dem Orden nun auch eine strenge Hierarchische Amtsstruktur auf und setzte den von ihm bestimmten Kardinal Ugolino di Segni als Korrektor des Ordens ein. Dieser traf nun alle wichtigen Entscheidungen, achtete jedoch streng darauf, dass dies immer im Namen von Franz geschah. Einige Jahre später wurde dieser Kardinal der neue Papst Gregor IX, was noch einmal deutlich zeigt, wie wichtig die Nutzbarmachung der Franziskaner für die Pläne der Kirche war.

Franz hingegen zog sich nun innerlich wie auch körperlich fast vollständig aus der Gemeinschaft zurück und lebte als Einsiedler auf dem Berg La Verna. Er litt stark darunter zu sehen, was mit seiner Gemeinschaft geschah und wie schnell seine Ideale verloren gegangen waren. Zwei Jahre später verfasste er auf wiederholten Druck der Kirchenspitze eine dritte und letzte Ordensregel die vom Papst Honorius III bestätigt wurde, was kein Wunder war, denn dieser Papst hatte ja darauf gepocht.

Die vielen Sorgen über die Korrumpierung seines Lebenswerkes waren wahrscheinlich einer der ausschlaggebenden Punkte dafür, dass es ihm auch Gesundheitlich immer schlechter ging. Hinzu kam, dass er sich bei seinem Kreuzzug nach Ägypten eine Augeninfektion zugezogen hatte, die nun Zusehens schlimmer wurde. Beides bedingte sich wahrscheinlich gegenseitig, denn die zunehmende Erblindung war auf psychologischer Ebene sicher auch damit verbunden, dass er die Entwicklungen seines Ordens nicht mehr länger sehen wollte. In dieser Zeit wurde auch das Verhältnis zu Klara wieder intensiver. Er besuchte sie immer häufiger und suchte bei ihr Trost und Nähe, sowohl für seine Krankheit als auch für seine Sorgen, was den Orden und seinen Glaubensweg anbelangte. Jahre zuvor hatte Gott ihn im Traum gefragt, ob er wirklich dem Knecht in Form des Papstes oder doch lieber Gott persönlich dienen wollte. Damals hatte er sich für Gott entschieden doch der Knecht hatte ihn überlistet und nun musste er erkennen, dass es doch wieder der Papst war, in dessen Dienst er getreten war und dass sein Orden als Machtinstrument der Kirche Gott nicht mehr dienen konnte.

Doch Franz selbst gab seinen Dienst an der Schöpfung und an den Menschen nicht auf. Noch immer versuchte er den Menschen das Leben und die Ideale von Jesus Christus so gut und anschaulich wie möglich nahezubringen. Um ihnen begreiflich zu machen, dass der Gründer der christlichen Kirche ein einfacher Mann war, dem weder Gold noch Reichtümer etwas bedeuteten, führte er den Menschen zum Weihnachtsfest vor, wie Jesus geboren wurde. Er wollte es nicht einfach nur erzählen, er wollte es ihnen zeigen und so spielte er in einem echten Stall in einer Felsengrotte mit einer Krippe und lebendigen Tieren die Geburt des kleinen Jesuskindes nach. Auch wenn bei seiner Inszenierung die Darsteller von Maria, Joseph und dem Jesuskind fehlten, sehen viele in dieser Aufführung den Ursprung des heutigen Krippenspiels, das noch immer überall zu weihnachten inszeniert wird.

 Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages:

Wo Liebe ist, gibt es keine Furcht;

wo Geduld ist, gibt es keinen Zorn;

wo Fröhlichkeit ist, gibt es keinen Geiz.

(Franz von Assisi)

 

Höhenmeter: 60 m

Tagesetappe: 10 km

Gesamtstrecke: 7747,77 km

Wetter: sonnig

Etappenziel: Benediktinerinnenkloster, 61043 Cagli, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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