Tag 424: Die Instrumentalisierung der Franziskaner

von Heiko Gärtner
02.03.2015 16:16 Uhr

...Fortsetzung von Tag 423:

Seine Krankheit wurde nun immer schlimmer und je mehr er sich in die Einsamkeit und zu Klara zurückzog, desto mehr bat er darum, das Leidenserlebnis von Christus nacherleben zu dürfen. Nach einer vierzigtägigen Fastenzeit, die er alleine oben auf dem Berg verbrachte, hatte er eine erneute Vision. Jesus erschien ihm in Gestalt eines Seraphs, also eines Engels mit sechs Flügeln und neigte sich zu ihm herab. In der folgenden Zeit wurden auf Franz Händen und Füßen sowie an seiner rechten Brustkorbseite Wundmale sichtbar, wie sie auch der gekreuzigte trug. Den Überlieferungen zufolge verheimlichte er diese Stigmata jedoch, so dass sie erst bei seinem Tod erkannt wurden. Sie gelten als die ersten Stigmata der Kirchengeschichte.

Als sein Tod immer näher rückte wurde San Damiano, das Kloster von Klara immer mehr zu seinem Zuhause. Hier schrieb er auch den berühmten Sonnengesang, bei dem es um die Liebe und Geschwisterlichkeit aller Wesen auf der Erde geht. Darin preist er unter anderem auch die „Schwester Wasser“ die er als demütig, kostbar und rein beschreibt. Wahrscheinlich dachte er dabei auch an Klara. Auch ihr ging es zu dieser Zeit alles andere als gut. Schon seit ihrer Kindheit war sie oft kränklich und hatte schon damals Probleme mit Arthritis, so dass ihr jede Bewegung Schmerzen bereitete. Ihre extreme, selbstverstümmelnde Askese führte auch nicht gerade dazu, dass sich ihr Zustand verbesserte. Franz war nun fast vollständig erblindet und wurde deshalb zur Behandlung nach Siena gebracht. Doch die Methoden der Ärzte lehnte er hier ab. Stattdessen diktierte er sein Testament, in dem er noch einmal die Grundsätze betonte, die ihm für ein Leben in der Verbindung mit Gott wichtig waren. Dazu gehörte unter anderem, dass er einen direkten Kontakt zu Gott, also ohne jeden Mittler sowie den absoluten Verzicht auf Besitz in jeder erdenklichen Form für unverzichtbar hielt. An diesen Grundsätzen gäbe es nichts zu rütteln und das Testament solle ohne jede Veränderung oder Interpretation neben der Ordensregel die Grundlage für die Franziskaner-Gemeinschaft bilden. Bis in alle Tage solle man das Testament mit den Grundsätzen der Gemeinschaft bei allen Ordensversammlungen vorlesen, um jeden Bruder stets daran zu erinnern, wie der Weg der Franziskaner aussah. Dies war sein letzter Versuch, den Orden doch noch in der Richtung zu halten, die er ausgewählt hatte. Doch auch dieser Versuch sollte später an der Manipulation der Kirchenführung scheitern. Im Herbst 1226 spürte dann endgültig, dass sein Tod näher rückte. Mit großem Geleit ließ er sich zurück zur Portiuncula-Kirche, wo er Jahre zuvor erstmals mit seinem Orden gepredigt hatte. Dort verstarb er am 3. Oktober 1226 mit gerade einmal 44 Jahren. Es war sein letzter Wunsch, nackt und auf bloße Erde gebettet sterben zu dürfen, um so von der erde zu gehen, wie er auf sie geboren wurde: vollkommen ohne Besitz. Hiermit wollte er seiner „Herrin Armut“ ein letztes Mal die Ehre erweisen. Die Brüder, die sich um ihn herum versammelt hatten Sangen gemeinsam mit ihm den Sonnengesang, den er kurz zuvor gedichtet hatte. Dann ließ er sich von ihnen das Evangelium vom Leiden und Sterben Jesu vorlesen und mit dessen Ende schloss er seine Augen um in die andere Welt überzuwechseln. Der Legende nach, sollen im Moment seines Todes rings um ihn herum die Lerchen zu singen begonnen haben, obwohl das zu dieser Tageszeit absolut ungewöhnlich war. Die kleinen Vögel hießen seine Seele in der jenseitigen Welt willkommen. Er hatte schon immer alle Geschöpfe als seine Geschwister angesehen und auch den Tod dazu gezählt. So war er auch in diesem Moment nicht traurig oder Angsterfüllt, sondern hieß seinen Tod wie einen guten Freund willkommen.

Franz hatte es sich gewünscht, in der kleinen Kapelle unterhalb der Stadt begraben zu werden. Doch auch dieser Wunsch blieb ihm verwehrt. Er galt bereits zu Lebzeiten als heiliger und so versprachen sich die Magistrate der Städte einiges an politischem und wirtschaftlichem Nutzen durch die Verehrung seines Leichnams. Aus Angst, dass die Bürger des noch immer Verfeindeten Perugias die sterblichen Überreste des heiligen Franziskus an sich reißen könnten, wurde er so schnell wie möglich nach Assisi gebracht. Anderen Quellen zufolge wollte er gemeinsam mit den Dieben, Aussätzigen, Prostituierten und Verbrechern auf dem sogenannten Höllenhügel in einem Massengrab bestattet werden. Dieser Hügel wurde dann später in Paradieshügel umbenannt und direkt nach Franziskus Heiligsprechung wurde mit dem Bau der heutigen Franziskus-Doppelkirche auf eben jenem Hügel begonnen. Doch gleich, ob Franziskus Körper nach Assisi verschleppt wurde, oder ob man sein Grab erst anschließend der Stadt hinzugefügt hat, es ging bei der Entscheidung nicht um ihn, sondern darum, möglichst viel Profit aus dem Kult um den heiligen Mann zu schlagen. Und das ist der Stadt auch gelungen. Seit achthundert Jahren Pilgern die Menschen nach Assisi um dem barfüßigen Wanderprediger nahe zu sein. Schon damals kamen die Menschen zu tausenden und heute werden sie mit riesigen Reisebussen in die Stadt geschleust. Reliquien und Heiligtümer, die mit Franz in Verbindung stehen, wurden bis nach Rom, Florenz und sogar bis in die Schweiz gebracht und dort noch immer verehrt. Die Legenden erzählen von Zahlreichen Wundern und Heilungen auch nach seinem Tod, die mit Assisi und den anderen Heiligtümern in Verbindung stehen und die bis heute das Geschäft mit seinem Nachlass ankurbeln. So wurde der Mönch, der sein ganzes Leben lang aus tiefster Überzeugung in absoluter Armut gelebt hat, quasi noch auf dem Sterbebett vermarktet und zu einem Geschäftskonzept verwurstet, dass bis heute unzählige Menschen reich gemacht hat und noch immer macht.

Bereits knapp zwei Jahre nach seinem Tod wurde Franziskus vom Papst Gregor IX heilig gesprochen. Es war jener Papst, der zuvor als Kardinal selbst der offizielle Ordensleiter der Franziskaner war. Die Heiligsprechung war jedoch eigentlich weniger eine Ehrung Francescos, sondern vielmehr eine Heiligsprechung des Papstes für sich selbst. Die Person Franz wurde eher zu einer Nebensächlichkeit und der unliebsame und für die Kirche unbequeme Lebensentwurf sowie die Überzeugungen des Bettelmönches wurden in den Reden und Ansprachen überhaupt nicht erwähnt. Weitere zwei Jahre später setzte der selbe Papst das Testament Franziscos außer Kraft. Es hatte nun offiziell für die Ordensgemeinschaft keine Bewandtnis mehr. Alle Kopien des Testamentes wurden gesucht und sofern man sie finden konnte wurden sie vernichtet, teilweise sogar öffentlich verbrannt. Das spaltete den Orden wieder einmal in zwei Lager. Vor allem die jungen Mönche, die wirklich in den Orden eingetreten waren, weil sie Franziscos Beispiel von einem jesusgleichen Leben folgen wollten, waren mit der Entwicklung die ihr Orden nahm ganz und gar nicht einverstanden und forderten die Rückkehr zu den Idealen ihres Gründers. Doch die Zahl derer, die dem Papst und nicht Gott die Treue geschworen hatten, stieg stetig an. Immer stärker kam es zu Anfeindungen gegenüber den wirklichen Anhängern von Franziskus. Je stärker die Vertreter des Armutsgelübdes in den Hintergrund gedrängt wurden, desto stärker verschwand auch Franziskus aus dem Orden, der noch immer seinen Namen trug.

Und was wurde aus Klara?

Nachdem Franz gestorben war, ging es auch mit ihrer Gesundheit stetig bergab. Die letzten 27 Jahre nach seinem Tod war sie fast völlig bettlägerig. Auch ihr wurde vom Papst immer wieder Druck gemacht, dass sie die Besitzlosigkeit aus den Grundregeln des Ordens streichen müsse. Als Papst Gregor IX im sterben lag, wandte er sich jedoch wieder an sie und bat um ein Fürbittengebet. Er wusste sicher von der engen Verbindung zwischen Franz und Klara und so wirkt es schon etwas merkwürdig, dass er ausgerechnet auf sie zu kam, nachdem er Franziskus Erbe bis zum Erbrechen korrumpiert hatte. Da Klara die einzige Person war, der sich Franz wirklich anvertraute wusste sie sicher auch von dem Schmerz, den der Papst bei ihrem Seelengefährten ausgelöst hatte. So wirkt die Bitte des sterbenden Papstes fast wie ein Hohn. Er begründete sie mit dem folgenden Satz: „Ich bin sicher, dass du beim höchsten Richter erwirken wirst, was immer deine Beharrlichkeit in der Hingabe und deine zahllosen Tränen erbitten.“ Wenn er damit Recht hatte, dann musste er entweder sehr stark in die unendliche Güte der Glaubensschwester vertrauen oder sehr von sich überzeugt sein. Denn sonst war die Gefahr wahrscheinlich nicht allzu gering, dass sich Klara beim Herren nicht für einen Platz im Paradies sondern eher für eine gerechte Konsequenz seines machtbetonten Lebens auf Erden einsetzte. Gregors Nachfolger Papst Innozenz IV nervte sie direkt nach seinem Amtsantritt dann schon wieder mit einer Neuen Grundregel für ihren Orden, nach der gemeinsamer Besitz erlaubt war. Klara jedoch lehnte sie strickt ab und orientierte sich weiterhin an den Grundsetzen, die sie gemeinsam mit Franziskus ausgearbeitet hatte. Sie kämpfte wie ein wildes Tier für die Anerkennung des Armutsrechtes. Erst als sie bereits im Sterben lag, wurde ihre eigene Ordensregel anerkannt, bei der außerdem auch die Eigenverantwortung jeder einzelnen Schwester betont wurde. Zwei Tage später starb sie am 11. August 1253 im Kloster San Damiano bei Assisi im Alter von 60 Jahren. Ihr Tod wurde überall in Europa mit Trauer und Bestürzung aufgenommen und viele Frauen, die sich von ihrer Lebensweise angesprochen fühlten, traten den Klarissenorden bei. Ihr Leichnam befindet sich bis heute unverwest in dem Grab unter der Kirche Santa Chiara in Assisi. Sollte das Wesen, das wir in diesem Glassarg gesehen haben, also wirklich die echte Santa Klara gewesen sein? Sie hatte so sehr nach einer Puppe ausgesehen, dass ich es immer noch nicht glauben kann. Ihr Kloster San Damiano ist noch immer fast unverändert erhalten.

Auch Klara wurde bereits 2 Jahre nach ihrem Tod durch Papst Alexander IV heilig gesprochen. 1958 kam ihr die zweifelhafte Ehre zuteil, von Papst Pius XII zur Schutzpatronin des Fernsehens ernannt zu werden. Grund dafür war ein Ereignis kurz vor ihrem Tod, bei dem sie durch eine Vision vom inneren ihrer Kammer aus die Weihnachtsfeiern mitverfolgen konnte, die in der Kirche stattfanden. Durch diese tele-visionäre Begabung war sie also quasi die erste bekannte Frau in der europäischen Geschichte, die Fern-Sehen konnte. Franz hingegen wurde aufgrund seiner Liebe zur Natur und seiner Überzeugung, dass alle Wesen gleichberechtigt und gleich wertvoll waren 1979 zum Patron für Umweltschutz und Ökologie ernannt und ist außerdem der Patron der Tierärzte. Auch die Stadt San Francisco ist nach ihm benannt.

Doch auch wenn ihre Orden bereits zu ihren Lebzeiten von ihren ursprünglichen Idealen entfremdet wurden, hinterließen Franz und Klara der Welt weit mehr als ein paar nette Anekdoten. Das, was sie über die Welt und das göttliche in jedem einzelnen Geschöpf verstanden haben, reichte weiter als viele Erkenntnisse manch berühmter Philosophen. Gerade in den letzten Tagen und Wochen haben wir uns intensiv mit dem auseinandergesetzt was Franz von Assisi der Menschheit über sein Weltverständnis hinterlassen hat. An einigen Stellen haben wir euch bereits davon erzählt. Egal ob es dabei ums Darma oder um die bedingungslose Liebe, um das finden des wahren Seins oder um die Göttlichkeit in jedem einzelnen von uns geht. Ein Teil davon ging immer auch auf Franz von Assisi und damit auch auf Klara zurück. Und auch in der nächsten Zeit wird er uns noch weiter begleiten.

Innerhalb der Kirche ist von seinem Erbe leider nicht mehr viel erhalten geblieben. Die Pläne des Vatikans, sich seinen Orden zu Nutze zu machen gingen vollkommen auf.

Fortsetzung folgt...

 

Spruch des Tages: Alles, was ist, wie groß und gut es sei, besteht seine Zeit, erfüllt seine Zwecke und geht vorüber. (Franz von Assisi)

 

Höhenmeter: 40 m

Tagesetappe: 9 km

Gesamtstrecke: 7756,77 km

Wetter: sonnig, windig

Etappenziel: Pfarrhaus, 61041 Acqualagna, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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