Tag 426: Die Rohrfabrik

von Heiko Gärtner
05.03.2015 18:50 Uhr

Noch 9 Tage bis zu Heikos 2. Weltreisegeburtstag!

 

Man soll immer etwas aufpassen, mit dem was man sich wünscht, denn es könnte wahr werden. Gestern noch haben wir bedauert, dass im Moment so wenig los ist und das wir fast keinen Kontakt zu Menschen mehr haben und zack, schon änderte sich alles.

Es begann damit, dass wir uns verirrten und den Weg, den wir eigentlich gehen wollten nicht gehen konnten, weil er zwar auf der Karte aber nicht in der Wirklichkeit existierte. So mussten wir einen anständigen Bogen außen um die Berge herum machen und kamen schließlich in einen 2,5km-langen Tunnel. Einen Tunnel von der Sorte, wie wir ihn eigentlich nicht mehr durchqueren wollten, weil er zum Wandern einfach nicht angenehm war. Doch eine Alternative gab es nicht und so mussten wir wohl oder übel in den sauren Apfel beißen.

Am anderen Ende erwartete uns ein Industriegebiet, in dem Unmengen an Plastikrohren hergestellt wurden. Das Meiste davon waren lange Drainagerohre, von denen die dünnen zu Schnecken aufgerollt waren, während die dicken ausgestreckt wie Baumstämme übereinander gestapelt waren. Ob es wohl einen tieferen Sinn dahinter gab, dass all die Rohe, die dafür gedacht waren, in der Erde vergraben zu werden, in so vielen verschiedenen Farben hergestellt wurden? Heiko vermutete, dass es sich dabei vielleicht gerade um ein Langzeitexperiment über das Verhalten von Mauswürfen handelte, bei dem herausgefunden werden sollte, welche Rohrfarben anziehend auf die tierischen Bauarbeiter wirkten und welche abstoßend. Ein junge Mann fuhr mit einer Art Gabelstapler über den Hof und schichtete die neuen Rohre übereinander. Gabelstapler ist dabei jedoch nicht ganz das richtige Wort, denn der Stapler hatte keine Gabel sondern nur einen einzigen langen Stab an seiner Vorderseite. Das ganze sah so eindeutig zweideutig aus, dass wir ihm den Namen Dödelstapler gaben. Der Mann, der am Steuer dieses Fahrzeugs saß, dass vielleicht als einziges Gefährt dieser Welt die Bezeichnung „Penisverlängerung“ wirklich verdient hatte, war von seiner Arbeit ganz offensichtlich recht angetan. Mit äußerster Präzession führte er seinen langen, harten Stab sanft und vorsichtig in die Öffnungen der Rohe ein und drang dann so weit es eben ging in ihr Inneres vor. Anschließend ließ er sie aufbäumen und schüttelte sie kräftig hin und her, bis das Verpackungsmaterial in alle Richtungen davonspritzte. Dabei kam es auch schon mal vor, dass eines der Rohre das Gleichgewicht verlor und von seinem langen Dorn herunterzurutschen drohte. Doch jedes Mal konnte er es in letzter Sekunde wieder bändigen. Anschließend steckte er die dünneren Rohre in die nächstdickeren Rohre und stapelte diese dann zu einer Pyramide auf. Was immer der Mann sonst noch so in seinem Leben tat, er war auf jeden Fall einer der wenigen Menschen, die von sich behaupten konnten, ein professioneller Rohrverleger zu sein.

Kurze Zeit später erreichten wir den Ort Lunano. Das Kloster mit dem inspirierenden Namen Convento del Monte Illuminati war bereits seit Jahren nur noch ein altes Gebäude, das dem Verfall übergeben worden war. Der Pfarrer hatte zwar einen guten Ruf, war aber, wie so viele seiner Kollegen auch, wieder einmal nicht anwesend. Wir waren also schon im Begriff, in den nächsten Ort weiterzuziehen, als wir an einer offenen Tür mit der Aufschrift Caritas vorbeikamen. Dahinter stand eine freundlich wirkende Dame, die unseren Wunsch entgegennahm. Sie führte ein kurzes Telefonat, von dem wir erst glaubten, dass sie dabei mit dem Pfarrer sprach. Später stellte sich jedoch heraus, dass es sich bei dem angerufenen um ihren Mann handelte. Nach der Rücksprache mit ihm, lud sie uns zu sich nach hause ein.

Ihr Mann und sie bewohnten ein erstaunlich großes Haus, so groß, dass allein die Garage vollkommen ausgereicht hätte, um als Kleinfamilie darin zu leben. Am Nachmittag besuchte uns dann ihre Tochter, die sowohl Englisch als auch Deutsch sprach. Wie sich herausstellte, war der Vater der Geschäftsinhaber jener Firma, die die Kunststoffrohre für Bewässerungssystem herstellte. Das Unternehmen umschloss so ziemlich jede Firma, die im Umkreis angesiedelt war und zählte somit wahrscheinlich zu den größten Arbeitgebern in dieser Region. Zum ersten Mal in Italien waren wir nun wirklich zu Gast in einer Familie. Wir aßen zusammen, schliefen im Gästezimmer und führten wirklich tiefe und spannende Gespräche. Damit war die These von vor zwei Tagen widerlegt, dass wir in Italien mit niemandem wirklich in Kontakt kommen konnten.

Spruch des Tages: Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen, in der Meinung, sie passten auch heute noch. (George Bernard Shaw)

Höhenmeter: 190 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 7792,77 km

Wetter: weitgehend sonnig mit stärkerem und schwächerem Wind

Etappenziel: Pfarrhaus, 61026 Lunano, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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