Tag 427: Die italienische Wildnis

von Heiko Gärtner
05.03.2015 19:06 Uhr

Noch 8 Tage bis zu Heikos 2. Weltreisegeburtstag!

Heute in der Früh verquatschten wir uns so lange, dass wir erst kurz vor dem Mittagessen aufbrachen. Als wir uns dann wirklich verabschiedet hatten, wurden wir von der Tochter noch bis zur Firma ihres Vaters begleitet. Seine Mitarbeiter wollten uns unbedingt noch sehen und uns eine gute Reise wünschen. Die beiden hatten am Vorabend offenbar bereits von uns erzählt und damit eine Menge Neugier ausgelöst.

Die Tochter hatte uns in der Früh noch von einer Nebenstraße erzählt, die ebenfalls in Richtung San Marino führte, jedoch absolut unbefahren war. Der einzige Haken war, dass die Straße nicht mehr in einem besonders guten Zustand war und dass es am Anfang recht steil bergauf ging. Doch beides schien ein guter Preis für eine Wanderung ohne Autolärm zu sein. Was wir jedoch nicht wussten war, dass diese Straße einmal quer durch einen Bergkessel führte und damit unter die Top 3 der anstrengendsten Wege auf unserer Reise überhaupt gelangen sollte. Sogar Andorra war nicht härter gewesen. Dafür wurden wir jedoch auch mit einer unglaublichen Aussicht belohnt.

Als wir aufbrachen thronte das verlassene Kloster der Illuminaten noch unerreichbar hoch über uns auf einem Berggipfel. Doch schon etwa eine halbe stunde später konnten wir es als kleines Spielzeughäuschen von oben betrachten und auf das halb verfallene Dach blicken. Nie hätten wir gedacht, dass dies noch immer nicht der höchste Punkt sein würde, den wir an diesem Tag erklimmen sollten.

Das fiese in den Bergen ist, dass man so unglaublich weit sehen kann, gleichzeitig aber nur so langsam vorankommt. In der Früh machten wir eine Pause auf einem Kamm und schauten dabei auf eine steile Felswand, die trotzig und gewaltig vor dem Horizont in den Himmel hinaufragte. Auf der anderen Seite war ein riesiger Berg, dessen schneebedeckte Spitze in den Wolken verschwand. Bei einer weiteren Pause, etwa drei Stunden später sahen wir den gleichen Berg und die gleiche Felswand und beide sahen noch immer gleich weit entfernt aus. Wir waren nun einmal an der Innenseite der Berge um das ganze Tal herumgewandert und dabei stetig bergauf gegangen. Ich habe nicht den Hauch einer Vorstellung, wie viele Kilometer wir dabei zurückgelegt haben, doch es wirkte, als hätten wir uns nicht im geringsten Bewegt.

Der zweite Haken an der Wegbeschreibung unserer Gastschwester war, dass sich die Straße mehrfach kreuzte und wir natürlich keine Ahnung hatten, welchen der möglichen Wege wir nehmen mussten. Also blieb uns nichts anderes übrig, als die Wagen abzustellen und auszuschwärmen um zu sehen, welcher Weg wohin führte und in welchem zustand er sich befand. Die direkten Wege waren meist auch die unpassierbaren und so wanderten wir weiter einmal im Halbkreis und im ständigen Auf und Ab im Tal entlang, bis wir schließlich auf der anderen Seite einen Ausgang fanden. Die Wolken standen inzwischen so tief, dass wir das Gefühl hatten, sie mit der Hand berühren zu können, wenn wir uns streckten. Stimmte aber nicht! Ich habe es ausprobiert und es hat nicht geklappt.

Das nächste Tal war sogar noch einsamer als das erste. Bei einem weiteren Wegerkundungsgang entdeckte Heiko sogar Wolfsspuren im Schlamm, die von einem Fuchs verfolgt wurden. Etwas weiter oben entdeckten wir dann die letzten Spuren eines frischen Mordes an einer Taube. Nur die Federn waren noch da, sonst war alles weggeputzt worden. Anzeichen für einen Raubvogel gab es nicht, nur wieder einige undeutliche Pfotenabdrücke in zwei unterschiedlichen Größen. Die Vermutung lag also nahe, dass die Taube von einem Wolf gerissen wurde und dass sich der Fusch anschließend die Reste geschnappt hatte. So einsam und verlassen, wie die weiten Täler hier vor uns lagen, schien es ein guter Platz für Wölfe und auch für andere wilde Tiere zu sein. Kurze Zeit später entdeckten wir ein Auerhuhn und noch etwas später lagen wieder einmal einige Stachelschweinborsten auf dem Weg. Vor ein paar Tagen hatte uns jemand erzählt, dass die Schweine ihre Borsten abwerfen können, wenn sie angegriffen werden. Nein, ganz so cool wie das jetzt klingt ist es auch wieder nicht. Sie können sie nicht wie Pfeile durch die Gegend schießen und damit ihre Angreifer erdolchen. Die Stacheln sitzen nur sehr locker in der Haut und wenn sich jemand daran sticht dann bleiben sie stecken und dem Schwein wachsen einfach neue nach.

In dem ganzen Tal gab es an Spuren von Menschen lediglich drei oder vier verlassene Häuser und ein Solarfeld. Das gerade diese Häuser nicht bewohnt waren, konnten wir nicht nachvollziehen. Es waren wirklich schöne kleine Villen und Landhäuser inmitten eines traumhaften Tals mit großen Landflächen herum, in denen man leben konnte wie im Paradies. Aber offenbar standen die Menschen nicht so sehr auf Paradiese. Ein Kaufhaus in unmittelbarer Nähe war da wohl wichtiger.

Es war schon spannend, von wie vielen unterschiedlichen Seiten sich Italien uns zeigte. Spanien war schon das Land der Gegensätze gewesen, aber Italien konnte es sogar noch einmal toppen.

Als wir ein kleines verlassenes Bergdorf erreichten, das aus zwei Häusern und einer kleinen Kapelle bestand, kam uns ein Treckerfahrer mit einem übergroßen Anhänger entgegen, auf dem Strohballen gestapelt waren. Das Verhältnis von den überdimensionierten Strohballen und der winzigen Straße wirkte so surreal, als wären wir gerade ausversehen in einen Zeichentrickfilm geraten. Plötzlich stoppte der Heutransport, setzte zurück und gab dann eine winzige Lücke zwischen Anhänger und Abgrund frei, durch die sich ein kleines Postauto quetschte. Es fuhr zu einem der beiden Häuser neben der Kirche. So ausgestorben, wie es aussah, war es also wohl doch nicht.

Von nun an ging es dann nur noch 2km bergab bis in eine größere Ortschaft. Hier trafen wir den Pfarrer in seinem Gemeindehaus an und bekamen einen Übernachtungsraum von ihm. Gerade rechtzeitig, denn nur wenige Minuten später öffnete der Himmel seine Schleusen und goss große Wassermengen auf die Erde herab, die uns nun verfehlten.

Spruch des Tages:

"Guten Tag", sagte der kleine Prinz. "Guten Tag", sagte der Händler. Er handelte mit absolut wirksamen, durststillenden Pillen. Man schluckt jede Woche eine und spürt ¸überhaupt kein Bedürfnis mehr, zu trinken. "Warum verkaufst du das?" fragte der kleine Prinz. "Das ist eine große Zeitersparnis. Man spart dreiundfünfzig Minuten in der Woche." "Und was macht man mit diesen 53 Minuten?" "Man macht damit, was man will." "Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte", sagte der kleine Prinz, "würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen..." (Antoine de Saint-Exupiry, Der kleine Prinz)

Höhenmeter: 520 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 7808,77 km

Wetter: bewölkt, am späten Nachmittag Regen

Etappenziel: Pfarrhaus, 61023 Macerata Feltria, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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