Tag 436: Wie alles begann...

von Heiko Gärtner
13.03.2015 22:21 Uhr

Heute war wieder einmal ein Tag, an dem nichts passierte. Wir wanderten morgens los, durchschritten eine flache Ebene aus lauter Feldern und kamen irgendwann in einem neuen Pfarrhaus an. Irgendwann kurz vor Erreichen unseres Zieles überschritten wir dabei fast unbemerkt unsere 8000-km-Marke. Die Sonne schien und ein leichter Wind wehte. Zwischendurch wurden wir immer wieder von durchgedrehten Hunden angebellt, die aus den Gärten heraus kläfften. Am Mittag bekamen wir je eine Portion Pommes geschenkt, was wirklich lecker war und gemeinsam mit einer Sonnenpause das Highlight unseres Tages darstellte. Da es aktuell nichts Besonderes gab, blätterten wir am Nachmittag noch einmal in den Fotos vom Beginn unserer Reise. Schon spannend wie viel sich seit dem verändert hat. Es kam sogar eine leicht melancholische Stimmung auf und wir dachten noch einmal an die letzten Stunden vor unserem Aufbruch zurück.

Es war der 31.12.2013, 23:00 Uhr. Wir standen inmitten eines kleinen Wäldchens bei Neumarkt in der Oberpfalz. Noch eine Stunde, dann begann das neue Jahr und mit ihm auch unser neues Leben. Es war bitterkalt und der Wind pfiff zwischen den knorrigen Fichten hindurch. Hier, genau hier an diesem Platz hatten wir bereits viele Tage und Nächte als Survivaltrainer verbracht um Menschen aus ganz Deutschland das Leben in der Natur nahezubringen. Welcher Ort hätte also besser sein können, um hier unseren gedanklichen Grundstein für ein Leben außerhalb der Gesellschaft zu legen?

Heiko kniete sich nieder auf den Boden und begann sein Feuerbohrset aufzubauen. Ich kniete mich ihm gegenüber und griff nach dem Bogen. Langsam begannen wir ihn hin und herzuziehen. Dann wurde der Tackt schneller und schließlich entstand ein kleines Rauchfähnchen an der Stelle, an der der Bohrer auf dem Pappelholz rieb. Sehen konnte man es nicht, dafür war es zu dunkel, aber man roch es deutlich. Dann entstand ein kleines Häufchen Glut. Wir legten den Bohrer zur Seite und Heiko ließ die Glut mit seinem Messer vorsichtig in ein kleines Nest aus Laub fallen. Ganz behutsam, dann immer stärker pusteten wir in die Glut und plötzlich loderten die ersten Flammen auf.

Das Feuer wärmte unsere kalten Hände und einen Moment blieben wir schweigend davor stehen. Noch immer konnten wir es kaum glauben, dass morgen der Beginn eines vollkommen neuen Lebensabschnittes sein sollte.

Ein knappes Jahr zuvor hatte uns ein befreundeter Medizinmann, der uns viel über die Heilkräfte der Erde gelehrt hatte, die folgende Frage gestellt: „Wie können wir als Menschheit wieder vollkommen im Einklang mit der Natur und mit uns selbst leben können, um vollkommene Gesundheit zu erreichen?“ Er hatte uns bei dieser Gelegenheit auch von den Traditionen der alten Philosophen, der Mönche und der Weisen in den unterschiedlichsten Kulturen dieser Erde erzählt, die stets aufgebrochen waren, um die Antworten auf solche oder ähnliche Fragen zu finden. Seither hatte uns der Gedanken nicht mehr losgelassen und schon wenige Tage später stand für uns beide vollkommen fest: Wir würden das Leben als sesshafte Wildnisschullehrer aufgeben, alles hinter uns lassen und zu Fuß hinaus in die Welt ziehen, um eine Antwort auf die Frage zu finden, die nicht nur der Medizinmann uns gestellt hatte. Beide spürten wir, dass diese Frage schon seit Ewigkeiten in uns steckte, dass wir jedoch nie eine Antwort darauf finden konnten, solange wir ein halbwegs normales Leben führten.

In den Monaten danach hatten wir alles für unsere große Reise vorbereitet. Die Wildnisschule wurde übergeben, Verträge gekündigt, Material besorgt, Reiserouten geplant, Sponsoren aufgetrieben und alle Projekte, die wir noch abschließen wollten wurden abgeschlossen. Naja, zumindest soweit es eben möglich war. Nun war die Stunde der Wahrheit gekommen.

Heiko reichte mir einen Klumpen aus Ton und nahm sich selbst einen eigenen. Wir begannen, jeder für sich, eine kleine Maske daraus zu formen, in die wir in Gedanken alles hineinlegten, was wir aus unserem bisherigen Leben ablegen wollten. Mit dem Ende dieses Tages wollten wir die Masken unserer gesellschaftlichen Rollen ablegen und ganz wir selbst werden. Ein ziemlich gewagter Plan, wie sich im Nachhinein herausstellte, denn diese Masken sitzen doch fester, als wir zu jenem Zeitpunkt ahnten. Als sie fertig waren legten wir die Masken ins Feuer und warteten, bis der Ton vollkommen ausgehärtet war. Als symbolische Erinnerung an unseren Lebenswandel wollten wir sie mitnehmen, bis wir irgendwann der Meinung waren, dass es nun an der Zeit war, sie abzulegen.

Es war nun noch eine halbe Stunde bis Mitternacht. Wir löschten das Feuer, durchquerten den Wald und kamen an einen Felsen, von dem aus man über die Stadt blicken konnte, die Heiko seit 34 und mir immerhin seit 5 Jahren die Heimat war. Unter uns begann nun das Feuerwerk und damit war das neue Jahr eingeleitet. Das erste Jahr unserer Weltreise.

Die Nacht wurde kurz. Noch immer gab es einen Berg an Dingen, die wir vor der Abreise erledigen mussten und die Zeit drängte. Am Morgen wartete Bereits das Fernsehen auf uns, dass den Start unserer Weltreise dokumentieren wollte und wir konnten sie ja nicht einfach vor der Tür stehen lassen und noch eine Runde schlafen. Mit einer Mischung aus Erschöpfung, Angst und Vorfreude wurschtelten wir uns aus den Betten und traten ins Freie. Unsere Pilgerwagen standen schon bereit. Die beiden knapp 50kg schweren Wagen sollten von diesem Tag an unsere Ständigen Begleiter werden. Wir waren von nun an ein bisschen wie Schnecken, die ihr gesamtes Hab und Gut auf dem Rücken mit sich trugen.

Damals fühlte es sich so ungewohnt an und heute gibt es fast nichts Normaleres mehr für uns, als sich morgens den Wagen umzuschnallen und loszuwandern. Es ist ein Gleichklang eingetreten, den wir uns am Anfang kaum vorstellen konnten.

Spruch des Tages: Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg. (Mahatma Gandhi)

 

Höhenmeter: 5 m

Tagesetappe: 22 km

Gesamtstrecke: 8004,77 km

Wetter: zunächst bewölkt, dann sonnig

Etappenziel: Gemeindehaus, 48026 Russi, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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