Tag 443: Die Fukushima-Verschwörung Teil 2

von Heiko Gärtner
22.03.2015 01:57 Uhr

Fortsetzung von Tag 441:

Von Offenheit und Klartext hielt Tepco jedenfalls auch in der Folgezeit nicht besonders viel und sorgte mit seinen Aussagen stattdessen eher für Verwirrung als zu irgendeiner Art von Klärung beizutragen. Noch ein Jahr später versucht der Konzern alles herunterzuspielen und die unliebsamen Fragensteller zu beschwichtigen. Doch wer sich mit Atomkraftwerken und ihren Gefahren auskennt und das Zahlen- und Datenwirrwarr wirklich versteht, dass Tepco nach außen gibt, der findet darin jeden Grund zum Zweifeln.

Zeitgleich ergeben sich neue Probleme, denn wirklich unter Kontrolle scheint noch immer nichts zu sein. Yukitero Naka, einer der verantwortlichen Atomingenieure, die in Fukushima bereits vor der Katastrophe für die Sicherheit zuständig waren, äußerte seine Sorgen auch gegenüber den Medien: „Meine große Sorge ist, dass wir bald keine Fachkräfte mehr haben, die in dem zerstörten Kraftwerk arbeiten können, denn die meisten erreichen demnächst ihre Strahlenhöchstdosis. Ohne qualifizierte, unverstrahlte Fachkräfte aber ist es kaum möglich, die Lage unter Kontrolle zu bringen und damit steht Japan vielleicht bald schon die nächste Katastrophe bevor.“

Doch welcher motivierte und hochqualifizierte Jungphysiker lässt sich schon ausbilden um dann in einer Atomkraftwerksroutine zu arbeiten, in der er wahrscheinlich so verstrahlt wird, dass er daran stirbt.

„Und, was möchtest du einmal werden, wenn du groß bist?“

„Ich werde Atommüllputzkraft in Fukushima! Das war schon mein Traum als ich ein Baby war!“

Ich fürchte, es wird nicht oft vorkommen, dass diese Gespräche stattfinden. Aber selbst wenn man genügend Fachkräfte für die nächsten 40 Jahre gewinnen könnte, die verrückt genug sind, ihr eigenes Leben auf diese Weise aufs Spiel zu setzen, dann bleibt noch immer das Problem, dass Fukushima eine tickende Zeitbombe ist. Offiziell heißt es zwar, dass die Lage unter Kontrolle ist und dass nun keine Gefahr mehr von den beschädigten Reaktoren ausgeht, doch die Ingenieure, die daran arbeiten sehen das etwas anders. Vor allem der Reaktorblock 4 ist ein Sorgenkind, dass kaum einen der Arbeiter ruhig schlafen lässt. Das Reaktorgebäude wurde von dem Erdbeben stark beschädigt und erinnert nun eher an die Bauruinen in der Türkei, bei denen man vergessen hat, Mauern zwischen die einzelnen Betonpfeiler zu bauen. Im zweiten Stock dieses Kartenhauses befinden sich noch immer 1300 gebrauchte Brennstäbe in einem Abklingbecken. Ein Stockwerk darüber werden weitere, unbenutzte Brennstäbe sowie einige schwere Maschinen gelagert. Die ganze Konstruktion ist ein bisschen wie bei diesem Gesellschaftsspiel, bei dem man einen Turm baut und immer wieder Steine von unten herauszieht und oben drauflegt.

So wie beim Spielen ein zittriger Mitspieler reicht um alles zum Einsturz zu bringen, braucht es in Fukushima allen Berechnungen nach nicht viel mehr als ein weiteres, deutlich schwächeres Erdbeben um diese Atomare Mausefalle in seine Bestandteile aufzulösen. Und dies wiederum könnte eine erneute Kettenreaktion auslösen, die eine weitere Kernschmelze zur Folge hätte. Dieses Mal würde die Kernschmelze jedoch unter freiem Himmel stattfinden, da es das schützende Gebäude, das die Strahlung nach außen abschirmt bereits nicht mehr gibt. Ohne abschirmende Bleiwände und meterdicke Betonwände könnte eine erneute Katastrophe nach Meinung der Experten bedeuten, dass es ein Japan so wie wir es kennen nicht mehr geben wird. Die hochkonzentrierte, radioaktive Strahlung die dabei freigesetzt würde, wäre unmittelbar tödlich und ein Arbeiten auf dem Gelände wäre anschließend absolut unmöglich. Doch der Reaktor Nummer vier ist nicht der einzige, den es in Fukushima gibt, denn sonst hätte man ihn wohl kaum Reaktor Nummer vier genannt. Was aber geschieht mit den Reaktoren 1, 2, 3, 5 und 6, wenn sich niemand mehr um sie kümmern kann. Ohne regelmäßige Wartung und Reparaturen werden auch sie bald das zeitliche segnen und damit alles noch weitaus schlimmer machen. Tepco sieht jedoch in all dem noch immer keine Gefahr. Gegenüber der Außenwelt und auch gegenüber der eigenen Mitarbeitern wird hier die Meinung vertreten, dass es keine Probleme mit weiteren Erdbeben geben wird. Die Wissenschaftler vom Seismologischen Institut Tokio sehen das jedoch etwas anders. In einer Studie berechneten sie auf Basis der Daten aus den letzten Jahren, dass Japan mit einer Wahrscheinlichkeit von 75% innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Katastrophe wieder von einem Erdbeben heimgesucht werden würde. Vier Jahre sind seither vergangen, ohne dass etwas passiert ist. Hoffen wir also, dass sie sich irren. Hideki Shimamura, der Leiter der Studie bestätigt, dass die Wahrscheinlichkeit enorm hoch ist, dass ein solches Beben die Atomkraftwerke erneut stark beschädigen wird. Bei seinen Studien kam heraus, dass die seismische Aktivität in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat und viel höher ist, als bislang angenommen. Die Erdbebenstöße traten dabei mit einer Stärke und Häufigkeit auf, die sich die Wissenschaftler kaum vorstellen, geschweige denn erklären konnten. Ob dies ebenfalls ein Hinweis auf eine unnatürliche Ursache der Erdbeben ist, sei erst einmal dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass es ein großes Problem für alle Gebäude und somit auch für alle Atomkraftwerke in Japan darstellt, nicht nur für Fukushima. Denn bei den Bauplänen für die Kraftwerke wurde davon ausgegangen, dass in den kommenden Jahren mit Erdbeben zu rechnen ist, die eine Beschleunigung von 300 bis 450 gal aufweisen. Mit fast verschwindend geringer Wahrscheinlichkeit könnte es Erdbeben mit bis zu 600 gal geben, was jedoch als „unrealistisches Szenario“ eingestuft wurde.

Dementsprechend wurden die Sicherheitsbehälter für die Reaktoren auf eine Erdbebenstärke von 600 gal ausgelegt. Wohl gemerkt nur die Sicherheitsbehälter. Die Gebäude und die übrigen Strukturen waren gerade einmal auf 450 gal ausgelegt. Die Untersuchungen der Seismologen ergaben jedoch Werte von bis zu 4000 gal, also fast das 10fache vom der Belastungsgrenze der Gebäudestrukturen und immerhin das 6,6fache von dem, was die Reaktorbehälter aushielten. Den Kraftwerksbetreibern waren diese Messwerte bereits seit langem bekannt, doch Reaktionen folgten darauf nicht. Es gab keinerlei Maßnahmen, um die Kraftwerke im Nachhinein zu verstärken oder zusätzlich abzusichern. Doch die Wissenschaftler sind sich einig, dass dies ohnehin keinen Zweck gehabt hätte. Ihrer Ansicht nach ist es vollkommen unmöglich, ein Atomkraftwerk so sicher zu bauen, dass es einem Beben mit diesem Ausmaß standhält. Die Werte müssten daher ein absolutes Ausschlusskriterium für den Bau von Kernkraftwerken in einer entsprechenden Region sein. Anders als die Wissenschaftler sieht TEPCO darin jedoch kein Problem. Um die verbliebenen 1.300 Brennstäbe zu sichern, sollte das Stockwerk unter dem Abklingbecken einfach mit ein paar zusätzlichen Stützpfeilern verstärkt werden. Wie gesagt, wir sprechen hier noch immer von einer Ruine, in der er kaum noch Wände gibt, und in der Mütter ihren Kindern das Spielen auch dann verbieten würden, wenn sie mit Radioaktivität nichts zu tun hätte, einfach weil sie Angst hätten, dass sie über ihnen zusammenbricht. Ob da ein paar zusätzliche Säulen noch etwas helfen? Vielleicht sollte man es bei der Gelegenheit gleich auch noch neu anstreichen, denn Farbe hat ja bekanntlich auch eine gewisse Stützkraft. Wenn das Kraftwerk dem ersten Erdbeben und dem darauf folgenden Tsunami bereits als intaktes Gebäude nicht standhalten konnte, wie soll es dann bei einem zweiten klappen, wenn es nur noch eine Ruine ist? Egal, wie viele Stützpfeiler hier auch angebracht werden.

Die gleiche Frage wurde bei einer Pressekonferenz auch an Shirai Isao gestellt, einen führenden Mitarbeiter aus der Katastrophenbekämpfung von TEPCO. Seine Antwort lautete: „Wir haben die Information bekommen, dass es keine Probleme mit Erdbeben geben dürfte!“

Als ihn die Journalisten anschließend mit den Messdaten der Seismologen konfrontieren, wird er so nervös, dass er sich fast selbst die Finger bricht. Er sucht nach Ausflüchten, beteuert, dass die Messdaten sicher von einem anderen Ort als Fukushima stammten und muss am Ende zugeben, dass er leider keine zufriedenstellenden Antworten zu diesem Thema hat. Dann stellt der Reporter ihm eine Frage, die ihm den Rest gibt: „Glauben sie wirklich, dass TEPCO darauf vorbereitet ist, Atomkraftwerke in Japan zu betreiben?“ Eine volle Minute lang, schaut er schweigend zu Boden. Dann beginnt er nervös zu lachen und sagt: „Das ist schwer zu beantworten!“

„Es ist schwer zu sagen, ob das größte Atomstromunternehmen Japans wirklich in der Lage ist ein Atomkraftwerk zu betreiben!“ Das ist eine wirklich harte Aussage von einem Führenden Mitarbeiter eben dieses Unternehmens, der auch noch als Pressesprecher ausgewählt wurde.

Ein gutes Jahr später ist sich der neue Premierminister Shinzo Abe, der nach dem erzwungenen Rücktritt des atomkritischen Kan, dessen Amt übernommen hat, bei der Beantwortung dieser Frage ebenfalls nicht mehr so sicher. Im Oktober 2013 hatte es einen erneuten Vorfall gegeben, bei dem radioaktiv verseuchtes Wasser aus porösen Rohrleitungen ausgetreten ist. Kurz zuvor hatte es noch geheißen, dass bis spätestens 2020 alles soweit reguliert sein würde. Doch nachdem sich Abe in Fukushima noch einmal selbst ein Bild von der Lage gemacht hatte, war es mit seinem Optimismus dahin. „Die Zukunft Japans liegt in Ihren Händen!“ sagte er den Arbeitern mit ernster Miene und bereits wenige Wochen später bat er öffentlich um weltweite Hilfe bei der Sicherung der Reaktoren. TEPCO sei nicht in der Lage, die Ruine aus eigenen Kräften zu sichern. Das eigentliche Problem besteht jedoch darin, dass eine sinnvolle Grundsanierung der Ruine, die wirklich etwas sichern könnte, gut 500 Milliarden Dollar kosten würde. Eine Summe, die sowohl das Budget von TEPCO als auch die Mittel des Japanischen Staates bei weitem übersteigt. Es ist also wie immer, letztlich scheitert alles am Geld. Daher kam man auf die Idee, TEPCO in zwei Firmen aufzuspalten, von denen sich eine weiter mit Atomenergie im Allgemeinen und die andere rein um die Schadensbekämpfung in Fukushima kümmern sollte. Da letztere natürlich keine Einnahmen mehr erzielen konnte, würden die Kosten dann vom japanischen Steuerzahler übernommen. Ebenfalls ein System, das in der Geschichte unserer Zivilisation nicht ganz unbekannt ist.

Der Ingenieur Tetsuro Tsutsui sagte später in einem Interview gegenüber der Associated Press, dass die bisherigen Schutzmaßnahmen der Fima vollkommen unzulänglich gewesen seien. Die Probleme, die immer wieder auftraten waren seiner Ansicht nach keine Pannen oder Patzer, sondern die logische Folge dessen, dass hier mit einem vollkommen falschen Grundkonzept an die Sache herangegangen wurde. So hatte TEPCO beispielsweise immer wieder verkündet, dass es die wichtigste Maßnahme war, die Behälter mit den Brennstäben anzufüllen. Doch ohne ein neues Fundament ist diese Maßnahme absolut wirkungslos. TEPCO fehle es als Betreiber-Firma, die selbst keine Kernkraftwerke produziert an Technikern und Ingenieuren, die dem Problem gewachsen seien und daher brauchte Japan nun wohl doch Hilfe aus dem Ausland. Doch eine Sache ist seltsam. Denn bei der ganzen Diskussion um TEPCO und die Frage, ob der Konzern ausreichend Qualifizierte Mitarbeiter hatte oder nicht, schien sich niemand auch nur einen einzigen Gedanken darum zu machen, dass TEPCO nicht die einzige Firma ist, die in Japan mit Kernkraft in Verbindung steht. So gehört beispielsweise Toshiba zu den größten Anbietern von Reaktoren weltweit und ist in seinem Marktanteil seit der Übernahme des amerikanischen Konkurrenten Westinghouse sogar noch gestiegen. Wieso wird dieser Konzern jedoch keiner Überlegung für den Schutz von Fukushima mit einbezogen? Ist das nicht seltsam?

Fortsetzung folgt...

 

 

Spruch des Tages: Wir werden reingebohrten in diese kranke Welt, in der man dich, wenn du gegen das Kranke kämpfst, für den Kranken hält.

 

Höhenmeter: 2

Tagesetappe: 22 km

Gesamtstrecke: 8139,77 km

Wetter: sonnig

Etappenziel: Gemeindehaus, 44037 Gherardi, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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