Tag 445: Ruhetag

von Heiko Gärtner
23.03.2015 21:41 Uhr

Nachdem der gestrige Tag und vor allem die gestrige Nacht ziemlich in Arbeit untergegangen sind, war heute mit uns nicht mehr viel los. Die Müdigkeit verfolgte uns bereits seit dem Aufstehen und unsere Körper hatten sich die Erholung auch verdient. Also wanderten wir eine entspannte Etappe und suchten uns dann einen gemütlichen Platz. Das Wetter war wieder wie bei einem Weltuntergang nur ein bisschen windiger, doch der Wohlfühlgott war heute voll und ganz auf unserer Seite. Er schickte uns einen netten Pfarrer, der uns einen warmen, leisen Platz anbot, an dem es sogar eine Badewanne gab. Doch bevor wir einziehen durften, wurde erst noch einmal das Caritas-Vorratslager geplündert. Und diesmal gab es hier wirkliche Schätze: Vier verschiedene Arten von Pesto, eingelegtes Gemüse mit Oliven, Champignons in einer 1kg-Dose und vielerlei mehr. Alles stand unten in der Garage des Pfarrers und wartete sehnsüchtig darauf, dass irgendwann einmal irgendjemand kam, um es zu essen.

Das alles zusammen erschuf einen perfekten Faulenzertag. Wir kamen an, kochten, aßen, schliefen, kochten, aßen, schliefen, kochten, aßen, machten eine Meditation zur Lösung von Familienverstrickungen und schliefen dabei ein, kochten und aßen. Dazwischen legten sich erst Heiko und später ich in die Wanne, wobei wir auch dort beide male einschliefen. Das lustige an der Wanne war nur, dass es sich dabei um eine winzige Sitzbadewanne handelte. Wenn man also halbwegs bequem darin liegen wollte, dann musste man seine Füße auf dem Klodeckel ablegen. Außerdem gab es leider keinen Stöpsel. Um das Wasser in der Wanne zu halten, stopften wir daher eine Plastiktüte in den Ablauf, die man beim liegen mit der rechten Pobacke festdrücken musste. Aber abgesehen davon war es ein super Badeerlebnis.

Eigentlich wollte ich an diesem Tag die Zeit auch noch nutzen um weiter an der Geschichte über die Atomenergie zu schreiben. Doch leider war ich dazu zu müde und zu faul und bei all der Entspannung wäre dafür auch keine Zeit mehr gewesen. Zum Glück hatte ich aber noch einen Teil des Textes fertig, den ich noch nicht eingestellt habe und so bekommt ihr heute trotzdem noch ein bisschen was zum Lesen:

Das letzte Mal hatte ich meine Erzählung damit beendet, dass Japan nun doch bereit war, Hilfe aus dem Ausland hinzuzuziehen.

Doch die ersten Versuche, ausländische Experten einzuschalten waren eher kläglich und zeigten noch deutlich, wie sehr sich die Verantwortlichen davor sträubten. So wurde die erste Ausschreibung für ein internationales Hilfegesuch bei der Behebung des Problems mit den Kühlwasserschäden beispielsweise nur auf Japanisch verfasst und erst nach massiven Protesten ins Englische übersetzt. Dann wurden wirklich Experten aus Russland, Frankreich und Großbritannien als Berater hinzugezogen. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass das internationale Interesse der Atom-Wirtschaft, zu sehr in die Sache verwickelt zu werden deutlich geringer war, als man zunächst hätte meinen können. Immerhin handelte es sich ja um ein Problem, bei dem man davon ausging, dass es eine weltweite Tragweite bekam. Man sollte also meinen, dass durchaus jeder einen gewissen Nutzen darin sah, seinen eigenen Hintern vor einem neuen Super-GAU zu schützen. Doch es spielen noch weitere Interessen eine Rolle. Denn wenn die Welt zu viel Wind davon bekommt, was in Fukushima wirklich vor sich ging, dann war dies nicht nur für TEPCO ein Problem, sondern für die gesamte Atomindustrie. Denn jeder war ja darauf angewiesen, dass ihr Geschäft zumindest als halbwegs sicher galt. Vielleicht ist ja auch dies einer der Gründe dafür, dass das Thema Fukushima bereits so schnell wieder vollkommen aus den Medien verschwand, obwohl das Spiel mit den Reaktoren noch immer eine Zitterpartie ist, bei der man längt noch kein Ende und erst recht keine sichere Lösung absehen kann. Und das obwohl es sich hier um eine tickende, atomare Zeitbombe handelt, die die ganze Welt bedroht. Wie kann es also sein, dass sich außer ein paar vereinzelten Journalisten, die hier oder dort einen Artikel in einem Online-Magazin oder eine Reportage im Mitternachtsprogramm im Fernsehen veröffentlichen, niemand mehr für den Fall zu interessieren scheint? Vor allem, wo noch so viele Fragen offen sind. Und eine der größten und entscheidendsten Fragen zum Thema Atomkraft, die wir auch noch einmal genauer beleuchten möchten besteht genau in diesem Punkt: Wie gefährlich ist diese Technik wirklich? Schauen wir auch dafür noch einmal nach Fukushima zurück, und schauen uns die Sperrzone um den Reaktor genauer an.

Was wurde aus den 57 tausend Menschen, die in der Region um Fukushima lebten und die Zeit ihre Lebens nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können, außer um Selbstmord zu begehen? Die Dörfer innerhalb der Sperrzone sind bis heute Geisterstädte, in denen noch immer alles genauso daliegt, wie es verlassen wurde. Selbst die angebissenen Toastbrote vom Frühstück liegen, wenn sie nicht von Ratten oder Insekten gefressen wurden, noch immer genau so auf dem Teller, wie man sie vor vier Jahren hingelegt hat. Kein Wunder, denn alles wurde ja verstrahlt. Wie aber kommt es dann, dass die Mitarbeiter bei TEPCO hier eine Sondergenehmigung erhalten haben und stundenweise in ihre Häuser zurück durften, um einige persönliche Gegenstände mitzunehmen?

Ist das nicht vollkommen absurd? Wenn die Strahlung so gefährlich ist, dass man niemanden mehr hineinlassen kann und dass die Gegenstände nicht weggebracht werden können, weil sie nun ebenfalls Strahlung abgegeben, wieso macht diese Gefahr dann bei TEPCO-Mitarbeitern eine Ausnahme? Was denkt sich so eine Gamma-Strahlen-Welle wohl, wenn sie so durch die Gegend strahlt und plötzlich an das Gartentor eines TEPCO-Mitarbeiters kommt? „Oh, hier darf ich nicht hin, hier wohnt einer von uns! Ich glaube, da mache ich lieber mal einen Bogen herum und verstrahle stattdessen das Schlafzimmer von diesem Opa, der immer mit seinem Hund am Meer entlangspaziert ist!“ Das ergibt doch keinen Sinn! Wenn die Sperrzone noch immer gefährlich ist, dann ist die für alle gefährlich und nicht nur für diejenigen, die mit der Atomfirma nichts zu tun hatten.

Derartige Ungereimtheiten finden sich fast immer, wenn es um Atomkraft geht. Auf der einen Seite scheinen die Gefahren ständig heruntergespielt zu werden, auf der anderen Seite werden sie aber auch immer wieder aufgebauscht. Wenn Fukushima also wirklich einer Katastrophe zum Opfer fiel, die Menschengemacht war, welches Ziel sollte dann damit verfolgt werden? Ging es dabei wirklich um Japan und seine Stellung im Spiel der globalen Mächte? Oder ging es darum, den Menschen die Gefährlichkeit der Atomenergie noch einmal ins Gedächtnis zu rufen? Oder vielleicht auch beides? Welches Spiel wird hier wirklich gespielt? Was sind Vertuschungen und was ist echt? Ich kann euch jetzt schon einmal warnen! Bei unseren Recherchen sind wir auf ein Lügennetz gestoßen, dass weitaus tiefer war als alles was wir uns zuvor vorstellen konnten. Fukushima war hierbei nur die Spitze eines noch viel größeren Eisberges, der bis in die Anfänge der Atomforschung zurückreicht.

 

Spruch des Tages: Time to relax

Höhenmeter: 7

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 8176,77 km

Wetter: schwarzer Himmel und starker Wind

Etappenziel: Gemeindehaus, 45012 45015 Ca' Lazzara, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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