Tag 450: Die Taube auf dem Schrank

von Heiko Gärtner
31.03.2015 20:53 Uhr

Gerade hatten wir uns schon so schön an die Ruhe und den Gleichklang gewöhnt. Vor allem aber daran, dass wir dadurch so schön produktiv werden konnten. Zum Erleben gab es zwar wenig, aber dafür kamen wir mit unseren Projekten recht gut voran. Doch seit ein paar Tagen ist uns das einfach nicht mehr vergönnt. Die Tage sind deswegen nicht schlechter, aber man muss loslassen lernen und sich damit abfinden können, dass das was man sich eigentlich vorgenommen hatte, nicht eintreffen wird. Gestern kam uns die Einladung des jungen Pfarrers dazwischen und heute verlief der Nachmittag gleich noch einmal komplett anders als gedacht.

Doch zunächst einmal ein paar Dinge über den Vormittag. Das schönste im Moment ist, dass es wirklich Frühling wird. Laut Kalender befinden wir uns ja bereits seit 3 Tagen in der offiziellen Frühlingszeit, doch das Wetter war da zunächst noch anderer Meinung. Noch immer herrscht ein kalter Wind, doch die Sonne hat im Moment wieder die Oberhand. Was es aber wirklich frühlinghaft macht ist, dass die Bäume nun überall in voller Blüte stehen. Die Kirchen blühen ebenso prachtvoll wie die Magnolien und auch der Ginster und die Weiden zeigen was sie haben. Überall duftet es nach frischen Blumen, Blüten und nach saftigem Grün. Wenn doch nur auch unsere Schlafsäcke so duften würden! Die riechen leider immer noch wie nasse Hunde. Oder wie die tote Taube, die seit wahrscheinlich fünf Jahren oben auf dem Schrank in unserem Gästezimmer im Pfarrhaus liegt und vor sich hin verwest. So lieb die Einladung des jungen Pfarrers auch gemeint war, einen Lappen oder einen Besen hatte seine Gästekammer schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Im Waschbecken lag eine dicke Schicht von Putzresten, die von der Decke gefallen lagen, die Heizungen waren so voller Staub, das wir Angst hatten, daran zu ersticken und im Badezimmer stand das Wasser vor dem Klo etwa Knöchelhoch. Die Dusche fiel bereits auseinander, wenn man sie nur schief anstarrte und das Waschbecken hatte einen komplett verstopften Ausguss. Dafür hatte mein Klappbett aber eine tiefe Kuhle an genau der Stelle, an der sich mein Hintern befand und es war so wackelig, dass ich die ganze Nacht davon träumte, dass es zusammenklappen und mich in der Mitte zusammenfalten würde. Aber ansonsten war es eine super Unterbringung. Vor allem natürlich wegen unserer toten Taube auf dem Schrank. Die hätten wir natürlich verpasst, wenn wir im Jugendhaus geblieben und uns dort einen gemütlichen Abend auf der Couch gemacht hätten.

Eine Sache auf dem Weg nach Cavárzere war jedoch etwas traurig und überhaupt nicht frühlingshaft. Irgendjemand hatte ein knappes Dutzend Meerschweinchen aus dem Fenster geworfen, die nun tot am Straßenrand verteilt lagen. Es war ein grauslicher Anblick und wir konnten nicht begreifen, wieso jemand so etwas tat.

Als wir dann in Cavárzere ankamen begann erst wieder einmal eine Schnitzeljagd nach dem Schlafplatz. Ein Mann empfahl mir, mich an ein Haus zu wenden, in dem die pensionierten Pfarrer lebten. Es sei groß und sie hätten sicher Platz um uns aufzunehmen. Auf mein Klingeln hin öffnete ein alter, etwas tattriger Herr mit schütteren weißen Haaren und blickte mich fragend an. Zu meiner Frage schüttelte er nur kurz den Kopf und meinte: „Wir haben hier leider keinen Platz! Wir sind nur ein kleines Haus für alte Pfarrer! Wenden Sie sich am besten an den amtierenden Pfarrer. Er wohnt neben der Kirche!“

Ich erklärte ihm, das ich es dort bereits versucht hatte, jedoch niemanden antreffen konnte und bat ihn, den Pfarrer anzurufen.

Nach einigem Zögern ließ er sich dazu dann wirklich überreden, meinte aber: „Ok, ich kann es versuchen! Eines sage ich ihnen aber gleich! Ich kann nicht versprechen, dass jemand abnimmt!“

‚Danke für die Warnung!’ dachte ich mir im Stillen, ‚aber ist das nicht immer die Gefahr, wenn man jemanden anruft?’

Seine Sorge war unbegründet und der Pfarrer ging an sein Handy. Der alte Herr erklärte mein Anliegen folgendermaßen: „Hallo Don! Ich habe hier so einen jungen Kerl, keine Ahnung, was er genau will, ich habe ihn nicht wirklich verstanden. Er sucht auf jeden Fall einen Schlafplatz, aber ich habe keine Lust ihn aufzunehmen. Du weißt doch wir sind alte Herren und wollen unsere Ruhe haben. Junge Kerle sind nichts für uns!“

‚Hallo! Ich kann dich verstehen!’ rief eine Stimme in mir und forderte, dass ich diese Bemerkung auch laut kundtat. Doch ich verkniff sie mir. Der Pfarrer hatte jedoch ebenfalls keine Lust auf Gäste und verwies den Alten an einen anderen Geistlichen. Dieser bekam die gleiche Geschichte zu hören, sagte aber zu. Doch aus der Ruhe des Alten wurde es dann erst mal doch nichts. Denn der Pfarrer wies ihn an, mir den Weg zu unserem Schlafplatz zu weisen und so musste er wohl oder übel doch noch sein warmes Häuschen verlassen. Als wir später mit Don Tadeus beim Essen saßen und ihm von dieser Geschichte erzählten, war er nicht überrascht. In diesem Ort gab es drei kirchliche Instanzen, erklärte er uns. Der Hauptpfarrer, der im Pfarrhaus neben der Kirche wohnte, war ein schrecklicher Mann, der eigentlich niemandem helfen wollte. Er verbot es den anderen sogar, Hausbesuche bei Kranken oder Leidtragenden Gemeindemitgliedern zu machen. Auch er selbst hatte seit drei Jahren niemanden mehr besucht. Manchmal machten die anderen Pfarrer diese Besuche dann heimlich und baten ihre Schützlinge dann, dem Hauptpfarrer nichts davon zu erzählen. „Es ist zwar etwas komisch, dass wir als Pfarrer den Menschen sagen müssen, dass sie für uns lügen sollen, aber anders geht es gerade nicht!“ meinte er.

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Dann gab es noch die Ansiani, die Rentnerpfarrer, die zu acht eine Art Luxusaltenheim für sich hatten. Sie hatten zwar ebenso wie auch der Hauptpfarrer jede Menge Platz, wollten aber niemanden bei sich haben. Sie lebten nach dem Motto, dass sie ihre Nächstenliebe mit ihrer aktiven Zeit an den Nagel gehängt hatten. Sozial waren sie ja schließlich schon in ihrem Job gewesen, warum sollten sie es da jetzt in ihrer Freizeit sein. Irgendwo konnte man diese Einstellung ja sogar verstehen. Gemeinsam mit der Griesgrämigkeit des Oberpfarrers führte sie jedoch dazu, dass fast alle Aufgaben an den drei anderen Pfarrern hängen blieben. Diese waren nicht von der Stadtkirche engagiert, sondern von der Diözese. Sie wahren also eher Stadtseelsorger und kümmerten sich hauptsächlich im die Jugend im Ort. Sie waren die einzigen, die eigentlich keinen Platz hatten, um jemanden aufzunehmen, waren aber ebenfalls die einzigen, die es dennoch machten. Ihr Wohnhaus hatten sie ebenfalls von der Diözese zur Verfügung gestellt bekommen. Als sie eingezogen waren hatte es jedoch lauter Löcher gehabt und musste erst renoviert werden, worum sich die Pfarrer ebenfalls selbst gekümmert hatten. Als Schlafraum für Gäste blieb daher nur das Jugendzentrum und dorthin sollte uns der alte Mann nun führen. Doch zu Fuß gehen kam für ihn natürlich nicht mehr in Frage. Also steckte er mich in sein Auto und fuhr damit zur Kirche, wo wir Heiko schlafend an die Mauer gelehnt vorfanden.

„Oh,“ sagte der Rentner, „eure Wagen bekomme ich ja niemals in mein Auto! Was machen wir denn da nur?“

Ich schlug vor, dass er mich zum Schlafplatz fährt und ich mir den Weg merkte um ihn dann anschließend laufen zu können.

„Das ist eine fantastische Idee!“ stimmte er zu und wendete.

Als wir wenig später am Jugendzentrum eintrafen, fanden wir dort einen jungen Philipinen vor, der gerade dabei war, in einen Arbeitsanzug zu schlüpfen um sich an die Gartenarbeit zu machen. Er stellte sich uns als Don Tadeus vor und wurde von nun an unser Begleiter für den Rest des Nachmittags. Das Jugendzentrum war bis um 19:00 Uhr von den Kindern und Jugendlichen belegt und so führte er uns zunächst einmal wieder zurück zu seinem eigenen Haus, um uns dort zum Essen einzuladen. Normalerweise waren diese Einladungen hierzulande ja immer eher ein Tropfen auf den heißen Stein, doch er kochte eine ordentliche Portion. Spannend war dabei nur, dass er es schaffte, in eine unglaubliche Hektik zu verfallen und alles so schnell wie möglich machen zu wollen, dabei aber unglaublich langsam voranzukommen. Irgendwie kam mir dieses Muster bekannt vor. Das größte Mysterium in seiner Küche war für uns der Reiskocher. Bislang hatte ich geglaubt, dass es diese Geräte gab, weil man damit effektiver war, als wenn man den Reis auf dem Herd kochte. Doch dieser Kocher brauchte etwa drei mal so lange für den gleichen Vorgang und überbot damit sogar noch unsere Miniherdplatte. Langsam kam in uns der Verdacht auf, dass wir mit unserer modernen Technik gar nicht versuchten, den Alltag der Menschen zu erleichtern, sondern ihn im Gegenteil immer komplexer zu gestalten.

Beim Essen erzählte uns Don Tadeus einiges über die Gemeinde und über den Weg, der ihn hier her verschlagen hatte.

Er hatte sich mit Anfang zwanzig dazu entschieden Pfarrer zu werden und hatte damals eigentlich gehofft, dadurch seine Familie möglichst gut unterstützen zu können. So ganz gingen diese Pläne jedoch nicht auf. Über das Seminar war er dann schließlich mit vier anderen Pfarrersanwärtern nach Italien gekommen, wo er sich zunächst ebenso über das Weihnachtsfest erschreckt hatte wie wir. Auch auf den Philippinen war Weihnachten ein Familienfest, das man gemeinsam verbrachte. Hier ging jedoch nach der Messe jeder wieder nach Hause oder beschäftigte sich auf andere Weise.

Später war er dann nach Kenia gegangen und hatte sich dort um die Armen gekümmert. Er hatte gemeinsam mit den Einheimischen gelebt und gearbeitet, doch seine Chefs waren noch immer die Pfarrer aus Italien gewesen. Diese hatten ihm so unsinnige Aufträge und Befehle erteilt, dass er es irgendwann nicht mehr ausgehalten hatte. Er konnte dort einfach nicht so arbeiten, dass es einen Sinn gemacht hätte und das belastete ihn zutiefst. Schließlich war er dann nach Italien zurückgekehrt und hatte hier die Jugendarbeit übernommen.

Nach dem Essen gingen wir gemeinsam durch die Stadt und Tadeus führte uns ein wenig herum. Er kaufte uns außerdem noch eine große Tüte mit Obst und einen kleinen USB-Stecker, da unserer vor ein paar Tagen kaputt gegangen war. Dabei erzählte er uns auch ein bisschen was über seine Arbeit in Afrika und auf den Philippinen.

„Es ist nicht böse gemeint, aber ich habe das Gefühl, wenn die Europäer in einem Dritte-Welt-Land helfen wollen, dann fühlen sie sich immer ein bisschen wie der Weihnachtsmann, der seinen großen Sack ausschüttet und glaubt, dass nun alles gut wird, weil er viele Geschenke dabei hat. Aber die meisten machen sich keine Gedanken darüber, was davon wirklich hilfreich ist. Stellt euch das einmal vor: Wenn hier Hilfspakete für die Philippinen gemacht werden, dann legen die Menschen oft Reis dazu. Ihr kennt ja diesen italienischen Reis für Risotto. Er ist OK, aber er ist einfach nicht mit philippinischem Reis zu vergleichen. Wenn diese Pakete dann auf meiner Heimatinsel ankommen, dann rümpfen die Einheimischen nur die Nase und fragen, was das für eine komische Pampe sein soll. Jedes Mal, wenn wir hier vor Weihnachten oder zu anderen Anlässen Pakete zusammenstellen, dann sage ich den Leuten: ‚Legt bloß keinen Reis hinein! Auf den Philippinen gibt es genug davon und er ist weitaus besser als der, den ihr hier habt!’ Aber keiner hört auf mich! Oder auch die Nudeln. Kiloweise, ja Tonnenweise verschicken die Menschen Nudeln. Niemand ist Nudeln auf den Philippinen und schon gar nicht in diesen Mengen. Das Zeug wird dort weggeworfen, aber zunächst muss es für teures Geld dorthin verschifft werden. Oder noch besser: Letztes Jahr habe ich gesehen, dass Kisten voll mit Winterjacken gepackt wurden. Die Philippinen sind ein tropisches Land. Es ist dort nicht kalt und niemand braucht eine Winterjacke! Aber sie werden dorthin geschickt! Wie viel könnten wir wohl verändern, wenn wir nur einmal nachdenken würden, bevor wir eine solche Hilfe leisten?“

Schließlich kehrten wir dann doch zu unserem Jugendheim zurück, wo wir nun auch in unseren Schlafraum konnten. Es war ein riesiger Saal mit einer grauenhaften Akustik, in der ein älterer Schüler saß, der einem jüngeren Nachhilfe gab. Allein die Unterhaltung zwischen diesen beiden machte den Aufenthalt in dem Raum leider fast unerträglich. Noch schlimmer waren jedoch die Leuchtstoffröhren an der Decke, die ein permanentes, spitzes Brummen von sich gaben. Wir haben uns daher später entschieden, sie auszuschalten und schreiben hier nun im Dunkeln.

Tadeus hatte sich nun bereits so an unsere Anwesenheit gewöhnt, dass er fast nicht mehr gegen wollte. Als Heiko dann auch noch von der Antlitzdiagnose erzählte, war er so fasziniert, dass er gleich eine eigene Sitzung haben wollte. So kam es, dass der Rest des Abends zu einer Therapiesitzung wurde. Dabei kamen wir auch wieder auf die Hektik zurück, mit der er zuvor das Essen zubereitet hatte. Und wirklich, Entspannung und die Fähigkeit, Dinge in Ruhe zu machen, waren zwei der Hauptthemen an denen er gerade arbeiten durfte.

Kurz nachdem er sich dann von uns verabschiedet hatte, kam er noch einmal zurück, schenkte uns noch eine Tüte mit vier Litern Saft und steckte uns 50€ als Spende der Kirchengemeinde zu. So unterschiedlich konnten Menschen sein. War es da nicht umso trauriger, dass es denen, die wirklich etwas bewegen wollten , so schwer gemacht wurde?

Spruch des Tages: Brüder, solange wir Zeit haben, laßt uns Gutes tun! (Franz von Assisi)

Höhenmeter: 7

Tagesetappe: 17 km

Gesamtstrecke: 8237,77 km

Wetter: bewölkt

Etappenziel: Gemeindehaus, 35028 Piove di Sacco, Italien

 

 

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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