Tag 451: Zuviel des Guten

von Heiko Gärtner
31.03.2015 21:03 Uhr

Am Morgen lernten wir nun auch den Dritten Pfarrer der Diözese kennen, der sich um die Jugend kümmerte. Er war mit 76 Jahren der älteste von ihnen und hatte bereits eine Karriere als internationaler Opernsänger hinter sich, die ihn auch nach Deutschland und sogar bis nach Amerika geführt hatte. Beim Frühstück gab er uns einige Kostproben und wir waren wirklich beeindruckt. Er war ein lustiger Kautz und absolut unverbesserlich. Man konnte ihm sagen was man wollte, es hatte keinen Zweck. Von Don Tadeus hatten wir am Vortag bereits eine riesige Tüte mit Obst bekommen, die fast so schwer war, dass man sie nicht mitnehmen konnte. Dennoch wollte und Don Luigi unbedingt zum Frühstück einladen und ließ sich dies auch nicht ausreden. Als wir in die kleine Bar des Jugendzentrums kamen, hatte er uns bereits einen Tisch gedeckt. Er war voll mit Kaffee, bis zum Erbrechen gesüßtem Schwarztee, Zuckergebäck und Süßgetränken. Natürlich hatte Heiko ihm zuvor erklärt, was wir aßen und was nicht, doch da er nichts anderes hatte, wollte er uns eben das geben, was er konnte. Wir sagten ihm, dass wir noch Essen vom Vortag übrig hatten und dass wir von ihm daher nichts brauchten, doch das war inakzeptabel.

„Ich laufe schnell rüber zum Supermarkt und kaufe euch eine Tüte mit Obst!“ sagte er. Es war kein Angebot und auch keine Frage, sondern ein Beschluss, den er uns mitteilte.

„Auf keinen Fall!“ rief Heiko, der sich bereits um seinen Wagen sorgte, „Tadeus hat uns bereits gestern eine riesige Tüte mit Obst geschenkt. Mehr können wir unmöglich tragen.“

Die Botschaft kam bei Luigi jedoch nicht ganz an. Im Gegenteil. Als er hörte, wie großzügig Tadeus gewesen war, wurde sein Ehrgeiz gepackt und er beschloss seinen Paterkollegen noch zu überbieten. Da half es auch nichts, das Heiko ihm seinen Wagen zeigte und ihm noch einmal symbolisch klar machte, wie überfüllt er bereits war. Das einzige Resultat war, dass der Obernsänger meinte: „Oh, Äpfel habt ihr genug, dann schaue ich mal, was ich sonst noch so finde.“ Damit huschte er durch die Tür und verschwand zum Supermarkt. Immerhin konnten wir seine Abwesenheit nun nutzen, um den ungenießbaren Tee und den Espresso heimlich im Waschbecken verschwinden zu lassen. Gestern noch hatten wir mit Tadeus genau über diese Art der Hilfe gesprochen und heute erlebten wir sie schon wieder am eigenen Leib. Als Luigi zurückkam hatte eine Tüte in der Hand, die er selbst kaum tragen konnte. Sie war bis zum Rand gefüllt mit Bananen, Orangen, Mandarinen, Weintrauben, Datteln und getrockneten Ananasstückchen. Wir aßen was wir konnten ohne dabei zu platzen und versuchten den Rest noch irgendwie in den Wagen und in meinem Rucksack unterzubringen. Das Geschenk abzulehnen brachten wir nicht übers Herz, dafür freute er sich einfach zu sehr.

Draußen schüttete es wie aus Eimern und die Wanderung wurde trotz ihrer kürze so ungemütlich wie sie nur sein konnte. Die erste Kirche, die uns über den Weg lief gehörte uns, soviel stand fest.

Zunächst sah es jedoch so aus, als hätten wir mit diesem Plan kein Glück, denn das Pfarrhaus war verrammelt und auf mein Klingeln hin rührte sich nicht das Geringste. Erst als ich versuchte, an der Hintertür zu klopfen, bekam ich eine Reaktion.

Durch die geschlossene Tür rief mir ein Mann zu und fragte was ich denn wolle. Ich bat ihn, die Tür zu öffnen, da ich die Kommunikation dann etwas leichter fand, doch er lehnte ab. Schließlich konnte er sich aber dazu durchringen ein Fenster zu öffnen. Zunächst war er so ablehnend, wie man es nach seiner ersten Reaktion vermuten konnte. Als er jedoch mitbekam, dass wir Pilger waren und bereits nach Santiago gewandert sind, taute er plötzlich auf. Später war er sogar davon überzeugt, dass wir Heilige sind und verneigte sich vor uns. Das Problem war offenbar, dass seine Kirche vor einiger Zeit hier ausgeraubt wurde und seitdem hatte er eine tiefsitzende Angst vor fremden. Es dauerte rund 20 Minuten, bis er sie überwunden hatte. Dann lud er uns in eine kleine Wohnung ein, die früher einmal einer Gruppe Nonnen gehört hatte. Heute stand sie leer und wurde nur gelegentlich für Versammlungen oder Yoga-Kurse genutzt. Sie lag über einem Kindergarten und durch diesen mussten wir auch hindurch, um nach oben zu gelangen. Die junge Kindergärtnerin, die uns die Tür öffnete schrie uns zur Begrüßung so laut an, dass wir vor schreck zurückzuckten. Hatten wir irgendetwas falsch gemacht? Doch bereits Sekunden später verstanden wir, dass ihre Lautstärke nichts mit uns zu tun hatte. Die Kindergartengruppe die sie betreute war zwar klein und hatte nicht mehr als 10 Kinder von denen jedes einzelne von recht niedlich aussah. Doch in dem hohen Raum und mit dem wilden Spiel und Geschrei der Kinder war es so laut, wie auf einem Kriegsschauplatz. Dass die Frau es in diesem Raum überhaupt länger als zwei Minuten aushielt, ohne durchzudrehen, verdiente den größten Respekt. Noch mehr wunderte es uns jedoch, dass wir es geschafft hatten, selbst viele Jahre lang auf diese Weise zu arbeiten. Waren unsere Gruppen damals auch so laut gewesen? Eine Stimme in mir verneinte diese Frage sofort, doch ein anderer Teil wusste, dass dies wahrscheinlich nicht stimmte. Wahrscheinlich hatten wir es einfach nicht so wahrgenommen oder wir waren ähnlich wie die Frau so sehr abgestumpft, dass es uns nicht störte. Doch eines stand fest. Kinder auf diese Weise zusammen in einen Raum zu sperren und auf eine Weise zu bespaßen, die so unmenschlich laut war, konnte nicht gesund sein. Weder für die Betreuer noch für die Kinder.

Fürs erste waren wir jedenfalls heilfroh, als wir die Tür des Treppenhauses hinter uns schließen konnten und in unsere ruhige Wohnung emporstiegen, wo anstelle von Kindergeschrei nur eine heiße Badewanne auf uns wartete.

Spruch des Tages: Kinder sind unsere Vorbilder. Wenn wir zulassen, dass sie glücklich sind, zeigen sie uns den Weg zu unserem Glück!

Höhenmeter: 5

Tagesetappe: 14 km

Gesamtstrecke: 8251,77 km

Wetter: starker dauerregen

Etappenziel: Gemeindehaus, 30010 Campagna Lupia, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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