Tag 458: Ostersamstag

von Heiko Gärtner
08.04.2015 15:19 Uhr

Noch 1 Tag bis Ostern

Es ist 18:48 Uhr und wir sind gerade vor einigen Minuten angekommen. Hinter uns liegt eine Strecke mit 37km im Nieselregen und bei andauerndem Gegenwind. Stärker hätte der Kontrast zu gestern kaum sein können. Da haben wir nach einer gemütlichen 9km-Schlender-Etappe unser Tagesziel um 11:30Uhr erreicht, konnten einen Haufen Dinge erledigen und den Tag am Ende ganz gemütlich ausklingen lassen. Dass es gerade wieder an den Feiertagen so ambivalent wird, scheint langsam eine Art Tradition bei uns zu werden.

Die Wanderung selbst war weitgehend ereignislos. Mit Ausnahme eine kleinen Kuriosität, an der wir vorbeigekommen sind. Die Straße auf der wir wanderten führte uns an einer Stelle weit mehr al 5km in vollkommener Ebene schnurgeradeaus. Fast schon hatte man das Gefühl, man würde auf der Stelle treten und abgesehen von den Farben fühlten wir uns wieder in die Extremadura zurückversetzt. Damals war alles okka-orange gewesen und heute gab es immerhin ein Farbspiel zwischen braun, grau und grün. Doch ansonsten unterschied sich nichts. Vor einiger Zeit hatte eine Einheimische ihre Heimat mit folgenden Worten beschrieben: „Es ist hier wie in einer Wüste. Nicht ganz so heiß und nicht ganz so sandig, aber genauso leer und öde!“ Ganz unrecht hatte sie nicht.

Doch plötzlich war die Straße vor uns gesperrt. Einfach so stand hier ein Gartentor und links und rechts folgten Mauern, die das dahinterliegende Dorf umschlossen. Für Reisende wurde die Straße in einem Bogen außen herumgeleitet. Das Schild am Tor verriet, was der Spaß sollte. Das komplette Minidorf war von einer Versicherungsgeselschaft gekauft und zu einem Schulungszentrum umgebaut worden. Damit war die Straße nun privat und wenn man nicht gerade ein Schüler oder ein Lehrer bei der besagten Gesellschaft war, dann hatte man hier nichts mehr verloren. Die Idee war irgendwie ganz nett, wenngleich sie schon etwas protzig wirkte. Sie verriet aber auch viel darüber, wie günstig die Häuser hier sein mussten. Denn offensichtlich war es für die Versicherung billiger, sich das ganze Dorf zu kaufen und instant zu halten, als für Schulungszwecke regelmäßig ein Hotel zu mieten.

Nach gut 21km erreichten wir dann das Dorf, das wir eigentlich als Ziel auserkoren hatten. Einen Pfarrer trafen wir hier jedoch leider nicht und die Chorleiterin, die ich in der Kirche um Rat fragte, erwies sich auch nicht als besonders hilfreich. Dafür trafen wir aber zwei Männer, die sich tierisch darüber freuten uns mit den üblichen offensichtlichen Fragen auf die Nerven gehen zu können. Sie meinten es natürlich nicht böse und versuchten wirklich freundlich zu sein, doch wir waren erschöpft, es war eiskalt, neben uns rauschte ein Springbrunnen und wir wollten einfach nur in Ruhe irgendwo ankommen. Davon ahnten und spürten die beiden Männer jedoch nichts und so machten sie sich eifrig daran, das Gespräch trotz unserer offensichtlichen Lustlosigkeit am Laufen zu halten. Schließlich kamen sie sogar auf die Idee, uns zu interviewen, ein paar Fotos zu machen und den Artikel dann der Regionalzeitung anzubieten. Mit einem etwas gezwungenen Lächeln ließen wir uns zum Fotoshooting hinreißen. Als das Gespräch dann jedoch auf unsere Schlafplatzoptionen fiel, hatten es die beiden plötzlich sehr eilig. „Oh, ihr könnt den Pfarrer nicht erreichen und habt noch keine Idee, wo ihr schlafen könnt? Es ist eiskalt und windig und ihr könnt hier nicht warten und hoffen, dass er irgendwann auftauchen wird? Ok, dann wünsche ich euch viel Erfolg dabei und habt noch eine gute Reise!“

zalando.de - Schuhe und Fashion online Und Zack waren sie weg! Der nächste Ort lag dummerweise noch einmal 16km entfernt und so blieb uns nichts anderes übrig, als unsere müden Knochen noch einmal in Bewegung zu setzen. Die letzten Tage wurden wir von einer allgemeinen Erschöpfung und einem Zustand der Jämmerlichkeit begleitet. Jeder Muskel tat weh, mein Gesicht war angeschwollen, wie ein Luftballon, Heiko hörte wieder übermäßig laut und nahm dazu noch so etwas wie einen Überschall wahr. Abgesehen davon spielte unsere Verdauung verrückt, Heikos Hüfte schmerzte wieder und meine fing nun sogar auch damit an. Wir fühlten uns ein bisschen wie Achtzigjährige, die ihr ganzes Leben lang an einem Bürotisch gesessen hatten. Eine stolze Leistungssteigerung nach ein und einem viertel Jahr der Wanderung! Doch dieser Zustand hatte ja seinen Grund. In der letzten Zeit haben wir auf der geistigen Ebene wieder viel losgetreten. Wir haben uns intensiv mit Familienverstrickungen und der gleichen beschäftigt, was wohl einige Prozesse angestoßen hat, dann haben wir mit einem intensiven Aufbautraining begonnen und haben schließlich noch einen Tag mit einem Schwitzbad in einer heißen Badewanne eingelegt. Damit haben wir wohl alle Bedingungen für einen Heilungsprozess inklusive dazugehöriger Erstverschlimmerung geschaffen. Es scheint, als würden wir dieses Jahr zu Ostern unseren eigenen Leidensweg gehen um dann mit neuer Kraft wiedergeboren zu werden. Darauf freue ich mich schon am meisten. Als wir Concordia schließlich erreichten, sehnten wir uns nur noch nach einem ruhigen Platz zum Füße hochlegen und Entspannen und einem ordentlichen Abendessen. In der Kathedrale herrschte gerade österliches Treiben. Man hatte den Armen Jesus vom Kreuz genommen und auf den Boden gelegt, wo er von allen gläubigen Frauen der Stadt abgeknutscht wurde. Bei einigen von ihnen wird er sich sicher darüber gefreut haben, bei anderen bin ich mir da nicht so sicher. Der Pfarrer, der die Leitung über die Kirchengemeinde hatte, saß gerade in einem Beichtstuhl. Ich musste also davor warten, bis es er eine alte Dame von ihren Sünden freigesprochen hatte. Das nun folgende Szenario war so abstrakt, dass ich es selbst kaum glauben konnte. Denn der Pfarrer hatte allen ernstes vor, uns abzuwimmeln und zwar mit der Begründung, dass heute Ostern sei. Zunächst einmal fragte er mich, ob wir heute in seine Ostermesse kommen würden. „Das kann ich noch nicht sagen!“ antwortete ich, „dazu müsste ich erst wissen, ob wir hier in der Stadt einen Schlafplatz bekommen oder nicht. Denn wenn nicht, dann ist nichts mit Messebesuchen“ Daraufhin brach erst einmal eine Diskussion darüber auf, dass wir an Ostern doch nicht einfach so auf die Messe verzichten konnten. Es kam keine Frage, wie lange wir bereits unterwegs waren, ob wir vielleicht Hunger oder Durst hatten und ob wir vielleicht sonst etwas bräuchten. Es wurde als selbstverständlich vorausgesetzt, dass jemand, der sich auf einer Pilgerreise befand ohne jeden Zweifel als allererstes in eine Messe rumpeln will. Aber das konnte man ja vielleicht sogar noch verstehen. Sicher war auch dies nicht böse gemeint. Wahrscheinlich war er nur etwas übereifrig, was seinen Missionierungsgedanken anbelangte. Dann aber kam die Härte: „Wegen dem Übernachtungsplatz: Weißt du, dass sieht heute schlecht aus, denn es ist Ostern und wie du siehst muss ich die Beichte abnehmen. Da kann ich nicht einfach irgendwo hinlaufen und euch erklären wo ihr übernachten könnt!“ 2_728x90

Ich traute meinen Ohren nicht. Versuchte mir der Mann gerade wirklich zu erklären, dass er mir leider nicht helfen könne, weil heute die Auferstehung Christi vorbereitet werden musste und er zu beschäftigt war, seinen Schäfchen, die Sünden zu vergeben? Dies war wieder einer dieser Momente, an denen ich mir wünschte, mein Italienisch wäre deutlich besser. Die Sätze hatte ich schon im Kopf, aber sagen konnte ich sie leider nicht. Am liebsten hätte ich ihn gebeten, auf der anderen Seite seines Beichtstuhl Platz zunehmen, damit ich ihm gleich mal den Blödsinn vergeben konnte, den er hier verzapfte. Stattdessen jedoch unterbrach er unser Gespräch und verschwand wirklich im Beichtstuhl um mit einem anderen Sünder zu sprechen. Das ganze zog er noch drei Mal durch. Dann wollte er unsere Ausweise sehen und schließlich konnte er sich dazu durchringen, per Telefon einen anderen Pfarrer mit unserer Schlafplatzsuche zu beauftragen. Kaum hatten wir die Kirche verlassen, um davor mit unseren neuen Ansprechpartnern zu sprechen, da schlich sich der Pfarrer auch schon mit einer schwarzen Jacke heimlich zur Seitentür der Kirche hinaus und verschwand hinter dem Gebäude. Soviel also zum Thema: Ich kann euch nicht helfen, ich bin zu sehr im Stress. Es ist schon paradox, was die Kirche mit unserem Moralempfinden macht. Vor allem in Ländern wie diesen, in denen die Kirche noch einen so großen Stellenwert hat, sind die Menschen stets bemüht, keine Sünden zu begehen. Doch eine Sünde ist in dieser Vorstellung immer nur eine Tat, also etwas, das man macht. Man darf nicht lügen, nicht stehlen, nicht töten und so weiter. Doch etwas zu unterlassen scheint nicht dazuzugehören. Jemandem nicht zu helfen auch wenn man es könnte, ist demnach keine Sünde und muss auch nicht gebeichtet werden. Damit meine ich nicht nur das Aufnehmen von Reisenden, sondern die generelle Ich-mach-lieber-nichts-dann-mach-ich-auch-nichts-falsch-Mentalität. Man darf niemanden töten oder vergewaltigen, aber einen Mord oder eine Vergewaltigung nicht zu verhindern, obwohl man es könnte, scheint absolut in Ordnung zu sein. Wie oft wir von Angestellten der Pfarrer abgewiesen wurden, weil sie sich nicht trauten etwas zu unternehmen, da es falsch sein könnte. Wenn ich nur an das eine Mal zurück denke, an dem uns die ältere Dame nicht einmal erlaubte im warmen Flur des Altenheims auf den Pfarrer zu warten, obwohl es draußen regnete und stürmte. Nicht weil sie uns nicht mochte, oder weil sie uns schaden wollte, sondern nur, weil sie Angst hatte, der Pfarrer könnte sauer sein, wenn sie Fremde in das Heim ließ. Überspitzt gesagt hatte sie Angst davor, in die Hölle zu kommen, weil sie einen Fehler machte, nicht aber, weil sie uns in der Kälte erfrieren ließ. Und eben jenes Verhaltensmuster fand sich hier fast überall.

Der neue Pfarrer, der uns zugeteilt wurde, sowie der Seminarist, der ihn begleitete waren hingegen deutlich freundlicher. Sie führten uns in ein Gemeindehaus, in dessen oberster Etage es eine komplette Pilgerherberge mit Küche und Badezimmer sowie Betten für mehr als 30 Personen gab. Nur lag die Stadt auf keinem Pilgerweg und somit wurde die Herberge nie genutzt. Außer gelegentlich einmal für eine Kommunionsfreizeit. Es hatte also keinen Grund gegeben, uns hinzuhalten. Aber Schwamm drüber. Jetzt waren wir angekommen und jetzt wurde geschlemmt und entspannt, so wie wir es schon den ganzen Tag über geplant hatten.

 

 

Spruch des Tages: Der Mensch ist die dümmste Spezies. Er verehrt einen unsichtbaren Gott und zerstört eine sichtbare Natur, ohne zu wissen, dass die Natur, die er vernichtet, der unsichtbare Gott ist, den er verehrt. (Hubert Reeves)

 

Höhenmeter: 25

Tagesetappe: 37 km

Gesamtstrecke: 8382,77 km

Wetter: bewölkt mit Nieselregen

Etappenziel: Pfarrhaus, 30023 Concordia Sagittaria, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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