Tag 459: Ostern auf Italienisch

von Heiko Gärtner
08.04.2015 15:29 Uhr

Osterstimmung kam auch heute nicht so richtig auf. Aber wenn man das einmal beiseite lässt und den Tag einfach als Sonntag stehen lässt, dann war es ein recht schöner Tag. Gestern war der Himmel wie angekündigt komplett bewölkt und ließ regelmäßig ein paar Tropfen fallen. Doch wenn es sich bei dieser Geschichte um eine Wettermanipulation handelte, dann hatte der echte Wettergott, der ohne Chemikalien arbeitete, offensichtlich etwas dagegen, das man ihm in sein Handwerk pfuschte. Denn heute kam ein fast orkanartiger Sturm auf, der alle Wolken wieder hinaustrieb. Am Vormittag führte das dazu, dass wir kaum laufen konnten, doch ab Mittag hatten wir dadurch wieder einen blauen Himmel. Dennoch beschlossen wir heute lieber wieder etwas kürzer zu treten und im ersten Dorf halt zu machen, das auf unserem Weg lag. Es war gerade einmal kurz vor 11:00 Uhr und um Punkt begann die Ostermesse. Doch die Zeit reichte gerade noch um in die Sakristei zu stürmen, wo sich bereits alle Pfarrer, ein Jugendchor und noch ein Haufen anderer Leute in cremefarbenen Gewändern herumstanden und auf ihren Einsatz warteten. Der Hauptpfarrer war bereits voll im Stress, sicherte mir aber trotzdem einen Platz zu, sobald die Messe vorüber war. Bis dahin suchten wir uns ein windstilles Plätzchen in der Sonne und lauschten den Klängen der Natur. Im Hintergrund konnte man leise den Gottesdienst hören, der über einen Lautsprecher auch außerhalb der Kircher übertragen wurde. Auf diese Weise bekamen ihn auch die Menschen mit, die sich dazu entschieden hatten, ihren Ostersonntagsmittag nicht in der Kirche, sondern in der Dorfkneipe zu verbringen. Der Rest des Ortes musste nun fast leer sein, denn es schien als hätten die beiden Häuser, die Bevölkerung fast zu gleichen Teilen unter sich aufgeteilt. In dem einen bekam man Spiritualität und im anderen Spirituosen. So weit war das ja eigentlich nicht von einander entfernt. Und was von beidem nun ungesunder war, möchte ich auch nicht beurteilen.

Kaum war der Gottesdienst vorbei, wurden wir auch schon erspäht und zu einem der üblichen inhaltsfreien Gespräche genötigt. Da Ostern war, wurden wir jedoch am Ende zu einem Osteressen eingeladen. Die Einladung war lieb gemeint, doch so richtig in der Stimmung für ein Mittagessen in Gesellschaft waren wir eigentlich nicht. Lieber wollten wir einen entspannten Tag für uns alleine haben. Wir bedankten uns, lehnten aber ab, mit der Begründung, dass wir sicher bereits vom Pfarrer etwas zum Essen bekamen. Genau in diesem Moment tauchte jedoch der Pfarrer auf und entlarvte unsere kleine Notlüge. Ein Schlafplatz wäre kein Problem, aber wenn wir etwas zum Essen wollten, dann sollten wir die Einladung der Dame ruhig annehmen.

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Also saßen wir eine halbe Stunde später bei der Frau und ihrer Schwester am Tisch. Es gab Risotto mit einem Hauch von Spargel und anschließend Salat und zwei kleine Hühnchensteaks. Lisa, die ältere der beiden Schwestern war eine Pensionierte Grundschuhllehrerin, die leider noch immer genauso sprach, als hätte sie eine Schulklasse vor sich. Ihre jüngere Schwester war Physiotherapeutin und eine wesentlich angenehmere Gesprächspartnerin. Die beiden waren herzensgute Menschen, die sich wirklich um uns bemühten, doch aufgrund der Lautstärke war das Treffen für Heiko kaum aushaltbar. Die Überempfindlichkeit seiner Ohren hatte momentan wieder einen neuen Höhepunkt erreicht und somit war jedes laute Geräusch wie ein Schlag mit einem Baseballschläger auf sein Trommelfell.

Das Essen selbst war gut, vorausgesetzt man hatte auch hierbei keine Erwartungen an ein besonderes Osteressen. Einen Festtagsschmaus wie, er bei uns an solchen Feiertagen übrig ist, konnte man hier nirgendwo erblicken. Auch das schein eher eine landesspezifische Tradition zu sein. Fast konnten wir nicht glauben, wie wenig die beiden Damen aßen. Für uns war es schon eher etwas für den hohlen Zahn, doch bei den Frauen hatten wir das Gefühl, dass ihre Teller, das Essen beleidigt von sich schubsen wollten um ihnen empört mitzuteilen: „Für so einen Kleckerkram brauchst du mich gar nicht erst schmutzig zu machen.“

Den Rest des Nachmittages hatten wir dann für uns und irgendwie fühlte es sich wieder ein bisschen an, wie am heiligen Abend. Noch immer steht die Frage im Raum, ob wir wirklich einfach ganz normal arbeiten sollten, oder ob es nicht doch vielleicht etwas geben sollte, was diesen Tag zu einem besonderen macht. Bislang fehlen uns da aber noch die Ideen.

Spruch des Tages: Heute kommt der Osterhase

 

Höhenmeter: 0

Tagesetappe: 5 km

Gesamtstrecke: 8387,77 km

Wetter: erst bewölkt mit Dauersturm, dann sonnig

Etappenziel: Gemeindehaus, 30025 Villanova Santa Margherita, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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