Tag 462: Das Spiel mit der Angst vor dem Super-GAU

von Heiko Gärtner
08.04.2015 16:10 Uhr

... Fortsetzung von Tag 461:

Auf der einen Seite bekommen wir immer wieder vor Augen gehalten, wie gefährlich und schlecht diese Kernenergie eigentlich ist und auf der anderen Seite werden wir dann wieder davon überzeugt, dass wir sie unbedingt brauchen.

Doch wenn wir uns die Sache genau anschauen, dann müssen wir feststellen, dass sowohl das eine als auch das andere gelogen ist. Ein Blick zurück nach Japan zeigt, dass bis heute 13 der 15 Kernkraftwerke des Inselstaates abgeschaltet sind, ohne dass es dadurch zu Engpässen in der Stromversorgung kommt. Und das, obwohl Japan eine Top-Industrienation mit einem immensen Stromverbrauch ist. Das wirft wiederum zwei Fragen auf. Zum ersten: Warum kam es nach dem Tsunami zu so starken Blackouts und Stromausfällen, wenn in den Jahren danach das ganze Land bestens versorgt ist, ohne dass man etwas ändern musste? Handelte es sich hierbei auch nur um eine Inszenierung, um dem Atomunglück ein bisschen mehr Nachdruck zu verleihen? Und zweitens: Wenn die Kraftwerke doch nicht gebraucht werden, warum will man sie dann wieder ans Netz nehmen? Gerade wo man doch gerade erlebt hat, wie gewaltig schief das gehen kann. Fukushima ist noch immer eine wackelige Ruine, die jederzeit in sich zusammenstürzen kann und noch ehe man eine Lösung für dieses Problem hat ist man schon wieder dabei, sich zu überlegen, wie man 13 neue Problemherde erschaffen kann, die ganz offensichtlich nicht gebraucht werden? Was ergibt das für einen Sinn?

Auch in Deutschland stehen die Argumente für die Notwendigkeit von Atomstrom auf äußerst dünnem Eis. Im Jahr 2007 wurde das Kernkraftwerk Biblis A aufgrund von Sicherheitsmängeln komplett vom Netz genommen und auch Biblis B produzierte für 13,5 Monate keine einzige Kilowattstunde Strom. Das Kraftwerk Krümmel lag zwischenzeitig sogar drei Jahre lang still. Zwischen 2007 und 2009 mussten zeitweise gleich sieben der 17 Kraftwerke in Deutschland gleichzeitig ihren Betrieb einstellen. All dies passierte, ohne dass auch nur irgendjemand, der nicht darin involviert war, etwas davon mitbekam. Keine Lampen wurden dunkel, keine Fernseher wurden schwarz und keine Waschmaschine blieb mitten im Schleudergang stehen. Und das obwohl Deutschland mit eines der Länder mit dem größten Atomstromanteil überhaupt ist. 2013 bezogen wir 47% des Stroms aus Kernkraftwerken und das war bereits nachdem wir einiges abgerüstet hatten. Weltweit liegt der Anteil des Stroms, der mit Hilfe von Kernkraft gewonnen wird gerade einmal bei knapp 3%. Dafür sind 438 Kraftwerke im Einsatz. Würde man den Anteil auch nur auf 10% steigern wollen, bräuchte man rund 1,600 weitere Kernkraftwerke. Vorausgesetzt, der Energiebedarf würde in den nächsten Jahren nicht weiter ansteigen. Wenn wir darüber hinaus davon ausgehen, dass diese neuen Kraftwerke auf die gleiche Weise funktionieren würden, wie jene, die aktuell im Betrieb sind, dann wären die weltweiten Uranvorräte innerhalb von gut 10 Jahren aufgebraucht. Auch das klingt nicht besonders sinnvoll.

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Hinzu kommt, dass sich Atomenergie auf die Art und Weise, wie sie heute betrieben wird, wirtschaftlich überhaupt nicht rechnet. Ja überhaupt nicht rechnen kann. Der Bau eines Atomkraftwerkes kostet bereits mehrere Milliarden Euro, die dann erst einmal wieder eingespielt werden müssen. Hinzu kommen jedoch regelmäßige Wartungskosten, ein verhältnismäßig hoher Personalaufwand, der anders als in einem Kohlekraftwerk hochqualifizierte und damit teure Fachkräfte erfordert und schließlich der extrem kostenaufwändige Umgang mit dem radioaktiven Material. Dieser beginnt bereits beim Abbau des Natururans. Denn die meisten Uranerze enthalten nur etwa 0,1% bis 1% Uran, manche sogar noch weniger. Für eine einzige Tonne Natururan benötigt man also zwischen 100 und 10.000 Tonnen Uranerz. Zumindest hierfür hat man jedoch, wie in allen anderen Industrien auch, eine relativ effiziente Lösung gefunden, indem man den Löwenanteil der Uranmienen in Regionen der Welt auslagerte, die möglichst weit weg von unserer Zivilisation sind. Rund 70% der angezapften Uranreserven liegen auf dem Gebiet indigener Bevölkerungsgruppen, ein Großteil davon in Afrika. Im Jahr 2008 hat die Regierung des Landes Niger ausländischen Investoren ein riesiges Uranabbaugebiet im Norden ihres Landes zugesichert. Die hier lebenden Tuareg wurden dabei natürlich nicht gefragt. 1996 war etwas ähnliches in Indien passiert. Hier wurde der Ort Chatijkocha ohne Vorwarnung von einem Uranabbauunternehmen mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht, um Platz für eine Miene zu schaffen. Die Regierung hatte das Projekt abgesegnet und die Polizei beteiligte sich an der Vertreibung der Menschen. Die Arbeiter, die Anschließend das Erz aus den Mienen holen, arbeiten weitgehend ohne Schutz und auch der Abfallschlamm wird einfach so in der Umgebung versorgt. Nun ist, wie wir ja gerade herausgefunden haben, die Verstrahlung, die davon ausgeht nicht besonders gefährlich, vor allem nicht, wenn man bedenkt, dass es sich hier um Gestein handelt, das nicht mehr als 1% Natururan enthält. Doch die Art und Weise, wie mit den Menschen umgegangen wird, verstößt dennoch gegen jedes Menschenrecht. Denn um den Abbau preisgünstig zu halten, sind wir darauf angewiesen, dass sich die Arbeiter für Hungerlöhne ausbeuten lassen. Und das geht immer dann am Besten, wenn in einem Land zustände herrschen, die jegliche Alternative unterbinden. Zum Beispiel indem dafür gesorgt wird, dass die Regierungsmacht in der Hand von Diktatoren bleibt, die man gut kontrollieren kann und die ihr Volk möglichst klein halten.

Doch das allein reicht heute ebenfalls nicht mehr aus. Denn seit 1985 verbrauchen die Atomkraftwerke, die es auf der Welt gibt jedoch stets mehr Uran, als in den Mienen abgebaut wird. Um das Defizit zu decken, wird bislang auf die bereits vorhandenen Vorräte zurückgegriffen, doch das kann natürlich auch nicht ewig gutgehen. Würde man alle Uranvorkommen, die bislang entdeckt wurden vollständig abbauen, so könnte man damit gerade einmal rund 440 Kernkraftwerke für 45 bis 80 Jahre versorgen. Doch je mehr abgebaut wird, desto mehr wird man mit den Erzen vorlieb nehmen müssen, die noch geringere Urananteile enthalten. Damit wird die Nutzbarmachung natürlich immer aufwendiger und teurer.

Das auf diese Weise gewonnene Natururan muss dann anschließend angereichert und für die Verarbeitung in den Reaktoren aufbereitet werden. Auch dieser Prozess ist nicht unaufwendig und auch nicht gerade günstig.

Die fertigen Brennstäbe liefern dann jedoch eine Menge an Energie, die alles andere in den Schatten stellt. So enthält ein Kilogramm Steinkohle im Vergleich 30 Megajoule an Energie. Ein Kilogramm angereichertes Uran hingegen setzt rund 90 Millionen Kilojoule frei. Mit einem einzigen Kilo Uran, kann man also genauso viel Energie gewinnen, wie mit 3.000 Tonnen Kohle. Das sind rund 75 vollbelandene 40-Tonner voll. Angereichertes Uran besitzt damit 3 Millionen mal mehr Energie als Steinkohle. Die Idee, diesen Stoff für die Energiegewinnung zu nutzen ist also wirklich nicht blöd und rein theoretisch wäre es wirklich möglich, den Energiebedarf der Erde auf diese Weise relativ günstig und einfach zu decken. Doch dazu müsste man vollkommen anders an die Sache herangehen. Denn die meisten Kosten, die der Betrieb eines Kernkraftwerkes mit sich bringt, entstehen aufgrund der Ineffizienz mit der wir sie betreiben und aufgrund der Maßnahmen, die wegen der übertriebenen Angst vor der Strahlung ergriffen werden müssen. Coole Gadgets und Geschenkideen zum Schnäppchenpreis

Rechnen wir also noch einmal zusammen: Wir haben Erz, das nur zu gut 1% verwendet werden kann. Diesen Anteil lösen wir aus, reichern ihn an, pressen ihn in Brennstäbe und bauen einen Reaktor daraus, der von hochqualifizierten Fachkräften betrieben werden muss. Von den Brennstäben nutzen wir gerade einmal 3% der Leistung während der Rest aufwändig Entsorgt werden muss. Dabei gibt es bis heute keine Lösung, was wir mit diesem Müll anfangen, zumindest nicht offiziell. Doch darauf gehe ich gleich noch einmal näher ein. Fakt ist jedenfalls, dass die Entsorgung mit den Castortransporten nicht zuletzt aufgrund der Demonstrationen der Atomgegner ebenfalls noch einmal eine Menge Geld verschlingt. All dies passiert in einem Kraftwerk, dessen Bau mehrere Milliarden Euro gekostet hat. Bis es die wieder eingespielt hat, ist seine Technik bereits veraltet und muss erneuert werden, so dass weitere Kosten entstehen.

Hinzu kommt das Problem mit dem Versicherungsschutz. Unabhängig davon, wie gefährlich ein Super-GAU wirklich ist, so ist der Schaden, der dadurch entsteht doch fast unschätzbar hoch. Denn auch wenn es keine tödliche Strahlung gibt, die im Falle einer Explosion ganz Europa verwüstet, dann besteht doch trotzdem die Gefahr, die Menschen, Gebäude und Sachgüter in nächster Nähe zu vernichten. Viele Kraftwerke sind dabei jedoch nicht irgendwo ins letzte Hinterland gebaut, wo eine Explosion so gut wie niemanden erfassen würde. Sie stehen viel mehr gerne direkt in oder zumindest in nächster Nähe von großen Ballungsgebieten. Das Risiko für einen immensen Schaden, der im Falle eines GAUs verursacht würde, ist daher noch immer so hoch, dass keine Versicherung bereit ist, ein Atomkraftwerk abzusichern. Das kann sie auch nicht, denn sie würde auf jeden Fall draufzahlen. Und auch wenn die Strahlenkrankheit ein Mythos ist, so ist sie doch fest in den Köpfen der Menschen verankert und somit ist sie zumindest auf dem Papier Realität. Eine Versicherung, die ein Kraftwerk also wirklich absichern wollte, müsste auch diese imaginären Folgen irgendwie mit berücksichtigen. Außerdem kann so ein Reaktorunfall langwierige Folgekosten verursachen, wie man es am Beispiel von Fukushima sieht. Auch wenn dort keine unvorstellbar großen Landstriche verstrahlt wurden, kostet die halbherzige Sicherung des Kraftwerksruine bereits weit über 77 Milliarden Euro und noch immer ist kein Ende in Sicht. Wollte man all dies wirklich abdecken, dann gäbe es nur zwei Möglichkeiten. Entweder, die Versicherungsbeiträge würden so hoch, dass kein Energiekonzern der Welt sie stemmen könnte. Jedenfalls nicht, wenn er mit dem Kraftwerk noch irgendeinen Gewinn machen will. Oder aber, die Versicherung wäre beim ersten GAU bankrott. Das kann nicht funktionieren und so kommt es, dass es faktisch keine wirklichen Versicherungen für Kernkraftwerke gibt. Nicht einmal die Münchner Rückversicherung lastet sich diese Bürde auf, obwohl sie normalerweise alles versichert, was man irgendwie versichern kann. Da gar keine Versicherung auch keine Lösung ist, ist die Versicherungssumme im Falle eines GAUs auf maximal 1,5 Milliarden Dollar begrenzt. Alle Schäden, die darüber hinausgehen zahlt der Steuerzahler. Warum? Weil jeder GAU als höhere Gewalt gewertet wird. Es haftet also nicht die Firma und auch keine Versicherung, denn beide würden die Kosten nicht überleben. So aber sind beide fein raus und der schwarze Peter bleibt beim Steuerzahler hängen. Wie aber ist so etwas möglich? Wenn ihr euch mit einem motorisierten Fahrrad bei einer Landstraßentour mit 30km/h erwischen lasst und keine Versicherung habt, dann macht ihr euch damit strafbar. Ein Atomkraftwerk hingegen kann man ohne Versicherungsschutz betreiben und muss im Falle einer Katastrophe nicht einmal für den Schaden aufkommen. Doch das ist nicht das einzige, mit dem unser Staat den Atomkonzernen unter die arme greift. Da sich die Kernkraftwerke, wie wir ja gerade festgestellt haben aufgrund der Art, mit der sie betrieben werden, überhaupt nicht rechnen, werden sie auf unterschiedlichste Weise vom Staat subventioniert. Das beginnt bereits beim Bau der Kraftwerke und der Versorgung mit Uran und endet bei der Endlagerung.

Damit sich der Erzabbau und die Anreicherung des Urans für die Energiekonzerne überhaupt noch lohnt, wird Uran zumindest in Deutschland als einziger Brennstoff nicht versteuert. Damit spart der Staat den Konzernen jedes Jahr mehrere Milliarden Euro.

Spruch des Tages: Jede Kanone, die gebaut wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel gelassen wird, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztlich einen Diebstahl an denen, die hungern und nichts zu Essen bekommen, denen, die frieren und keine Kleidung haben. Eine Welt unter Waffen verpulvert nicht nur Geld allein. Sie verpulvert auch den Schweiß ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler und die Hoffnung ihrer Kinder. (Dwight D. Eisenhower)

Höhenmeter: 6

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 8440,77 km

Wetter: sonnig,

Etappenziel: Gemeindehaus, 33052 Cervignano del Friuli, Italien

 

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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