Tag 465: Vergessene Welt

von Heiko Gärtner
12.04.2015 21:53 Uhr

Das wir uns im Grenzgebiet befanden war nun nicht mehr zu übersehen oder besser gesagt zu überfühlen. Die ganze Mentalität der Menschen war plötzlich eine vollkommen andere. Vor noch nicht allzu langer Zeit musste diese Region noch Slowenisch gewesen sein und auch heute leben hier fast so viele Slowenen wie Italiener. Darunter mischten sich dann noch eine Vielzahl von Franzosen, Rumänen, Österreichern und Deutschen. Ob es an diesem Multi-Kulti-Misch-Masch lag, oder einfach daran, dass hier im bergigen Hinterland die Welt noch in Ordnung war weiß ich nicht. Doch auf jeden Fall war die komplette Stimmung der Menschen wie durch einen Zauber eine vollkommen andere, als wir sie in Italien bisher kennengelernt hatten.

Es war nicht einmal viel, was sich unterschied, doch die Wirkung war immens. Die Menschen, die uns begegneten, stellten uns sogar die gleichen Fragen, aber eben mit einem vollkommen anderen Gefühl. Es ist schwer zu beschreiben, aber es gibt einen Unterschied, zwischen „Wo kommta´n her?!?!“ und „Hey! Hallo! Wo kommt ihr denn her?“

Zwei Radler aus der slowenischen Hauptstadt kamen uns entgegen und hielten an für kein kurzes Pläuschchen. Wir hatten uns noch keine zwei Minuten unterhalten, da hatten wir bereits eine Einladung zu ihnen nach Hause. Gesetzt dem Fall natürlich, wir würden wirklich in die große Stadt wandern, was wir nicht vorhatten, aber darum ging es ja auch nicht. Der Mann erzählte uns außerdem von einem jungen Kerl, der ebenfalls nach Jerusalem wandern wollte. Er hatte ihn irgendwo im slowenischen Hinterland im Wald aufgegabelt, als der Junge bereits kurz davor war, alles hinzuschmeißen. Er musste sich wohl mehrere Tage lang verlaufen haben und war dann auch noch in einen heftigen Dauerregen geraten. Als der Fahrradfahrer ihn fand, war er am Boden zerstört.

„Erst habe ich ihm angeboten, ihn mit dem Auto mitzunehmen“, berichtete er, „aber dann ist mir aufgefallen, dass ich überhaupt keinen Platz für ihn hatte, weil der ganze Wagen voller Räder war. Also habe ich ihm meine Telefonnummer, ein Fahrrad und einen Treffpunkt gegeben und habe ihn dann später wieder eingesammelt. Drei Tage hat er sich bei uns ausgeruht, dann ist er weitergezogen. Zunächst hatte ich wenig Hoffnung, dass er es schaffen würde, aber eines Tage bekam ich dann eine Postkarte aus Jerusalem von ihm.“

Das Gespräch machte uns Hoffnung. Wir fühlten uns wieder ein bisschen wie damals, als wir nach Frankreich gewandert waren. Natürlich verstanden wir kein Wort der Landessprache und selbst „Hallo“ schien so komplex zu sein, dass wir Zweifel haben, ob wir es je aussprechen können. Aber die Menschen wirkten freundlich und viele Sprachen Englisch oder Deutsch. Wenn die Gastfreundschaft wirklich so groß war, wie sie auf den ersten Blick wirkte, dann würden wir schon durchkommen.

Doch nicht nur die Menschen waren unerwartet freundlich, sondern auch die Wege, das Land und die Landschaft. Nachdem wir gestern durch die Verkehrshölle wandern mussten, konnten wir nun kaum glauben, dass sich nur zwei Kilometer von der Autobahn entfernt und eine Hügelkette hinter dem Strand so ein Paradies verbarg. Es war, als wanderte man durch eine vergessene Welt, in der die Uhren vor gut hundert Jahren stehen geblieben waren. Oder vielleicht auch etwas früher, auf jeden Fall zu einer Zeit in der es noch nicht so viel Lärm, Hektik und Stress gab. Als uns dann auch noch ein junges Pärchen mit „Servus!“ und „Grüß Gott!“ grüßte, waren wir ganz hin und weg.

Kurz darauf trafen wir an einer Bushaltestelle ein älteres Ehepaar, das uns von einem Panoramaweg erzählte, der genau dorthin führte, wo wir unser Tagesetappenziel geplant hatten. Sie hatten uns nicht zu viel versprochen. Der Weg schlängelte sich oben am Berghang entlang, etwa zweihundertfünfzig Meter über dem Meer. Unter uns lag der Hafen von Triest uns man konnte weit aufs Meer hinausschauen. Der einzige Haken an dem Weg war, das irgendjemand auf die Idee gekommen war, ihn mit einer dicken Schickt Kies zu bestreuen, so dass man mit Fahrrädern und Kinderwagen überhaupt nicht und mit einem Pilgerwagen nur sehr schwer auf ihm voran kam.

Gerade als wir auf den Panoramaweg stießen, wurden wir von einem Marokkaner angesprochen, der hier Flyer und CDs unter die Leute bringen sollte. Sofort kamen in uns die Erinnerungen an Genova auf und wir waren mehr als nur ein bisschen skeptisch. Was wollte er uns verticken? Oder wollte er uns gar etwas klauen? Der überdrehte Kerl erzählte uns, dass er einmal in der Nationalmannschaft von Marokko mitgespielt hatte und freute sich riesig darüber, uns von einem Spiel gegen Deutschland berichten zu können. Dann wollte er ein Foto mit uns machen und suchte sich dafür nach einander zwei Fotografen, denen er sein Smartphone in die Hand drückte. Wie sich herausstellte, konnten wir in Sachen Klarheit noch viel von ihm lernen. Er wusste ganz genau, wie sein Bild aussehen sollte und er korrigierte zunächst uns und dann die Fotografen so lange, bis alle genau so standen, wie er es haben wollte. Dabei ließ er sich keine Sekunde lang durch irgendetwas irritieren und weil er selbst so klar war in seinem Handeln, stellte es auch niemand in Frage. Sowohl wir als auch die anderen Passanten taten genau was er wollte und keiner kam auch nur auf die Idee, ihm zu wiedersprechen oder ihm zu sagen, dass er einen in Ruhe lassen solle. Am Ende verabschiedete er sich von uns mit einer Umarmung und wünschte uns viel Glück. Völlig erstaunt gingen wir weiter, als wir feststellten, dass er uns überhaupt nichts verkaufen wollte. Er war einfach ein etwas verrückter Typ, der sich freute, zwei andere Verrückte zu sehen. Ob er wirklich einmal Nationalspieler war? Wenn ja, dann war es umso härter, dass er nun hier zum Straßenverkäufer degradiert wurde. Glücklich schien er damit nicht zu sein, aber auf seine Art machte er das beste daraus.

Kurze Zeit später führte uns der Panoramaweg an einigen Kletterfelsen vorbei, die an dem sonnigen Samstag-Nachmittag reichlich belebt waren. Kletterer aus Italien, Slowenien, Österreich, Deutschland und Frankreich hatten sich hier versammelt um die Felsen zu erklimmen. Doch für die Möglichkeiten die es hier gab und für die erstklassige Lage der Felsen waren es nicht einmal besonders viele. Sofort wurde aber unsere eigene Kletterlust gepackt und wir kamen nicht umhin, die Wagen abzustellen und uns auch einmal im Erklimmen der Felswände zu versuchen. Ohne Kletterausrüstung und komplett ohne Training kamen wir natürlich nicht weit aber die Lust daran war wieder erweckt.

Das letzte Stück des Weges war leider nicht mehr so schön. Hier mussten wir der Hauptstraße folgen, die Triest mit Opicina, mit der Grenze und mit der Autobahn verband. Ihr könnt euch sicher vorstellen, was das verkehrstechnisch bedeutet. In Opicina trafen wir dann auf einen slowenischen Pfarrer, der zwar bereits pensioniert war, uns aber dennoch einen Raum zum Übernachten zur Verfügung stellte. Es war das letzte Mal, dass wir in Italien übernachten würden. Die Grenze lag nun keine Stunde mehr von uns entfernt und dann würden wir das Land für lange Zeit hinter uns lassen. Wir gehen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Italien war sicher nicht das freundlichste und herzlichste Land, das wir je bereist haben, doch es hat uns das Reisen sehr leicht gemacht. Klar war das Essen hier eintöniger als je zuvor in unserem Leben und auf den letzten vierhundert Kilometern gab es fast keine Abwechslung mehr. Es ist nicht so, dass wir unbedingt hier bleiben wollen. Aber ein bisschen daran gewöhnt hat man sich schon.

Andererseits machten sie einem das Auswandern dann auch wieder relativ leicht. Weil wir nicht wussten, wie gut wir uns in Slowenien zurechtfinden würden, suchten wir am Nachmittag noch nach einem Supermarkt um uns einen kleinen Vorratspuffer anzulegen. Dabei fragten wir nacheinander drei Einheimische nach dem Weg und alle drei schickten uns so sehr in die Irre, dass wir einen Umweg von gut drei Kilometern machten. Nicht, weil sie uns ärgern wollten, sondern nur aufgrund der offensichtlich landesüblichen Rechts-Links-Schwäche. Bis jetzt konnte Heiko nicht glauben, dass es sie gab, wenn ich davon berichtete, doch es war keine Einbildung. Vier von fünf Menschen, die man nach dem Weg fragte, wussten hier einfach nicht wo Links und Rechts ist. Wenn man Glück hatte, dann machten sie zur Beschreibung noch Gesten. Diese waren dann meist richtig und zeigten fast grundsätzlich in die entgegengesetzte Richtung zu dem, was gesagt wurde.

 

Spruch des Tages: Goodbye Italy

Höhenmeter: 230

Tagesetappe: 25 km

Gesamtstrecke: 8503,77 km

Wetter: sonnig

Etappenziel: Gemeindehaus, 34151 Opicina, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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