Tag 466: Willkommen in Slowenien

von Heiko Gärtner
12.04.2015 22:14 Uhr

Trotz der zusätzlichen Anstrengung lohnte sich der Umweg gestern Abend dann aber doch noch. Denn direkt vor unseren Augen flog ein Bundspecht über die Straße und landete auf einem Baum. Er trippelte etwas nach oben und gelangte zu einer kleinen Höhle, die er in ein Astloch gepickt hatte. Offensichtlich sollte dies das Heim für seine neue Familie werden. Doch gerade als er eintreten wollte, flogen ihm zwei kleine Meisen entgegen, die es sich in seiner Höhle bereits gemütlich gemacht hatten.

 

Damit war der Specht ganz und gar nicht einverstanden. Es gab ein kurzes Gerangel und ein Schnabelgefecht und dann war klar, wer hier der Herr im Hause war. Die kleinen Singvögel nahmen Reißaus und trauten sich auch nicht in die Höhle zurück, als der Specht davonflog um nach Nahrung zu suchen. Spechte sind die Boten der Selbstliebe auf körperlicher Ebene. So wie sie sich selbst ihr Heim in einem Baum einrichten, weisen sie uns darauf hin, dass wir uns auch in unserem eigenen Körper zuhause fühlen sollen. Dazu gehört nicht nur, ihn liebevoll anzunehmen, sondern auch, sich stets gut um ihn zu kümmern und für ihn zu sorgen. Er ist der Ausdruck und unser Medium für all unser Wirken in der physischen Welt und wenn wir ihn kaputt machen, dann ist unser Leben hier für´s erste beendet. Das ist zwar jedem von uns klar, und jeder weiß eigentlich auch, was seinem Körper gut tut und was nicht, doch das hält uns leider in der Regel nicht davon ab, genau gegenteilig zu handeln.

Der Specht fordert uns dazu auf, unserem Körper mit dem Respekt, der Liebe, der Sorgfalt und dem Ehrerbieten zu begegnen, die er verdient und das sowohl in unseren Gedanken, als auch in unseren Handlungen. Dass der kleine Specht sich sein Zuhause erst gegen die kleinen Plagegeister zurückerobern musste, ist wohl auch nicht ganz zufällig geschehen. Denn jeder Mensch begegnet solchen Quälgeistern fast täglich in irgendeiner Form und sie sorgen dafür, dass wir in unserem eigenen Körper nicht mehr Heimisch sind, sondern das Gefühl haben, dass andere mehr darüber bestimmen dürfen als wir selbst. Das aber ist nicht in Ordnung und auch, wenn man sich dafür manchmal anstrengen muss, ist es unser Recht und unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass es uns selbst gut geht. Und wenn man es einmal durchgesetzt hat, dann wird es auch von den anderen respektiert. Wie beispielsweise von den kleinen Meisen.

Heute war es dann soweit! Wir haben die Grenze übertreten und sind nun offizielle Slowenienreisende. Das Grenzgebiet und auch die ersten Kilometer im neuen Land sind ein Traum für Wanderer. Die Landschaft mit ihren Wäldern und Hügeln ist einfach großartig, es ist ruhig und friedlich und es macht wirklich Spaß hier unterwegs zu sein. Der Grenzübergang war nicht einmal mit einem Schild gekennzeichnet und so war der Übergang relativ fließend. Die Sonne schien, die Blumen blühten und alles um uns herum schien uns willkommen zu heißen.

Trotz aller üblichen Verwirrungen, die immer beim Betreten eines neuen Landes auftraten, scheint es ein wirklich schöner Aufenthalt zu werden. Es gibt nur eben ein paar Dinge, an die man sich gewöhnen muss. Die Sprache zum Beispiel! Sie ist so weit entfernt, von allem was wir bislang gelernt haben, dass wir uns kaum vorstellen können, hier jemals damit zurecht zu kommen. Auch das Gelände ist recht unübersichtlich. Es gibt unglaublich viele kleine Pfade und Feldwege. Das ist zwar klasse, aber auch verwirrend und da die Waldgebiete hier teilweise größer sind als das Saarland, ohne dass auch nur eine befestigte Straße hindurchführt, sollte man tunlichst vermeiden, sich zu verlaufen. Nach unserem ersten Abstecher in eines dieser Waldgebiete mussten wir uns eingestehen, dass wir für solch ein Abenteuer noch nicht gewappnet waren.

Das GSP lag unten im Pilgerwagen, die Google-Karte zeigte hier einfach nur einen grünen Fleck an, die Landmarken waren hinter den Bäumen versteckt und zu allem Überfluss war nun auch noch die Sonne hinter einer dichten Wolkendecke verschwunden. Die Sache mit der Orientierung war spannend, wenn man sich in einem heimischen Wald befand und einen Notfallplan in der Tasche hatte. Doch wenn man in einem völlig fremden Land war, in dem man kein Wort der Einheimischen verstand und dazu noch alles darauf hindeutete, dass bald ein Gewitter aufzog, dann sollte man lieber kein Risiko eingehen. Man musste wissen, wann man verloren hatte. Wir suchten uns den kürzesten Weg zurück zur Hauptstraße und wanderten die nächsten 5km an ihr entlang. Der Verkehr war etwas geringer als in Italien, doch auch hier war es nicht übermäßig angenehm. Auf Dauer war eine gute Wanderroute über Nebenstraßen wohl doch das sinnvollste. Vor allem, weil es hier ein sonderbares Feature an den Straßen gab, das das Wandern fast unmöglich machte. Überall in den Leitpfosten waren kleine Sensoren angebracht, die jedes Mal einen schrillen Pfeifton von sich gaben, wenn ein Auto vorüber fuhr. Damit sollte das Wild abgeschreckt werden, damit es nicht auf die Straße läuft. Das ist eine sehr noble Idee, doch vertreibt man damit leider jeden, der einen Gehörsinn hat.

In Štorje konnten wir dann das erste Mal unsere Sprachkenntnisse testen. Sie waren natürlich eine Katastrophe, aber wir kamen erstaunlich gut mit Englisch durch. Leider lebte der Pfarrer in einem Dorf, das 15km von hier entfernt lag und war somit außer Reichweite. Die bequeme such-dir-eine-Kirche-und-alles-ist-gut-Variante, die Italien so schön einfach gemacht hatte, schien hier also wohl nicht mehr zu fruchten. Hier mussten wieder andere Tricks her. Doch fürs erste wurden wir ganz lieb von dem kleinen Hotel-Restaurant Gostilna Skok aufgenommen. Unsere Ankunft in Slowenien steht also offensichtlich wirklich unter einem guten Stern.

Spruch des Tages: Willkommen in Land Nummer 10.

Höhenmeter: 120

Tagesetappe: 18 km

Gesamtstrecke: 8521,77 km

Wetter: sonnig, später bewölkt und schwül

Etappenziel:

Hotel Gostilna in prenocišca Skok,

Štorje 27

6210 Sezana, Slowenien

Tel: +386 5 768 54 09

Mail: gostilna.skok@gmail.com

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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