Tag 469: Weise Mentoren

von Heiko Gärtner
15.04.2015 18:58 Uhr

Es sind nun nur noch vier Tage, bis uns Heikos Eltern besuchen kommen. Gestern Abend haben wir das Treffen schon einmal Kulinarisch etwas eingeleitet und haben uns Kartoffeln mit Sauerkraut gemacht. Reis mit Tomatensauce konnten wir einfach nicht mehr sehen und auch wenn das Nahrungsangebot in Slowenien auch noch nicht so übermäßig groß wirkt, so gibt es hier doch zumindest andere Dinge als in Italien. Und dazu gehören zum Glück auch Kartoffeln und Sauerkraut.

So sehr wir uns auf den Besuch auch freuen, so eine Verabredung, bei der man zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein muss, bringt immer auch einige Nachteile mit sich. Man kann nicht mehr einfach frei in den Tag hinein leben und den Dingen ihren Lauf lassen. Gerne hätten wir uns heute Vormittag noch die Höhle angeschaut, in der es sogar eine Höhlenwurmart geben soll, die ihr ganzes Leben lang keinen einzigen Sonnenstrahl sieht und die bis zu dreißig Zentimeter lang werden kann. Doch ein Besuch in der Höhle hätte gut drei Stunden gedauert und wir hatten ein Tagespensum von gut 16km vor uns, die nicht ganz unanstrengend zu werden schienen. Denn zwischen uns und unserem Ziel lag ein recht beachtlicher Berg. Wir mussten zwar nicht darüber hinweg, doch wir mussten irgendwie außen herum. Und hierin bestand der zweite Nachteil eines Festen Treffpunktes. Man konnte nicht einfach irgendwo entlangwandern und im Zick-Zack laufen, da man die Strecke dann nicht mehr schaffen konnte. Und so blieb uns nichts anderes übrig, als die ersten 10km entlang der Autobahn zu marschieren, die das Land wie eine Kettensäge in zwei Teile zerschnitt. Es war wirklich eine Schande, so ein Konstrukt hierher zubauen und damit die natürliche Schönheit des Landes so zu verschandeln. Natürlich machte eine Autobahn das an anderen Orten auch, aber da fällt es meist nicht mehr so auf, weil eh schon alles kaputt ist. Hier aber führt sie mitten durch weite Waldflächen und kleine Dörfchen, in denen sich Hase und Igel gute Nacht sagen. Da sollte es keine LKW-Kolonnen geben, die Tag und Nacht auf den Betonbrücken über die Köpfe hinwegheizen und alles zum Beben bringen.

Doch so traurig die Zerstörung durch die großen Straßen auch war, so sehr faszinierte mich auch die Hingabe der Tiere und Pflanzen, die hier lebten. Es war mir vor ein paar Tagen an der Italienischen Grenze schon einmal aufgefallen und faszinierte mich auch dieses Mal wieder aufs Neue. Egal wie hässlich, vergiftet, laut und unwirtlich ein Platz auch sein mochte, die Pflanzen ließen sich nicht vertreiben. Wir können den Boden vergiften, das Wasser verseuchen, die Luft verpesten, die gesamte Ökologie vollkommen aus dem Gleichgewicht bringen, nur negative Schwingungen aussenden, so viel lärm erzeugen, dass wir selbst davon krank werden und trotzdem werden sich kleine Pflänzchen bilden, die hier wachsen und gedeihen. Unsere Autobahnen führen nicht dazu, dass die Bäume um sie herum absterben und nicht einmal dazu, dass neue Samen nicht weiter austreiben. Unsere Industriegebiete sind nicht kahl und trostlos. Es reicht ein kleiner Riss im Asphalt und schon sprießt ein grünes Blättchen hindurch. Und selbst wenn wir es ausreißen, ihm Gift auf den Kopf sprühen und den Asphalt wieder zukleistern, lässt sich die Flora nicht von ihrem Versuch abbringen, das tote Land wieder zu beleben. Was für eine Hingabe und was für eine unendliche, bedingungslose Liebe muss in den Pflanzen stecken, damit sie das machen? Und die Tiere tun das gleiche. Selbst im Grünstreifen zwischen den Autobahnspuren nisten Vögel. Klar müssen sie viermal so laut schreien, damit man ihren Gesang noch wahrnehmen kann und ihre Sinne müssen vollkommen abstumpfen. Doch das ist es ihnen Wert. Die Natur ist immer auf Leben ausgerichtet und von diesem Plan, lässt sie sich nicht abbringen, egal wie sehr wir uns auch anstrengen.

Wie oft schon haben wir in unseren Leben nach einem Mentor gesucht, nach jemandem, der uns beibringen kann, wie man wirklich in Harmonie mit sich selbst lebt, wie man bedingungslose Liebe und vollkommene Hingabe lernen kann. Dabei sind wir von diesen Mentoren geradezu umzingelt. Wir nehmen sie nur nicht an. Es fällt uns schwer, zu akzeptieren, dass ein Grashalm mehr Weisheit und mehr Wissen über das Leben besitzt, als jeder spirituelle Meister, den es unter uns Menschen je geben kann. Egal, was wir auch immer mit einer Pflanze anstellen, sie liebt uns dennoch und sie wird weiter für uns Sauerstoff produzieren und unseren Planeten am Leben halten. Wie viel Leichtigkeit und Reichtum könnten wir selbst in unser Leben ziehen, wenn wir nur ein kleines bisschen von dem verstehen könnten, was dieses Lebewesen kann.

Vor einiger Zeit sind wir einmal auf einen Satz von einem Indianerhäuptling gestoßen, der mich sehr fasziniert hat. Anders als wir, sieht sich sein Stamm nicht als die Krönung der Schöpfung, sondern als kleinsten Teil von ihr. Sinngemäß lautete die Aussage folgendermaßen: „Wir Menschen sind die unwissendsten Wesen, die es auf dieser Welt gibt. Darum ist es unsere Aufgabe, alle anderen so gut es geht zu beobachten und von ihnen zu lernen, was das Leben ausmacht.“ Ist das nicht eine vollkommen andere und viel respektvollere Sichtweise auf unsere Welt, als zu sagen: „Macht euch die Erde untertan?“

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Als wir Cerknica erreichten versuchten wir zunächst noch einmal unsere alte Taktik und suchten wie in Italien nach dem Pfarrer. Aber auch hier hatten wir keinen Erfolg, und das obwohl ich von zwei netten Damen unterstützt wurde, die nur Slowenisch sprachen. Eine von ihnen konnte nicht mehr richtig sehen und daher meine Fragesätze nicht lesen. Ich musste sie also vorlesen, was ein ziemliches Kauderwelsch ergab und die alte Frau sichtlich amüsierte. Ein jüngerer Herr gab mir dann den Tipp, doch einmal zur Touristeninformation zu schauen, von dessen Existenz ich bis dahin noch nichts gewusst hatte. Zwei Straßen weiter fand ich dann das große I und die Tür darunter, die jedoch leider verschlossen war. Auf dem Schild daran stand, dass man sich an die Menschen wenden solle, die ihr Büro zwei Etagen höher hatten. Ich machte mich also auf die Suche, schlappte durchs ganze Haus und in jedes Büro, fand aber keinen einzigen lebenden Menschen. Einen toten zum Glück aber auch nicht. Gerade als ich schon aufgeben wollte, kam ein junger Mann ins Haus und öffnete die Tür des Touristenbüros.

„Sprechen Sie Englisch?“ fragte ich den einzigen Satz, den ich auf Slowenisch einigermaßen hinbrachte.

„Of Course!“ antwortete er – „Natürlich!“ und es klang als fand er meine Frage etwas unverschämt. So als würde man einen Bäcker fragen, ob seine Brötchen frisch sind.

Er bat mich herein und fragte, ob er mir helfen könne. Nachdem ich ihm unser Anliegen erklärt hatte, rief er zunächst beim Pfarrer an, der jedoch kein Interesse an Gästen hatte. Diese Schlafplatzquelle war damit nun also endgültig als unzuverlässig einzustufen. Dafür erwies sich der Touristeninformant jedoch als wahrer Engel. Mit einer Begeisterung für die Möglichkeit, sich nützlich zu machen, die wir seit Frankreich nicht mehr erlebt hatten, machte er sich ans Werk um uns auf eigene Faust eine Übernachtungsmöglichkeit aufzutreiben.

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„Keine Sorge!“ meinte er, „wir finden da schon was! Ich muss nur ein paar Telefonate führen. Wo wollt ihr denn als nächstes hin, damit ich euch nichts suche, das in der falschen Richtung liegt.“

Ich zeigte ihm unseren Weg auf der Karte und er schnappte sich den Höher. Es folgte ein slowenisches Gespräch das für mich auch marsianisch hätte sein können, doch am Ende verriet der fröhliche Gesichtsausdruck des Mannes, dass er Erfolg gehabt hatte.

„In 10 Minuten kommt der Besitzer der Touristenfarm Eko Knap und holt euch ab. Er wohnt am Rande des Ortes und freut sich über euren Besuch!“

Das wir kein Geld hatten war kein Problem. Es schien fast eine Ehrensache zu sein, uns aufzunehmen.

Als wir das Gästehaus der Familie Knap sahen, ärgerten wir uns fast ein bisschen, dass wir nicht vorher davon gewusst hatten. Denn es wäre der perfekte Ort für eine gemeinsame Woche mit Heikos Eltern gewesen. Wir bekamen ein kleines Apartment mit zwei Schlafzimmern, einer wirklich geschmackvoll eingerichteten Wohnküche, einem Balkon und natürlich einem Badezimmer. Es gab Internet und das Häuschen lag ruhig und mit einer schönen Aussicht.

Wir wurden schon von weitem Begrüßt, als wir den Hof betraten und sofort kam der Vater unseres Gastgebers auf uns zu, der den kleinen Biohof gemeinsam mit seiner Frau betreute. Er hatte Deutsch in der Schule gelernt und sprach noch immer sehr gut, so dass wir uns eine Weile unterhielten. Wir wurden auf einen Tee eingeladen, saßen gemeinsam in einem kleinen Gartenhaus und die Frau des Hauses machte uns sogar einige Omeletts. Jedenfalls hieß die Speise Omelett, die sie uns brachte, doch in Slowenien ist damit etwas ganz anderes gemeint, als bei uns. Tatsächlich waren es Pfannkuchen, die natürlich weder Mehl-, noch Milch-, noch Zuckerfrei waren. Es wurde also offensichtlich ein Sündentag, denn ablehnen konnten wir das Geschenk nicht. Dafür genossen wir es umso mehr.

Herr Knap erzählte uns, dass wir wettertechnisch dieses Jahr extremes Glück hatten, denn der strahlende Sonnenschein war hier nicht selbstverständlich.

„Im letzten Jahr,“ meinte er, „hat es hier nur drei Mal geregnet. Einmal von Januar bis Ende März. Dann von April bis September und dann noch einmal von September bis Dezember. Dazwischen war es jeweils drei Tage trocken.

Anders als in Italien, Portugal und Spanien gibt es in Slowenien nach seinen Angaben keine Wirtschaftskrise. Den Menschen ging es vor dem Eintritt in die EU nicht schlecht und daran hat sich auch nichts geändert. Auf unsere Frage, ob die EU etwas verbessert hatte, meinte er mit einem Grinsen: „Ja, es ist vieles besser geworden! Es weiß nur keiner was!“

Spruch des Tages:

I choose to life by choise and not by chance to be motivated, not manipulated to be usefull not used to make changes not excuses to excel not compet I choose selfesteem not selfpitty I choose to listen to my inner voice, not to the random opinions of others.

(Ich entscheide mich dafür, nach meinen Entscheidungen und nicht nach dem Zufall zu leben, motiviert zu sein und nicht manipuliert, nutzvoll zu sein und nicht benutzt zu werden, Veränderungen zu machen und keine Ausreden, herausragend zu sein aber kein Konkurrent Ich entscheide mich für Selbstachtung nicht für Selbstmitleid Ich entscheide mich dafür, auf meine innere Stimme zu hören und nicht auf die wechselnden Meinungen anderer)

 

Höhenmeter: 290

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 8577,77 km

Wetter: sonnig, leicht bewölkt

Etappenziel: Eko Knap, Hacetova ulica 16 1380 Cerknica Slowenien Mail: info@ekoknap.si

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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