Tag 533: Innerer Frieden oder äußere Harmonie?

von Heiko Gärtner
18.06.2015 01:15 Uhr

Die vergangene Nacht durften wir wieder bei einer privaten Familie verbringen, die uns am Abend eingeladen hatte. Eigentlich hatten wir uns nach einer unsanften Abfuhr vom Pfarrer bereits damit abgefunden, dass wir im Zelt schlafen würden und wollten nur noch ein Abendessen auftreiben. Zunächst schenkte uns die Familie etwas Brot und einige dazu passende Zutaten, sowie Zwiebeln und Gurken aus dem eigenen Garten. Dann fragten sie, ob wir nicht gleich zum Abendessen bleiben wollten und so setzen wir uns auf die Terrasse um einige gefüllte Paprika zu essen. Dabei lernten wir den Sohn kennen, der ein Jahr jünger war als ich und sehr gut Englisch sprach. Er war nun seit drei Jahren Arbeitslos und konnte hier einfach keinen Job finden, was vor allem seinen Vater dazu veranlasste, ihm permanent auf den Ohren zu liegen. Als wir von unserem Misserfolg beim Pfarrer erzählten bot er uns an, dass wir in einem Nachbarhaus schlafen konnten. Es wurde einmal von zwei alten Damen bewohnt, die jedoch vor sieben Jahren verstorben sind. Ihre Familie lebt irgendwo auf der Welt verteilt und deshalb wird das Haus nicht mehr benutzt. Außer von unseren Gastgebern, die einen Teil davon als Lagerräume verwenden. Diese konnten wir für die Nacht beziehen.

In der Früh wurden wir vom Plätschern des Starkregens geweckt, der uns dazu veranlasste, den Tag ganz gemütlich zu beginnen. Um 10:00Uhr wurde er etwas schwächer, bis dahin warteten wir mit dem Loswandern. Kurz darauf verwandelte er sich in ein seichtes Nieseln und hörte schließlich ganz auf. Den Rest des Tages war es bewölkt aber weitgehend trocken. Für die Besichtigung eines Pilgerziels also ideal.

In den letzten Nächten hatte ich stets das Problem, dass ich nicht richtig einschlafen konnte. Irgendetwas beschäftigte mich, wenngleich ich nicht genau sagen konnte was. Heute beim Wandern kamen wir darauf, dass es vielleicht etwas damit zu tun haben konnte, dass es nun fast ein Jahr her war, seit der erste Konflikt mit meinen Eltern ausgebrochen war, der zu unserem Kontaktabbruch geführt hatte. An meinem Geburtstag hatte ich das letzte Mal mit meiner Familie telefoniert. Danach folgten noch einige Mails und schließlich kam es zu der Auseinandersetzung, an dessen Ende ich beschlossen hatte, auf weiteren Kontakt zu verzichten.

Das Problem war, dass ich mich nach so langer Zeit kaum noch daran erinnern konnte, worum es bei unserem Streit eigentlich ging. Es kam mir irgendwie sinnlos vor und die ganze Sache fühlte sich einfach nicht gut an. Ich fühlte mich Schuldig, konnte aber nicht genau sagen, warum überhaupt. Am liebsten wäre es mir, wenn einfach wieder alles gut war.

Soweit meine Gedanken zu diesem Thema, die mir jedoch nicht weiterhalfen. Erst als Heiko mich nach Einzelheiten fragte, gelang es mir, etwas Klarheit zu gewinnen.

„Was müsste sich denn ändern, damit es sich besser anfühlt?“ fragte er und ich spürte, wie ich bereits bei dieser kleinen Frage ins Stocken geriet. Was sollte dieses, „alles ist Gut“ überhaupt bedeuten? Irgendwie wollte ich einen Frieden oder eine Harmonie wieder herstellen, ohne dass ich jedoch wusste, wie ich das anstellen wollte.

Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass es hier viel weniger um Frieden, als viel mehr um die gute alte Harmoniesucht ging. Ich konnte es nicht leiden, wenn jemand anderer Meinung war oder wenn jemand mit dem was ich tat oder war nicht einverstanden ist. Vor allem nicht, wenn es sich dabei um meine Eltern handelt. Da ich nicht mehr präsent hatte, warum ich damals den Kontakt abgebrochen hatte, blieb nun nur noch das ungute Gefühl übrig, dass ich durch meine Taten meine Eltern verletzt hatte und deshalb fühlte ich mich schuldig.

Doch warum hatte ich mich für diesen Weg entschieden?

Ich habe mich entschieden, die Ego-Verstrickungen zu beenden, in die wir uns immer tiefer verrannt haben. Ich habe mich dafür entschieden, meinen eigenen Weg zu gehen und nach meinem Gefühl zu handeln, anstatt das zu tun, was andere von mir erwarteten. Ich hatte mich für die Selbstliebe und gegen die Harmoniesucht entschieden. Es war nicht darum gegangen, meinen Eltern weh zu tun oder sie zu verletzen, sondern lediglich meiner eigenen inneren Stimme zu folgen, auch wenn dadurch die oberflächliche Harmonie zwischen uns zerstört wurde. Ich wollte nicht länger den Schein aufrecht erhalten, das wir einer Meinung waren, obwohl wir einander nicht einmal mehr verstehen konnten.

Die Entscheidung war also nicht nur sinnvoll, sondern auch wichtig gewesen und nun wo ich mich wieder daran erinnerte, spürte ich, dass ich sie heute wieder genauso treffen würde. Doch die fehlende Präsenz hatte irgendwann dazu geführt, dass mein Harmoniebedürfnis stärker wurde und dass die alten Glaubensmuster wieder durchkamen. Du darfst nichts tun, das einen anderen Verletzt. Nimm dich lieber zurück, als zu dir zu stehen!

Erst jetzt wurde mir wieder klar, dass ich überhaupt niemanden verletzen konnte. Ich hatte eine Entscheidung für mich getroffen. Wie ein anderer darauf reagierte war einzig und allein seine Entscheidung, auf die ich eh keinen Einfluss hatte. Zu verlangen, dass zwischen mit und meinen Eltern Frieden herrscht, dass sie meinen Lebensweg also für gut heißen und annehmen, ist vermessen und manipulativ, da es ihr Recht ist, die Dinge so zu sehen, wie sie es wollen. Es ist daher auch ihre Entscheidung, ob sie unter meiner Entscheidung leiden wollen oder nicht. Das kann ich nicht beeinflussen.

Doch wenn meine Entscheidung überhaupt kein Leid auslösen kann, warum fühle ich mich dann schuldig?

Die Antwort auf diese Frage dauerte noch ein bisschen länger, doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte die Harmonie in der Familie gebrochen und als guter Sohn gehörte es sich, dass ich mich deshalb schlecht fühle. Irgendwie steckt das Bild oder der Glaubenssatz in mir, dass ich traurig und betrübt sein muss, wenn ich den Kontakt zu meinen Eltern verliere. Doch das war nicht der Fall. Da war keine Trauer und da waren auch sonst keine unangenehmen Gefühle. Im Gegenteil, es fühlte sich sogar erleichtert und freier an, weil ich nun das Gefühl hatte wirklich meinen Weg gehen zu können. Doch irgendetwas hielt mich noch immer fest. Und ein wesentlicher Teil davon war, dass ich mich für meine fehlende Trauer selbst verurteilte. War ich wirklich so abgestumpft und kaltherzig, dass ich keinen Schmerz spürte? Ich kam mir falsch vor, weil ich von mir selbst erwartete, solche Gefühle haben zu müssen, die aber einfach nicht auftauchen wollten. Was war nur mit mir los? Irgendetwas stimmte doch nicht! Verurteilungsspiele nun mit mir selbst austrug. Es konnte doch nicht sein, dass es mich nicht traurig machte, wenn ich wusste, dass es meinen Eltern schlecht ging!

Doch genau hier liegt der Hund begraben. Es konnte sein und es war sogar vollkommen in Ordnung! An mir war überhaupt nichts falsch und ich war auch nicht gefühlskalt. Ich spürte nur tief in meinem inneren, dass ich einen richtigen und wichtigen Schritt gemacht hatte und auch wenn er Schmerzhaft war, fühlte er sich doch gut an. Für mich gab es keinen Grund zu trauern, denn ich hatte mich näher zu meinem Sein bewegt, ich hatte einen Sprung in eine Richtung geschafft, in die mich mein Herz schon immer gezogen hatte. Ich konnte nun frei sein und uneingeschränkt über mein Leben bestimmen. Warum also sollte ich deshalb traurig sein? Warum sollte es mir schlecht gehen? Gleichzeitig spürte ich auch, dass die Entscheidung auch für meine Eltern wichtig gewesen war, denn bislang hatte ich sie ebenfalls festgehalten und ihnen die Möglichkeit zu lernen verbaut. Dass dieses Lernen für sie mit Leid zu tun hatte und dass dadurch sogar eine Augenkrankheit bei meiner Mutter entstanden ist, hat mit ihrem eigenen Lebensweg zu tun und es ist ihre Entscheidung, wie sie damit umgehen wollen. Auch sie sind frei und können über ihre Leben in vollem Umfang bestimmen. Wenn sie trauern und leiden wollten, so war das in Ordnung und ihre Gefühle durften ebenso da sein wie meine eigenen.

Doch das wollte ich mir nicht zugestehen. Ich hatte eine Erwartungshaltung, wie meine Gefühle aussehen sollten und da diese nicht eintraf, verurteilte ich mich dafür. Ich fühlte mich schuldig, weil ich mich nicht schuldig fühlte, weil ich nicht litt und weil ich nicht trauerte. Ich glaubte, nicht das Recht zu haben, mich wohl fühlen zu dürfen mit einer Entscheidung, mit der sich andere nicht wohl fühlten.

Diese Verurteilung und diese Schuldgefühle in mir, führten jedoch dazu, dass ich mich in einen permanenten Zustand des inneren Unfriedens stürzte. Ich kämpfte gegen mich selbst. Wie aber sollte je wieder Frieden und Harmonie in mein Außen kommen, wenn ich keinen in mir trug? Das war unmöglich. Doch da ich diesen inneren Unfrieden, der mich vom Schlafen abhielt nicht erklären und auch nicht auflösen konnte, wollte ich im Außen nach einer Lösung suchen. Und hier sind wir dann wieder bei der Harmoniesucht. Da ich mich selbst nicht im Frieden mit mir befand und nicht verstehen konnte warum, wollte ich um jeden Preis eine Harmonie im Außen herstellen. Es sollte einfach alles wieder gut sein, auch wenn das bedeutete, dass ich dafür meinen Schritt rückgängig machen und mich für eine Entscheidung entschuldigen würde, die ich aus tiefster Überzeugung getroffen habe. Ich war also auf dem besten Wege alles wieder kaputt zu machen, was ich zuvor erreicht hatte. Denn die Harmonie im Außen hätte ohne die innere wieder nur eine oberflächliche sein können, die keinen Bestand hat. Es wäre kein echter Frieden geworden sondern nur ein Glätten der Wellen auf einer brodelnden See. Wenn ich wirklich Frieden erzeugen wollte, dann musste ich meinen inneren Frieden zurückfinden. Und dazu gehörte auch, dass ich meine eigenen Schuldgefühle mir selbst gegenüber losließ und meine Gefühlswelt so annahm, wie sie eben war, auch wenn sie mir vielleicht selbst etwas abstrakt erschien.

Ob es ein Zufall ist, dass diese Gedanken um inneren und äußeren Frieden gerade heute auftauchten, wo wir uns auf dem Weg nach Medjugorje befanden? Einem Platz, der für seinen Frieden berühmt war?

Kurze Zeit, nachdem mir dies klargeworden ist, schenkte mir mein Körper noch einmal eine Bestätigung dafür, dass ich gerade an einem wichtigen Punkt war. Bei einem steilen Berganstieg machte ich eine komische Bewegung und plötzlich spürte ich einen stechenden Schmerz in meinem Nacken. Irgendwie hatte ich mir wohl einen Nerv eingeklemmt. Seither kann ich meinen Kopf nur noch zu etwa einem Drittel nach links und Rechts bewegen, ohne dass es weh tut. Was will mir mein Rücken damit wohl sagen?

Ein Punkt ist sicher, dass mir meine eigene Starrköpfigkeit vor Augen geführt wird. Nicht nur der Rücken auch die Muskeln spiegeln mir durch ihre enormen Verspannungen bereits seit einer Weile, dass ich gerade nicht so flexibel und beweglich bin, sowohl im Physischen als auch im Geistigen. Auf der anderen Seite zeigt mir die Unfähigkeit meinen Kopf zu drehen wohl auch, dass ich nach vorne schauen und meine Richtung beibehalten soll. Ich war kurz davor, mir selbst das Genick zu brechen, nun kann ich spüren, wohin mich das geführt hätte.

Je mehr wir uns Medjugorje näherten, desto mehr wuchs der Verkehr an. Die kleine Straße, der wir bereits seit dem Morgen gefolgt waren, wurde nun zu einer unerträglich lauten Hauptstraße. Unter die Autos mischten sich nun auch immer mehr Touristenbusse und am Straßenrand tauchten die ersten Hotels und Souvenirläden auf. Wann immer uns ein Mensch von Medjugorje erzählt hatte, hatte er uns diesen Ort als einen Ort des Friedens beschrieben, an dem man innere Harmonie finden konnte. Diese Straße wirkte jedoch eher so, als fände man hier das Gegenteil. Ob man wohl erst durch den „Krieg“ im Sinne eines Verkehrsterrors musste, damit man dann den Frieden im Kern der Stadt auch richtig wahrnehmen konnte? Die Hauptstraße zog sich fort bis ins Zentrum von Medjugorje. Immer mehr Touristenläden tauchten auf und man konnte sich allein mit den vielen Rosenkränzen ein komplettes Haus bauen. Mit Inneneinrichtung und Veranda. Dazwischen reihten sich die Hotels aneinander vor deren Eingängen unzählige Reisebusse parkten. Wie sollte man hier inneren Frieden finden? Wie sollte man den in diesem Trubel spüren, ob der Ort eine besondere Energie hatte oder nicht? Als wir den Kirchenvorplatz erreichten, der sogar noch unspektakulärer wirkte, als die Kirche in Sinj, waren wir bereits so enttäuscht, dass wir unsicher waren, ob wir hier überhaupt bleiben wollten. Vor allem Heiko hatte die Schnauze voll und wünschte sich einen ruhigen Platz, an dem so etwas wie Frieden überhaupt möglich war. Langsam begannen wir uns zu fragen, ob solche Wundererscheinungen für die Orte an denen sie geschahen nicht immer gleich auch ein Fluch waren.

„Bitte lassen sie ihre persönlichen Gegenstände nicht unbeaufsichtigt!“

Dies war die Aufschrift auf dem Schild, das die Besucher auf dem Kirchenvorplatz begrüßte. Gestohlen wurde hier also auch noch. Das konnte ja heiter werden.

Wir setzten Heiko und die Wagen an einem Platz neben einem Blumenbeet ab und ich eilte einem Mönch hinterher, der in einer weißen Kutte hinter einem Kirchengebäude verschwand.

„Es tut mir leid!“ sagte er, nachdem ich ihm unser Projekt erklärt hatte, „Ich würde euch wirklich gerne aufnehmen, aber ich weiß, dass das in meine Gemeinschaft einfach nicht möglich ist. Es würde nur einen Haufen Ärger geben und am Ende hättet ihr nichts davon. Frag am besten einmal in der Touristeninformation, die müssten dir weiterhelfen können. Ich werde auf jeden Fall für euch beten, damit ihr einen Platz bekommt. Vertraut mir, Maria wird sich um euch kümmern!“

Zunächst schien sich Maria damit aber noch nicht allzu große Mühe zu geben, denn die Damen in der Touristeninformation erwiesen sich als nicht besonders hilfreich. Medjugorje hatte tatsächlich keinerlei Infrastrukturen für Pilger. Es war ein Wallfahrtsort, also ein Ort in den man fuhr und nicht wanderte. Vor einiger Zeit hatte es für Pilger einmal ein Zelt gegeben, doch das hatte man abmontiert. Warum wussten sie nicht. Die einzige Möglichkeit, die sie sich vorstellen konnten war das sogenannte Castle, eine Art Herberge für Mönche, Pfarrer und andere Kirchenleute. Dort solle ich es einmal versuchen. Ich bat um eine Karte von Medjugorje, doch alles was sie hatten war eine kleine Skizze, auf der gerade einmal die vier großen Hauptstraßen eingezeichnet waren. Soviel also zum Thema TouristenINFORMATION.

Im gegenüberliegenden Gebäude befand sich das Pfarrbüro. Dieses wurde jedoch nicht vom Pfarrer sondern von einer jungen Frau betreut, die im Prinzip die gleiche Funktion hatte wie die Damen aus dem Touristenbüro gegenüber. Nur dass sie noch weniger Informationen hatte. Der Pfarrer war ab 18:00 Uhr für Touristen zu sprechen. Das war alles, was ich hier erfuhr.

Fortsetzung folgt...

 

Spruch des Tages: Man kann einen anderen Glauben sehr respektieren und gleichzeitig klar zu seinen eigenen Wurzeln stehen. (Arthur George Weidenfeld)

 

Höhenmeter: 310m

Tagesetappe: 29 km

Gesamtstrecke: 9624,77 km

Wetter: bewölkt, in der Früh Regen, später schwül aber trocken

Etappenziel: Malteserhaus, Međugorje, Bosnien und Herzegowina

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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