Tag 587: Smalltalk

von Heiko Gärtner
12.08.2015 19:21 Uhr

Paulina hatte sich für heute eigentlich vorgenommen, zwei Stunden lang an eigenen Tagesberichten zu schreiben. Sie wollte euch erzählen, wie es kam, dass sie aufgebrochen war, wie ihre Reise nach Sarajevo verlaufen war und wie sie die ersten Tage bei uns so wahrgenommen hatte. Nach etwas mehr als zwei Stunden in ihrem Zelt hatte sie aber gerade einmal eine viertel Seite geschrieben, mit der sie auch noch tierisch unzufrieden war. Als Heiko sich den Text von ihr durchlas, verlor er zunächst wieder einmal jede Hoffnung, dass es überhaupt eine gemeinsame, schöpferische Zukunft gab.

„Das ist alles?!“ fragte er fassungslos „Zwei Stunden Arbeit und mehr ist nicht dabei herausgekommen? Wie stellst du dir das vor? Aber das schlimmste ist, dass du auch in diesen drei Zeilen nichts geschrieben hast. Hier sind Worte, aber kein Inhalt. Du sagst nicht das geringste über dich! Du schreibst eine Geschichte über irgendjemanden, der mit dir nichts zu tun hat.“

Ich saß ungefähr zwei Meter von Paulinas Zelt entfernt, als ich das Gespräch mit anhörte und musste dabei unwillkürlich an meine eigenen Anfänge zurück denken. Wie oft hatten Heiko und ich genau die gleiche Diskussion gehabt. Und sofort wurde mir klar, warum Paulina nicht schreiben konnte. Es ging nicht darum, dass sie nichts zu erzählen hatte oder dass die Worte nicht nur so aus ihr heraussprudeln würden, wenn sie sie ließe. Es ging darum, dass sie Angst hatte. Sie hatte Angst davor, über sich selbst zu schreiben und dabei Dinge zu offenbaren, die sie sich nicht einmal selbst eingestehen konnte. Doch genau das war es, was ihr in den Fingern brannte. Wenn sie von ihrer Reise schreiben wollte, dann musste sie ehrlich sein und auch sich selbst offenbaren. Doch das konnte sie nicht. Ihr Gedanke war nicht „Was möchte ich heute schreiben?“ sondern: „Was glaube ich, dass andere von mir lesen möchten, damit sie es interessant finden mich aber trotzdem noch mögen?“

Und genau dieser Gedankengang blockierte sie ohne Ende. Er war es auch der mich immer blockiert hatte. Am Anfang unserer Reise hatte ich ebenfalls eine immense Angst davor, was meine Freunde und meine Familie dachten, wenn sie meine Berichte lasen. Es dauerte lange, bis es mir egal wurde und erst dann konnte ich mich auch öffnen. Ich versuchte Paulina diesen Zusammenhang zu erklären und sagte dann: „Dass was Heiko gerade wütend gemacht hat, war ja nicht die Tatsache, dass du nichts zu Papier gebracht hast oder dass dein Text nicht gut ist. Er war wütend, weil du mit deiner eigenen Leistung selbst unzufrieden bist, weil du deinen Text für schlecht hältst, aber aus Scham versuchst ihn als etwas großartiges zu verkaufen. Du hast immer das Gefühl, dass du ganz allein durch alles durch musst. Deshalb liegst du in deinem Zelt und versuchst dich selbst zur Kreativität zu prügeln. Du merkst, dass es nicht klappt und versuchst dich noch mehr zu zwingen. Dann vergehen zwei Stunden in denen nichts passiert und das sieht für einen Außenstehenden natürlich komisch aus. Wir wissen ja nicht, was in deinem Kopf los ist sondern nur das, was wir sehen und was wir zuvor verabredet haben. Der Deal, den du selbst aufgestellt hast war, dass du dir zwei Stunden Zeit nehmen willst um mindestens zwei Seiten an Bericht zu schreiben. Und verglichen damit ist das Ergebnis natürlich recht enttäuschend. Das siehst du ja selber auch so. Aber du wusstest ja schon nach ein paar Minuten, dass es so enden würde. Da hättest du dann eigentlich schon einen cut machen und mit uns reden können: ‚Ich weiß nicht warum, aber ich komme einfach nicht weiter! Könnt ihr mir vielleicht helfen?‘ Das machen wir doch gerne! Vor allem, wenn das Problem eigentlich so einfach ist. Du versuchst ein riesiges Konstrukt zu erstellen, von dem du dann schreiben willst, das du aber selbst gar nicht verstehst. Du glaubst, dass du deinen Lesern auf einen Schlag alle Informationen liefern musst, aber das musst du doch gar nicht. Es weiß ja eh jeder, dass du hier bist. Fang doch einfach mit dem an, was dich gerade wirklich beschäftigt, jetzt in dieser Sekunde: ‚Ich liege gerade hier in meinem Zelt und möchte euch eigentlich erzählen, warum ich hier bin, aber ich weiß gerade nicht wo ich anfangen soll. Es gibt so viele Dinge, die mir im Kopf herumgeistern, die ich selbst noch nicht verstehe und von denen ich glaube, dass ich sie erklären muss. Vielleicht ist das ja der Grund warum ich hier bin, dass ich eines Tages die Antworten habe, die mir jetzt alle noch fehlen. Es gibt so viel, das mich beschäftigt, aber ich habe auch Angst darüber zu schreiben, weil…‘ und so weiter. Du weißt ja selbst viel besser, was in dir vor geht.“

„Danke!“ sagte Paulina, „das ist wirklich hilfreich! Damit kann ich etwas anfangen. Du hast recht, ich habe die ganze Zeit viel zu kompliziert gedacht. Auf die Idee bin ich nicht gekommen. Ich glaube, ich setze mich gleich noch einmal dran.“

Doch daraus wurde nichts, denn erst einmal wurden wir zum Duschen gerufen und dann musste gekocht und gegessen werden. Nach dem Abendessen herrschte auf der Terrasse unserer Gastgeber wieder ein heilloses Durcheinander. Paulina hatte zwar versucht, eine Struktur zu entwickeln und ihre Sachen zusammenzuhalten, doch dadurch schien alles nur noch schlimmer zu werden. Ein bisschen wie bei mir damals in Spanien.

Während ich versuchte eine neue Wegstrecke im Internet rauszusuchen las Heiko einen Text vor, den er über die vergangenen Tage geschrieben hatte und in dem er von seinen Gefühlen, Gedanken und Beobachtungen mit und über Paulina erzählte. Am Anfang hörte Paulina aufmerksam zu, doch dann fiel ihr ein, dass sie ja auch noch ins Internet wollte, um ihren Eltern zu schreiben. Also verschwand sie um ihren Computer zu holen und ließ Heiko mitten in seiner Lesung sitzen. Kaum war sie zurückgekehrt, kam unsere Gastgeberin und bot Paulina an, die Küche zu nutzen um das Geschirr abzuspülen. Damit war sie dann endgültig verschwunden.

Da das Internet nicht besonders gut funktionierte und zu langsam war um die Google-Karten zu laden, gab ich es auf und zog mich mit Heiko in unser Zelt zurück. Eigentlich hatten wir gedacht, noch einmal mit Paulina sprechen zu können, doch die war vom Haus unserer Gastgeber verschluckt worden. Es dauerte fast zwei Stunden, bis sie wieder herauskam.

„Das hat wirklich gut getan!“ sagte sie, als sie unser Zelt erreicht hatte, „Endlich wieder einmal ein Gespräch mit einer anderen Frau.“

Heiko und ich waren nicht so gut drauf. Wir konnten zwar nachvollziehen, dass das Gespräch ihre Stimmung gehoben und ihr auf eine gewisse Weise geholfen hatte, fühlten uns auf der anderen Seite aber auch ein bisschen hintergangen. Vor dem Essen hatte Paulina noch erklärt, was sie alles machen wollte, um ihren Beitrag zur Gruppe zu leisten und kaum kam die erste Gelegenheit um sich abzulenken, war schon alles wieder vergessen. Natürlich war das Gespräch mit der Mutter nett gewesen, doch es war ein reines Smalltalk-Gespräch geblieben. Es war nicht darum gegangen, dass sich Paulina mitteilen und sich ihre Gefühle von der Seele reden wollte und sie wollte auch nichts von den Gefühlen, den Problemen oder den Lebensthemen der anderen Frau hören. Und genau das ist es, was Smalltalk zu einer so gefährlichen Sache macht. Natürlich ist es nett, aber es kostet Zeit, Kraft und Energie und bringt uns nicht weiter. Erst vor kurzem habe ich mit meiner Schwester eine längere Diskussion zu diesem Thema geführt und versucht, den Unterschied zwischen einer Herzenskommunikation und Smalltalk zu erklären. Ich glaube ich war damit nur so halbwegs Erfolgreich, deshalb versuche ich es hier noch einmal ein bisschen konkreter.

Tamarak, ein indianischer Mentor von Heiko, der in Nordamerika an der Grenze zu Kanada lebt, bezeichnete Smalltalk immer gerne als „Verbalen Dünnschiss“ Es ist nichts tragisches und man stirbt daran genauso wenig wie am Durchfall, aber es laugt einen aus. Wie kam der Mann zu dieser Ansicht?

In den indianischen Traditionen ist es ebenso wie bei allen Pflanzen und Tieren Brauch, stets ein Wahrheitssprecher zu sein. Das bedeutet, es wird stets zu jeder Zeit genau das gesagt, was man denkt und fühlt. Auch Kinder beherrschen das noch relativ gut, doch im Laufe unseres Lebens bekommen wir immer mehr beigebracht, unsere wahren Gedanken und Gefühle zu verbergen. Nicht nur vor anderen, sondern auch vor uns selbst. Wir glauben, dass wir eine gewisse Nähe zu einer anderen Person brauchen, um wirklich ehrlich sein zu können, doch sobald diese Nähe besteht, haben wir auch schon wieder Angst, sie durch eine ungeschickte Aussage wieder zu verlieren. Dadurch sind wir eigentlich niemals ehrlich. Entweder wir glauben, dass unsere Gefühle „zu privat“ oder „zu intim“ sind um sie mitzuteilen oder aber wir haben Angst, den anderen zu überfordern, zu verletzen oder zu verärgern, wenn wir offen sprechen. Daher halten wir unsere Gespräche ganz bewusst an der Oberfläche, so dass wir nichts über uns selbst preisgeben müssen und auch nichts über den anderen erfahren können, das vielleicht auch in uns wieder Gefühle auslösen könnte. Auf diese Weise glauben wir, uns vor Verletzungen zu schützen. Es bedeutet jedoch auch, dass wir zwar Kontakte aber keine wirklichen Verbindungen zu anderen Menschen aufnehmen. Denn das Ziel von Smalltalk ist anders als bei einer Herzenskommunikation nicht, ein tiefes Verständnis herzustellen, sondern genau dieses zu verhindert. Wir reden nicht, um etwas von uns zu erzählen, sondern um von uns abzulenken. Es ist wie in Paulinas Text. Die Frage lautet nicht: „Was brennt mir auf der Seele, so dass ich es jetzt in diesem Augenblick teilen möchte“, sondern „was kann ich erzählen, damit mich der andere für einen netten und/oder tollen Menschen hält und mir entweder Liebe, Wertschätzung oder Anerkennung gibt?“

Es gibt natürlich einige Ausnahmen. So kann ein Smalltalk-Gespräch hin uns wieder ein guter Einstieg in eine echte Gefühlsunterhaltung sein. Man kann es sozusagen als Eisbrecher verwenden, um dann weiter in die Tiefe zu gehen. Oft ist aber eher das Gegenteil der Fall. Sobald wir das Gefühl haben, dass eine Unterhaltung zu tief wird, schwenken wir lieber wieder auf ein Oberflächenthema um, das keinerlei Brisanz hat.

Und genau darum ging es auch in Paulinas Fall. Durch die Gespräche zuvor waren unglaublich viele Gefühle in ihr aufgekommen, die alle gehört werden wollten. Da es ihr jedoch schwer viel, diese Gefühle anzunehmen und zuzulassen, versuchte sie, sich davon abzulenken und da kam ihr die Einladung der jungen Frau gerade recht. Sie selbst erzählte fast nichts, sondern genoss es, der Frau zuzuhören, denn auf diese Weise gerieten ihre eigenen Gefühle in den Hintergrund. Das fühlte sich in diesem Moment natürlich besser an, denn viele der Gefühle waren unangenehm und sie nicht mehr zu spüren machte es leichter. Doch es löste das Problem nicht. Es war ein bisschen, wie das Kratzen bei einem Mückenstich. In dem Moment, in dem man kratzt, hört das Jucken auf, da die Nervenbahnen die Schmerzimpulse des Kratzens schneller ins Gehirn leiten als den Juckreiz. Das Jucken wird also verdrängt, ist nicht mehr spürbar und wir fühlen uns besser. Doch der Mückenstich ist noch da und wird durch das Kratzen sogar noch größer und intensiver. Genauso war es auch mit den Gefühlen. Durch das Gespräch wurde Paulina davon abgelenkt. Solange sie in der Küche stand vergaß sie, dass sie sich noch immer unsicher war, was sie wollte und wie unser Zusammenleben aussehen sollte. Sie vergaß, dass sie vor hatte, ihre eigene Kreativität in Form von Berichten beizutragen. Doch als das Gespräch vorbei war, waren all diese Gedanken und Gefühle wieder da. Es war sogar noch etwas schlimmer geworden, weil Heiko uns ich uns in der Zwischenzeit viele Gedanken gemacht hatten und wieder einmal das Gefühl bekamen, dass es egal war, was wir taten, weil eh nichts etwas änderte.

Hierin lag eine weitere Gefahr des Smalltalks. Wenn wir nicht reden, wenn wir in Stille für uns sind, dann werden unsere Gefühle spürbar. Auf diese Weise waren Heikos und meine Gefühle uns immer präsenter geworden, während Paulina ihre durch das Gespräch ausgeschaltet hatte. Das ist der Grund, warum wir die Floskelgespräche so lieben. Wir ertragen die Stille nicht, weil wir dann uns selbst hören. Also beginnen wir zu plappern oder suchen uns jemanden, der uns durch sein Geplapper ablenkt. Doch am Ende stehen wir wieder am Anfang. Wir haben viel Zeit investiert, haben Energie verbraucht und haben nichts gewonnen. Auf diese Weise können wir über Jahre hinweg mit Menschen Kontakt halten, ohne je etwas über sie zu erfahren. Fragt euch einmal ganz ehrlich, wie viel ihr über eure Freunde, Verwandte und Bekannte wirklich wisst? Kennt ihr ihre Wünsche, Träume, Sehnsüchte? Wisst ihr, was wirklich in ihnen los ist? Und wie viel wissen sie über euch? Kennen sie euer wahres Ich oder kennen sie nur ein Bild, das ihr nach außen tragt?

Es dauerte nicht lange, bis die Gefühle zu Paulina zurückkehrten, die sie zuvor mit sich herumgetragen hatte und ihr wurde Bewusst, dass sie tatsächlich noch keinen Schritt weiter war. Gerade hatte sie sich noch darüber gefreut, dass ich ihr einen Schreibanstoß gegeben hatte und nun wurde ihr bewusst, dass es keine Zeit mehr gab, ihn umzusetzen. wieder standen wir vor der Frage, ob es überhaupt Sinn machte, dass wir gemeinsam reisten. Doch dieses Mal ging sie in erster Linie von Paulina aus.

„Glaubst du, dass du es schaffst?“ fragte Heiko.

„Ich will es schaffen!“ antwortete Paulina.

„Das weiß ich!“ sagte er, „aber das war nicht meine Frage. Glaubst du an dich selbst? Sei ganz ehrlich zu dir! Glaubst du an deine Talente, daran dass du dich wandeln kannst, dass du wieder deinen göttlichen Körper annehmen, deine Ängste und Blockaden auflösen kannst? Traust du dir das zu?“

„Ja?“ sagte sie so zaghaft, dass es eher wie eine Frage klang.

„Das war nicht besonders authentisch!“ bemerkte Heiko. Um ganz sicher zu gehen testete er ihre Muskeln. Sie hatte keine Kraft.

„Warum traust du dir selbst so wenig zu?“ fragte er. „Du hast doch echt einiges drauf, aber du glaubst nicht an dich. Und das macht es uns natürlich umso schwieriger, dass wir an dich glauben können. Ich denke, dass es vielleicht wichtig ist, dass du dir die Frage heute Nacht einmal stellst und schaust, was dazu kommt.“

Spruch des Tages: Sohn, wenn du nichts zu sagen hast, dann schweig! (Tamarak)

 

Höhenmeter: 570 m

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 10.337,27 km

Wetter: sonnig und heiß

Etappenziel: Zeltplatz auf einer Wiese, Gornja Bela Reka, Serbien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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