Tag 592: Der Kummer mit den Sorgen – Teil 1

von Heiko Gärtner
17.08.2015 22:23 Uhr

„Wo ist eigentlich meine Trinkflasche?“ fragte Heiko in der Früh, als wir fast all unsere Sachen zusammengepackt hatten. Wir schauten uns um, aber keiner konnte sie finden. Sie war wie vom Erdboden verschluckt.

„Hast du sie vielleicht liegen gelassen, als du gestern Wasser geholt hast?“ fragte Heiko an Paulina gewandt. Sie konnte sich nicht erinnern, doch sofort kam das beängstigende Gefühl in ihr auf, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Sie packte den Rest ihrer Sachen so schnell sie konnte und ging dann noch einmal zurück zu der Familie, von der sie Wasser bekommen hatte. Aufgrund meines Fastentages am Vortag hatte Paulina zum ersten Mal ganz alleine eine Runde gedreht um nach Essen und Wasser zu fragen. Dabei war sie gleich bei der ersten Familie hängen geblieben, denn diese wollte ihr kein Essen mitgeben, sondern sie zum Essen dabehalten. Das passierte hier sehr oft und wenn man nicht vor hatte, wirklich den ganzen Nachmittag dort zu verbringen, dann musste man sehr deutlich und nachdrücklich „Nein!“ sagen. Doch Paulina brachte es nicht übers Herz, den freundlichen Opa abzuweisen und so war sie für gut eine Stunde verschwunden. Später war sie dann noch einmal zurückgegangen um Wasser zu holen. Die ganze Situation war also verwirrend genug gewesen, um sich vorstellen zu können, dass dabei eine Flasche liegen geblieben war. Doch als Paulina zurückkehrte hatte sie Heikos Flasche nicht in der Hand. Die Frau hatte sie nicht richtig verstanden und vermutet, das Paulina noch einmal Wasser wollte. Doch als Paulina sich daraufhin selbst umschaute konnte sie nirgends eine Flasche finden. Entweder die Frau hatte sie weggeräumt und stellte sich nun ganz bewusst dumm, oder aber die Flasche war nicht hier. Wenn sie aber nicht bei der Familie war, dann musste sie bei uns sein.

War es möglich, dass sie noch im Zelt lag? Ich hatte es eigentlich ausgeräumt und danach hatte Heiko es zusammengerollt, ohne eine Flasche zu bemerken. Trotzdem schauten wir noch einmal nach und tatsächlich, dort war sie. Paulina war also die einzige gewesen, die mit ihrem Verschwinden nichts zu tun gehabt hatte und der es auch nicht auffallen konnte.

Unser Weg führte uns weiter durch die traumhafte Berglandschaft, bis wir an eine Hauptstraße und ein kleines Dorf kamen, das sich dahinter befand. Hier sollte es sowohl einen Pfarrer als auch ein Hotel geben, so dass wir die Hoffnung hatten, endlich wieder einmal in einem Haus übernachten zu können. Doch Pfarrer scheinen in Serbien wirklich keine gute Adresse zu sein. Die Kirche war winzig und hatte tatsächlich keine Nebengebäude, in denen wir hätten übernachten können. Außerdem war die Villa des Pfarrers mit einem großen eisernen Tor versperrt an dem es keine Klingel gab. Das Hotel hingegen war eine private Pension, die jedoch bereits seit längerem geschlossen war. Die ehemalige Betreiberin, die noch immer in dem Haus lebte, konnte uns also nicht aufnehmen, versorgte uns aber immerhin mit einer Tüte Gemüse aus ihrem Garten.

Zum Zelten mussten wir dann den Ort wieder verlassen und versuchten dabei so gut wie möglich von der Straße abzugehen, um es einigermaßen ruhig zu haben.

Als wir am Abend bei Sonnenuntergang vor unseren Zelten saßen, über die weiten grünen Wiesen blickten und unser Abendessen genossen, bekam Paulina eine SMS von ihrer Mutter. Sie machte sich Sorgen, dass Paulina den Strapazen der Reise nicht standhalten würde und war dadurch selbst so geschafft, dass sie sogar mit Herzproblemen ins Krankenhaus musste. Wie sich herausstellte, war es zwar nichts lebensbedrohliches, aber Paulina war dennoch stark beunruhigt. War es ihre Schuld, dass es ihrer Mutter schlecht ging? War sie wohlmöglich für die Herzprobleme verantwortlich? Denn immerhin machte sich ihre Mutter ja ihretwegen Sorgen. Hätte sie sich also einen anderen Lebensweg ausgesucht, dann würde es ihrer Mutter jetzt vielleicht besser gehen. Oder etwa nicht?

Am nächsten Morgen fühlte sich Paulina sonderbar energielos. Sie war durch die Berge auch in den letzten Tagen immer wieder sehr erschöpft gewesen, aber heute war es anders. Sie fühlte sich nicht wie ein Motor, der an seine Leistungsgrenze kam, sondern wie ein Akku, das vollkommen ausgesaugt worden war. Was war los?

Das Thema mit ihrer Mutter beschäftigte sie die ganze Nacht und war auch jetzt noch akut. Sie wusste nicht warum, denn eigentlich waren die Worte ihrer Mutter ja ganz nett und auch ganz aufmunternd gewesen. Immerhin ging es ihr wieder besser und sie wünschte Paulina alles gute. Doch das änderte nichts daran, dass sich Paulina trotzdem unbewusst schuldig fühlte. Sie machte ihrer Mutter Kummer und Sorgen und das wollte sie nicht. Doch um diese Schuldgefühle loszuwerden, musste sie die Situation wirklich verstehen und die Zusammenhänge erkennen.

Zunächst einmal muss man wissen, dass es so etwas wie Schuld überhaupt nicht gibt. Es ist eine Erfindung von uns Menschen, auf der wir gerne herumreiten, weil wir uns besser fühlen, wenn wir die Verantwortung für unser Leben nicht selbst übernehmen müssen. Oftmals wissen wir nicht, dass wir die Schöpfer unserer eigenen Welt sind und wenn wir es wissen, dann wollen wir es meist nicht wahr haben. Denn wenn wir diesen Gedanken wirklich annehmen, dann wird und bewusst, dass wir alles, das uns je in unserem Leben widerfahren ist, selbst angezogen haben. Unsere Gedanken, unsere Ideen, Ängste, Hoffnungen, Gefühle, Vorstellungen, Träume und Wünsche sind für das Verantwortlich, was uns dann in der Wirklichkeit, also dem Bereich des Lebens in dem sich die Wirkung zeigt, manifestiert. Das ganze ist ein großes Thema auf das wir auch noch einmal genauer eingehen, damit es richtig verständlich wird, aber im Grunde bedeutet es, dass wir nur deshalb „Opfer“ eines Gewalttäters, eines Betrügers oder sonst eines „Täters“ werden können, weil wir uns als Opfer fühlen und den Täter damit anziehen. Es gibt also keine Schuld sondern nur Aktion und Reaktion also zwei Wirkungsmechanismen, die sich gegenseitig beeinflussen. Wenn beispielsweise eine leichte Erdplatten-Verschiebung ein Erdbeben im Meer auslöst, durch das dann wiederum eine Flutwelle entsteht, dann ist die Erdplatte an der Welle ja nicht schuld. Es sind einfach verschiedene geometrische Vorgänge, die unterschiedliche Wirkungen haben. Nichts anderes ist es auch im Reich der Menschen. Paulina hat kein Einfluss auf das Leben ihrer Mutter und kann daher nicht an irgendetwas Schuld sein, das ihr widerfährt. Paulinas Mutter kann nur aus eigenem Antrieb bewusst oder unbewusst auf Paulinas Verhalten reagieren und sich damit selbst entweder mehr Gesundheit oder mehr Krankheit schenken. Paulina kann also durch ihre eigenen Entscheidungen etwas bei ihren Eltern auslösen, sie kann es jedoch nicht verursachen. Wenn ein Steinbock auf einem verschneiten Berghang entlang läuft, dann kann es sein, dass er dadurch eine Lawine auslöst. Er kann diese Lawine jedoch nicht verursachen, da er keinen Einfluss auf die Beschaffenheit des Schnees hat. Wenn der Schnee extrem locker liegt, dann kann er so vorsichtig sein wie er will. Es reicht aus, wenn er auch nur schief schaut oder wenn er etwas zu laut hustet. Ist die Schneedecke jedoch fest, dann kann er umherspringen wie ein Verrückter und es wird einfach keine Lawine geben.

Doch es gibt noch mehr, dass es zu verstehen gilt. Denn der Kernpunkt liegt im Thema Sorge.

Auch wenn wir uns bei Sorgen meist auf einen anderen Menschen oder eine Sache beziehen und deshalb sagen: „Ich mache mit deinetwegen Sorgen“, haben Sorgen grundsätzlich niemals mit jemand anderem zu tun, als mit uns selbst. Wir haben keine Angst um eine andere Person, sondern übertragen die Ängste, die wir für uns selbst haben auf den anderen. Wäre das nicht so, dann müssten die Sorgen, die wir uns machen, direkt mit einer konkreten Gefahr in Zusammenhang stehen und bei allen Menschen gleich sein. So gehen Paulina, Heiko und ich alle den gleichen Weg und sind damit alle den gleichen Gefahren ausgesetzt. Heikos Mutter macht sich jedoch meist Sorgen darüber, ob wir ausreichend zu Essen haben, während die größte Sorge meiner Mutter war, dass wir durch die Reise den Kontakt zueinander verlieren könnten. Die Sorge von Paulinas Mutter ist nun, dass ihre Tochter den Herausforderungen nicht gewachsen ist und dass sie an der Reise selbst scheitern könnte. Wie kommt das? Heikos Mutter hat, wie ihr ja wisst, als Kind einige Situationen erlebt, in denen sie fast verhungert wäre, so dass sich die Angst vor dem Verhungern tief in sie hineingebrannt hat. Sie hat jedoch keine Bedenken, dass ihr Sohn nicht wissen könnte, was er da tut und als wir vor drei Jahren bei einem Projekt blind die Zugspitze hinauf gewandert sind, hat sie am Abend nicht einmal eine SMS geschrieben um zu fragen ob wir den Tripp gut überstanden haben. Sie wusste es einfach und machte sich daher auch keine Gedanken. Meine Mutter hingegen wurde als Kind von ihrer eigenen Mutter verlassen und hat seither keinen Kontakt mehr zu ihr. In ihr hat sich daher die Angst eingebrannt, dass jeder Mensch, den sie liebt einfach eines Tages verschwindet und nie wieder Kontakt mit ihr haben will. Das ich bei der Reise sterben könnte oder dass mir etwas zustößt war hingegen kaum präsent in ihren Gedanken. Bei Paulina sieht die Sache wieder etwas anders aus, da auch ihre Mutter ihre eigenen Lebensthemen hat. Dazu gehört unter anderem die Angst, nicht selbstständig überleben zu können und großen Herausforderungen nicht gewachsen zu sein.

So hat fast jeder Mensch seit seiner frühsten Kindheit bestimmte Ängste aufgebaut, mit denen er selbst nicht gut umgehen kann und von denen er glaubt, dass sie auch für andere gelten müssen. Ein Mensch der Höhenangst hat, wird sich immer Sorgen um einen geliebten Menschen machen, der oben auf einem Baum sitzt oder an einem Abhang steht. Selbst dann, wenn dieser dreifach redundant gesichert ist und wenn unten ein Trampolin steht, das ihn sicher auffängt. Ein Mensch, der sein Leben lang mit Höhen zu tun hatte und sich auf dem Dach eines zwanzigstöckigen Wolkenkratzers wie zuhause fühlt, wenn er auf der Dachrinne balanciert und dabei mit fünf Bällen jongliert, der wird höchstens Bedenken haben, ob ein anderer für eine ähnliche Sache richtig vorbereitet und gesichert ist. Hat er jedoch Angst vor Spinnen, so wird er sich Sorgen machen, wenn sein Sohn plant, ein Praktikum als Zoologe in einer Spinnenfarm zum machen.

Fortsetzung folgt ....

 

Spruch des Tages: Jede Sorge ist ein Fluch, der, wenn man ihn für wahr hält, genau das eintreffen lässt, das man eigentlich verhindern möchte.

 

Höhenmeter: 120 m

Tagesetappe: 10 km

Gesamtstrecke: 10.388,27 km

Wetter: sonnig und heiß, später bewölkt mit Regenschauern

Etappenziel: Zeltplatz auf einem Feld, Pribojska Banja, Serbien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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