Tag 593: Der Kummer mit den Sorgen – Teil 2

von Heiko Gärtner
17.08.2015 22:35 Uhr

Fortsetzung von Tag 592:

Als Kinder können wir also nichts daran ändern, wann und worüber sich unsere Eltern sorgen machen, denn die Ängste entspringen ihrem eigenen Leben und nicht dem unseren. Es ist das gleiche Prinzip, das man bereits als kleines Kind oft genug kennenlernt: „Kind, mir ist kalt! Setz dir eine Mütze auf und mach deine Jacke zu!“ Ob das Kind friert oder nicht ist vollkommen egal. Es kann sogar sein, dass es bereits kurz davor ist, einen Hitzkoller zu bekommen und trotzdem muss es auf die Angst der Mutter reagieren. Ein alter Freund von Heiko erzählte einmal, dass sich seine Mutter Sorgen machte, ob er auch in der Lage sei, die richtigen Krawatten auszuwählen, wenn er seinem Dienst im Finanzamt nachging. Es ist also unmöglich, ein Leben so zu führen, dass sich die Eltern nicht um einen sorgen.

Und es ist auch nicht sinnvoll. Denn zum einen würde es bedeuten, dass man seine eigenen Träume und seinen eigenen Lebensweg aufgibt, um sich für jemand anderen zu verbiegen. Dies aber führt dazu, dass man unzufrieden, unglücklich und schließlich krank wird. Keine Mutter und kein Vater aber wünscht sich, dass seine Kinder krank werden, also kann es auch nicht ihr Wunsch sein, dass die Kinder ihren Weg nicht gehen. Zum zweiten aber nimmt man als Kind, das seinen Eltern die Sorgen ersparen will, diesen die Möglichkeit ihre Ängste aufzulösen. Denn man ist ja nicht umsonst genau in diese Familie hineingeboren worden. Als Kind ist man immer auch ein Spiegel für die Lebensthemen der Eltern und hat damit auch den Auftrag, ihnen ihre Ängste sichtbar zu machen und sie ihnen vor Augen zu führen. So gab es in Heikos Beziehung zu seinen Eltern viele schwierige Phasen und viele Momente in denen es ordentlich krachte, doch gerade weil Heiko seinen Weg ging, konnten auch seine Eltern viele von ihren Lebensthemen auflösen die sie nie auch nur erkannt hätten, wenn er versucht hätte, stets ein braves Hascherl zu sein. Ähnlich ist es auch in meiner Familie, nur dass wir gerade noch an einem der Krisenpunkte sind, sodass ich nicht weiß, was ich durch meine Entscheidungen alles ausgelöst habe. Gleichzeitig muss man jedoch verstehen, dass eine Sorge zwangsläufig genau das anziehen muss, was sie befürchtet. Ihr kennt sicher alle diese Situationen, in denen jemand rennt, dann die Stimme eines besorgten Menschen hört, der „Vorsicht!“ ruft und im nächsten Moment auf der Nase liegt. Hätte sich niemand Sorgen gemacht, dann wäre auch nichts passiert. Im Fall meiner Familie war es so, dass meine Mutter durch ihre Angst verlassen zu werden unbewusst alles daran setzte, dass diese Angst auch eintreffen musste. Bewusst war es ihr zwar immer wichtig, dass ich selbstständig werde und meinen eigenen Weg gehe, unbewusst konnte sie mich jedoch nie gehen lassen und klammerte sich an mir fest, so dass ich kaum Luft zum atmen hatte. Diese Angst war es, die schließlich dazu führte, dass ich ausbrechen musste und dass es dabei zu so einem Krach kam, dass wir nun wirklich keinen Kontakt mehr haben. Hätte sie nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, sondern immer gewusst, dass wir eine untrennbare Verbindung haben, wäre es kein Problem gewesen, dass ich mein Selbst annehmen und meinen Weg gehen wollte.

Bei Paulina ist die Situation noch einmal etwas anders. Zumindest auf die eine, hier beschriebene Sorge bezogen, denn es gibt ja immer mehrere Sorgen und Ängste, die gleichzeitig parallel laufen und die sich gegenseitig bedingen. Bleiben wir jedoch erst einmal bei der Angst, mit den Strapazen der Reise überfordert zu sein. Auch diese Sorge hat ein großes Potential, dass sie sich selbst bestätigt, jedoch nur dann, wenn Paulina sie auch annimmt. Sorgen sind ein bisschen wie Flüche. Sie funktionieren dann, wenn derjenige, den sie betreffen, sie für wahr hält und wenn er sich damit identifiziert. Ein Läufer, der seiner selbst absolut sicher ist, kann sturzfrei über jede noch so schwierige Huckelpiste laufen, egal wie viele besorgte Menschen auch an der Seite stehen und „Vorsicht!“ rufen. Trägt er die Angst vor dem Sturz jedoch ebenfalls in sich, dann wird er durch die Sorgen der anderen daran erinnert und es kommt zum schmerzvollen Gleichgewichtsverlust. Doch genau in diesem Dilemma steckte Paulina gerade. Sie hatte sich selbst betreffend die gleichen Ängste wie ihre Mutter. Auch sie zweifelte, dass sie es schaffen könnte und ihre eigene Angst ging daher automatisch mit der ihrer Mutter in Resonanz. Die Angst „Was ist, wenn ich es körperlich nicht schaffe“ multiplizierte sich mit der Sorge der Mutter „Kind, ich habe Angst, dass dich die Strapazen überfordern“ und führte so zu einem augenblicklichen Energietief das Paulina fast vollkommen ausknockte. Gleichzeitig ging sie dann auch noch mit der Schuld in Resonanz, die ihre Mutter ihr zuspielte. Paulinas Mutter wollte ihr natürlich keine Schuld zuweisen, doch unbewusst steckte dieser Zuspruch in der Sichtweise „Die Sorgen, die ich mir deinetwegen mache, machen mich krank“ mit drin. Dass Paulinas Mutter dieses Gefühl hatte spielte an sich keine Rolle für Paulina, denn ihre Mutter konnte ja denken und fühlen was sie wollte. Kritisch wurde es nur deshalb, weil Paulina die Schuldgefühle übernahm und sich selbst für den Gesundheitszustand ihrer Mutter verurteilte. Dieses Zusammenspiel aus den angenommenen Schuldgefühlen und Ängsten der Mutter, in Kombination mit ihrer eigenen Selbstverurteilung und ihrer eigenen Angst, sorgte dafür, dass Paulinas Lebensenergie-Akku an diesem Tag so ausgemergelt war wie ein dreißig Jahre alter Luftballon.

Spannend waren aber auch noch zwei weitere Dinge, die uns erst im Nachhinein aufgefallen sind. Das eine war, dass Paulina genau einen Tag vor der SMS den plötzlichen Impuls hatte, alles hinzuschmeißen, weil sie glaubte, den Herausforderungen nicht gewachsen zu sein. Es war fast wie eine Vorausahnung, dass Ihre Mutter in diesem Moment die gleichen Sorgen haben würde.

Noch spannender war jedoch der zweite Punkt. Bereits bei Paulinas Ankunft in Sarajevo waren Heiko die vielen Antlitzzeichen für Herzprobleme aufgefallen. Bislang hatte er geglaubt, dass es Zeichen dafür waren, dass Paulinas eigenes Herz Probleme hatte, weil sie so lange nicht darauf hören wollte. Das ist sicher auch ein Aspekt, doch es kam nun noch ein weiterer hinzu. Paulina hatte unbewusst auch die Herzprobleme ihrer Mutter übernommen, in der Hoffnung, dass sie sie dadurch entlasten könnte. Dies ist eine Sache, die viele Kinder gerne machen, wenn sie wahrnehmen, dass ihre Eltern Probleme haben. Als Kind sind wir vollkommen abhängig von unseren Eltern und glauben deshalb, dass wir sterben müssen, wenn unsere Eltern aus irgendeinem Grund nicht mehr für uns da sein können. Wenn wir nun etwas sehen, das das Leben unserer Eltern gefährdet, beispielsweise ein großes Lebensthema, eine Angst oder auch eine Krankheit, dann nehmen wir ihnen einen Teil dieser Last ab, um unser eigenes Überleben zu sichern. Wenn wir auch als Erwachsene noch das Gefühl haben, dass wir ohne unsere Eltern nicht überleben können, dann haben wir auch jetzt noch die Möglichkeit das gleiche zu tun. Und in Paulinas Fall war das offensichtlich auch geschehen.

„Ist das jetzt gut oder schlecht?“ fragte Paulina unsicher. „Und heißt das, dass ich jetzt wirklich Herzprobleme habe, oder nicht?“

„Wenn du sie wirklich übernommen hast,“ meinte Heiko, „dann hast du sie auch, was ja aber nicht heißt, dass du sie nicht wieder loswerden kannst, wenn du das Thema auflöst. Ob das gut oder schlecht ist, kann man nicht sagen. Es gibt ja kein gut oder schlecht. Es ist wie es ist. Es gab gute Gründe dafür. Du hast geglaubt, dass du deine Mutter beschützen und bemuttern musst, weil du ihr nicht zugetraut hast, selbst mit ihren Problemen fertig zu werden. Das ist eine ziemliche Ego-Handlung, aber das ist nichts außergewöhnliches. Die Sache ist natürlich, dass du deiner Mutter damit auch die Chance genommen hast, das Problem selbst zu lösen. Die Lebensthemen von anderen zu übernehmen ist ein bisschen wie wenn man die Hausaufgaben von jemand anderem macht. Auf eine gewisse weise hilft man ihm damit und vielleicht rettet man damit auch sein Leben, bzw. seine Versetzung. Aber er lernt dadurch natürlich nicht und kommt schließlich in ein höheres Level, auf das er nicht vorbereitet ist.“

Trotz der Energielosigkeit von Paulina kamen wir recht gut voran und erreichten am frühen Nachmittag unser Etappenziel. Wir schlugen unsere Zelte auf einem kleinen Hügel in einem Kiefernwäldchen auf und Paulina und ich machten uns auf die Nahrungssuche. Doch es war wie verhext. Aus irgendeinem Grund wollte uns heute niemand etwas geben. Paulina wurde sogar einmal von einem Grundstück vertrieben und ein anderes Mal regelrecht beschimpft. Was stimmte mit den Menschen in diesem Ort nicht? Warum waren sie so frustriert und so geizig? Paulina war kurz davor, die Sache in den Sand zu werfen und einfach frustriert aufzugeben. Es konnte doch nicht sein, dass die Menschen in allen anderen Orten so nett und hilfsbereit gewesen waren und dass hier nur Arschlöcher lebten.

Richtig! Das konnte nicht sein und es war auch nicht so. Früher, als ich alleine umhergezogen bin und dabei oft in meinen Themen verstrickt war, ohne mir dessen bewusst zu sein, war ich stets der Meinung gewesen, dass die Menschen, denen ich begegnet war, gemeine, fiese Drecksäue waren, die einen einfach verhungern ließen. Doch nun konnte ich die Sache einmal von außen betrachten und mir wurde klar, dass es einfach zu auffällig war um ein bloßer Zufall zu sein. Bis gestern Abend hatte sich Paulina nie Gedanken darüber gemacht, dass es vielleicht einmal nicht klappen könnte, doch heute spukten ununterbrochen die Worte ihrer Mutter in ihrem Kopf herum: „Ich hoffe du kommst zurecht mit den Strapazen auf dem Weg!“ Plötzlich war es keine Reise durch ein Paradies der Fülle mehr, es war ein strapaziöser, harter und karger Weg voller Entbehrungen. Und genau diese Sorgen und Gedanken, die sie ununterbrochen nach außen sendete, mussten ihr nun zurückgespiegelt werden. Die Menschen konnten gar nicht anders, als uns abzulehnen. Es gab nur drei Familien, die uns etwas gaben, bei rund zwanzig, die wir fragten. Die ersten beiden besuchte ich alleine, während sich Paulina jeweils in der anderen Hälfte des Ortes aufhielt. Die dritte schenkte schließlich Paulina eine Kleinigkeit, genau in dem Moment, in dem sie bereits jede Hoffnung verloren hatte. Es war wie eine Art Symbol, das ihr sagen sollte: „Es ist zwar hart, aber nicht unmöglich!“ Krass fand ich dabei, dass mir der Mechanismus die ganze Zeit bewusst war, dass ich aber trotzdem nichts dagegen tun konnte. Auch Paulina sagte später, dass in ihr mehrfach das Gefühl aufgekommen war, dass es vielleicht nicht an den Menschen sondern an ihr lag, doch allein das zu wissen, änderte die Situation nicht.

Als ich später am Abend noch einmal in den Ort zurückkehrte um Wasser zu holen, war alles wieder beim alten. Ich kam an das Haus eines älteren Pärchens, das mich nicht nur mit Wasser sondern gleich auch mit reichlich Essen versorgte. Die drei Enkel und ihre fünf Freunde ständen dabei um mich herum und wollten mich anschließend unbedingt zu unserem Zelt begleiten. Sie hatten in ihrem Leben noch nie jemanden gesehen, der wirklich in einem Zelt übernachtete und wiederholten auf dem ganzen Weg immer wieder begeistert das Wort „Šator“ also Zelt. Ein kurzer Blick genügte ihnen, dann hörten sie im Hintergrund den Vater eines der Jungen schreien und liefen schnell wieder zurück. Auch Paulina hatte in der Zwischenzeit besuch bekommen. Drei Mädchen aus dem Ort standen um ihre Kochstelle herum und erzählten, dass sie davon träumten ebenfalls die Welt zu bereisen. Doch umsetzen würden sie es nie, da waren sie sich sicher. Später kamen sie dann noch einmal mit einem Beutel Gemüse vorbei. Deutlicher hätte es kaum sein können. Paulina hatte das Gefühl „Das Leben muss ein harter Kampf sein!“ für den Moment wieder loslassen können. Uns schon kam alles ganz von alleine.

Nachdem es dunkel geworden war setzte sich Paulina noch einmal für eine Stunde an einen Baum und machte einen Sitzplatz. Heiko gab ihr eine Frage mit auf den Weg: „Was kann ich tun damit sich meine Mutter nicht sorgt, was ich aber in vollkommener Liebe tun kann, ohne mich zu verbiegen oder aufzuopfern?“ Denn es hilft niemandem, wenn man etwas verspricht, das man dann aber nicht mit Freude tun kann. Außerdem sollte sie sich fragen, was ihr eigenen Ängste sind und welche Kernängste hinter den Sorgen ihrer Mutter stecken. Denn auf diese weise konnte sie beide, sich selbst und ihre Mutter besser verstehen und damit vielleicht auch die Situation entspannen.

Spruch des Tages: Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach).

 

Höhenmeter: 110 m

Tagesetappe: 32 km

Gesamtstrecke: 10.420,27 km

Wetter: sonnig und heiß, später bewölkt mit Regenschauern und Gewitterwolken

Etappenziel: Zeltplatz auf einer Obstwiese, kurz hinter Prijepolje, Serbien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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