Tag 631: Ohne dass es jemand merkt

von Heiko Gärtner
30.09.2015 00:55 Uhr

 Fortsetzung von Tag 630:

Doch eine Seife, die man zu stark festhält wird einem aus der Hand flutschen. Liebe funktioniert nur dann, wenn sie bedingungslos ist. Sonst ist es keine Liebe, sondern allenfalls Anerkennung. Wenn Eltern ihre Kinder nur dann lieben, wenn diese sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, dann ist das keine Liebe. Es ist eine Handelsbeziehung in der die Wertschätzung der Eltern gegen den Gehorsam der Kinder getauscht wird. Doch auf diese Weise kann man nicht ins Glück gehen. Wir können nur dann ein erfülltes Leben leben, wenn wir uns aus freiem Herzen für das entscheiden, was unsere Seele aus ihrem tiefsten inneren heraus sein will. Jeder andere Weg, führt unweigerlich ins Unglück. Kein Mensch, der seinen Beruf aufgrund des Wunsches seiner Eltern ausübt und nicht, weil sein eigenes Herz ihn dazu bewogen hat, kann in diesem Beruf zufrieden werden. Niemand, der einen Lebenstraum für einen Partner aufgibt, wird je wieder in seiner Beziehung glücklich. Denn in diesen Fällen entscheidet man sich gegen seine eigene Herzensstimme für etwas, das ein anderer von einem will. Ein Künstler, der auf die Bühne geht, weil er von seinem Publikum geliebt werden will, wird nie ein großer Künstler sein. Es kann seine Kunst nur dann wirklich leben, wenn ihm die anderen egal sind und er nur auf sich selbst hört. Nur, wenn wir frei nach unserem eigenen Herzen leben, ohne dass wir uns etwas aus der Meinung der anderen machen, können wir unseren Weg wirklich finden. Und genau das war Paulinas Problem: „Ich will meinen Weg gehen, aber nur, wenn alle damit einverstanden sind!“

Doch jeder, der Paulina bislang kannte, hatte bereits ein festes Bild von ihr im Kopf. Es war das Bild, das sie all die Jahre nach außen getragen und der Welt präsentiert hatte. Mit diesem Bild waren alle Menschen, die ihr wichtig waren, einverstanden. Es war vielleicht nicht perfekt und es führte sicher nicht dazu, dass es Paulina damit gut ging, aber es wurde akzeptiert. Wenn sie sich nun aber in einen Wandlungsprozess begeben wollte, dann würde sich dieses Bild verändern. Nicht nur ihr Geist und ihre Seele würden sich wandeln, sondern auch ihre Einstellungen, ihre Interessen, ihre Fähigkeiten und ihr Körper. Sie wäre plötzlich in der Lage, Grenzen zu setzen, die sie zuvor nicht setzen konnte und damit war sie nicht mehr die nette, liebe Paulina, die sich alles gefallen ließ. Sie könnte plötzlich Entscheidungen treffen, die sie zuvor nicht treffen konnte und wäre damit ein selbstständiger, vollmündiger Mensch und kein kleines Kind mehr, das man manipulieren konnte. Und sie hätte plötzlich ihren göttlichen Körper mit der Figur und der reinen, straffen Haut, der für sie bestimmt war. Sie würde also aus dem gesellschaftlichen Rahmen dessen fallen, was wir als normal und unauffällig betrachten. Die Frage war jedoch, ob sie mit diesen Veränderungen noch immer genauso gemocht wurde, wie jetzt? Was war, wenn das nicht der Fall war? Die Angst vor der Reaktion ihrer Bezugspersonen war so groß, dass sie einen Beschluss fasste. Einen Beschluss, von dem mir jetzt klar wird, dass ich ihn ebenfalls vor vielen Jahren einmal gefasst habe und der bei mir genau wie bei Paulina jede Form der Entwicklung für lange Zeit verhindert hat. Der Beschluss lautete in etwa folgendermaßen: „Ich will mich entwickeln und auf meinem Lebensweg vorankommen, doch niemand darf diese Schritte bemerken. Für die, die mich kennen, muss ich stets der oder die Alte bleiben, denn etwas anderes würden sie nicht verstehen.“

Bei mir führte das dazu, dass ich immer, wenn ich etwas neues Lernen wollte so weit wie möglich von meinem Zuhause fortging. Ich suchte mir unbewusst einen Studienplatz in Mönchengladbach, machte meine Ausbildung zum Erlebnispädagogen in Freiburg, zog später nach Neumarkt und verließ dann sogar ganz das Land um mich auf meine Entwicklungsreise zu begeben. Selbst so einfache Schritte wie Vegetarier werden konnte ich erst umsetzen, als ich drei Monate in Serbien war. Und um aufzuhören ein Vegetarier zu sein, musste ich nach Neumarkt ziehen. Doch egal wie weit ich auch weg ging, irgendwann kam immer der Zeitpunkt, an dem ich wieder nach Hause zurückkehrte. Und jedes Mal spürte ich, wie alles, was ich in der Ferne gelernt hatte wieder verschwand. Meist dauerte es nicht länger als ein paar Tage und schon stand ich wieder da, wo ich angefangen hatte. Und auch in der Ferne gab es stets die Gefahr, dass etwas nach Hause durchsickern konnte. Mit Heiko drehte ich mehrere Fernsehdokumentationen, von denen ich wusste, dass auch meine Eltern sie sehen würden. Allein der Gedanke daran reichte aus, dass ich nicht mehr ich sein konnte und mich ganz automatisch verstellte. Das Ergebnis war, dass ich jedes Mal vollkommen unauthentisch wirkte und mir selbst nicht erklären konnte, woran das lag. Spannend bei der ganzen Sache war jedoch, dass es in beide Richtungen funktionierte. Ich verbot mir selbst, sowohl im Negativen, als auch im Positiven von dem Bild abzuweichen, von dem ich glaubte, dass meine Eltern es von mir hatten.

Paulina versuchte es nun mit der gleichen Strategie und auch bei ihr waren keine Ausschläge in die eine oder in die andere Richtung erlaubt. Auf der einen Seite konnte sie keine Schwächen zugeben und auch wenn sie bewusst ja dazu gesagt hatte, zerriss es sie fast bei dem Gedanken, dass ich auch diese Seiten von ihr im Blog beschrieb. Auf der anderen Seite erlaubte sie es sich aber auch nicht, ihre Lebensthemen aufzulösen, so dass eine Veränderung ins Positive stattfinden konnte. Denn auch mit einem zu attraktiven Körper und zu großer geistiger, seelischer und körperlicher Gesundheit riskierte sie ja, dass man sie vielleicht nicht mehr mochte. So lange also die Meinung der anderen eine Rolle spielte, war es unmöglich, wirkliche Fortschritte zu machen.

Dies war das Resümee, das wir an jenem Nachmittag vor dem großen Traktor zogen. In diesem Moment wurde Paulina zum ersten Mal bewusst, dass sie sich nicht für einen Mittelweg entscheiden konnte. Entweder, sie entschied sich für ihr eigenes Leben mit allen Konsequenzen, die diese Entscheidung auch mit sich bringen mochte, oder sie entschied sich dagegen und versuchte weiterhin so gut es ging, es allen anderen alles recht zu machen.

Doch die Notwendigkeit dieser Entscheidung verstanden zu haben, führte nicht dazu, dass sie auch bereit war, die Entscheidung wirklich zu treffen. Sie wusste, dass es notwendig war, doch die Angst vor den möglichen Folgen war zu groß. Und zwar in beide Richtungen. Auf der einen Seite stand die Gefahr, die Anerkennung aus der Heimat und vielleicht sogar jeden Kontakt dorthin zu verlieren und auf der anderen Seite war die Gewissheit, nie wirklich glücklich werden zu können, weil sie sich selbst verleugnete. Beides waren Konsequenzen die sie nicht tragen wollte und so entschied sie sich für einen dritten Weg: Sie stellte sich tot.

Um das zu verstehen, müssen wir noch einmal einen Schritt zurück gehen und uns die Hintergründe genauer anschauen. Vor vielen Jahren geriet Paulina einmal in eine Situation, in der sie große Angst bekam und die sie selbst als traumatisch wahrnahm. Damals hatte sie erkannt, dass es zwei Möglichkeiten gab, dieser Situation zu entkommen. Entweder Flucht oder Angriff. In beiden Fällen hätte sie jedoch ihre Deckung aufgeben und sich zeigen müssen und somit hätten beide Wege unkalkulierbare Konsequenzen nach sich gezogen, die Paulina auf jeden Fall vermeiden wollte. Die einzige Möglichkeit, diesen Konsequenzen aus dem Weg zu gehen war es, einfach still und regungslos zu verharren, bis die Situation von selbst vorüberging. Damals hatte dieser Plan hervorragend funktioniert, zumindest, wenn man einmal davon absieht, dass sie dadurch die Zeit, in der sie im Zustand der Angst und der Panik bleiben musste, so lange wie möglich ausgedehnt hatte. Dennoch hat ihr Unterbewusstsein diese Strategie als hilfreich abgespeichert und ruft sie bis heute jedes Mal wieder ab, wenn Paulina in eine ähnlich diffizile Situation gerät. Es ist übrigens keine Strategie, die Paulina erfunden hat und die sie allein für sich beansprucht. Es ist die gleiche Strategie, die wir als Kinder häufig von unseren Eltern oder Lehrern beigebracht bekommen, wenn wir auf dem Schulhof von älteren oder stärkeren Schülern gehänselt werden: „Ignoriere das einfach! Die hören dann von ganz alleine wieder auf!“

Auf die eine Art stimmt das natürlich und ich muss zugeben, dass Paulina bei uns mit dieser Strategie wirklich gute Erfolge erzielt hat. Sie bestätigte, dass sie verstanden hatte, dass diese Entscheidung wichtig war und erwähnte die Angelegenheit dann mit keinem Wort mehr. So vergingen mehrere Tage und wir vergaßen völlig, dass die Entscheidung noch immer nicht getroffen war. Doch durch das Ignorieren verschwand natürlich das Problem nicht. Anstelle des Kernthemas tauchten nun andere Streitthemen auf, die auch ihre Wichtigkeit hatten, die aber in Grunde nichts weiter als Stellvertreterkriege waren. Es ging um die Esssucht, um die Strukturiertheit, um den Beitrag zur Gruppe und um vieles mehr. Aber das wisst ihr ja bereits, denn ihr habt die Berichte ja schon gelesen. Wir vergaßen dabei, dass es eigentlich noch immer um die Kernfrage ging, spürten aber trotzdem, dass der Druck immer größer wurde. Die Streitigkeiten wurden stets heftiger und alles drängte darauf hin, dass irgendetwas geschehen musste. Die Frage war nur: was?

Gleichzeitig blieb uns nicht verborgen, dass auch der Druck von außen größer wurde. Einige Nächte später wurden wir nicht mehr von Jugendlichen sondern von ausgewachsenen Männern mit Autos belästigt, die genauso betrunken waren, wie die Kids zuvor. Wohin sollte uns das alles denn jetzt noch führen?

Und damit kommen wir wieder zurück zu dem Punkt am Morgen des 13.08.

Ich hatte gerade unseren völlig verrußten Kocher in Cola gebadet und gründlich gereinigt. Ich weiß, das hat jetzt nichts mit dem Thema zu tun, aber wusstet ihr, dass die Phosphorsäure in der Cola so aggressiv ist, dass man damit die hartnäckigen Rußpartikel-Verkrustungen auflösen kann, die in Benzinkochern gerne die Düsen verstopfen. Wenn man das so beobachtet, kommt man nicht auf die Idee, dass es sinnvoll sein könnte, das Zeug wirklich zu trinken, aber zum Putzen eignet es sich ganz hervorragend. Das aber nur nebenbei.

Beim Frühstück kamen wir dann wieder auf das Thema des Beitragens. Seit Paulinas Ankunft war nun fast ein Monat vergangen und langsam wurde es Zeit, dass sie sich klar darüber wurde, was ihr Platz in unserer Gruppe war. Jedenfalls waren Heiko und ich der Meinung, dass es dafür langsam Zeit wurde. Paulina sah das etwas anders. Auf der einen Seite verstand sie nicht, warum wir uns beschwerten, denn sie war ja täglich dabei, sich mit verschiedenen Themen auseinanderzusetzen und sie hatte seit ihrer Ankunft bereits mehrere eigene Projekte begonnen. So schrieb sie regelmäßig an einem Text über Orientierung per GPS-System, informierte sich über Zucker, recherchierte zum Thema Heilströmen, schrieb an eigenen Themen und wollte sich um die Illustration unseres Buches über die Übungen zur Gruppendynamik kümmern. Sie war also immer dabei, an irgendetwas zu arbeiten und wenn es keine Texte waren, dann kümmerte sie sich ums Essen oder um andere lebensnotwendige Dinge. Und doch kam sie mit nichts davon wirklich voran. Das Essen war ohne jede Frage zehnmal besser als zu den Zeiten, in denen wir alleine gekocht haben und es war einfach der Wahnsinn, was sie aus nichts zaubern konnte. Doch sie brauchte täglich bis zu drei Stunden dafür und so fielen viele andere Dinge hinten runter, die sie eigentlich auch gerne erledigen wollte. So kam es, dass sie in dem ganzen Monat noch nicht eine Sache fertiggestellt hatte, die man für den Blog oder für ein Buch verwenden konnte. Dies ärgerte in erster Linie sie selbst, denn es erweckte in ihr den Eindruck, nutzlos zu sein und zu unserem gemeinsamen Projekt nichts beitragen zu können. Auf der anderen Seite waren aber auch Heiko und ich unzufrieden mit dieser Situation, da wir uns durch Paulina auch im Bereich des Erschaffens eine Erleichterung erhofft hatten. Mein Gedanke war es gewesen, dass sie zumindest immer mal wieder einen Tagesbericht übernahm, so dass ich mich mit anderen Themen befassen konnte. Heiko hatte sich vor allem auf Grafiken und Layouts für Bücher und für die Homepage gefreut, durch die Paulina unsere Ideen und Erklärungen noch einmal bildhaft veranschaulichen konnte. Gleichzeitig gab es natürlich auch viele Themen, die für Paulina selbst wichtig waren, um überhaupt einmal ein Grundverständnis von dem zu bekommen, was wir hier eigentlich machten. Denn in dem Jahr seit ihrem ersten Besuch war viel passiert, sowohl bei ihr als auch bei uns. Wir hatten in dieser Zeit in zwei verschiedenen Welten gelebt und um harmonisch zusammenleben und uns gegenseitig verstehen zu können, mussten wir uns ja irgendwie wieder annähern. Doch vieles von dem, was Paulina sich vorgenommen hatte, viel stets am Ende eines Tages hinunter. Offensichtlich aus einem akuten Mangel an Stunden, die so ein Tag hatte. Nicht, dass mir dieses Problem nicht bekannt wäre! Ich konnte mich sehr gut in Paulina hineinversetzen und kannte das Gefühl, nur einen winzigen Bruchteil von dem zu schaffen, was man eigentlich schaffen wollte.

Auf der einen Seite hatte man das Gefühl, ständig mehr als 150% zu geben, sich kaum noch eine Pause gönnen zu dürfen und sich stets zu überarbeiten. Nicht einmal in den Pausen konnte man richtig abschalten, weil man die ganze Zeit im Hinterkopf hatte, was noch alles erledigt werden wollte. Auf der anderen Seite hatte man aber auch stets das Gefühl, nicht genug zu tun und war daher permanent unzufrieden mit sich selbst. Der Berg an Arbeit, der vor einem Lag, war stets größer als das, was man leisten konnte. Daher fühlte sich Paulina auch stets unter Druck gesetzt, wenn wir sie nach Ergebnissen fragten. Sie selbst machte sich Vorwürfe, dass es keine gab, wusste aber nicht, was sie noch mehr tun sollte, um das zu verändern. Denn sie spürte deutlich, dass sie bereits jetzt am Limit war.

Fortsetzung folgt ...

 

Spruch des Tages: Eine Seife, die man zu sehr festhält, flutscht einem davon.

Höhenmeter: 70 m

Tagesetappe: 36 km

Gesamtstrecke: 11.144,27 km

Wetter: bewölkt und regnerisch

Etappenziel: Zeltplatz neben einem Feld, in der Nähe von Tenovo, Mazedonien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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