Tag 642: Wieder alleine – Teil 2

 Fortsetzung von Tag 641:

Wir haben die kollektive Meinung, dass es wichtig ist, einem Menschen eine Arbeit abzunehmen, die er offensichtlich noch nicht kann. Diesen Akt der Bevormundung nennen wir dann Hilfe. Aber helfen wir einem Menschen damit wirklich?

Bei meinem Zivildienst in einer Schule für geistig- und mehrfachbehinderte habe ich mich mit dieser Frage sehr viel beschäftigt. Wir neigen dazu, Menschen, die in irgendeinem Bereich offensichtliche Schwächen haben, zu bemuttern und zu umsorgen, so dass sie die Schwächen selbst nicht merken. Das war nicht die Philosophie der Schule, denn es ging dabei ja gerade um die Förderung der Kinder, doch viele Lehrer und Erzieher ertappten sich genau wie wir Zivis oft selbst dabei, dass wir den Schülern die Arbeit abnahmen. Spannend an den Kindern war, dass sie genau wussten, wie sie mit uns umzugehen hatten, damit sie sich das Leben so leicht wie möglich gestalten konnten. Oft hatte man das Gefühl, dass die Schüler die Pädagogen weit mehr im Griff hatten als andersherum. Wie kam das?

Wenn ein Kind beispielsweise nicht in der Lage war, sich selbst die Schuhe zu binden, dann wurde ihm diese Arbeit von einem der Betreuer abgenommen. Dies hatte zur Folge, dass viele Schüler deutlich mehr Probleme mit dem Schuhe binden vorspielten, als sie eigentlich hatten. Im laufe der 9 Monate, die ich in der Schule verbrachte, wurde mir bewusst, dass viele der Schüler bei weitem nicht so behindert waren, wie sie taten. Ich erinnere mich beispielsweise noch gut an ein kleines Mädchen, das so gut wie überhaupt nicht sprechen konnte und auch nur wenige motorische Fähigkeiten besaß. Sie liebte es, sich in den Pausen irgendwo auf dem Schulhof zu verstecken und dann anschließend den Unterricht zu schwänzen. Immer wenn ich Pausenaufsicht hatte, war es meine Aufgabe, sie zu suchen und zurück in ihre Klasse zu bringen. Nach einiger Zeit freundeten wir uns ein bisschen an und sie baute immer mehr Vertrauen zu mir auf. Dann, eines Tages, als wir gemeinsam durch den Pausenhof gingen, begann sie plötzlich zu erzählen. Nicht wie sonst in einzelnen Worten und Satzfragmenten, sondern in Form einer kompletten, zusammenhängenden und grammatikalisch komplett korrekten Geschichte. Wenige Tage später saßen wir gemeinsam im Singkreis. Es war Freitag Mittag und da war es Tradition, dass sich die Klassen immer in der Sporthalle zusammensetzten um gemeinsam Kinderlieder zu singen. Meistens wurden die Lieder dabei mit verschiedenen Gesten und Bewegungen begleitet, die die Kinder einstudieren mussten. Das kleine Mädchen klatschte dabei meist nur unkoordiniert in die Hände und wippte mit dem Oberkörper, so als hätte sie nicht den Hauch einer Ahnung, worum es eigentlich ging. An diesem Tag jedoch, begann der Lehrer, der die Lieder mit der Gitarre begleitete, bereits damit, die ersten Akkorde eines Liedes zu spielen, während er noch etwas erzählte. Es war mehr ein unbewusstes klimpern, das er selbst kaum mitbekommen hatte. Doch das Mädchen erkannte bereits an diesem unbewussten Geklimper, was es für ein Lied werden würde. Sie schaute sich um, um sicher zu stellen, dass niemand auf sie achtete und machte präzise alle Bewegungen in der exakten Reihenfolge, die zu dem Lied passten. Dann wurde das Lied wirklich gespielt und alle Kinder stimmten mit ein. Damit verlor die Kleine das Interesse und tat so, als könne sie nicht einmal ihre Handflächen richtig aufeinander bringen, wenn sie zu Klatschen versuchte.

Derartige Tricks gab es am laufenden Band und sie machten deutlich, dass fast jeder in dieser Schule mehr konnte, als er zugab. Doch kaum jemand hatte die Motivation, es auch anzuwenden, weil er besser damit durch kam, wenn er sich dumm stellte.

Den gleichen Mechanismus, den die Kinder hier anwendeten, nutzen auch viele andere Menschen und halten sich so aus Bequemlichkeit selbst vom Lernen ab. Ich selbst brauchte lange, bis ich mich aus dieser selbstgewählten Unselbständigkeit befreien konnte und in vielen Bereichen hänge ich noch immer mitten drin. Als Paulina nun zu uns kam, hatte auch sie diesem Mechanismus noch als eine Art Automatikmodus in sich und versuchte daher die Verantwortung für ihr Leben und ihr Hiersein an uns abzugeben. Damit waren wir aber nicht mehr einverstanden, weil wir gerade dabei waren, unser eigenes Helfersyndrom abzulegen und so kam es natürlich zwangsläufig immer wieder zu Auseinandersetzungen. Paulina wusste, dass sie in vielen Bereichen unselbständig war und dass sie vieles nicht konnte und das nervte sie tierisch an. Gleichzeitig spürte sie aber auch keine Absicht, etwas daran zu verändern, denn sie war es ja gewohnt, dass man ihr die Probleme abnahm, wenn sie selbst sie nicht lösen konnte. Unsere Gesellschaft war nun einmal so aufgebaut.

Doch genau darin lag das Problem. Denn um lernen zu können brauchte es vor allem zwei Dinge. erstens, die Notwendigkeit, so dass man das Lernen auch als Sinnhaft erachten konnte und zweitens die Bereitschaft dazu, sich selbst als Schüler zu betrachten.

Ein Beispiel. Fast jeder Mensch in Deutschland lernt heute in der Schule mehrere Jahre lang Englisch, doch viele können am Ende nicht besser sprechen als ein neugeborener Muttersprachler. Das liegt vor allem daran, dass die meisten keinen Grund sehen, warum sie diese Sprache überhaupt lernen sollten, denn man nutzt sie ja eh nicht. Verbringt man jedoch nur wenige Wochen in einem englischsprachigen Land fallen einem plötzlich alle Grundkenntnisse aus der Schule wieder ein und man lernt plötzlich innerhalb weniger Tage mehr, als in allen vorherigen Jahren zusammen. Vorausgesetzt jedoch, man kann dazu stehen, dass die eigenen Sprachkenntnisse zu Beginn der Reise mehr als nur miserabel waren und dass man ein Sprachtraining dringend nötig hat. Hält man sich selbst bereits für ein Sprachgenie, dem niemand mehr etwas vormachen kann, wird man auf seinem lächerlichen Stand stehen bleiben, weil man sich dem Lernen ganz bewusst verweigert.

Genau hier lag der Hase begraben. Zum einen erkannte Paulina in vielen Fällen noch nicht die Notwendigkeit. Sie hatte keine Absicht, was man vor allem in den Situationen merkte, in denen es auf Messers Schneide stand, ob wir gemeinsam weiter ziehen würden oder nicht. Es war ihr nicht bewusst, dass es eine Situation geben konnte, aus der ihr niemand mehr heraushelfen würde. Zum anderen hasste sie es, dass sie unselbstständig war. Sie wusste zwar, dass sie vieles noch nicht konnte, war aber der Meinung, es bereits können zu müssen. Daher fiel es ihr so schwer, Hinweise von uns anzunehmen. Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen „auf einander achten“ und „sich umeinander kümmern“. In den meisten Beziehungen kümmern wir uns umeinander, was bedeutet, dass wir dem anderen die Aufgaben abnehmen, von denen wir glauben, dass er sie nicht besonders gut kann. Wir erkennen die Schwächen unserer Gruppenmitglieder und wollen ihnen dabei helfen, sie so gut wie möglich zu kaschieren. Auf einander zu achten hingegen bedeutet, sich gegenseitig in seiner Entwicklung zu fördern. Das muss nicht immer angenehm sein, ist auf Dauer aber wesentlich produktiver. So haben Heiko und ich stets aufeinander geachtet und geschaut, dass der jeweils andere nicht ausversehen in Schwierigkeiten gerät. Wenn beispielsweise ein Problem an meinem Wagen aufgetaucht ist, das ich nicht bemerkt habe, dann hat Heiko mich darauf hingewiesen, so dass ich es beheben konnte. Er hat sich jedoch nicht um das Problem selbst gekümmert und meinen Wagen repariert, denn dadurch hätte er mich weiter in der Unselbstständigkeit festgehalten. Das gleiche passiert auch auf der Ebene der Antlitzzeichen. So hat er Paulina beispielsweise gleich zu beginn auf ihre Besenreißer hingewiesen um ihr die Möglichkeit zu geben, nach dessen Ursache zu suchen. Derartige Hinweise kann man aber nur dann annehmen, wenn man bereit ist, sich selbst offen und ehrlich zu betrachten und sich auch die eigenen Schwächen einzugestehen.

Doch damit kamen wir gleich zu zwei weiteren Punkten, die es Paulina schwer machten, sich als harmonisches Gruppenmitglied in die Herde zu integrieren.

Zum einen war da der Glaubenssatz, ein Taugenichts zu sein. Das permanente Leben in warmen Nestern hatte sie zwar bislang gut durchgebracht, hatte aber auch dazu geführt, dass sie immer das Gefühl hatte, nichts selbst auf die Beine stellen zu können. Sie hatte es nie wirklich probiert und glaubte daher nicht an ihren eigenen Erfolg. Wie aber wollte sie mit etwas Erfolg haben, wenn sie selbst nicht daran glaubte?

Der zweite und damit direkt verwobene Punkt ist, dass sie ihr eigenes Sein ablehnte und sich selbst nicht so annehmen konnte, wie sie war. Sie hatte permanent das Gefühl, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie musste besser, stärker, schöner oder sonst irgendwie anders sein. Auch dies ist ein Muster, das fast jeder Mensch in sich trägt und dass auch ich nur allzu gut kenne. Bereits als kleine Kinder lernen wir, dass wir so wie wir sind nicht sein sollten. Der Kleine ist du dick oder zu dünn, wächst zu schnell oder zu langsam und isst zu viel oder zu wenig. So kommt es, dass wir fast immer das Gefühl haben, irgendwo hinkommen zu müssen, um glücklich sein zu können. Wenn ich nur so-und-so wäre, dann wäre ich richtig, und dann würde es mir endlich gut gehen. Aber das funktioniert so nicht. Es geht nicht um eine Veränderung im Außen, sondern um eine andere Sicht auf die Dinge. Die Kunst ist es, uns jetzt, genau in diesem Moment zu lieben und zwar mit allem was wir sind und nicht sind, was wir können und nicht können, was wir gemacht haben und nicht gemacht haben. Solange wir versuchen, jemand anderes zu sein als der, der wir gerade sind, kommen wir nicht weiter. Es ist als würden wir in einem Wald stehen und den Weg auf einen Berg suchen. Doch weil wir nicht akzeptieren können, dass wir in diesem Wald sind, suchen wir uns eine Strecke am Strand heraus, an der es schön sonnig ist und an der uns die salzige Brise entgegen weht. Was aber soll es uns helfen, zu wissen, wie man vom Strand aus auf den Berg kommt, wenn wir mitten im Wald stehen und keine Ahnung haben, wo dieser Strand überhaupt ist?

Und schließlich kam noch ein weiterer Punkt hinzu, der das Zusammenleben erst richtig komplex machte. Es war die vierte Schwelle, von der ich euch schon einige Male erzählt habe, die Schwelle von „Alle anderen sind Doof“. Oder in diesem Fall: „Alle anderen sind Schuld an meinem Leben!“ Jeder Mensch, der sich wirklich mit sich selbst beschäftigt kommt früher oder später in diese Schwelle. Paulinas Ankunft bei uns war für sie ein bisschen so, als hätte sie den Flutscheinwerfer eines Fußballstadions geklaut und wäre damit in ihren seelischen Keller hinabgestiegen um nachzusehen, was dort für Leichen herumlagen. Die meisten Menschen, die sich mit sich selbst befassen betreten diesen Keller allenfalls mit einem Teelicht in der Hand und schirmen die Flamme dabei noch ein bisschen ab, damit sie nicht zu hell wird. Es ist also ganz natürlich, dass bei so einer klaren Selbstoffenbarung der Verstand und vor allem das Ego an einen Punkt kommen, an dem sie sagen, dass diese Leichen nicht alle auf die eigene kappe gehen können. So viel Selbstverantwortung auf einen Schlag kann niemand übernehmen und die logische Schlussfolgerung ist es, die Verantwortung einfach schnell irgendjemand anderem zuzuschieben. Besonders beliebte Kandidaten für diese Schuldzuweisung sind die eigenen Eltern und es gibt wohl keinen einzigen Menschen in unserer Gesellschaft, der nicht zumindest eine gewisse Zeit lang seine Eltern für den Großteil seiner Probleme und Lebensthemen verantwortlich gemacht hat. Andere beliebte Kandidaten sind Partner, Expartner, Geschwister, Lehrer, Kindergärtner, Freunde, Pfarrer und Verwandte. Und natürlich die Menschen, die einem gerade in diesem Moment am nächsten stehen. In Paulinas Fall waren das wir. Und wir hatten es uns nun auch noch zur Aufgabe gemacht, ihr ihre Themen zu spiegeln und den Flutscheinwerfer für sie zu halten, damit sie auch wirklich jeden Winkel ihres Kellers ausleuchten konnte. Das musste ja krachen! Wie hätte es anders sein sollen?

Mit all diesen Überlegungen wurde uns nun noch einmal deutlich bewusst, dass es zwar einige wirklich große Themen gab, die hungrig an der Gruppenharmonie nagten, dass es aber wirklich nichts war, was wir nicht auch selbst von uns kannten und was nicht zum Weg in die Freiheit dazu gehörte. Als Neuankömmling musste sie also zwangsläufig Unfrieden in die Gruppe bringen, aber dafür brachte sie auch eine Menge Spannung, viele Möglichkeiten gemeinsam lernen und wachsen zu können und viel neuen Schwung. Ohne sie war es nun doch schon fast wieder ein bisschen langweilig.

Erstaunt stellten wir fest, dass wir bereits am Mittag unser Tagesziel erreicht hatten. Die Strecke war heute nicht kürzer gewesen und doch hatten wir zum ersten Mal wieder das Gefühl, dass wir noch einige Kilometer laufen sollten, damit es sich rund anfühlte. Nur ging das nicht, denn dann wären wir früher angekommen als vereinbart und wir wollten Paulina ja wieder treffen. Also schlugen wir unsere Zelte auf und machten uns einen gemütlichen, entspannten, ruhigen und schreibintensiven Nachmittag.

 

Spruch des Tages: Entweder man kann’s - oder man kann’s lernen

Höhenmeter: 50 m

Tagesetappe: 25 km

Gesamtstrecke: 11.406,27 km

Wetter: teils sonnig, teils bewölkt

Etappenziel: Zeltplatz auf einem Feld, kurz vor Bulgarec, Albanien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Schreibe einen Kommentar:

Speichere Namen, Email und Webseite im Browser fur zukunftige kommentare