Tag 658: Der Flüchtling – Teil 1

von Heiko Gärtner
23.10.2015 17:50 Uhr

„Habt ihr noch Wasser?“ fragte Paulina, als wir unsere letzten Sachen zusammengepackt hatten.

„Nur das in unseren Flaschen“, antwortete Heiko, „aber wir kommen ja gleich noch in ein kleines Dorf, dann kannst du dir noch einmal welches besorgen.“

Genau das tat sie dann auch und da sie eh schon dabei war, fragte sie gleich auch noch nach etwas Brot. Beim ersten Versuch ging sie leer aus, sowohl was das Wasser, als auch was das Brot betraf. Beim zweiten Mal sahen wir eine junge Frau, die sehr freundlich aussah und die bestimmt etwas geben würde. Als Paulina jedoch das Grundstück betrat verschwand die Dame und an ihre Stelle trat eine alte schrullige Oma mit griesgrämigem Gesichtsausdruck. Paulina fragte sie trotzdem und aus ihrer Sicht stellte sich die alte Frau als erstaunlich freundlich und hilfsbereit heraus. Sie bekam nicht nur das gewünschte Wasser, sondern gleich noch ein kleines Lunchpaket.

Wie gesagt, aus ihrer Sicht.

Denn das spannende war, dass sich die Situation für uns als Außenstehende, die vor dem Grundstück auf der Straße warteten, vollkommen anders darstellte. Ohne direkt am Gespräch beteiligt zu sein, kamen bei uns nur die unterschwelligen Botschaften an, also das was in den Stimmen mitschwang und was jeder in seinen Worten an Gefühlen versteckte. So entstanden zwei unterschiedliche Wahrnehmungen der gleichen Situation, die einander nicht mehr ähnelten als Tag und Nacht. Paulinas Wahrnehmung war in etwa die folgende:

„Guten Morgen!“ sagte Paulina.

„Guten Morgen!“ erwiderte die alte Dame ihren Gruß.

„Hätten Sie vielleicht ein bisschen Wasser und etwas Brot und Käse für mich?“

„Natürlich, das ist kein Problem! Hier ist unser Wasserhahn, da kannst du deine Flasche auffüllen. Meine Tochter wird dir ein kleines Lunchpaket zurecht machen. Warte nur einen Moment!“

„Super, das ist wirklich nett von Ihnen! Vielen Dank!“

Dann folgte ein kurzes, nettes Gespräch über unsere Reise und schon kam die Tochter mit dem Essen zurück.

„So, hier ist es auch schon! Lasst es euch schmecken und habt eine gute Reise!“

„Vielen Dank! Auf Wiedersehen!“

Beide Frauen, sowohl Paulina als auch die Oma waren jedoch voll von unterdrückter Wut, die sie sich selbst nicht eingestehen wollten. Diese Wut kam in dem Gespräch zwischen ihnen indirekt zum Ausdruck und kochte sich immer weiter hoch. Daher wirkte das Gespräch für uns folgendermaßen:

„GUTEN MORGEN!“ schnauzte Paulina.

„GUTEN MORGEN!“ schnauzte die alte Frau zurück.

„HABEN SIE VERDAMMT NOCHMAL WASSER, BROT UND KÄSE FÜR MICH?“ fuhr Paulina die Frau an, so als wollte sie ihr eine Ohrfeige androhen.

„KEIN PROBLEM, DU MISTSTÜCK!“ fauchte die Frau hasserfüllt zurück. „DA HAST DU DEIN DRECKIGES WASSER! BEDIEN DICH!“

„DANKE VERFICKT! DAS IST JA WOHL AUCH DAS MINDESTE!“

„SETZ DICH HIN UND HALTS MAUL! MEINE TOCHTER HOLT DIR DEIN SCHEISS ESSEN!“ dann wandte sie sich von Paulina ab und schrie ins Haus: „TOCHTER!! MACH DIESER DRECKIGEN SCHNORRERIN EINE TÜTE MIT IRGENDEINEM SCHEISSDRECK ZURECHT!!“

Anschließend folgte ein ebenso wut- und hasserfüllter Austausch über unserer Reise und dann ein grimmiges Schweigen. Beides zusammen dauerte etwas mehr als 20 Minuten, wodurch die ganze Aktion von „Ich geh mal eben Wasser holen!“ mehr als eine halbe Stunde in Anspruch nahm in der Heiko und ich nichts anderes taten, als auf der Straße hinter der Mauer zu stehen und zu lauschen. In mir kam dabei unweigerlich die Frage auf, wie oft sich wohl meine Gespräche mit den Menschen so angehört hatten oder noch immer anhörten, obwohl ich glaubte, wirklich nett und freundlich zu sein. Zum ersten Mal verstand ich den Unterschied, den die innere Haltung und Stimmung ausmacht auch auf der ganz praktischen Ebene. Irgendwie war mir natürlich schon immer bewusst gewesen, dass man die innere Gefühlslage nach außen strahlt und dass sie die Erfolgschancen beeinflusste. Aber dass es so deutlich und plastisch spürbar war, das hatte ich nicht gedacht.

Schließlich kehrte die Tochter mit der Tüte zurück und das Gespräch fand seinen ebenso hasserfüllten Abschluss.

„NA ALSO, ES GEHT DOCH!“ schnautzte Paulina und die griesgrämige Frau antwortete: „VERRECKEN SOLLST DU AN DEM ELENDEN ZEUG! SCHER DICH ZUM TEUFEL!“

„WIR SEHEN UNS DANN IN DER HÖLLE!“ grüßte Paulina zurück und verschwand.

Als wir ihr unsere Wahrnehmung der Situation erzählten, war Paulina vollkommen überrascht.

„Komisch!“ meinte sie, „die Frau war doch ganz nett und ich hatte den Eindruck, dass wir uns gut verstanden haben!“

„Habt ihr ja auch!“ entgegnete Heiko, „aber eben nicht auf einer Ebene von Harmonie, sondern von unterdrückter Wut. Ihr habt euch gegenseitig perfekt gespiegelt, weil jeder den gleichen Bezug zu seinen Gefühlen hatte, die eigentlich an eine ganz andere Stelle gehörten, an die ihr sie jedoch nicht bringen konntet. Hast du ein Gefühl, wie lange du bei der Frau warst?“

„So 10 Minuten vielleicht?“ antwortete Paulina.

Als wir ihr dieses Mal sagten, wie viel Zeit wirklich vergangen war, war sie gleich noch mehr überrascht, als bei den Schilderungen der Wut-Sprache. Sie hatte keinerlei Zeitgefühl gehabt und wirklich geglaubt, dass es nur wenige Minuten waren.

„Ich war ehrlich gesagt sogar ein bisschen Stolz auf mich, weil es so schnell und effektiv war!“ sagte sie kleinlaut.

Wenige hundert Meter nachdem wir den Ort verlassen hatten, kam uns ein dunkelhäutiger Mann mit einem schäbigen Rucksack entgegen. Wir vermuteten, dass es vielleicht einer der Flüchtlinge war, von denen in letzter Zeit so viel gesprochen wurde und beschlossen daher, ihm das Lunchpaket anzubieten, das Paulina gerade geschenkt bekommen hatte. Doch der junge Mann lehnte es ab. Dafür freute er sich aber über ein kurzes Gespräch mit uns, das nett und angenehm war, wenngleich es mehr Fragen eröffnete als es schloss.

Er kam laut eigener Aussage aus der Hauptstadt von Frankreich und sprach tatsächlich auch sehr gut Französisch. Anders als wir, deren Französischkenntnisse wieder ziemlich eingerostet waren, Paulinas inbegriffen. Er wanderte schon seit geraumer Zeit durch die Lande, wie lange konnte er nicht sagen, nur dass er schon in Kroatien und einmal kurz in Bosnien war. Als wir ihm erzählten, dass wir gut eineinhalb Jahre umherwanderten, war er jedoch zutiefst beeindruckt und überrascht, was seiner Aussage leider entgegen sprach, denn wenn jemand selbst bereits so lange wanderte, dass er nicht einmal mehr sagen konnte, wie lange es war, dann sollten eineinhalb Jahre dagegen eher lachhaft wirken.

Von Bosnien erzählte er uns, dass er dort ebenso wie wir mehrfach Probleme mit der Polizei hatte und er ließ durchblicken, dass man ihn am Strand von Kroatien mehrfach verprügelt hatte. Beides waren Schilderungen die bestätigten, dass dieser Teil seiner Geschichte der Wahrheit entspracht. Doch die Beschreibungen von Frankreich und Spanien machten klar, dass er diesen Teil der Welt definitiv noch nie gesehen hatte.

Wirklich sonderbar wurde es jedoch erst, als Heiko ihn nach seinem Namen fragte.

„Mein Name, mein Name!“ meinte er nur zögerlich, „der fällt mir gerade nicht ein!“ Dann wechselte er das Thema.

„Ganz klar ein Flüchtling ohne Papiere, der eine Scheißangst vor den Behörden hat!“ eröffnete Heiko die Reflexionsrunde, nachdem wir uns von ihm verabschiedet hatten.

Ich ärgerte mich ein wenig, dass ich nicht selbst schon viel früher darauf gekommen war, sondern ihm wirklich lange abgenommen hatte, dass er ein Wanderer war. Dabei sprach bereits sein Aussehen dagegen. Er hatte durchgelaufene, unbequeme Schuhe mit denen er nicht weit gehen konnte und er hatte uns erzählt, dass er die Kleinstadt, die vor uns lag mit dem Bus erreicht hatte. Diese Strecke hatte ausgereicht, um ihn Lauftechnisch komplett aus der Bahn zu werfen. Er konnte also nicht weit unterwegs sein. Außerdem war sein Rucksack so gut wie leer gewesen und sein kaputtes, selbstaufbauendes Zelt trug er in der linken Hand. Kein Wanderer, der wirklich unterwegs ist, würde so etwas tun, weil ihm bereits nach einem Kilometer der Arm abfällt. In der anderen Hand hielt er ein Duschgel. Warum er das tat, blieb uns ein Rätsel. Vielleicht wollte er es als eine Art Waffe einsetzen, vielleicht hoffte er auch auf eine spontan auftauchende Dusche.

Die letzte Nacht harter er hinter der Stadt in den Bergen verbracht und da er weder eine Isomatte noch einen Schlafsack hatte, musste es bei diesen Temperaturen die Hölle für ihn gewesen sein. Dies erklärte auch, warum wir ihn bereits um diese Zeit hier antrafen, obwohl er dort gestartet war.

Fortsetzung folgt ...

Spruch des Tages: Mein Name? Oh, daran erinnere ich mich gar nicht!

 

Höhenmeter: 9 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 11.723,27 km

Wetter: sonnig

Etappenziel: Umkleide des kirchlichen Sportplatzes, San Donaci, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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