Tag 708: Unbekanntes Griechenland

von Heiko Gärtner
13.12.2015 18:53 Uhr

Am morgen verließen wir das kleine Dorf auf der Straße, die uns wieder hinunter ins Tal führte. Einer der Männer, der uns am Vortag etwas Brot mit Feta geschenkt hatte, traf uns auf halbem Wege zum Ortsausgang. Er grüßte uns freudig und wünschte uns eine gute Reise. Dabei winkte er uns überschwänglich mit der rechten Hand hinterher. Der Umstand, dass er eine große, scharfe Sichel in dieser Hand hielt, ließ seine Geste jedoch eher bedrohlich als freundlich erscheinen.

Ein Stück weit folgten wir dem Fluss, der durch das Tal floss. Dann überquerten wir ihn und stiegen steil den Berghang hinauf. Es war kein bisschen weniger anstrengend als in Albanien, Mazedonien oder Montenegro aber die Landschaft war auch hier absolut beeindruckend. Vielleicht sogar noch ein bisschen schöner als in den Nachbarländern. Zumindest aber gab es hier weniger Müll.

Oben auf dem Gipfel trafen wir auf zwei französische Urlauber. Ihr Bully stand mit laufendem Motor auf der Straße und als sie uns sahen kamen sie fast verzweifelt auf uns zugelaufen.

„Wisst ihr, wo es hier in der Gegend eine Tankstelle gibt?“ fragte der junge Mann. Seine Freundin hielt eine Landkarte in der Hand, die diese Region beeindruckend ungenau darstellte. Sich auf dieser Karte zurechtzufinden war ein Ding der Unmöglichkeit. Eine Tankstelle hatten wir leider noch nicht gesehen, aber nach unseren eigenen Karten musste es unten im Tal wieder größere Ortschaften geben, bei denen eine größere Wahrscheinlichkeit für die Anwesenheit einer Tankstelle bestand, als hier auf dem Berg.

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„Wir haben nämlich fast keinen Sprit mehr!“ sagte die junge Frau sichtlich beunruhigt.

„Und das Problem ist, dass auch unsere Autobatterie kaputt ist,“ fügte ihr Freund hinzu, „wir können den Motor also nicht einmal ausschalten, wenn wir uns orientieren, denn dann springt er nicht mehr an.“

Die Richtung, in die sie sich nach unserer Karte halten mussten, war genau die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren, nur dass ihre Karte dabei etwas ganz anderes angezeigt hatte. Sie standen also schon wieder vor einem Problem.

„Naja,“ meinte das Mädchen zum Abschied, „vielleicht ziehen wir dann auch einfach unseren Karren hinter uns her!“

Außer dem französischen Pärchen begegnete uns den ganzen Tag fast kein Auto. Die Straßen hier waren breit, gut gepflegt und ordentlich ausgebaut, aber trotzdem nahezu unbefahren. Besser konnte es für einen Pilgerwagenwanderer also kaum laufen.

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Unser Zelt schlugen wir dieses Mal etwas oberhalb eines Dorfes auf neben der Straße auf. Das Dorf lag unten im Tal und von dort aus gab es keine Straße, die uns weiter geführt hätte, wir hätten am kommenden Morgen also alles wieder hinauflaufen müssen und das erschien uns nicht allzu verlockend. Unser Zeltplatz lag ruhig und verlassen oben am Bergkamm. Die einzigen Zivilisationsspuren die es hier gab, waren Patronenhülsen von Schrotgewehren. Davon gab es aber gleich Bergeweise. Sie lagen wie Konfetti in allen Farben überall verstreut auf dem Boden. Entweder hatte man hier wirklich intensiv Schießen geübt, oder aber es hatte ein furchtbares Gemetzel gegeben. Wir tippten jedoch auf ersteres.

Nachdem wir aufgebaut hatten, bekamen wir besuch von einem alten Schäfer, der mit seiner Herde und seinen Hunden an uns vorüber zog. Er war uns bereits einige Kilometer zuvor begegnet und schon da hatten uns seine Hunde angekläfft als wäre der Teufel hinter ihnen her. Jetzt war es kein bisschen anders und man musste kein Hundekenner sein um zu erkennen, dass der Schäfer seine Tiere kein bisschen unter Kontrolle hatte.

Unten im Dorf bekam ich dann dank einer englischsprachigen Anwohnerin zum ersten Mal die Möglichkeit, ein paar griechische Vokabeln zu lernen. Es war nicht leicht und ich muss zugeben, dass ich bereits alles wieder vergessen habe, aber von dem Moment an machte ich die ersten Fortschritte.

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Später setzte ich dann meine Arbeit an den Zeltflicken fort. Doch als ich mit dieser Reparatur fast fertig war, tauchte ein neues Problem auf. Nun gab der Reißverschluss des Innenzeltes nach und schloss nicht mehr richtig. Wir bekamen zwar auch das in den Griff aber sofort als wir das Problem bemerkten, tauchte eine gereizte Stimmung bei uns auf. Sie hielt nicht lange an und wir merkten schnell, dass wir wieder dabei waren, uns gegenseitig für etwas verantwortlich zu machen, für das niemand etwas konnte. Doch uns wurde dabei auch bewusst, dass es gar nicht so sehr um das Zelt oder um das Material im allgemeinen, sondern viel mehr um unsere eigene, innere Ausgelaugtheit ging. Wir hatten uns nach rund acht Monaten im Zelt wieder auf ein Land mit Infrastruktur gefreut, in dem wir locker und leicht überwintern konnten, doch so wie es aussah war Griechenland nicht dieses Land von dem wir geträumt hatten. Es schien so weiter zu gehen, wie bisher und mit jedem Tag der verging sank unsere Frustrationstoleranz.

Die Berglandschaft blieb auch am kommenden Tag so schön und so beeindruckend wie zuvor. Auch die Straßen blieben leer, wenn man mal von einigen Jägern absieht, die eine Hetzjagd auf ein paar Wildschweine veranstalteten und dafür mit ihren Jeeps hin und her fuhren und überall herumballerten wie die Irren. Langsam verstanden wir, wieso all die Patronenhülsen überall herumlagen. Sobald jemand ein Gewehr in der Hand hatte, schoss er damit, ob es nun ein Ziel gab oder nicht.

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Hoch über den Bergen brauten sich die Wolken zu einem himmlischen Gebirge zusammen, das jedoch wirkte, als wolle es hier auf Erden etwas veranstalten, das ganz und gar nicht himmlisch erschien. Wir hatten nicht mehr viel Zeit, bis ein Gewittersturm über uns hereinbrechen würde, der sich gewaschen hatte. Noch war es warm und schwül aber der Wind frischte bereits auf.

Hinter einer Biegung tauchte ein kleines Bergdorf auf, das auf malerische Weise in den Hang gebaut worden war. Eines musste man den Griechen lassen. Sie hatten vielleicht nicht viel mehr an Infrastruktur zu bieten als die Albaner, aber sie verstanden es, ihre Dörfer so zu bauen, dass man sie sich gerne anschaute. Sie hatten Stil, da gab es keinen Zweifel.

Das Dorf hieß Arista und war auf seine Weise ein ganz besonderer Platz, wie wir ihn so bisher noch nicht gesehen hatten. Jetzt im Spätherbst war hier nicht mehr viel los, aber im Sommer war er ein beliebtes Touristenziel und das nicht ohne Grund. Weil der kleine Ort fast eher vertikal als horizontal gebaut war, wartete Heiko mit den Pilgerwagen am Ortseingang, während ich mich nach geeigneten Schlafmöglichkeiten umsah. Die Kirche war leider unbelebt und ich konnte auch nirgendwo einen Pfarrer oder Bürgermeister ausmachen. Dafür aber gab es einige schnuckelige Hotels von denen uns eines einen Platz zur Verfügung stellte. Es trug den Namen Zissis Hotel, lag direkt im Ortskern und hatte einen kleinen Innenhof, in dem man es sich im Sommer unter einem Dach auf Weinranken gemütlich machen konnte. Jetzt hatten sie die Weinblätter rot verfärbt und waren größtenteils herabgefallen.

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Kaum hatten wir uns auf unser Zimmer zurückgezogen, begann draußen das Unwetter zu toben. Es schüttete wie aus Eimern und obwohl unsere Wagen unter einem Vordach standen waren sie am nächsten Morgen komplett nass. Der Sturm war so stark, dass er den Regen bis in die Hauseingänge hineindrückte.

Abends bekamen wir dann noch eine Einladung von einem benachbarten Restaurant namens Artistas, dessen Wirt und eine Palette an regionaltypischen Speisen zusammenstellte. Während wir auf das Essen warteten unterhielten wir uns mit der Restaurantchefin. Sie war recht begeistert von unserer Reise und erzählte uns, wie sehr sie es bedauerte, dass nur so wenig Gäste in diesen Teil von Griechenland reisten. Wenn man irgendwo in Europa an Griechenland denkt, dann denkt man an Küste, an Peloponnes, an Kreta, Rhodos oder Athen. Niemand aber denkt dabei an nordgriechische Berge. Kaum jemand weiß, dass diese Gegend hier überhaupt existiert. Und dabei ist sie so wunderschön, dass sie es wahrscheinlich dreimal mehr verdient hat, besucht zu werden, als jeder Küstenabschnitt im Süden. Natürlich ist es keine Region für einen Strandurlaub und schon gar nicht für Massentourismus. Das soll ja auch nicht so sein, denn dann wäre dieser vergessene Teil der Welt schneller zerstört als man auch nur „Traumurlaub“ sagen kann. Aber für jeden der gerne Wandert, der es gerne abgelegen, urig, romantisch und abenteuerlich hat, für den ist das Gebirge in dieser Region auf jeden Fall eine Reise wert.

 

 

Spruch des Tages: Es gibt so viel, was wir nicht über unsere Welt wissen

 

 

Höhenmeter: 350 m

Tagesetappe: 11 km

Gesamtstrecke: 12.597,27 km

Wetter: tagsüber sonnig, abends kalt

Etappenziel: Rentnerzentrum, 88050 Soveria Simeri, Italien

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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